Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 20 (17.5.1895)
- Date
- 1895-05-17
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 870 Nr. 20 Dr. Blortz's Wochenschrift. lichkeir leistet, alle Institutionen für sich auszubeuten, das kann das Publicum nicht einmal ahnen. Der Professionsschnorrer erreicht Alles; wer minder tüchtig, wer minder raffinirt ist, hat gewöhnlich das Nachsehen. Dieser würde durch unsere weibliche Hilfstruppe aufgefunden und auch zur Schüssel zugezogen werden. In meinen Auge» ist dies unsere „Freiwillige Rettungsgesellschaft", der alle jüdischen Frauen willig beitreten sollten, nicht mit Geldmitteln, sondern mit Rath und Thal, mit Zeit und Gedanken für die Linderung von Elend und Roth. In unserer Kanzlei liegen 700 Gesuche um Aufnahme in die Feriencolonicn, von denen nach Maßgabe unserer Mittel bloS 250 Kinder berücksichtigt werden können; allein alle 700 Gesuche müssen persönlich rechcrchirt, die Kinder ärztlich untersucht und von diesen 250 gewissenhaft herausgewählt werden. Welche Summe von Arbeitskraft erfordert dies, welche Aufopferung erheischt dies von den an und für sich sehr beschäftigten Aerzten. Denn das schwächste und ärmste Kind hat den Vorzug, und da. sie alle schwach und keines reich ist, so hat der Vorstand ein schweres Amt, er muß es als zur Annahme würdig anerkennen und doch zurückweisen. Jede Zurückweisung eines Kindes erfordert nebst fachmännischer Beurtheilung auch die Erwägung relativer Umstände. Je stärker die Sonnenstrahlen in das Zimmer brennen, umso heißer der Vorwurf: Warum gerade dieses Kind nicht mitgenommen wird, und wir vermögen die Mutter eines solchen Kindes nicht anzusehcn. Wir stürzen uns in die Arbeit der Organisation einer neu zu gründenden Colonie, um nicht nachzudenken über den Jammer der Menschheit! Auf denn, meine verehrten Damen! Stellen Sie sich in den Dienst der Humanität. „Wirke Gutes, du nährst der Menschheit göttliche Pflanze; bilde Schönes, du streust Keime der göttlichen aus." Also mit vereinten Kräften an's Werk zur Gründung einer weiblichen „Coalition der Offenheit und Wahrheit" zur Organisation der Wohlthätigkeit! Sofie Grünfeld Präsidentin des „Ferienheim". Gin Wort für unsere Taubstummen und Blinden. Dem edelsten Gefühle der Menschen, dem Mitleide, welches mit der Größe des zu lindernden Elends an Intensität zunimmt, entspringt aucki die Fürsorge für die von der Natur stiefmütterlich Behandelten, für die armen Taubstummen und Blinden. Selbst den Hartherzigsten rührt der Anblick eines Menschen, der des Augenlichtes beraubt, der trotz angeborener Intelligenz nicht in der Lage ist, sich seinen Mitmenschen durch die Sprache verständlich zu machen. Der taubstumme oder blinde Bettler appellirt wohl selten fruchtlos an die Mildthätigkeit seiner Mitmenschen. Schon der bloße Anblick desselben schreit nach Mitleid und Hilfe. Mit der zunehmenden Cultnr und der Ausbildung der Pädagogik aber gelangte man zur Erkenntnis;, daß es auch andere bessere Mittel gibt, den armen Taubstummen und Blinden zu Helsen, als ihnen lediglich Almosen zuzuwenden. Durch eine entsprechende Erziehung kann ihnen der Mangel des Gehöres und Gesichtes theilweise ersetzt werden. Dieser Erkenntniß entsprang die Erichtung von Taubstummen- und Blinden- Jnstituten, wo taubstumme und blinde Kinder gebildet und ihre Anlagen entwickelt werden. Wie glücklich macht diese Errungenschaft alle diejenigen, die deren Wohlthaten zu genießen bemüßigt sind. Wie auf jedem Humanitären Gebiete, so sind auch auf diesem wir Juden nicht die letzten. Es entstanden specifisch jüdische, ausgezeichnet geleitete Anstalten, wo taubstumme und blinde Kinder ohne Unterschied des Standes der Eltern bereitwilligst Aufnahme finden. Doch hier zeigt sich ein Mangel in wieser so segensreichen Institution. Die Kinder bemittelter Eltern derben von