Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-05-17 · 20 (17.5.1895) · page 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
20 (17.5.1895)
Date
1895-05-17
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3020846-3021061-3021082--04560-3028752
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 20 Dr. Bloch's Wochenschrift. Seite 309 Die Coslition der Humanität. „Welche Generation! Was für Gestalten! lind die sollen einmal für'S Vaterland kämpfen? Die sollen einmal die Lasten des Erwerbes auf ihre Schultern nehmen! Auf diese Schultern, die sich unter der untersuchenden Hand des Arztes biegen, wie Hühnerknochen, nur von Haut bedeckt!" So rief der Arzt ans, als er die kleinen Recruien besichtigte, welche ihm von dem Ermlitzdes Vereines „Ferienheim" zur ärztlichen Untersuchung vorgeführt wurden. Und erst die Mädchen, die zukünftigen Mütter! In der Entwicklung zurückgeblieben, manche hoch aufgeschossen, mit schmalen Gesichtern, ans denen nur die großen Augen hcrvorstechen. Ja, woran liegt es denn, daß unsere hcranblühende Jugend — welcher Hohn liegt in diesen Worten — so schrecklich verkommen ist? Volksküchen, Speisemarken, Freitische für Schulkinder, F-rühstückstnben eristireu ja, und wer hat nicht für Eines oder das Andere Geld gespendet? Wie kommt es also, daß trotz dieser vor Hunger schützenden Einrichtungen die kleinen Gestalten unseres armen Volkes so jammervoll ausfehen? Unwillkürlich sehen wir auf die Mutter eines solchen Kindergerippes, deren flehendes Auge von uns die Aufnahme ihres Kindes sehnsuchtsvoll erwartet, und der Tadel, den wir wegen der schlechten Condition, resp. des Mangels an Reinlichkeit schon auf deit Rippen haben, verstummt vor der Gewalt des Elends. Wie kann eine Frau, die mit dem Hunger ringt, den Begriff der Hygiene in sich ausnehmend Vergißt sie ja das Alpha derselben, ihr Zimmer täglich der frischen Hast zu öffnen. Man soll gewiß dem Schmutze nicht das Wor^ reden, denn arm kann man sein, aber rein soll mau sein. Allein die Sorge um das tägliche Brod läßt nianche Frau versumpfen und mehr oder weniger ihre Mutterpflichten vergessen. Wenn das Kind nur zu essen hat, ist sie ja schon überglücklich; daß es auch dazu gereinigt und gepflegt werden soll, das fällt ihr gar nicht auf. Unsere Frauen des Vorstandes gehen behufs Recherchen in die Wohnungen der Petenten in alle 19 Bezirke. An die große Armuth, die sie da eonstatiren, find sie nachgerade gewöhnt, aber auf den Schmutz, auf den Plangel an Luft machen sie, schier verzweifelt, die stumpfen Gestalten aufmerksam. „Ein Fenster auf!" ruft die Besucherin. „Luft ist doch so billig!" Und sie selbst reißt das einzige Fenster des kleinen Stübchens auf, in welchem eine Familie mit sieben Kinderir wohnt und läßt sich das Versprechen geben, daß dies nun täglich geschehe. Hat eine Frau besserer Stände auch nur ein Kind oder wenige Kinder, so wird sie gewiß mit den hygienischen Grundrissen der Kinderpflege niehr vertrant sein, als das arme, mit Kindern reich gesegnete Weib, das vermöge der Erfahrung mit denselben praktischer lein sollte. Und welches arme Weib har nicht wenigstens diesen Segen, den Kindersegen, vom Schicksal erhaltend Je mehr Kinder, desto größer dieRoth, desto größer der Schmutz, desto unbekannterdie Aufgaben der Kindererziehung. Mit Geld kann man viel, ja sehr viel helfen, aber Alles ist damit nicht gethan. Mil dem Almosen, mit dem Spenden re. glaubt der Wohlthärer seine Pflicht um den Rehenmenschen schon erfüllt zu haben. O nein! Hingehen, sehen, was mit den Spenden geschieht, forschen, wo es am Nothwendigsten fehlt, und bei Gelegenheit mit einem guten Rath beiflehen, das hat oft mehr geholfen, als ein Almosen, welches leider nur vorübergehend die Roth abhält. Wir haben Institutionen für fast alle Abarten menschlichen Elends, für Greise, Kinder, Kranke und Hilflose, und jeder Vorstand der vielen Vereine und Wohlthütigkeits-Anstalten setzt wohl sein ganzes persönliches Können ein, tim sein Programm gewissenhaft zum Wähle der Armen, für welche er arbeitet, auszuführen. Allein die Arbeit bleibt immer nur Flickarbeit, wenn nur auf diesem engbegrenzten Gebiete, und nur für den Moment geholfen wird. Alle greine sollten nach meiner Meinung einen collegialen Contact Herstellen und gemeinsam berathen, wie man am besten und schnellsten