Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-05-17 · 20 (17.5.1895) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
20 (17.5.1895)
Date
1895-05-17
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3020846-3021061-3021082--04552-3028744
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Nr. 20. Br. Bloeh’i + 4 4 ZahrMNA XII. ♦ Centralorgan für die gesammten Interessen des S -Q K. k. Pofisxarrsssrn-Rmk Clearingverkehr Ar. 810.976. RrLartton und Ndministrslion: Wien II., Linkere Angarkenstr. la. Telephon Nr. 6535. -—-- a Wien, 17. War 1895. -»—«9Atz>—o- Erscheint jeden Freitag. -£-©>-<- Man abonnirt bei allen Possanstalien des In- und Auslandes. Iudenthums. 0 - —- - -■■=-= O Serngsprris für Vegerreirli! Halbjährig 4 fl. --- 8 Kr. Einzelexemplare 25 kr. Fiir's Ausland: Halbjährig 5 fl. 10 Kr. Ganzjährig 10 „ 20 „ Anzeigen: Die 4mal gespaltene Petitzeile 12 kr. S------- o Inhalt: Leitartikel: Der Anbruch dcr Pöbelherrschast in Wien. — Der Lügner auf, der Kanzel. — Die Grazer Teutcncn. — Tentobold in der Hetzpredigt. — Die Erziehungsanstalt in Ahlem bei Hannover. — Jüdische Künstler in Venedig. — Das Gewohnheitsrecht von Saybusch. — Die Coalition der Humanität. — Ein Wert für unsere Tautstummen und Blinden. — Beitrag zur Geschichte der russischen Juden in Paris. — Die Pflege der hebräischen Sprache in der Gegenwart. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Gegen den Betrug beim Berkans von angeblichem Koscher-Fleisch. — Unverfälschte Arier. — Gegen den Prediger von Weinhaus. — Ehrenbeleidigungs-Proceß gegen Pfarrer Tect'ert. — Landesansschust Dr. Kopp über den Mi'chldorfer Fall „Vergant". — Antisemiten unter sich. — Ein jüdischer Arzt. — Wien. (Wenn man eine krumme Nase hat.) — Gegen das Schächtverbot. — Correspondenzen: Wien, Olmütz, Nikolsburg, Drantenau, Stanislau, Tarnow, San Francisco, Nottingham, Constantinopel. — Vermischtes: Wien, Baden, Tulln, Brünn, Berlin, Preusi-sch-Stargardt, Posen, Frankfurt a. M., Meiningen, London, Friedrichstadt, Bukarest. — Feuilleton: Ein Wettrennen im Himmel. — Briefkasten. — Inserate. Der Anbruch der Pöbelherrschast in Wien. Der Führer der vereinigten Wiener Antisemiten, Dr. Carl Lueger, ist am vorigen Dienstag, nachdem der mit absoluter Majorität gewühlte Dr. Albert Richter die ihm zugedachte Ehre abgelehnt hatte, mit 65 Stimmen zum ersten Vicebürgermeifter der Reichshauptitrtb Residenzstadt gewühlt worden. In wenigen Tagen wird Dr. Carl Lueger noch um eine Stufe höher emporsteigen, er wird den Stuhl des Bürgermeisters selbst einnehmen, den Dr. Raimund G r ü b l freiwillig verläßt, weil er der liberalen Majorität im Wiener Gemeinderathe nicht mehr sicher ist. Die Verwaltung der ersten Stadt des Reiches und eitler der größten und ruhmreichsten Städte des Erdballs gehl vollständig in die Hände der Antisemiten über. Die liberale Partei des Gemeinderathes will sich nicht länger von dem Heerbanne Dr. L u c g e r's mit Schmutz und Nnflath bewerfen lassen. Sie hat mit ihrer freiwilligen Resignation bewiesen, daß sie nicht um des Scheines der Macht, nicht um einiger gut dotirter Stellen willen auf ihre fortschrittlichen Grundsätze verzichten, sich über die Gebote der Ehre und Pflicht hinwegsetzen will. Dr. Albert Richter, der trotz der absoluten Mehrheit von 70 Stimmen die auf ihn gefallene Wahl ablehnte, ist tausendmal anständiger als dieser seit Jahren nach der Würde des Stadthauptes lechzende Lueger, welcher -das Mandat des Vicebürgermeisters aus den Händen einer Minorität entgegennimmt und über diese Thatsache mit dcr