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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-05-10 · 19 (10.5.1895) · page 8

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
19 (10.5.1895)
Date
1895-05-10
Page
– (sequence 8)
Language
German
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s eite 348 Nr. 19 Dr. BlvÄr's Wochenschrift. diese Wendung an anderen Stellen des Talmud und des einschlägigen Schristthums sich an, welche wir als die zweite Schichte vou auf das Chriftenthum bezüglichen Mittheilungen der älteren rabbinischen Literatur bezeichnen können. Inzwischen breitete sich das Chriftenthum nach Westen auS, das Judenthum aber verlegte seinen Schwerpunkt nach Osten, nach Babylonien. Es ist klar, daß durch diese topographische Veränderung der letzte Verbindungsfaden zwischen Judenthum und Chriftenthum abgeschnitten wurde. Dieser Zeit gehörte die letzte, sozusagen die Diluvialschichte von talmudischen Nachrichten über das Chriftenthum au. In denselben ist natürlich schon der Parteizustand mehr oder minder schroff hervorgekehrt. Es werden hier Namen einiger Apostel, auch die Person Jesu genannt, die nicht zum Besten fortkommen, aber jeder unbefangene, sachverständige Benrtheiler sieht diesen Notizen sofort an, daß sie keine alten, ursprünglichen Nachrichten über die evangelische Geschichte, sondern parteiisch gefärbte Sagen enthalten, welche über das längst zur Weltreligion ausgewachsene Chriftenthum zu den Juden in Babylonien drangen oder unter ihnen entstanden mib von ihnen dem Talmud eiilverleibt wllrden. Wenn nun auch diese Notizen in den Tholdoth-Recensionen benützt wurden, so haben sie doch, wie Jeder sieht, für das Leben Jesu keinen größeren Werth, als Schiller's Wilhelm Tell für die Geschichte dieser sagenhaften Persönlichkeit, und ich kann nach dieser Sachlage die Ansicht des Herausgebers von dem wissenschaftlichen Werth des vorliegenden Büchleins, sowie der sämmtlichen Tholdoth-Recensionen, die irr denr arrgekündigten Werke gesammelt erscheirren sollterr, insoferrre es sich dabei um das wirkliche Leben Jesu handelt, nicht im Entferntesten theilen. Dagegen liegt der Werth der vorliegerrden „Geschichte Jesu von Nazareth" oder-vielmehr ihrer hebräischen Grnrrdschrift in einer anderen Richtnrrg. Die Grundschrift ist etwa zwischen dem achten und zehnter! Jahrhundert, aller Wahrscheinlichkeit nach in Italien, errtstanden, wo damals die Midraich-Literatur eine kurze Nachblüchc erlebte, und wirft ein interessantes Streiflicht auf die auch durch arrdere Erscheinnngerr bestätigten Zusammenhänge, welche zn jener Zeit rroch zwischen Judenthum und Chriftenthum trotz der schroffen Scheidung ihrer Bekenner bestanden. Irr dem Tholdoth-Bnche ist Jesus ein Talmudjünger, welcher, nachdem er sich in den Besitz des geheimnißvollen Gottesnamens gesetzt hat, mittelst desselben einen Theil der neutestamentlichen Wrrnder aussührt. Der Zauber mit dem Gottesnamen, den der Talmud noch nicht kennt, ist verhältnißmäßig jung, spielt aber in dem Aber- und Zauberglauben des 12. und 13. Jahrhunderts eine große Rolle. Es gibt auch eine christliche Schrift ans derselben Zeit, welcher das Tholdoth-Buch angehört, ebenfalls in Italien entstanden, worin die Wahrheit des Christenthums gerade so durch die wunderbare Wirkung des Gottesnamens erhärtet wird, wie in dem Tholdoth-Bnche. Diese Schrift handelt von der sagenhaften Disputation zwischen Christen und Juden, die unter Papst Sylvester I. vor dem Kaiser Constantin und seiner Mutter Helena stattgesunden haben soll. Hier tödtet der Jude einen Ochsen, indem er ihm den großen Gottesnamen in's Ohr ruft. Sylvester aber vollführt das größere Kunststück, daß er den todten Ochsen durch Anrufung des Namens Jesus Christus wieder lebendig macht. Die etwas seltsame, durch einen Ochsen vermittelte Judenbekehrung hat in der deutschen Nationalliteratur mehrfache Bearbeitung gefunden, so von Conrad von Würzburg, in der Kaiserchronik, im Laienspiegel u. s. w. (vgl. „Sylvester", herausgegeben von W. Grimm, Götttngen 1841). Ganz so, wie in der Sylvestersage der Zauber mit dem Gottesnamen durch einen gleichartigen wettgemacht wird, verhält es sich auch mit dem jüdischen Buche von der Geschichte Jesu. Denn hier wird Jesus durch einen anderen von den Weisen Israels angestifteten Talmudjünger