Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 20 (17.5.1895)
- Date
- 1895-05-17
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 20 Dr. Blockes Wochenschrift Seite 371 Beitrag zur Geschichte der russischen Juden. (Fortsetzung von Nr. 19.) XIII. ^österreichischer Antisemitismus und russische Inden- Phobie. Der in Oesterreich jetzt so acut und epidemisch auftretende Antisemitismus ist Wasser auf die Mühle unserer Judenphobie und hat im Lager derselben Hellen Jubel hervorgerufeu. Der Sieg der Lneger'schen Partei im Wiener Gemeiuderathe wurde hier mit der größten Freude begrüßt und sucht mau aus derselben möglichst Capital Zu schlagen. Man- Zeigt uns schadenfroh hin auf die coustitutionelle Habsburger Monarchie, wo der blinde Judenhaß ungezügelte Orgien feiert, wo die Rafsenfeinbschaft an der äußersten Grenze angelangt Zn fein scheint. Auch die Verwerfung des Receptionsgesetzes seitens des ungarischen Magnatenhanses hat sie sehr angenehm berührt und die Schläge, die man dem Judenthum in Cis- und Transleithanien ertheilt, wir fühlen sie hier bielleicht gewaltiger als diejenigen, für die sie bestimmt sind. Wenn früher, an uns ein schreiendes Unrecht ausgeübt wurde, wenn unsere mikroskopischen Rechte noch mehr reducirt wurden, wenn man uns mit anderen Worten nur Pflichten zuerkannte, jegliche Rechte doch aberkannte, so hatten wir nicht blos den Trost, daß es unseren Brüdern im schönen Oesterreich weit besser ergeht (das war freilich eine sehr imaginäre Entschädigung für wirkliche Leiden), sondern wir konnten uns damit gegen nufere Gegner wehren, sie beschämen, manchmal sogar zur Einsicht des begangenen Unrechts bringen. Jetzt ist uns auch diese freilich nicht sehr scharfe Waffe entwunden worden. Denn fast überall, wo wir Umschau halten im Auslände, finden wir, daß die triumphirende Hydra des Antisemitismus ihr Haupt erhebt, ihre Giftzähne nicht blos Zeigt. Selbst in Frankreich ist dieses Scheusal eingedrungen, obgleich es daselbst nicht wie in Oesterreich solche Verheerungen anrichten kann, was die letzten Promotionen in der französischen Armee bewiesen. Trotz des Falles Dreifuß (der sogar in gewissen Pariser Preßorganen die Idee anregte, in der Kammer den Gesetzentwurf über die Ausschließung sümmtlicher jüdischen Offiziere aus der französischen Armee einzubringen) sind neuerdings mehr jüdische Officiere zu höheren Posten befördert worden; so z. B. Capitün Schwarz zum Bataillonschef, der Zuavencapitän Levi zum Commandeur des Jngenieurbataillons in Samprenne und noch Andere. Frankreich, wie man sieht, folgt nicht der Gepflogenheit anderer Staaten, in Bezug auf die Juden die Gesammtheit für die Vergehen des Einzelnen verantwortlich zu machen. Trotzdem wir mit Frankreich sehr intim liirt sind und in Kronstadt und Toulon Bruderschaft getrunken, gedenken wir durchaus nicht, das französische Beispiel in Bezug auf die Juden nachzuahmen. Es gab bei uns auch eine Zeit, wo wir in der Garde und Armee höhere jüdische Officiere, wo wir als Staatsanwälte, Untersuchungs- und Friedensrichter Juden hatten, wo im Senate und in diversen Ministerien Juden hervorragende Stellungen einnahmen, wo man von einer völligen Assimilirnng zu träumen berechtigt war. Doch diese idyllischen Zeiten sind dahin, ob sie noch wiederkehren? Olli Iv 8a? Einstweilen verursacht uns der Antisemitismus triumphans in Oesterreich großen Schaden, erklärt manche rigorose Maßregel der Neuzeit. Früher hatte man sich noch vor dem Westen zu schämen, man genirte sich, culturwidrige Handlungen zu begehen, aus Besorgniß, daß die Nachbarn auf uns mit den Fingern deuten werden. Doch seitdem der Nachbar selbst in den Zustand barbarischer Wildheit verfallen, hat sich Halbasien vor ganz Europa nicht mehr zu geniren. Llaclamo 8ansgene tritt in ihre Rechte. Mail perhorrescirt offen nicht nur die Juden, man will auch den getauften Juden nicht mehr als vollberechtigt an- . erkennen und erst die zweite, christlich