Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 20 (17.5.1895)
- Date
- 1895-05-17
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3020846-3021061-3021082--04554-3028746- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 20 Dr. Bloch's Wochenschrift. Seite 363 Kanzel ist ein heiliger Ort, wo die Gottheit weilt. Die Niedertracht des Pfarrers Deckert wird durch die Autorität des Pfarrers Deckert und die Heiligkeit seines Amtes gedeckt. Es ist traurig genug, daß solche Aufreizungen von staatswegen geduldet werden. Aber noch befremdlicher ist es, daß der Erzbischof von Wien sie duldet. Kann es im Interesse der katholischen Kirche liegen, wenn die Kanzel durch Lüge und Verleumdung entweiht wird? Darf ein Priester von jener Stelle herab bewußte Unwahrheiten in die Welt setzen, wo allein die Stimme der göttlichen Wahrheit laut werden sollte? sticht die P o l i z e i, sondern der Glaube muß gegen Pfarrer Deckert angerufen werden. Herr Deckert hat es auch für angemessen erachtet, von der Kanzel herab gegen die „Oesterreichische Wochenschrift" zu polemisiren, weil wir in einem unserer letzten Aufsätze geschrieben haben: „Das Judenthum braucht das Licht nicht zu scheuen." Wir unsererseits brauchen diese Reklamen von der Kanzel nicht und das jüdische Volk darf von sich sagen, daß aus seiner Mitte jedes Licht der Civilisation entzündet worden. Die Idee des Monotheismus, alle Grundgesetze der Moral, der große Gedanke der Einheit und Blutsgemeinschaft des Menschengeschlechtes sind von dem jüdischen Volke erzeugt und der Welt geschenkt worden. Der Vater der neueren Philosophie war Baruch Spinoza, die Gründer der neuen Soeial-Wissenschaft waren Riccardo, Carl Marx und Ferdinand Lassalle, welche die Erlösung des vierten Standes unternommen mit derselben Energie, mit welcher einst Moses, Jesaias, Jesus von Nazareth und die semitischen Apostel den Kampf zur Erlösung des Menschengeschlechtes von dem arischen Aberglauben und der heidnischen Finsterniß geführt haben. Israel ist heute wie vor Jahrtausenden ein leuchtender Dornstrauch, der nicht verzehrt wird. Die Gluth des Hasses vermag es nicht zu vernichten. Das von ihm nusstrahlende Licht gilt der Welt, der gesammten Menschheit; den Mächten der Finsterniß und ihren blutigen Aposteln ist es ein — Dorn im Auge, ein Dorn im Herzen! Der Semitenhaß des Herrn Deckert richtet sich selbst gegen das Christenthum und er entwürdigt die Kanzel zu einer unglaublichen Blasphemie. Er sagte z. B. nach den öffentlichen Zeitungsberichten: „Ich will nicht, daß der Ex-Rabbi Bloch verbrannt werde, der seine Abstammung auf den egyptischen Josef ableitet ... es wäre schade um das königliche Blut, ich will nicht, daß man Moriz Szeps verbrenne, es war' schab' um's „Schöpserne Tagblatt", ich will nicht einmal, daß Alexander Scharf . . . Aaron Scharf . . . verbrannt wird ... 's war' schab' um's Holz. Aber einen Juden, den müßt Ihr verbrennen, und der Jude ist der, den Ihr noch in Eurem Herzen habt." Wir glauben, daß es an der Zeit sei, angesichts des Christushasses, welcher sich auf der katholischen Kanzel breit macht, auch für das erzbischöfliche Consistorium, den entsprechenden Schritt zu unternehmen. Dir Gramer Teutonen. Das Grazer „Extrablatt" zählt zu den miserabelsten und gemeinsten Hetzblättern Oesterreichs. Die Regierung ist angesichts der Wiener Ereignisse aus ihrer Indolenz hervorgetreten, aber sie konnte die verheerende Fluth nicht mehr zurückdämmen. Wird sie auch in den Provinzial- Hauptstädten so lange warten, bis ihr die Dinge über den Kopf wachsen? Wird sie die Verhöhnung der Gesetze dulden, wie sie sie in Wien geduldet hat? Der Artikel des Grazer „Extrablatt" reiht sich an Rohheit und Niedertracht dem Stärksten an, was die Wiener Antisemitenpreffe an Begeiferung und Besudelung der Juden geleistet hat. Aber der 8 302 des Preßgesetzes scheint für den Grazer Staatsanwalt so wenig zu existiren, wie er bisher für den Wiener Staatsanwalt existirt hat. Nur so fort mit Grazie — auch in Graz und Linz und Salzburg wird der Tag des Gerichtes nicht ausbleiben. Der Artikelschreiber beginnt mit einem Citat aus dem bekannten antisemitischen Pamphlet des H. Naudh: „Die Juden und der deutsche Staat". H. Naudh genießt eine gewisse Notorietät als Ignorant und er leistet sich den Satz: „Durch die ganze jüdische Geschichte geht die Abneigung gegen die Arbeit". Nun bildet Arbeitsscheu und Müßiggang ein charakteristisches Merkmal gerade der arischen Völker des Alterthums. Die Berichte, welche Tacitus von den a l t e n G e r m a n e n bietet (Cerw. 14, 15), daß sie es für feig und unwürdig hielten, im Schweiße ihres Angesichtes zu erwerben, stimmen genau mit den Mittheilungen Cicero's von den Galliern (De republ. 