Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-05-10 · 19 (10.5.1895) · page 11

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
19 (10.5.1895)
Date
1895-05-10
Page
– (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3020846-3021061-3021081--04541-3028732
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 19 Seite 351 Dr. Bloch's Wochenschrift. Das Vorbeten beim Jugendgottesdienste. Bon Obercantor Josef Singer. Unsere Altvorderen kannten weder die Religionsschule noch den Religionsunterricht. Vater und Akutter lebten dem Kinde die Religion vor und das Kind, theils aus Pietät, theils aus Nachahmungstrieb, lebte seinen Eltern die Religion unwillkürlich nach. Erst das Schwinden der religiösen Bethätigung im jüdischen Hanse und das Verblassen des religiösen Bewußtseins im jüdischen Volke schuf die Institution der Rcligionsschnlc und des Religionsunterrichtes. Die Religionsschule ist zweifellos eine der bedeutsamsten Schöpfungen des modernen Iudenthums, indem derselben die schwierige Aufgabe Zllfüllt, durch Worte, d. h. Religionslehre die mangelnde häusliche und weltlich-religiöse Bethütignng zu ersetzen. Gelänge es der ReligionSschule, die Kluft zu überbrücken, die in dem empfänglichen Herzen des Kindes dadurch enstanden, daß die religiöse Weisung des Lehrers im modernen jüdischen Hanse leider keine Bethätignng findet, so hätte dieselbe ihre Aufgabe in des Wortes crhabendster Bedeutung erfüllt. Betrachten wir nun den didaktischen Ausbau des israelitischen Religionsunterrichtes vom Anbeginn bis auf unsere Zeit, so ist eS nicht zu verkennen, daß derselbe, wie es ja von pädagogisch gebildeten Männern nicht anders zu erwarten, im Laufe der Jahre einen bedeutungsvollen Aufschwung genommen. Am Anfänge war das Wort, d. h. eS genügte das Religionsbüchlein oder der Katechismus, dessen opulenter Inhalt alles das in sich faßte, was zuförderst nach der Ueberzeugnng der maßgebenden Herren Pädagogen für das jüdische Kind als nöthig erachtet wurde. Doch alsbald machte man die Erfahrung, daß das „Wort" allein nicht im Stande fei, das religiöse Bewußtsein zu erwecken und zu erhalten, wenn demselben nicht die religiöse Bethätigung als ergänzende Stütze beigefügt würde. Eine solche zweckentsprechende Thai erblickte man nun in der Ereirnng des JugendgotteSdiensteS. Die hohe Bedeutung des JugendgotteSdiensteS für die religiösen Bedürfnisse der Heranwachsenden Jugend liegt offen zu Tage: es ist nur bedauerlich, daß derselbe seine Sturm¬ und Drangperiode noch nicht bestanden, indem jedes neue Schuljahr auch neue Einrichtungen, beziehungsweise Umänderungen bringt, welche das an eine wohlthuende Stabilität gewöhnte Kind gewissermaßen beirren und sicherlich zur Förderung der heiligen Angelegenheit nicht beilragen. Doch, insolange lediglich die Herren Religionslehrer mit den Aenderungen und Einrichtungen experimentirten, so waren es eben Experimente von erfahrenen Fachmännern, die gewissermaßen mit der Tradition und der Geschichte der Synagoge rechnen, demgemäß auch die zu behandelnden Stellen mit zarter und kundiger Hand berühren. In letzter Zeit jedoch machen sich Einrichtungen bemerkbar, die eine imminente Gefahr für die heilige Angelegenheit in sich bergen. Ohne in die Machtsphäre irgend einer Behörde eingreifen zu wollen, erlauben wir uns, darauf hinzuweisen, daß eS, nach bis nun üblicher Gepflogenheit, bei bevorstehenden Aenderungen opportun wäre, jene Factoren, welche die fraglichen Aenderungen zunächst betreffen, behufs Abgabe eines Gutachtens vorzuladen, bevor eine endgiltige Entscheidung getroffen wird. Eine solche merkwürdige Thatsache ist die neueste Anschauung, der Cantor soll beim Jugendgottesdienste nur „sprechend" seinen Vortrag halten. Dementgegen erlauben wir uns Nachfolgendes zu bemerken : Es ist selbstredend, daß der modern Vortragende Cantor der Deutlichkeit des Wortes sein Hauptaugenmerk zuwenden und all' das vermeiden müsse, was diese Deutlichkeit beeinträchtigen könnte. Seine Stimme muß sonor, wohlgeschult und durch langjährige Hebung für die prägnante Wiedergabe des schwierigen hebräischen Wortes vorbereitet