diesen nach Beendigung ihrer Erziehung, durch die sie für den Eintritt in die menschliche Gesellschaft brauchbar gemacht werden, weiter gefördert. Anders aber verhält es sich mit den Kindern armer Eltern,- insbesondere aus der Provinz, wie bekannt, in deren Kreisen die meisten Taubstummen und Blinden vorhanden sind. Diese treten hoffnungsfreudig in die Anstalt, die an ihnen Vater- und Mutterstelle versieht, ein. Ihr Gesichtskreis erweitert sich, durch die eigene Erziehungsmethode werden ihnen für das Leben wichtige Kenntnisse beigebracht, aber zugleich eine geläuterte Erkenntniß ihrer trostlosen Lage. Denn kaum hat die Anstalt ihr Erziehungswerk bei den Zöglingen vollendet, als sie dieselben schon vor die Thür stellt und die jetzt doppelt und dreifach Unglücklichen ihrem Schicksale überläßt. Wie herzergreifend ist der Anblick eines solchen trostlos in die Welt hineinblickenden Knaben. Er steht vor uns als wie ein stummer Vorwurf, als wie eine verhaltene erschütternde Anklage: „Ihr führet sie in's Leben ein. '. . Dann überlaßt Ihr sie ihrer Pein." — Nein, es darf unmöglich mit dem Entlassen der Kinder die Mission der Anstalt erledigt sein! Sie hat durchaus kein Recht, mit verknöcherter Schablone, aus welcher die Humanität, die ja der Grundpfeiler dieser Institution ist, geschwunden, den nunmehr verwaist dastehenden Zöglingen zuzurufen; „Bis hierher und nicht weiter!" Ein solches Vorgehen erinnert unwillkürlich, so banal der Vergleich auch klingen mag, an das Vorgehen eines Kellners in einem stark besuchten Praterrestaurant, bei dem ein schmachtender Gast Speise tind Trank bestellt, und der darauf nur mit Achselzucken die stereotype Antwort hat: „Bedaure, ist nicht mein Tisch." Der bedauernswerthe Gast, der die schmackhaftesten Gerichte vorbeitragen sieht, ist noch schlimmer daran als ein Wanderer^in einsamer Gegend, dessen Appetit nicht durch den Anblick von speisen noch mehr erregt wird. Dieses starre Abgrenzen des Wirkungskreises hat schon mannigfach im Leben Unheil angerichtet. Am empfindlichsten ist es aber bei der Erziehung der Taubstummen und Blinden, wo der hilfreichen Hand der Erziehungs-Anstalten, die am besten die Anlagen der Zöglinge kennen und den Umgang mit denselben zu Pflegen in der Lage sind, am allerwenigsten entrathen werden kann. Hier das schablonenhafte: „Ist nicht mein Tisch!" zuzurufen, wäre ein verhängnißvolles Vorgehen, zumal es sich hier nicht sowohl um materielle Opfer, sondern einzig und allein um eine moralische Stütze und Führung, will sagen Fortsetzung der so nothwendigen Bevormundung der Anstalt, also um weitere Beaufsichtigung rmd Förderung handelt, wenn z. B. ein taubstummer Zögling einem Handwerker zugeführt, oder einem Blinden, der, wie das in der dortigen Anstalt wirklich der Fall ist, ein Gewerbe bereits erlernt, die Möglichkeit zur Ausübung desselben geboten werden soll. Wir sind überzeugt, daß der empfindliche Mangel von Hilfscomites für Förderung und Unterstützung solcher Zöglinge, welche die Anstalt verlassen und keine weiteren Annehmer haben, nicht die Folge von geringer Opferwilligkeit ist, sondern einzig und allein daraus entspringt, daß seitens der Anstalten, die ja hierin die Initiative ergreifen sollten, eine solche Anregung nicht gegeben wird. Wir hoffen aber, daß dieser unser Appell nicht ungehört verhallen wird und von maßgebenden Kreisen in dieser Richtung die schöne Institution der Taubstummen- und Blindenerziehung weiter ausgebant werden wird. Mit Befriedigung müssen wir aber constatiren, daß die Baron-Hirsch-Stiftung, wie wir uns wiederholt überzeugt, in ihrem Wirkungskreise, wo es sich um solche galizische Zöglinge, sei es innerhalb oder außerhalb des Landes, handelt, mit ihrer materiellen Unterstützung hilfreich eingreist, sobald sie nur seitens der betreffenden Institute die nöthige Förderung findet. W.