geborene Generation gleichstellen und emancipiren. Da yaben Sie ein neuestes Beispiel aus Moskau, welches jem rast ganz judenrein geworden. Da wurde in der Yeiligen Kremlftadt mit dem Aufwand von vielen Millionen ein riestger Kanfhof, io eine Art von orientalischer Karawanserei errichtet, welcher als Ceurralpunkt des gesammren Handels dienen toll. Eine Anordnung des Finanzministers besagt, daß die Actien dieses Kaufhofes nur an solche Personen verkauft werden dürfen, die bereits als Christen das Licht der Welt erblickt haben. Das ist sehr charakteristisch und wird vielleicht dem Proselyteuthum «das ohnehin nicht sehr florirt» erfolgreich einen Riegel vorschieben. Da ich gerade in Moskau bin, io will ich da bleiben und Ihnen eine charakteristische Episode aus dem dafigen Leben erzählen, welches bartbnt, daß il y ,-i encore des jinres aussi ä Mosc-oii. Bekanntlich hatte der dortige höchste Polizeichef, der drrrch seinen schneidigen Judenhaß bekannte Oberst Wlassowski, eine Verordnung erlassen, die übrigens auch in Petersburg durch den weiland General Greffer eingeführt worden, kraft welcher aut den jüdischen Firmenschildern die urechleü jüdischen Flamen der Besitzer en toiites Jettres und nicht eine chriftianisirle Variante derselben angeführt werden sollte. Reit dieser an und für sich ganz harmlos scheinenden. Verordnung hat es jedoch ein eigenes Bewandmiß, das ich mir zu erläutern gestatte, da sonst die nachstehenden Einzelheiten unverständlich sein dürften. XlV. Neüer jüdische Eigennamen. Der berühmte jüdisch-russische Schriftsteller Ossip Rabinowilsch, der Herausgeber des ersten jüdischen Preßorganes in russischer Sprache in Odessa «in Rußland überhaupt in den Sechziger Jahren» hatte unter dem Titel „Joska und Moschka" eine höchst geistvolle Abhandlung über die bei uns eingeriffene Gewohnheit der Verstümmelung der Eigennamen veröffentlicht, in welcher er nachwies, daß diese leidige Gepflogenheit oft höchst bedauernswerthe Folgen nach zieht, indem sie die Träger solcher verstümmelter Flamen dem Gcspötte und der Verachtung der rohen Menge preisgibr. Das, was anfangs Kosenamen gewesen, wird mir der Zeit ein Spottruf und dienr als Ausgangspunkt moralischer Erniedrigung. In weiser Voraussicht des Kommenden und gleichsam einen prophetischen Blick in die Zukunft wcxfcnb, umritte der verstorbene ausgezeichnete Schriftsteller und jüdische Patriot seine Glaubensgenossen vor dieser widerlichen Gepflogenheit. Diese Weissagung hat sich leider nur zu sehr bewahrheitet. Jrt der Thar wird bei uns mir den Eigennamen ein furchtbarer Mißbrauch getrieben und die auf eine geradezu entfetztiche Weife verstümmelten prächtigen, wohllautenden alttestamentarischen Namen werden dann in die officiellen metrischen Register eingetragen und bleiben an dem Betreffenden dann lebenslänglich Hanen. Berko, Joske, Mofchka, Schmulka und noch andere weit drolligere Verdrehungen (als z. B. Abrofchka für Abraham, Schliomka für Salomon u.f.w.) liefen so umher und wurden bei jeder Gelegenheit verhöhnt. Früher, als noch mildere Lüfte wehren, konnte man sich dieser drolligen Benennungen ziemlich leicht «wenn auch nicht desinitv) entledigen, indem man den Flamen ihre ursprüngliche Schreibart wiedergab oder sie nach Belieben modernisirte. Niemand hatte etwas dagegen einzuwenden, da doch Niemand durch diese harmlose und sogar berechtigte, legitime Abänderung geschädigt wurde. Doch in den Achtziger Jahren ward es anders. Man begann sich mit den Juden eifrigst zu beschäftigen, gleichsam als ob es in der Thar im Staatenleben keinen wichtigeren Gegenstand gäbe, und spürte auf allen Gebieten nach, wo man ihnen einen Schlag versetzen, einen Schabernack spielen könnte. Neben weiteren wichtigen Beschränkungen und Bedrückungen gelangte man auch auf die Idee, die Juden zu kennzeichnen. Da man nun einmal nicht zu dem gelben Lappen zurückkehren konnte, der einst in Deutschland den Juden, der dieses Symbol