Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 19 (10.5.1895)
- Date
- 1895-05-10
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3020846-3021061-3021081--04539-3028730- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Rawicz 1× ep/1048078
OCR text
Nr. 19 Dr. Bloch's Wochenschrift. Seite 34'.> Nun, ich kann Herrn Merian ans Ehre und Gewissen versichern, daß meine Glaubensgenossen — ein jüdisches „Volk" gibt es dermalen so wenig, wie ein katholisches oder protestantisches — keine ihrer Schriften jemals geheim gehalten haben noch geheimhalten. Das Tholdoth-Buch ist bereits zwei Male, und zwar von Christen herausgegeben worden. Indessen kann ich es Herrn M e r i a n nicht verdenken, wenn er an eine „Geheimnißkrämerei" der Juden glaubt, da der Herausgeber des vorliegenden Büchleins am Ende seines Vorwortes zu der Behauptung sich versteigt, daß, „wenn die Glocken der Kathedrale znm Weihnachtsseste läuteten und Helle Christfreude in bcu Häusern der Bürger herrschte, im dunkeln Ghetto der verfehmte Jude das Tholdoth-Buch ans dem Verstecke hervorholte, und während die Gläubigen sich neigten vor der Jungfrau Sohn, voll bitteren Hohnes las vom „Ilanwer ben lianiddah“. Das ist sehr salbungsvoll gesagt, aber gänzlich unbegründet, und der Wunsch des Herausgebers: „Möge die Wissenschaft, der diese Veröffentlichung lediglich dient, darüber ,sin6 ira et stndio1 urtheilen", nimmt sich nebelt dieser Insinuation eigenthümlich ans. In dem 1886 von dem Bibliothekar der Bodleiana, Herrn N e u b a u e r (dem der Herausgeber selbst seinen Dank abstattet), veröffentlichten „Catalogne "dk the Hebrew Mamiscripts“, der Jedermann zugänglich ist, findet sich aus Seite 774 unter Nr. 2240,3 eine handschriftliche Geschichte der Verurtheilung Jesu angeführt, zu welcher der Copist wörtlich bemerkt: „Obgleich diese Schrift sich bei uns deutschen Juden nicht findet, noch zugänglich ist, so habe ich sie doch der allgemeinen Neuigkeit halber abgeschrieben, und wer wird mich deshalb anklagen u. s. w." Das will sagen: Der Copist entschuldigt sich, daß er die Schrift abschreibt, die wenigstens in Deutschland kein Jude besaß und nicht einmal lesen durfte! So sieht das phantasievolle Bild des Herausgebers, in welchem er sämmtliche Juden unter feierlichem Weihnachtsgelänte über die Tholdoth-Schmähschrift gebückt sieht, vor der Kritik aus. Um es kurz zu sagen: der ungelehrte Jude nahm die Schrift aus religiöser Scheu nicht in die Hand, der gelehrte aber betrachtete sie, gut wienerisch gesprochen, als einen Schmarren, den er keines Blickes würdigte, der deshalb unter den Inden selten war und heute nur ein interessantes Document jüdisch-christlicher Sagenmischung bildet. („Die Zeit.") Dr. M. Güdemann. Bellrag zur Geschichte der russischen Juden. (Fortsetzung von Nr. 15.) XI. Der erste und letzte jüdische Professor. Es sind jetzt genau 25 Jahre her, daß sich bei uns ein Ereigniß Zutrng, welches sogar in dem dazumal munter im liberalen Fahrwasser unter der Flagge der Freiheit und Gleichheit dahinsegelnden Rußland nicht wenig Aufsehen erregte. Man hörte und staunte und traute seinen Ohren nicht: Ein Jude war zum ordentlichen Professor für den Lehrstuhl der Physiologie an der kaiserlichen Medico-Chirurgischen Akademie ernannt worden. Das war der erste und letzte jüdische Professor in Rußland, womit ich mir gestatte, eine von Ihnen unlängst gebrachte Nachricht richtig zu stellen, als ob ein gewisser Dr. F lex er zum Professor ernannt worden ist. Dem ist nicht so, könnte auch unter den gegebenen Verhältnissen überhaupt nicht stattfinden. Privatdocenten gibt es wohl etliche, sowohl an der hiesigen Universität als auch an der Akademie (die Herren Baxt, Herzenstein, Schapiro, Kohen u. s. w.), aber an Professoren hatten wir nur einen, und das war Dr. I. Zion, ein durch sein Pamphlet gegen den Finanzminister Witte gar wohlbekannter Name. Selbstverständlich, daß ich mich in keine Erörterungen über das Pamphlet des Exprofessors einlassen werde, da dasselbe nicht hieher gehört. Ich will blos die Geschichte des ersten und letzten jüdischen Professors in Rußland erzählen, da dieselbe in den „Beitrag