Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 20 (17.5.1895)
- Date
- 1895-05-17
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 362 Dr. Blmtz's Wochenschrift. Nr. 20 führung klingt. Er weiß genau, welche Elemente an seinen Rockschößcn hängen, er kennt genau die gemeinen Jnstincte eines Gregorig, Hawranek und Jedliczka und er ist daher vorsichtig genug, nur in hypothetischer Form zu sprechen. Er werde versuchen, vollständig objectiv zu sein, er werde versuchen, die Redefreiheit zu wahren, sagte der neue Vicebürgermeister. Er sieht heute schon voraus, daß dieser Versuch mißlingen werde. Es ist deshalb eine lächerliche Phrase, wenn er hinzufügt, daß er über die rein sachliche Behandlung der Gemeinde-Angelegenheiten wachen und die Principien der Wahrheit, Gerechtigkeit und Billigkeit zu seiner Richtschnur nehmen werde. Wie? Der Führer einer Partei, die eine ganze Classe von Staatsbürgern lediglich um ihrer Confession willen mit blutigem Hasse verfolgt, deren Schiboleth die Lüge, deren wirksamstes Agitationsmittel der blutrünstige Haß ist, die da sagte, es sei ihr gleichgiltig, ob die Juden gehenkt oder geköpft werden, in deren Reihen der Ritter Stampiglius einen Generalsposten einnimmt, dieser Mann spricht von Wahrheit, Gerechtigkeit und Billigkeit?! Sei es drum! Auch unter der Herrschaft L u e g e r's werden die Juden in Men nicht gehenkt und geköpft werden und Schlimmeres kann ihnen nicht begegnen, -als ihnen schon begegnet ist. Die Aufgabe, welche dem neuen Regime im Rathhause zufällt, ist eine ganz andere, als die Verwirklichung der antisemitischen Drohungen. Das „christliche Volk", auf welches sich der neue Vicebürgermeister stützen will, wird hohe Anforderungen an ihn stellen, denn er hat als Führer der Opposition den Appetit dieses „Volkes" auf's Aeußerste gereizt. Jetzt ist die Zeit gekommen, all' jene gleißnerischen Versprechungen an die Gewerbetreibenden, die Hausbesitzer, die Beamten und Lehrer einzulösen, mit welchen man die urtheilslose Menge geködert hat! Jedem Gewerbetreibenden ein Haus! Jedem Lehrer doppelten Gehalt! Jedem Beamten drei Monate Urlaub! Herabsetzung der Zinskreuzer! Ermäßigung der Steuern! Verstadtlichung der Betriebe, welche dem öffentlichen Interesse dienen!-O, es ist kein Zweifel, Dr. Lueger wird all' das und noch viel mehr leisten, denn er ist aus dem Volke hervorgegangen, er strebt und fühlt mit dem Volke und er ist ein Freund der Wahrheit und Gerechtigkeit! Paßt auf, wie uneigennützig dieser Volksmann ist! Er hat die hohen Gehalte des Bürgermeisters, der Vicebürgermeister und Stadträthe stets bekämpft und er wird seine volksfreundliche Thätigkeit sofort damit beginnen, daß er auf die Repräsentationsgebühr des Bürgermeisters Verzicht leistet! Das „christliche Volk" wird staunen, wie Dr. Carl Lueger mit seinem Gottvertrauen die Sache dieses „Volkes" zu schützen weiß! Wir aber — wir getrosten uns mit denselben Worten, mit denen Carl Lueger sein Amt antrat: Wir vertrauen auf Gott den Herrn, der uns Juden nicht verlassen, sondern in der Erhaltung unserer Rechte schützen wird! Denn, stärker als die Macht jener Strömung, welche Dr. Carl Lueger emporgehoben hat, ist die Kraft des Judenthums, welche die Stürme der Jahrtausende überdauert hat, und ist jene Wahrheit und Gerechtigkeit, für welche das Judenthum seit zweitausend Jahren kämpft und blutet! Der Lügner auf der Ranzel. Der Pfarrer von Weinhaus, Herr Josef Deckert, hat soeben einen neuen Predigten-Cyklus über die Juden und die Judenfrage beendet. Vor seinen andächtigen Zuhörern hat er von der Kanzel herab die Juden neuerdings verspottet, beschimpft und verleumdet, und Niemand hat ihn daran gehindert. Die Lehre, die er vor Jahresfrist vom Strafgerichte empfangen hat, das ihn wegen der fälschlichen Beschuldigung eines Nitualmordes verurtheilt hatte, ist an ihm wirkungslos vorübergegangen. Der Complice jenes Paulus Meyer, der als gemeiner Betrüger in Oesterreich mit schwerem Kerker bestraft und dann den deutschen Gerichten ausgeliefert wurde, die mit ihm in gleicher Weise verfuhren, der