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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-05-17 · 20 (17.5.1895) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
20 (17.5.1895)
Date
1895-05-17
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 366 Dr. Bloch's Wochenschrift. Nr. 20 Sie dabei, M i l a, Sitzcassierin meines Herzens? „Hcrzjubelndc Maienlust" — sehen Sic nur, da steht cs — „mit wonnigem Waldeszauber, Aufspicl, einschließlich Possenwerk kostet Alles zusammen blos 30 kr." Aber mit der Eisenbahn sahren wir nicht! Die ist ungermanisch, unarisch und verdirbt die deutschvolklichc Wesenthümlichkeit. Wir sahren mit dem Wagen, der nur lansam von der Stelle rücket, dahero Stellwagen benamset wird. O zeuch Dein Gcldbeutelein herfür, Wünnebringcrin M i l a, gib mir daraus der Gülden zehne dar als Lehen — aus daß ich die Kosten der Erlustigung und den Wald- und Wiesenzauber damit berappe. Du willst, kannst oder magst nicht? Mit vieldeutigem Blick aus den hämischen Kellner, den Zahl-, den Rechenmann Johannes seufzest Du „nein"? Schon wieder durchkreuzt der Wicht meine dcutsch-volklichsten Pläne. So lange er mir denn wenigstens ctzliche Cognac-Getränke herüber, aber vom Besten, nicht das matte, trübe Gebräu von ehegestern. Schenkt mir reinen, wälschen Branntewein ein, aber ausreichend, hört Jhr's! Durch Reinheit zur Einheit! Servus Pumpo! U. D. G. Teutobold. Die Erziehungsanstalt in Ahlem bei Hannover. Bekanntlich hat Herr Consul Moritz Alexander Simon in Hannover in der benachbarten Ortschaft Ahlem eine Erziehungsanstalt in's Leben gerufen, an welcher jüdische Knaben für die Gärtnerei und den Ackerbau, sowie für das Handwerk herangebildet werden sollen. Herr Simon hat für diese Anstalt, welche gegenwärtig von 48 Knaben besucht wird — darunter acht aus Galizien, welche die Baron Hirsch- Stiftung dahin entsendet hat — nicht blos sehr beträchtliche Materielle Opfer gebracht, sondern er setzt sich auch mit seiner ganzen Persönlichkeit für seine Schöpfung ein, er ist unablässig bemüht, sie zu fördern mW weitere Kreise für die Anstalt, die für die Zukunft sicherzustellen die Kräfte eines Mannes übersteigt, zu interessiren. Ich hatte kürzlich Gelegenheit, die Anstalt unter Führung des Herrn Simon an einem sonnigen Frühlingsmorgen eingehend in Augenschein zu nehmen, und ich habe den Eindruck empfangen, daß hier eine Einrichtung geschaffen ist, welche für das Judenthum in hohem Maße segensreich zu werden verspricht. Am Eingänge des sehr umfangreichen Areals befindet sich ein geräumiges Haus, worin die Wohnung für den dirigirenden Lehrer, dessen Frau zugleich das Hauswesen leitet, für den zweiten Lehrer, die Schulzimmer, der Speise- und Schlafsaal, sowie die Turnanstalt sich befinden. Bei unserem Besuche wurde gerade in zwei Elasten unterrichtet. Die gleichmäßig gekleideten Knaben Zeigten den lebhaftesten Antheil, und die an der Wand hängenden Tephillinbeutel legten Zeugniß davon ab, daß die Anstalt, wie mir überdies Herr Simon sowohl, wie die Lehrer versicherten, auf gewissenhaft religiöser Grundlage erhalten wird. In einem ebenfalls umfangreichen Nebengebäude befindet sich eine Bäckerei, eine Schlosserei und eine Tischlerei, je unter Aufsicht eines Meisters. Die Knaben werden angehalten, aus Cigarrenkisten, Baumabfällen u. dgl. Nippes, Kästchen u. s. w. zu verfertigen, damit sie gewöhnt werden, alles nur irgend Nutzbare zu verwerthen, wie denn auch die ganze Hausführung und Verköstigung eine derartige ist, daß die Zöglinge nicht verwöhnt werden. Andererseits zeigt das blühende Aussehen und die Lebhaftigkeit der Knaben, daß sie nichts zur Erhaltung und Kräftigung des Leibes Erforderliche entbehren. Der nach Süden im ersten Stockwerk gelegene Schlafsaal erregt durch seine Einfachheit, Sauberkeit und Nettigkeit die