unseren Brüdern hilft. „Sich gegenseitig ergänzen und sich nicht verschonen", wäre eine glänzende Devise einer solchen Centrnlisation, in welcher wohl jeder Verein für sich arbeite, aber einem gemeinsamen Ziele znsrrebe, der Gesammtheit zu dienen. Zur Jllnstrirung will ich einige Daren aus unwren persönlich eingeholten Rechercben anführen: In einem von Kindern reich gesegneten Hauie liegt die Mutter, die Ernährerin, seit drei Monateit unbeweglich an Gelenksrhenmatismus im Bene, ivährerrd ihre alte Mutter. selbst eine hilffoie Greisin, die Lasten des Haushaltes bestreitet. Wir erfahren. daß der Arzt eiice Eur nt Baden verorduete. welche sie wieder in t>cn Besitz ihrer Glieder setzen soll. Tie Leute zerbrechen sich nun den Kopf, wie und wo sie antangen sollen, diele Eur zu bewerkstelligen und finden keinen Rath. Tnrch die Recherche kommt diese Rothlage nun an unseren Vorstandstisch und rasch denken wir au die gongesegnete Einrichtung der „Ehewra Kadischa", die gewiß dieser armen Frau helfen wird, io daß ne bald genesen und wieder ihre .Kinder durch Hansiren zu ernähren im Stande sein wird. Wahrlich eine edle Ausgabe. Eine andere Dame findet in einem Hause eine 'Wöchnerin liegen, der es an dem Roihweadigsteu kehlt. Ra ich eine Karte an die „Providentia", an den „Franenbort" oder an einen anderen Franenvercin. Tie arme Frau Hai Tags darauf eine Spende erhalten und wird auch ferner im Auge behalten. Ein dritter Fall rettet gewiß ein sonst hübsches Mädchen vor der Krüppelhaftigkeit. Die Mutter bringt uns dasselbe zur Aufnahme in die Ferieneolonie, weil das Kind schlecht aussiehr. Der untersuchende Arzt entblößt das .Kleidchen des Kindes und bemerkt eine beginnende lllückgratsverkrümmung desselben, er ordinier schwedische Heilgpmnastik. Dies in für die-Mutter ein spanisches Torr, und ne ßehr uns fragend an, was ne nun beginnen soll. Ein paar Zeilen au einen Eollegen, der eine orthopädische Anstalt besitzt, welchem das Kind einer unentgeltlichen Behandlung zngewiesen wird, und das Kind wird vor der Entsendung behandelt, nach der Behandlung zur Erholung auf's Land mitgenommen. Keine Halbheiten, hilft man schon, soll man vernünftig helfen. So könnte ich eine ganze Serie von Fällen anführen, welche für das persönliche Eingreifen mit Rarb und Thar eine beredte Sprache führen, müßte ich nicht fürchten, die Leier damit zu ermüden: ich will nur eine Idee laneiren. wie vielleicht dem Unglücke der Einzelnen durch ein veriönliches Eingreifen in manchen Fällen zu steuern wäre. Jeder Verein gibt den Mitgliedern seines Vorstandes eine Summe von Pflichten. Es wird ihnen aUo genug Arbeit zugerheilt. Auch in unserem Falle ist Zeit Geld. Und da wir mir Erfterer Letzteres sammeln müssen, welches nicht nur das peinlichste, sondern auch das zeitraubendste unseres Vereins- Programmes bildet und wodurch alle Kräne in Anspruch genommen werden, io daß kür andere Arbeiten die Kräfte nicht ansrcichcn, w sollten wir daher eine ambulante Hilfsarmee von Außen zur Verfügung haben, welche uns das zeitraubende Recherchiren in allen Bezirken w.. das Samrueln vorr nvrhwendigen Utensilien zur Bekleidung unserer Schützlinge, io da sind: Schuhe. Schürzen, Kleider. Kämme, Seife. Bücher, Leintücher, Decken n. dg!., abnehmen könnten. Wie viel kinderlose und wenig beschäftigte Frauen gibt es in Wien, welche in Ermangelung anregender Tbätigkeit zu den Karten greifen, um den Nachmittag beim Angehen oder Poker todtznichlagen und dabei das schwererworbene Geld ihrer Ehegatten elegant verschleudern, ohne bleibenden Genuß, ohne Befriedigung, ohne Rechenschaft: Was hat mein Tag mir nad Anderen gebracht? Um wie viel schöner und nützlicher wäre es, wenn eine solche, wenig beschäftigte Frau sich freiwillig bei einem ihr spmpathischen Vereine melden und ihre Arbeitskraft demselben zur Verfügung stellen würde. Auch weniger reiche Frauen hätten auf diesem Wege der guten Sache gedient lind ihre Mitgliedschaft ohne klingenden Beitrag bewiesen. Allan stelle sich eine Aufgabe: Ich helfe Wöchnerinnen, oder Greisen, oder Kindern! Für Alle gibt es mehr als eine handvoll Arbeit. Die wahre Roth käme so zu Tage und den Professionsschnorrern wäre durch persönliche Besichtigung ein Riegel vorgeschoben. Was nämlich der Professionsschnorrer an Geschick-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.