fictiven Phrase hinwegtünschen will, daß zwar nicht die Majorität des Gemeinderathes, wohl aber die Majorität des „Volkes" seine Wahl wünsche. Wer ist dieses „Volk" d Sind es die Hogarth'schen Gestalten, die allabendlich von Kneipe zu Kneipe ziehen und die ständige, bezahlte Claque aller antisemitischen Versammlungen bildend Sind es jene paar tausend Bezirksberger dort draußen in Lerchenfeld oder ant Alsbach, die sich wie der Hahn auf dem Mist spreizen, wenn der Prinz Liechtenstein sich gnädig herabläßt, sie mit einem verächtlich-vertraulichen Kopfnicken zu begrüßend Dieses „Volk" hat schon Andere, und zwar viel Bessere und Ehrlichere, als den Dr. Lueger, emporgehoben und wieder in den Abgrund stürzen lassen. Es ist ein Anderes, mit gleißenden und unerfüllbaren Versprechungen um die Macht zu buhlen, und ein Anderes, sich int Besitze dieser Macht zu erhalten, wenn die Getäuschten aus die Erfüllung jener Versprechungen dringen. Die liberale Partei des Gemeinderathes bat sich in dem Entschlüsse, den Antisemiten den Platz zu räumen, den sie doch nur noch aus kurze Weile hätte behaupten können, selbst wieder gesunden. Sie hat ein faules Compromiß abgelehnt und mit ihrem geordneten Rückzüge den vollen Ausblick auf die Verwüstungen eröffnet, welche die antisemitische Hetze in unserer Stadt bereits angerichtet hat. Sie hat damit, zum Theile wenigstens, jene Gleichgiltigkeit und Muthlofigkeit, mit der sie lange Zeit der Iudenhetze zugeseben, gesühnt. Gewiß, es wäre anders gekommen, wenn die liberale Partei im Gemeinderathe sich der großen Kraft, die noch in ihr schlummert, und des starken Einflusses, den sie ans die Wählerschaft noch immer auszuüben vermag, früher erinnert hätte. Es wäre anders gekommen, wenn sie der Raffen- und Classenverhetzung von allem Anfänge mir rücksichtsloser Energie entgegengetreten wäre und die freiheitlichen Traditionen der Wiener Gemeindevertretung hochgehalten Hütte. Sie muß heute die Folgen ihrer Mattherzigkeit tragen, aber da nun einmal die Dingo diesen Lauf genommen haben, ist es bester, daß sie einen ehrenvollen Rückzug antritt, als daß sie sich zu Quartiermachern ihrer unversöhnlichen Widersacher erniedrigt hätte. Freilich, vor der ganzen Welt ist und bleibt es eine unauslöschliche Schmach, daß die Stadt, mit deren Namen sich die herrlichen Erinnerungen der Mürz- und Qetobenage des Jahres 1848 verbinden, deren Bevölkerung im Jahre 1868 in glühender Begeisterung die Blüthezeit des österreichischen Constinttionalismus begrüßte, zur Domäne des Antisemitismus geworden ist. Das scheint man auch in den Kreisen der Regierung empfunden zu haben, denn die hervorragendsten Mitglieder des Ministeriums haben sich noch in letzter Stunde bemüht, den Bürgermeister Dr. Grübl in seinem Entschlüsse wankend zu machen. Dr. Grübl hat diesem Zuspruche das alte, österreichische Verhängnißwort: „Zu spät!" entgegengesetzt. Ja wohl, zu spät! Man erinnere sich an die Hetze gegen den Viehmarkr, an die Hetze gegen den Sanienmarkt, man erinnere sich, was Alles die Staatsgewalt in dem letzten Decennium, welches die aufsteigende Bewegung des Antisemitismus bezeichnet, ruhig geschehen ließ, um den Frieden der Bürgerschaft zu untergraben. Jetzt, wo die schäumenden Wogen über den Häuptern der liberalen Partei zusammenschlagen, will man die Rettüngsbote flott machen aber das entfesselte Element läßt sich nicht mehr bändigen. Dr. Carl Lueger hat sein neues Amt mir einer Rede angetreten, die wie ein Hohn auf leine künftige Geschäfts-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.