Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 19 (10.5.1895)
- Date
- 1895-05-10
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 350 Dr. Bloch's Wochenfchrrfl. Nr. 19 Ein derartiges, jeglicher Wahrheit hohnsprechendes Gutachten ries in Mitte der übrigen Professoren gerechte Entrüstung hervor, und der bekannte Psychiater und Neurologe Professor Balinski erklärte, mit solchen Collegen nicht ferner arbeiten zu wollen und erlies; einen geharnischten Protest,. in welchem er kategorisch kundthat, daß die Arbeiten Z i o n's beredtes Zeugmß ablegen von seiner eminenten wissenschaftlichen Bildung, von seiner hohen Intelligenz, und daß die Hervorragendsten Gelehrten des In- und Auslandes diese Vorzüge bedingungslos anerkannten. Diesem Protest schlossen sich noch andere Professoren an, und einer derselben, Dr. Junge, erklärte, daß ein solch tendenziöses Urthcil über Zion eine Schmach für den Richter sei, da solche hervorragende Gelehrte als Claude Bernard, Ludwig, Ssetschcnow, Babuchin, Owssjenikow und die französische Akademie der Wissenschaften Dr. Zion als eine hervorragende Autorität auf wissenschaftlichem Gebiete anerkannten. Die Angelegenheit ward endlich dem Ehrenpräsidenten der Akademie und Kriegsminister Grasen Miljutin zur Entscheidung anheimgcstellt und dieser hochherzige Staatsmann fällte folgende Resolution, die werth ist, der Vergessenheit entrissen zu werden: „1. Von allen durch Dr. Schkljarewski vorgestellten wissenschaftlichen Arbeiten ist keine einzige, die sich aus Physiologie bezieht, so daß er überhaupt zur Professur nicht vorgeschlagcn werden dürste (die Commission hatte, wie ich vergaß zu bemerken, die Werke dieses Candidaten verherrlicht); 2. findet der Minister, daß die Arbeiten Zion's weit höher stehen, als man an sie hätte Anforderungen stellen können und daß daher derselbe zum Professor der Physiologie zu ernennen sei; 3. daß das von der Commission abgegebene Gutachten sowohl in der Form als dem Inhalte nach durchaus nicht der Würde des Gelehrten-Collegiums einer Hochschule entspricht und daß es daher den Mitgliedern anzuempfehlen sei', sich künftig eines solchen ungebührlichen GebahrenS zu enthalten." So sprach, schrieb und dachte ein russischer KricgSmiuister 1870 und genau ein Vierteljahrhundert später erläßt sein Nachfolger eine Verordnung, kraft welcher cs den Juden von nun an strengstens verboten ist, für ihre zerrüttete Gesundheit an den Mineralquellen des Kaukausus, des Don'schen und Kuban'schen Gebietes Heilung zu suchen. Diese Anordnung kommt um so überraschender, da gleichzeitig (und zwar in derselben drakonisch-hygienischen Verordnung) den Juden das Betreten aller dieser Gebiete behusS Handelszwecke gestattet ist. Das „WoSchod" bemerkt bei dieser Gelegenheit sehr richtig, daß es den Anschein gewinnt, als ob die Regierung die hygienischen Interessen und die Gesundheit ihrer jüdischen Uuterchancu weit weniger schätzt als ihre commerzicllen und industriellen Interessen und als ob sie sich die Ausgabe gestellt habe, den leidenden Juden den Eintritt zu den Heilquellen des Landes zu verbieten, ungeachtet die materiellen Interessen dieser ausschließlich von der Regierung administrirten und exploitirten Curorte erheblich dadurch leiden und die leidenden Juden sich gezwungen sehen werden, Heilung für ihre Gebresten im Auslände zu suchen und derartig dem Lande bedeutende Summen zu entziehen. Die Verordnung des Herrn Kriegsministers ist ganz unverständlich und besagtes russisch-jüdisches Preßorgan nennt es mit Recht ein bedauerliches Mißverständniß. Seltsamerweise findet dieses Verbot, Curorte zu besuchen, eine stets größere Ausdehnung. Nicht bloß der Kaukasus und das Gebiet der Don'schen und Kuban'schen Kosaken sind den kranken Juden von nuit an geschlossen, sondern auch das Süduser der Krim, die Seebäder in Libau und andere Orte des baltischen Strandes, die Schwefelbäder von Kemmcrn und andere mehr. Das ist eiste ebenso grausame als unmotivirte Maßregel, die viel böses Blut macht und selbst von christlicher Seite mißbilligt wird. Es könnte ja noch am Ende gar so weit kommen, daß man den Aerzten verbieten wird, jüdische Kranke zu behandeln, den