Vorstellung, daß an seinen Bewohnern das Bibelwort sich erfüllt: „Süß ist der Schlaf des Arbeiters." Und die Lust, womit die zum zweiten Frühstück gereichten Butterbrode, ein jedes von beträchtlicher Dicke, verzehrt wurden, machte den Wunsch guten Appetits vollständig überflüssig. Nach dem Frühstück zerstreuten sich die Zöglinge auf dem weiten Plane und widmeten sich der Gartenarbeit. Die Gärtnerei steht unter Leitung eines erfahrenen Obergärtners. Herr Simon hat aus Herrenhausen mehr als 200 Sorten Stachelbeeren angekauft, von denen die Schößlinge abgegeben werden. Dem gleichen Zwecke dient die umfangreiche Baumschule. Andererseits werden tu Treibhäusern und in Gärten feine Obstsorten und Blumen für den Verkauf gezogen. Die Maiblumen haben der Anstalt bereits einen guten Ruf gemacht, sie werden bis nach Paris verlangt. Herr Simon glaubt, daß bei glücklichem Fortgang der Gärtnerei sich die Anstalt dereinst von selbst erhalten werde. Ich habe die Anstalt mit dem besten Eindruck verlassen und ich würde mich freuen, wenn diese Zeilen dazu beitrügen, derselben Gönner und Förderer zuzuführen, wie sie es verdient. Herrn Simon aber wünsche ich, daß er den alten Spruch beherzige: „Dem, der etwas Gutes anfüngt, ruft man zu: vollende!" Möge er, unbeirrt von Neid und Verkennung, in seinem Streben fortfahren und sein segensreiches Werk bis zur höchsten Vollendung führen. - Wien, im Mai. Oberrabbiner Dr. G ü d e m a n n. Indische Künstler in Venedig. (Der russische Bildhauer Leopold Bernftamm.) Die in den ersten Tagen dieses Monates in der herrlichen Lagunenstadt mit vieler Feierlichkeit eröffnete große Kunstausstellung dürfte wohl geeignet sein, die Aufmerksamkeit tveiter Kreise auf sich zu ziehen. Sie spiegelt alle künstlerischen Bestrebungen der Gegenwart getreulich wieder — ihr unsicheres Tasten, wie ihr machtvolles Ringen. Nachdem es nun nicht Aufgabe dieser Blätter ist, den vielverschlungenen Pfaden, welche die Modernen wandeln, kritisch zu folgen, wollen wir einigen markanten Individualitäten näher treten, welche durch ihre Bedeutung unser besonderes Interesse erwecken. Die Plastik, sonst das Stiefkind der Ausstellungen, wie der Kritik, der sie nur das erste Vestibüle und die letzten Zeilen einränmen, hat diesmal den Vortritt. Der jugendliche und reich begabte Bildhauer Leopold Bern stamm, dessen unser russischer Berichterstatter neben A n to h o l s k i j bereits ehrend gedachte (vergl. Nr. 15 d. Bl.), ist mit drei hervorragenden Bildwerken vertreten, deren jedes für sich bedeutend ist, und die Zusammen den Künstler in der reichen Vielseitigkeit seines schönen Talentes zeigen. Die Marmorbüste „Bescheidenheit" muß geradezu als ein Meisterwerk erklärt werden. Dieses junge Mädchen, noch Kind und doch schon Jungfrau, mit ihrem niedergeschlagenen Blicke und dem schlicht gescheitelten Haare, ist von einer unbeschreiblich rührenden Innigkeit im Ausdruck. Welche Wahrheit der Beobachtung und Tiefe der Empfindung! Der Künstler hat hier mit den schlichtesten Mitteln Größtes erreicht. Die Reinheit einer stillen Seele thront auf dieser Stirne und das Oval des Antlitzes ist von eigener Lieblichkeit. So eigentlich „schön" im gebräuchlichsten Sinne möchte man diese kindlichen Züge doch nicht nennen, denn das Wort hat im vielen Gebrauch eine sachte Nebenbedeutung „puppenhaft" angezogen. Sie sind zu persönlich, zu slavisch, und — glücklicherweise — zu wenig typisch, um kurz für „schön" ohne jede Einschränkung zu gelten. In einem höheren Sinne freilich sind sie es. Anmuth und Demuth, Schlichtheit und wortloses Verstummen, süßes Ahnen und stilles Hoffen — Alles hat der russische Meister in seinen Marmor hineingelegt. Und die Natürlichkeitsfanatiker, diese Primitiven unserer Genießenden, kommen auch -nicht zu kurz

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