3, 6), welche jede Gattung der Arbeit, selbst den Ackerbau, als schimpflich verabscheuten. Das Nichtsthnn war bei den Teutonen, wie bei allen Ariern, eine Noblesse, die Faulheit ein ehrenvolles Abzeichen, der Müßiggang eine Feder am Hute. Cicero erklärte die Werkstätte für erniedrigend, nicht vereinbar mit edler Gesinnung. (De offic. I., 42.) Diese Ansicht hatte sich zu der Schürfe zugespitzt, daß es sogar für unehrenhaft galt, sich geistige Arbeit bezahlen zu lassen. Denn der Lohn (meiees) stellt sich auf eine Linie mit der Waare (merx). Der Lohnherr nimmt sich den Mann mit (oondneit) ganz wie den Sclaven oder Ochsen, den er miethet; die Ausdrücke bei der Miethe von Personen und Sachen sind ganz dieselben (loeatio, conductio, operanim und rernni). Der Dienstmann oder Handwerker ist ein vorübergehender, vertragsmäßiger Sclave; sein Dienst enthält eine sociale Herabwürdigung, er verpflichtet ihn zu Leistungen, zu denen der Freie sich eigentlich nicht hergeben, die er vielmehr dem Sclaven überlassen sollte (operae illiberales) — dem Lohn klebt der Schmutz an (Cieero de off. L, 42: merces aiictoramentuin servitntis). Schmutzig — sagt Cicero — ist der „Erwerb aller Lohnarbeiten", quorum operae, non quorum artes emuntur, ebenso aller Handwerker (in sordida arte versantur), der Hausirer und selbst der Krämer. Daher sordidum — der Maklerlohn (I., 3 de prox. 50, 14) (R. v. Jhering: „Honorar und Gehalt", S. 155). Jede Arbeit des Lohnes wegen, sogar die des Arztes und des Erziehers, galt somit als entehrend. „Die Handarbeiter verdienen nicht den Namen „Bürger", sie haben keinen Adel der Gesinnung"; „es ist kein Unterschied zwischen ihnen und den Sclaven", „dieser eigenen Gattung von Menschen, die die Natur dazu geschaffen, damit sie mit ihrem Körper für uns arbeiten" sagte der Weise von Stagira (Arist. Polit. I., 3; II., 1; III., 1; IV., 2). Ackerbauer und Handwerker, kann sie auch der Staat nicht entbehren, sind nichtsdestoweniger unwürdig, Vollbürger zu sein, den Bürgernamen zu führen; denn sie sind keiner bürgerlichen Seelengröße fähig. (Polit. VI., c. 2.) Hütte der große Philosoph unser kleingewerbliches Spießbürgerthum kennen gelernt, welches sich so schwer in den Ideen des Rechtes und der Freiheit zurechtfindet, alle Privilegien und Vorrechte ungenirt und mit dreister Stimme für sich reclamirt, aber einen lauten Protest erhebt, daß das Recht und die Freiheit der Arbeit auch Anderen belassen werde — hätte er diese sonderbaren Helden des Gewerbestandes kennen gelernt — sie wären ihm sicherlich als passende Illustration für seine These willkommen gewesen. In Theben verlor die Fähigkeit zur Staatsverwaltung für zehn Jahre, wer ein Gewerbe betrieb (Arist., Polit., 3, 3 ff.); der Handwerker galt nicht einmal als ein rechter Mann (Xenoph. Oec., 4, 2.). In Palästina dagegen war seit uralten Zeiten die Arbeit als ein Vorzug, eine Auszeichnung, ein Ehrenzeichen des Menschen erkannt und gepriesen, war die alltäglichste Arbeit mit einer höheren sittlichen Weihe umgeben worden. Nur die Arbeit — so sagt ein Palästinenser — als Aeußerung der Freiheit und Oberherrschaft über die Natur erhebt den Menschen über das Thier; nur durch das productive Schaffen wird der Mensch im wahren Sinne das Ebenbild seines Schöpfers. Jenen herrlichen Preisgesang auf den Arbeiter, dem Heil und dreimal Heil zugerufen wird, daß er von seiner Hände Mühen und seinem regsamen Schaffen Weib und Kind ernährt, dieses Lied konnte nur ein Palästinenser dichten. Er hatte die Arbeit erkannt als die große Erzieherin, Bildnerin und Beglückerin des Menschen, die Mutter aller Cultur, die Schwester aller Sittlichkeit, die Freundin jedes Fortschrittes.