Apothekern — für sie Medicamente zu bereiten. * * XII. „Aber küssen ist erlaubt!" Ich gestatte mir, Ihnen hier eine Episode aus der Vergangenheit zu erzählen, die als Pendant zu obigen Vorkommnissen aus der Gegenwart dienen kann. Es war vor dem letzten russisch-türkischen Kriege und unsere Truppen standen in Kischenew (Bessarabien) bereit, in Rumänien einzurücken. Als Obercommandirender der Truppen functionirte der Großfürst Nicolai Nicolajewitsch, ein sehr liebenswürdiger und humaner Prinz, der sich stets durch, seine Leutseligkeit ausgezeichnet. Chef des Medicinalstabes war der bekannte Arzt Dr. Obermüller und die Stelle seines Gehilfen versah Dr. W. (ein Jude), ein sehr tüchtiger Chirurge, der auch weit über die Grenzen Rußlands Anerkennung gesunden. Es war am Vorabende des Osterfestes und hatte der Großfürst die Anordnung getroffen, daß sich sämmtliche Osficiere und Beamte, seiner Suite nach Mitternacht zur Gratulation einfinden sollten. Da findet die übliche Begrüßung und auch der Kuß statt, was man im Russischen „christossowatsja“ nennt. Dr. W., dem dieser Befehl gleichfalls zugegangen war, befand sich in einer argen Verlegenheit. Als Jude konnte er doch unmöglich die bei dieser Gelegenheit übliche Formel aussprechcn; als Beamter durfte er sich andererseits dieser Einladung nicht entziehen. In seiner Noth wandte er sich an seinen Chef und erklärte ihm die Zwangslage. Dieser fand es für angemessen, die Sache dem Großfürsten vorzustellen. „W. ist Jude?" fragte erstaunt der Prinz. „Das habe ich gar nicht gewußt, geht mich übrigens auch gar nichts an. Doch soll ihn dieser Umstand durchaus nicht hindern, zur Gratulationsconr sich einzufinden. Sagen Sie ihm, ' daß ich durchaus wünsche, er solle kommen." Dieser Wunsch war natürlich Befehl und der jüdische Arzt fand sich nach Mitternacht mit allen Anderen ein. Der Großfürst erschien, wechselte mit einem Jeden den Gruß und Kuß. Als er sich Dr. W. näherte, sagte er ihm leise; „Also begrüßen nach christlichem Gebrauche können wir uns nicht, das verbietet Ihnen Ihre Religion; aber küssen dürfen, wir uns doch? Nicht wahr?" Und der edle Prinz umarmte den jüdischen Arzt und küßte ihn dreimal auf die Wange . . . Bei dieser Gelegenheit sei bemerkt, daß Dr. W. der einzige jüdische Geheimrath von Rußland ist. Früher hatte er noch einen Concurrenten. Das war der bekannte Eisenbahnkönig Samuel Poljakew, der gleichfalls Geheimrath war, in Rußland die zweite Rangsclasse. Berichtigung. In meinem letzten Artikel (Nr. 15 der „Oesterreichischen Wochenschrift," Rubrik „Beitrag zur Geschichte der russischen Juden") sind fast alle darin gebrachten Namen so entstellt und verstümmelt wiedergegeben, daß ich Sie höflichst um eine Zurechtstellung ersuche, indem die zahlreichen russischen Leser Ihres Blattes mich leicht der Ignoranz zeihen können, oder mich der Aufschneiderei verdächtigen dürsten, daß ich Namen jüdischer Koryphäen Rußlands angeführt, die überhaupt gar nicht existiren. Es soll also heißen sondern nicht Auto Holski B e r n st e i n F r l. D i l l e r F r e i g M e n g a r n y M e l s y n s k i P e s s e m e r M y m o d z e n y I o s e p h o n y A n t o h o l s k i j, B e r n st a m in, F r l. D i l l o n, F r u g, W e n g e r o w, W o l y n s k i, P a s s o w e r, Wywodzew, P o l j a k o w. Bei dieser Gelegenheit erlaube mir noch zu bemerken, daß Herr A n t o h o l s k i j die Büste Nicolaus II. vollendet und ist dieselbe ein wahres Meisterwerk geworden, über welches sich Seine Majestät sehr anerkennend ausgesprochen. Ich hatte Gelegenheit, die Büste zu sehen, und muß man Herrn Antoholskij Gerechtigkeit widerfahren lassen; er hat es verstanden, dem Thon Leben einzuhauchen und eine prächtige sinnvolle Verkörperung des jugendlichen Monarchen zu schaffen. Dem jüdischen Bildhauer ward auch der Auftrag, die Büste Ihrer Majestät der Kaiserin zu modelliren und ist es Herrn Antoholskij gelungen, auch die durchgeistigten, schönen Züge der jungen Fürstin garwundersam zu fornien, so daß auch diese Büste, die noch nicht ganz vollendet, dem Meister Ehre zu machen verspricht. Der Sohn des kleinen, jüdischen Schenkwirthes aus Wilna hat es weit gebracht.