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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-05-10 · 19 (10.5.1895) · page 7

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
19 (10.5.1895)
Date
1895-05-10
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 19 Dr. Blvch's Wochenschrift. Veite 3-17 wegen eines geringfügigen Diebstahls. Die Kriege sind noch immer scheußlich und die Seeränberei kaum aus der Mode gekommen. Seinen Lorellern ähnlich zu sein, ist demnach unter uns nicht ganz gefahrlos. Die Gewaltthätigkeiteu unserer Ahnen muß nach den Gesetzen des Aiavismus von Zeit zu Zeit wieder auftauchen. Diese Gewaltthätigkeit war in Folge einer laugen Gewohnheit ein Znstinct geworden; es braucht Zeit um andere Jnstiucte zu schaffen. „Gestern", sagt Galten in seinem Buche: Hereditary genius, „gestern war der Mensch noch ein Barbar; man darf deshalb nicht verlangen, daß die natürlichen Fähigkeiten seiner Rasse sich schon im Berhältn'ß zu den wirklichen Fortschritten nmgestaliet hätten, die er gemacht hat. Wir Menschen der Neuzeit, wir sind wie Bestien, welche in ein Land verpflanzt sind, das ungewohnte klimatische Verhältnisse und Nahrung bietet. Unsere Instincte gehen in diesen veränderten Verhältnissen irre." So lauten die Naturgesetze." So weit Alphonse de Candolle! C. Vogt fügt hinzu: „Ich wüßte nicht, wie man den Kern .der ganzen ekelhaften Treitschkerei und Stöckerei, die jetzt in Deutschland umgeht, besser herausschälen könnte, als dies Alphonse de Candolle, der berühmte Botaniker, in seinem 1873 in Genf erschienenen Buche thut, in welchem man freilich die vorstehend übersetzte Stelle nicht vermuthen sollte; denn dieses Buch führt den Titel „Geschichte der Wissenschaften und der Gelehrten seit Zwei Jahrhunderten". (Histoire de Sciences et de savants depuis donx siecles.) Aber gerade weil selbst Historiker wie Treitschke dieses Buch vielleicht nicht gelesen haben werden (was kümmern den Dvli Quixote der Geschichtswissenschaften die Naturwissenschaften?) habe ich die ganze charakteristische Stelle fast wörtlich übersetzt. Sie rührt von einem Manne her, dessen Vorfahren als Protestanten aus Frankreich nach Genf flüchteten und der in der Botanik denselben hohen Rang erklommen hat, welcher! sein Vater vor ihm einnahm. Eine alte Naturforscherfamilie — und so hat denn auch Alphonse de Candolle die Verhältnisse ganz objectiv mit dem Auge des Naturforschers untersucht. „Endlich", ruft Carl Hillebrand, mein engerer und engster Landsmann, denn wir sind beide in Gießen geboren, bei dem Anblicke der Berliner Protestation gegen die Judenhatz aus. „Endlich! Wie haben wir darauf gewartet! Schämte man sich doch, einem Ausländer in's Auge zu blicken." „Lieber Mitbürger", möchte ich ihm sagen, „ich kann auch rufen: Endlich! Wie lauge habe ich gewartet!" Aber nicht auf die Replik, sondern auf den Sturm selber. Das Barometer sank tiefer und tiefer, alle Anzeichen waren da — sollten die Naturgesetze diesmal ein Loch bekommen? Nein! Sie haben sich auch diesmal bewahrheitet. Der Sturm ist da, weil er kommen mußte. Sucht doch nicht nach speciellen und besonderen Ursachen. So viel sie auch ableugnen wollen, der Glaubensfanatismus, der Neid, die niedrige Habsucht spielen allein ihre Rolle mit, aber der Grund und Boden ist die alte Barbarei, die einen Gegenstand sucht, gegen den sie ihre überstrotzende Gewaltthätigkeit ausüben kann und glaubt, diesen Gegenstand in dem ihnen unangenehmen und überlegenen Judenthum gefunden zu haben. Es muß gestürmt werden; nach dem äußeren Düppel wurde das innere Düppel gestürmt, nach dem Franzoseukriege der Vatican, nach diesem der Socialismus und jetzt, wo kein anderer Krieg in Sicht ist und man doch die Brutalität nicht im Leibe behalten kann, muß der Jude herhalten. Haut ihn! Warum? Weil er gescheiter ist als ihr? Ich kann wesentlich aus den meisten Vorwürfen, welche den Juden gemacht werden, nichts Anderes herauslesen, als den Ingrimm des geistig zurückstehenden gegen die höhere Intelligenz, gegen die ältere und tiefer eingedrungene Civilisation. .... „Die Juden beherrschen den Geldmarkt und damit die Börse, den ganzen Handel und