zur Geschichte der russischen Juden" gehört, da sie ein grelles Streiflicht auf die Helle Vergangenheit wirft, uns lehrt, die dunkle Gegenwart muthig zu ertragen und getrost einer frohen Zukunft entgegeiiznsehen. Wir haben bereits eine Marcyrologie von nahezu zwei Jahrtausenden hinter uns, und was find im Vergleiche damit etliche Jahrzehnte Leiden und Entbehrungen für ein von seinerhehren Cnltnrmission erfülltes und an dieselbe unentwegt glaubendes Volk, das fortfähri zu eristiren, während die stolzesten, mächtigsten Nationen von der Erde verschwunden sind. Die Sechziger Jahre waren eine Epoche freiheitlicher Entwicklung für Rußland, eines unerhörten geistigen Aufschwungs, einer ungewöhnlichen, materiellen Entwicklung. Die unter dem eisernen Militürjoch Nicolaus I. stöhnenden Inden athmeren frei auf: die freiheitliche Bewegung kam auch ihnen zu Gute: sie wurden geradezu das enfant gut,'- des liberalen Rußlands. Und als sich eine russische Zeitung fand, welche einen Krenzzng gegen die russischen Juden predigte, so stand die gesammie russische Presse, die ganze russische Intelligenz «mit Ivan Siergejewitsch Akssakow, dem nachmals berühmten Führer der Slawophhlen und eingefleischten Judenfresser an der Spitze) auf und erließ einen geharnischten Protest gegen diele an „unseren russischen Mitbürgern mosaischer Confession" begangene Infamie. Diese jndenfreundliche Bewegung ward stets intensiver, und Regierung und Volk gingen Hand in Hand, um das große Emancipationswerk langsam, aber stetig zu vollziehen, um das schreiende Unrecht vieler Jahrhunderte gut zu machen, um dem Sündenbock der Menschheit eine glänzende Genngthnnng zu geben. Die neue Strömung dauerte auch in den Siebziger Jahren fort, wenngleich sie durch die Schreckensattentate des 'Nihilismus erheblich beeinträchtigt wurde, rrud wäre sicherlich von dem glänzendsten Erfolge schließlich gekrönt worden, wenn nicht die furchtbare Katastrophe des 1./13. März 1831 herangebrochen wäre, Sie alle unsere Hoffnungen — mindestens für längere Zeit — vernichtete, die projectirte Gleichstellung der Juden in nicht absehbare Ferne schob. Damals war es (Anfangs 1370», daß der erste jüdische Professor an der Oberfläche anflanchte. Joseph Z i o n, Sohn eines armen Uhrmachers in Telsch «Gouvernement Kowno) war es, der nach Absolvirnng seiner Studien in Kiew, nachglanzvoller Vertheidigung seiner Doctordissertation, nach längerem 'Aufenthalt in Berlin und Paris die Unverfrorenheit harre, als Candidat für den durch den Rücktritt des berühmten Physiologen Sserschenow vacanl gewordenen Lehrstuhl an der kaiserlichen mediciuischen Akademie aufzutreten. Es wurde dem Professorencollegium anheimgesrellr, für Ssetschenow einen würdigen Nachfolger zu finden. Die Professoren Botkin «der damals auch noch nicht der Judenfresser war, der er späterleider geworden), Rawitsch und ^andzert schlugen Zion vor. Doch die Majorität der übrigen Professoren bestand dazumal aus „rechtgläubigen 'Nationalisten", die sich unmöglich mit dem Gedanken vertraut machen konnten, einen Juden in ihrer Mitte zu sehen und sie stellten einen anderen Candidaten. Dr. Schkljarewski «ein Vollblutrusse), auf. Die Gegensätze verschärften sich und es ward eine Specialcommission ernannt, welche die wissenschaftlichen Arbeiten der beiden Candidaten prüfen sollte, um demgemäß ihre Entscheidung zu treffen. Diese Commission, welche ausschließlich, aus Antisemiten bestand, erstattete ihren Bericht und erklärte, daß sie besonders eingehend und streng alle wissenschaftlichen Arbeiten Z i o n's geprüft und in denselben nicht nur nichts Wissenschaftliches entdeckt, sondern gefunden, „daß dieselben außerordentliche Mängel geistiger Befähigung darthun, die Abwesenheit jeglicher wissenschaftlichen Bildung und die Gewissenhaftigkeit und Glaubwürdigkeit des Candidaten großem Zweifel unterziehen." Nachdem die Commission derartig alle Verdienste Zion's vernichtet und ihm resolut die Fähigkeit fernerer geistiger Entwicklung abgesprochen, kam sie selbstredend zu der Schlußfolgerung, daß es abfolnr ausgeschlossen sei, einem solchen Ignoranten den Lehrstuhl der Physiologie anznvertranen.