Complice dieses erbärmlichen Menschen mißbraucht die Kanzel, von welcher Gottes Wort in unantastbarer Wahrheit verkündet werden sollte, zu neuen Lügen über die Juden. Nachdem erwiesen wurde, daß er keine Silbe des Talmuds im Original zu lesen vermag, erzählt er den Gläubigen von Weinhaus noch immer Schauerdinge, die angeblich im Talmud stehen und wenigstens für einen Theil der Juden, für gewisse jüdische Secten Gesetzeskraft haben sollen. Und die Phantasie des Pfarrers Deckert treibt dabei üppige Blüthen. Er erzählt von einem Vereine von Hostienschändern, an dessen Spitze ein Jude stehen soll, dessen Namen und Wohnsitz er sogar kenne, er macht seinen Zuhörern weis, daß dem Juden Vielweiberei gestattet sei und daß er sich unter den nichtigsten Vorwänden von seinen Frauen scheiden lassen könne, und er hält schließlich unter Berufung auf das Zeugniß eines angeblich jüdischen Exrabiners M o l d a w a n, der ein Buch hierüber geschrieben, welches die Juden aufgekauft hätten, seine Blutbeschuldigung gegen die Juden aufrecht. Er citirt aus diesem, wie er selbst sagt „verschwundenen Buche" des „Rabbi Moldawan", daß die Juden das Christenblut an Stelle eines Opfers brauchen, als getrocknetes Blutpulver bei dem rituellen Act, als Beimischung zu den Osterbraten, ferner beim Schließen von Ehen, wobei ein Ei Zerbrochen wird, in dessen beide Hälften Christenblut kommen muß, endlich beim Sterben, um die Füße der Leiche damit zu benetzen. Herr Deckert ist ein genialer Mann! Er baut Villen in der Luft und er liest Bücher, die verschwunden sind. Da wir bei dem Pfarrer Deckert am allerwenigsten an ein Wunder glauben, so müssen wir nach einer natürlichen Erklärung dieser merkwürdigen Fähigkeit suchen. Welche Bewandtniß hat es mit diesem Buche des „Rabbi Moldawan"? Wie gesagt, Pfarrer Deckert hat es nie zu Gesicht bekommen, aber was er gelesen hat, das sind die Pamphlete Rohliug's, insbesondere dessen Broschüre: „Meine Antwort an die Rabbiner", in welcher Rohling, ein Meister der Lüge und Fälschung, ans einem anonymen christlichen Geistlichen, der in moldauischer Sprache geschrieben hat, einen „Rabbi Moldova" werden läßt. Auch Rohling hat das Buch dieses „Moldavo" nie gesehen. Er hat lediglich das Buch eines gewissen Laurent zu Gesicht bekommen, in welchem auf Seite 378 von jener Schrift in moldauischer Sprache die Rede ist. Das Alles ist in den Vorerhebungen zu dem Proceß Rohling-Bloch actenmäßig vor Gericht erhärtet worden. Irgend ein judenfresserischer Geistlicher in der Moldau hat anonym eine Reihe der dümmsten und frechsten Lügen über die Juden publicirt. Laurent spricht von dieser Schrift und sagt in seiner Einleitung, sie sei „en laugue moldave", d. h. moldauischer Sprache geschrieben. Rohling aber, der den Anonymus nicht brauchen kann, macht aus der Bezeichnung der Sprache ..moldavo" den „Rabbi Moldavo" und lügt schamlos hinzu, Laurent habe das Buch dieses „Rabbi Moldavo" dem seinigen „einverleibt". Die „Einverleibung" stellt sich als ein dürftiger Auszug dar. So baut sich eine Lüge aus die andere auf und spinnt sich die Fälschung weiter. Was nun Herrn Deckert betrifft, so hat er weder Laurent, noch das Büchlein des angeblichen „Rabbi Moldavo", von ihm Moldawan genannt, gesehen, sondern lediglich die Pamphlete Rohling's, über welche das verdiente Urtheil längst gesprochen ist. Pfarrer Deckert kennt die „Acten und Gutachten im Processe Rohling ocmtra Bloch", er wußte genau, daß es einen Rabbi Moldavo oder Moldawan nie gegeben hat, er wußte ebenso genau, daß die Schrift jenes Anonymus der Feder eines fanatischen judenhetzerischen Geistlichen entstammt und nichts als Lügen enthält. Und trotzdem geht er auf die Kanzel und hält auf derselben nicht nur diese Lügen, sondern auch alle anderen Lügen Rohling's aufrecht. Nun ist zwischen Rohling und Deckert ein großer Unterschied. Was der Erstere niederschrieb und bemeineidete, das hat er vlos für seine Person zu verantworten. Wenn aber der Pfarrer Deckert diese Lügen von der Kanzel herab wiederholt, so wird dafür die Kirche verantwortlich, denn die