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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-05-17 · 20 (17.5.1895) · page 7

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
20 (17.5.1895)
Date
1895-05-17
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 20 Seite 36 Dr. Bloch's Wochenschrift. bei der Betrachtung dieser „Bescheidenheit." Man glaubt, sie athmet . . . Die Büste van Ernst R 6 n a n, in Bronze gegossen, zeigt B e r n st a m m wieder von einer ganz anderen Seite, nämlich als gewandten, sicheren Porträtisten. Wer dem Dargestellten im Leben jemals näher getreten, staunt vor Allem über die fabelhafte Aehnlichkeit. Doch „Treffen" können Viele, aber die Charakteristik des Mannes zu geben, seine Seele, seinen inneren Menschen herauszustellen, gelingt nur wenigen Erwählten. Das mächtige Haupt des Denkers ist mit starker Energie herausgearbeitet. Größere Partien werden massig zusammengefaßt, kleinliches Detail kühn und rasch angedeutet. Geschmeidiger Geist und corpulente Bonhommie — daraus setzt Bern st a m m seinen R6nan zusammen, das hat er betont. Sein „Verfasser des Lebens Jesu" scheint zu sagen : „Gelehrsamkeit ist gut, Griechisch ist Mt, Hebräisch ist gut, aber Trüffelpastete ist deswegen doch auch nicht zu verachten.". Den lustigen, kecken Zerrbildzeichner vom „Journal amüsant“, den Monsieur Grävin, stellt das dritte Werk dar. Das Barett schief auf das Künstlerhaupt gedrückt, mit Schnurr¬ und Knebelbart, das Thonpfeifchen im Mundwinkel, vergnügt lächelnd und kreuzfidel blinzelnd. Das ist ein loser Schalk, ein übermüthiger Bursche, so muß ein Jeder sagen, der vor diesem Stück sich aufstellt. Auch der liebt das Leben. Aber anders wie Ränan; auch er kennt die Freuden des Daseins, aber er ist klug und erzählt uns nichts davon in seiner originellen Verschmitztheit — die Damen liefen erröthend davon. Und die Damen sollen dableiben — Monsieur Gr6vin hat die Damen so gern. Sein graziöser Stift verstand es, die Contur der Unanständigkeit bvudoirfähig zu machen. Sein Paris kannte er und es kannte ihn — es war noch nicht das Drumvnt's und des Marquis Mords, ein lustiges, munteres Paris, wo man die Juden noch nicht todtschlug . . . Ja, dieser Bernstamm ist ein Meister! Am 20. April 1859 zu Riga geboren, regte sich schon frühzeitig in ihm der mächtige Drang zu bilden und zu gestalten! Sein Vater jedoch war nicht eben geneigt, die künstlerische Veranlagung seines Sohnes zu fördern. Er wiederholte ihm immer und immer wieder: „Die Kunst ist ein unnützes und gefährliches Spiel" . . . Der Jüngling machte aber dennoch seinen Weg. Er studirte die Elemente seiner Kunst daheim, daher mag sie wohl auch den sinnlich-lebendigen Untergrund gewonnen haben — und später in Rom und Florenz, wo Meister Rivalta sein Lehrer war. Dann ging er nach Paris. Grsvin — siehe oben den lustigen Grävin mit der Pfeife im Munde — war eben daran, das originellste aller Wachsfiguren- Cabinette in's Leben zu rufen und die junge Kraft erschien ihm wie gerufen. Was B e r n st a m m hier leistete, wurde von Kennern als Meisterarbeit rückhaltslos anerkannt. Lebendigkeit, Ursprünglichkeit, Leidenschaft und Bewegung kennzeichnen seine Figuren. Steif wie eine Wachspuppe — diese Redewendung gehört nun in die sprachliche Rumpelkammer für Alle die, welche jemals im Müsse Grsvin gewesen. Beweglich und anmuthig wie eine Wachspuppe — so muß es fortan heißen, seit der junge russische Bildhauer dieses Handwerk zur Kunst geadelt hat. Eine ein wenig sonderbare Schule für einen hochstrebenden Künstler. Manchen Anderen wäre die Aufgabe als entwürdigend, als zu klein vorgekommen. Unserem Bernstamm durchaus nicht. Ihm war das geradezu willkommen, und hier lernte er der schlichten Wahrheit der Natur nachspüren und lauschte auf den Pulsschlag des wirklichen Lebens — ohne das Ideal von edler Schönheit und kraftvoller Große, wie er es verstand, je aus seinem geistigen Blicke zu verlieren. Eine stattliche Anzahl hervorragender Arbeiten sind aus seiner Werkstätte bereits hervorgegangen, von künstlerischem Ernste, wie von rastloser Schaffensfreude kündend. Trotz seiner Unermüdlichkeit, seines bienenhaften Fleißes sieht der junge Meister streng darauf, daß auch nicht ein schwächliches Opus unter seiner Flagge in die Welt ziehe. Was seinen Namen trägt, ist stets geeignet, seinen Ruf und Ruhm zu mehren. Die ersten französischen Größen der Kunst, der Literatur und der Wissenschaft sind ihm gesessen.