besiegt, der ebenfalls durch den Zauber mit dem Gottesnamen Wunder wirkt. Es scheint sogar, daß ein direkter Zusammenhang zwischen der christlichen Sylvestersage und dem Tholdoth- Bnche besteht. Hier vollführt nämlich Jesus seine Wunder vor der Königin Helena von Adiabene, die bekanntlich mit ihrem Sohne, dem Könige Jzates im neutestamentlichen Zeitalter znm Judenthume übertrat. Liegt hier nicht ein merkwürdiges Zusammentreffen mit der Bearbeitung der Sylvestersage vor, in welcher die Disputation ebenfalls vor einer Königin Helena und ihrem Sohne (Constantin) stattfindet V Die Priori tütsfrage der Bearbeitung mag dahingestellt bleiben, aber das Zusammentreffen kann nur aus der Vermischung von jüdischen und christlichen Sagen erklärt werden, deren Bestand, wie schon bemerkt wurde, darthut, daß gegen Ende des ersten Jahrtausends christlicher Zeitrechnung das Chriftenthum noch tiefer im Fahrwasser des Jndenthnms dahinzog, als ihni bewußt war. Dem Judenthume erging es ähnlich mit dem Christenthume. Ersteres reclamirte nämlich die Begründer des letzteren für sich, zu welcher seltsamen Anschauung die Erinnerung an den Ursprung des Christenthums den Anstoß gegeben haben mag. Dem Tholdoth-Bnche ist der Abriß von einer Art Apostelgeschichte angehängt, in welcher Paulus unter Zustimmung der Weisen Israels sich gleichsam für das Judenthum opfert, indem er sich den Christen als einer der Ihrigen vorstellt und ihnen, gleichfalls unter zauberischer Anwendung des Gottesnamens, im Namen Jesu befiehlt, die Juden und das Judenthum zu lassen. Damit verfolgt aber Paulus, welcher hebräisch Elijahu heißt und als Revenant des Propheten dieses Namens zn denken ist, nur den Zweck, das Judenthum von den Adepten der neuen Lehre zu befreien. Paulus führt den ihm gewordenen Auftrag in der Weise ans, daß er den Christen Surrogate für die jüdischen Jnstitntionen und Feiertage gibt, also Sonntag für Sabbnth, Pfingsten für das Wochenfest n. s. w. Diese eigenthümliche Reklamation des Heidenapostels für das Judenthum steht nicht für sich allein da in dem jüdischen Schriftthume. In anderen Schriften aus derselben Zeit, welcher das Tholdoth-Buch angehört, opfert sich Petrus in der gedachten Weise für das Judenthum. Er gilt sogar als der Verfasser eines Gebetes, welches heute uoch in der.jüdischen Sabbath- Litnrgie vorkommt. Man ersieht aus diesen hybriden Sagengebilden, daß gegen Ende des ersten christlichen Jahrtausends Christen und Juden uoch nicht znm wirklichen Bewußtsein gekommen waren, was christlich und was jüdisch sei. Von dem Nebel dieser gemischten Vorstellungen hat man in dem Tholdoth-Bnche einen Niederschlag. Aber dieses Buch ist, wie gesagt, nicht das einzige Denkmal jenes Nebels. Da ich der erste war, welcher denselben aufzuklären versucht und auch das Tholdoth-Buch in den Kreis seiner Forschungen einbezogen hat (vgl. meine „Geschichte des Erziehungswesens und der Cultur der abendländischen Juden", U, Note [ und la), so bin ich wohl auch berechtigt, dem Herausgeber der vorliegenden Schrift den guten Rath zu geben, seine Untersuchungen in der angegebenen Richtung anzustellen, nicht aber Veranlassung zu der falschen Vorstellung zu geben, als ob die Juden eine Art geheimen Archives vou Schriften und Nachrichten über die Entstehungsgeschichte des Christenthnms und dessen Stifter besessen und erhalten Hütten. q- * * Nach Beendigung dieser Anzeige, zu welcher ich von der Redaktion dieses Blattes eingeladen worden bin, sehe ich zu meinem Bedauern, daß ich mit meinem guten Rath schon zu spät komme, wie ja dies überhaupt mit guten Rathschlägen gewöhnlich der Fall ist. In dem Märzhefte der „Gesellschaft" findet sich nämlich eine Anzeige der vorliegenden Schrift vou Herrn M e r i a u mit folgendem bedenklichen Nachwort: „Damit schließt das Tholdoth-Buch, das gewiß als hochinteressantes Dokument jenes merkwürdigen Volkes gelten kann, das leider immer noch viele seiner Schriften ängstlich geheim hält. Ich sage .leider', denn es ist meine feste lleberzengung, daß gerade infolge dieser Geheimnißkrämerei jene absurden Sagen entstehen, die zur Schande des neunzehnten Jahrhunderts immer und immer wieder anftancken und dann in jenen halb widerlichen, halb lächerlichen Ritualmordprocessen ihren Ausdruck finden."

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