werden. Den Synagogcngesang selbst betreffend, besteht derselbe aus zwei, von einander wesentlich abweichenden Gattungen: der rhythmischen 'Melodie und dem freien Recitanv. Die rhythmische 'Melodie fällt znm größten Theile in das Bereich des Ehorgesanges, worüber wir an dieser Stelle uns nicht weiter äußern wollen und in ganz verschwindender Weise wie beispielsweise beim Vortrage des alten EhasonuS oder der Kedufcha :c. - auch dem Eantor zu; die eigentliche Form des modernen j ü d i s ch - e a n t o r a l e n V o r t r a g e s ist j e d o ch d a s R e e itativ, zu deutsch „S prech"-oder R ed egesan g. Schon aus der Bezeichnung „Sprechgesang" ist, auch für die minder Eingeweihten, ersichtlich, daß bei dieser Knnstform Worr und Ton vollständig gleichwerthig -behandelt werden müssen und das Eine zu Gunsten des 'Anderen nicht znrückgedrängl werden darf: die irr recitarrvischer Weise vorgetragene Declamatio'n wird bestimmter fixirt und verleiht dem Worte größere Eindringlichkeit. Soviel im Allgemeinen. Was die syuagogale Vortragsweise insbesondere betrifft, so erscheint es geradezu unmöglich, das vorzutragende Wort des üblichen Tones zu entkleiden, indem der ganze Vortrag hiedurch vollständig gegenstandslos erscheint. An einem Beispiele - von den zahllosen anderen, die wir anführen könten - wird diese Hypothese prägnanter ersichtlich werden. Zweck des cantoralen Vortrages ist es unter allen Umständen, die Stimmung des Tages zum Ausdrucke zu bringen. Da nun das Mineha-Mao riw n Mussaw- Gebet für Wochenmit» Samstage Sehollosch regolim u Jomim noroim :c. zumeist dieselben Terte aufweisr, so ist es nicht abzusehen, wie der in sprechender Weise vorzmragende Eantor lediglich durch die immer gleichen Ternvorle die Stimmung des jeweiligen Momentes zum 'Ausdruck bringen soll. Der Gebetterr des Ledor wodor ist derselbe beim Wochen-, Samstags-, Samstags-Nachmittags-, Pessach- und Jomim uoromim-GotteSdienst und nur die, diesen Worten beigegebenen Tönen verleihen denselben jenes Relief, welches die Charakteristik des Tages ausmachr: entkleiden wir diese Worte der usuellen Töne, so gelangt keinerlei Charakteristik zum Ausdrucke. Das Olenu-Gebet, welches täglich Morgens und Abends vorgerrageu rvird, gelangt am kos ob hoscha noli und Jom Kippur nur durch die demselben beigelegte und historisch gewordene Melodie zur weihevollen Bedeutung: der Vortrag des Kadisch und Sch’mone esre bei Geschein und Tal und am Koseh hoschanah und Jom Kippur empfängt seine farbenprächtige Signatur lediglich durch die jedem Synagogenbesncher bekannten 'Melodien. Ja noch mehr I Die Textesworte von Kol nidre sind längst aus unseren Gebeten eliminirt, während die Melodie ihre Festlagsheiligkeit selbst in Verbindung mit einem anderen Terte in keiner Weile eingebüßt. Diese heilige Melodie, die letzthin von Mar Bruch für Orchester bearbeitet-wurdc, ist eine ständige Repertoirenummer der Orchestermusik geworden und sicherlich wird kein Jude beim Anhören dieser von einem Eoncert-Orchester vorgetragenen Piece sich einer heiligen Anwandlung entwehren können, den schon die Anfangsraete dieser ganz ohne Text vorgetragenen 'Nummer in ihm erwecken, weil die Erinnerung mit gedächmißtreuen Farben ihn plötzlich vom Eoncertplatze in die Synagoge und inmitten der betenden Glaubensbrüder versetzt. Wir vermeinen nun erschöpfend nachgewiesen zu haben, daß der jüdisch-eanwrale Vortrag der melodiösen Ausstattung unter gar keinen Umständen entkleidet werden darf. Wir ersuchen die löblichen Synagogenbehörden, wie nicht minder die Eollegen insgesammt, der vorstehenden Auseinandersetzung die nöthige Beachtung nicht vorenthalten zu wollen, damit unser heiliger und historischbedeutsamer Synagogengesang keine Einbuße erleide. Vom Jahrmarkt des Lebens. Kirrgesendet. Sehr geehrter Herr R e d a c t e u r! Gestatten Sie, daß wir auf das in der vorigen Nummer Ihres sehr geschätzten Blattes enthaltene „Eingesendet" mir folgenden Bemerkungen erwidern: „In den Spalten dieses Blattes wurde wiederholt mit besonderer Befriedigung hervorgehoben, daß an der mit der

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.