- Als eines seiner ersten Hauptwerke bezeichnet man nns „die Schlangeubeschwörerin", die von größter Originalität in Auffassung und Durchführung sein soll. In jüngster Zeit hat er auch einen großen ehrenvollen Auftrag von der Kaiserin von — Rußland, „E h r i st u S und die Ehebrecherin" (!) darzuftellen, erhalten. B e r n ft a m m ist Protector der internationalen, venezianischen Ausstellung — Lordprotector. — In dieses illuftre Comite sind nur die ersten Großen des modernen Kunstschaffens, die führenden Meister,- die Schule gemacht haben, gewählt worden. Als der Jüngsten und doch der Ersten Einer sitzt er in diesem hohen Rath, dem auch ein Josef Israel S und Max Lieber m a n n angehören, von denen in einem nächsten Aufsatze berichtet werden soll. C. C. Das Gewohnheitsrecht von Saybusch. Auf meinen Kreuz- und Ouerzügen durch Galizien hatte ich einmal von einer ganz sonderbaren politischen Anomalie gehört, die in dem 5000 Einwohner zählenden westgalizischen Städtchen Saybusch bestehe. Dort sollte es, allen Staatsgrundgesetzen zum Trotz, Juden verboten sein, in der inneren Stadt zu wohnen, und es soll noch kein Jude dort übernachtet haben. Ich glaubte an diese Erzählung nicht, ich hielt sie für eine Art von politischen Märchen, für eine politische Gespenstergeschichte, berechnet darauf, in Abendgesellschaften Gruseln zu erregen. Ich nahm also die Mär' nicht recht ernst. Als sich mir nun in diesem Frühjahr zufällig die Gelegenheit bot, eine Advoeaturs - Concipieutenstelle in Saybusch, beziehungsweise dessen Vororte Zabloeie, zu erlangen, nahm ich sie an, fuhr in den ersten Tagen dieses Monats nach Saybusch und miethete, in dem felsenfesten Glauben an die österreichischen Staatsgrundgesetze, eine Wohnung in dem Städtchen in der Nähe des Centrums^ des Ringplgtzes. Dort habe ich nun allerdings binnen 48 Stunden gelernt, daß, was die Leute mir vorher erzählt hatten, kein Märchen war. Ich habe den ganzen politischen Spuk selbst mitgemacht, und ich will hier erzählen, wie es gekommen. Im Anfang schien's ganz gut zu gehen. Ich richtete mir meine Wohnung ein, befreundete mich mit meiner Hausfrau und den Nachbarn und schlief recht ruhig die erste Nacht in meiner Wohnung. Aber schon am zweiten Tage meines Aufenthaltes in Saybusch — es war am Samstag, den 4. Mai — begann der Spuk zu toben. Um die Mittagszeit wurde ich auf das Gemeindeamt beschieden. Der Polizeirevisor eröffnete mir, daß von Zabloeie her Anzeigen eingelaufen seien, daß ich ein Jude sei, und viele Einwohner von Saybusch härten deswegen schon beim Amte Nachfrage gehalten. Ich antwortete, daß mir das ganz gleichgiltig sei. Dem Beamten aber schien es nicht gleichgiltig zu sein. Er machte ein verlegenes Gesicht und erwiderte: „Ja, sehen Sie, hier in Saybusch gilt das Gewohnheitsrecht', daß Juden nicht in der Stadt wohnen dürfen, sonst verfallen sie der Rache des Volkes und ihre Wohnung und Habe wird demolirt." Ich begann herzlich zu lachen und fragte den Polizeirevisor, ob er je etwas von österreichischen Staatsgrundgesetzen gehört habe. Der Polizeirevisor machte eine wegwerfende Handbewegung und sagte: „Der Bezirkshauptmann weiß schon auch von Ihrer Ankunft. Doch können wir Alle zusammen Ihnen nicht helfen, so lange Sie sich nicht als gutgläubiger Katholik legitimiren und das müssen sie alsbald thun, denn schon spricht man in der Stadt von einem beabsichtigten Rummel gegen Ihre Wohnung." „Ich bestehe dennoch darauf, in Saybusch zu wohnen", sagte ich, „und wenn Sie überhaupt von einem Rummel wissen, dann ist es die Sache der Behörden, daß alle Maßregeln getroffen werden, damit die Staatsgrundgesetze zur Geltung kommen." Damit verließ ich

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