Credit. — Sehr möglich — aber wie könnte eine kleine Minderheit dieses fertig bringen, wenn sie nicht mit überlegener Verstandeskraft ausgerüstet wäre und mit größerer Nachhaltigkeit und Energie arbeitete? — Die Juden haben mehr Aemter inne, sie zählen mehr Advocaten, mehr Aerzte, als sie dem Verhältniß nach haben sollten! — Wahrscheinlich — aber bei der entschiedenen Abneigung mancher Regierungen zugleich doch der sprechende Beweis, daß sie befähigter find oder wenigstens ihre Fähigkeiten auf richtigen Pnnkt zn coueentrirten wissen. — Der ganze Reichthum des Volkes kommt nach und nach in ihre Hände! — Sehr rvahrscheinlich, denn sie saufen nicht wie Ihr, verthuen nicht mehr Geld als sie haben, sparen, sind häuslich, führen meist ein tadelloses Familienleben, arbeiten unermüdlich früh und spät mit Intelligenz — wie könnte es ihnen fehlen? Macht es ebenso und ihr werdet ebenfalls reich werden. Aber nein! de Candolle hat ganz recht: In Euch wühlt noch der finstere Geist der barbarischen Ahnen, die den friedlichen Kaufmann auf der Heerstraße überfielen und plünderten! O edle Barbarei, angeführt durch Junker und Pfaffen! Man hat sie groß gezogen mit Kriegen und Gewaltthätigkeiten aller Art und nun sic die dünnen Hüllen gesprengt hat, mit welchen man sie vermummte, mm wundert man sich, daß sie sich reckt und jenem in das Gesicht schlägt, weil er eine krumme Nase hat, diesen au der Gurgel packt, weil er einen gefüllten Geldbeutel besitzt, einem Dritten ein Bein stellt, weil er auf hohem Platze steht! Mag mein Landsmann Hillebrand noch so schamroth werden in Florenz: — sie mußte aufbrechen, diese Knüttelblüthe der Barbarei, der raub- und rauflustigen Rohheit, und man irrt sich sehr, wenn man glaubt, daß Fortschrittspartei und Liberale kräftig genug feien, sie herabzuschütteln. Sie rühmen sich sogar ihrer Barbarei! Wie über diese, so wird Hillebrand auch noch über manche andere Blüthen der Barbarei schamroth werden müssen, denn die Jndenhetze ist nicht die letzte! Naturgesetze lassen sich nicht umgehen, sondern müssen ihren Lauf haben." Ein jüdisch-deutsches Leben Jesu?) Das unter dem vorstehenden Titel soeben erschienene Büchlein ist nach dem Vorwort der Vorläufer eines größeren Werkes: „Das jüdische Leben Jesu in seinen verschiedenen Fassungen". Die verheißungsvolle Ankündigung könnte glauben machen (wie dies denn der Herausgeber selbst zu glauben scheint), daß in dem jüdischen Schriftthum alte ^Nachrichten über den Mister des Christenthums enthalten seien, welche in den verschiedenen Recensionen des hebräischen Schriftcheus: .,Tholdoth Jeseha ha-nozriu (Geschichte Jesu von Nazareth), wovon hier eine jüdisch-deutsche Fassung vorliegt, Verwendung gefunden hätten. Dem ist in Wirklichkeit nicht so. Man kann nicht, wie der Herausgeber (S. 6) thut, vor „spärlich gewordenen", oder von „alten, verloren gegangenen Talmudstellen" reden, die Historisches über Jesu mittheilen und die in den Toldoth- Recensionen aufbewahrt sein sollen, vielmehr ist es Thatsache (worin eine zwar stille, aber nicht belanglose Kritik aller bisherigen und künftigen „Leben Jesu" liegt), daß der Talmud ebensowenig wie Josephus (mit Ausnahme einer interpolirten Stelle) und Philo von Jesus weiß. Allerdings kommen zahlreiche, bei Weitem noch nicht genügend vcrwerthete Stellen im Talmud vor, welche auf die evangelische Geschichte mehr oder minder deutlich Bezug nehmen, aber man muß unter diesen verschiedene Schichten unterscheiden. Die ältesten kennen ein „Evangelium" und Adepten desselben, die „Philosophen" genannt lverden. Sie enthalten Religionsgesprüche, die aber auf eine so harmlose Art geführt werden, wie sie wohl zwischen verschiedenartig gesinnten Bekennern einer und derselben Religion, aber' nicht zwischen Angehörigen verschiedener Religionen, im vorliegenden Falle also zwischen Juden und Christen, denkbar sind. Es handelt sich auch bei diesen Controversen gar nicht um Dogmatisches, sondern um Rechtsfragen, die schon als solche mit den Grundunterschieden von Jndenthum und Christenthum nichts zu thun haben. Je mehr die neue Lehre;um förmlichen Christenthum sich ausrvuchs, desto deutlicher kündigt *) „ISin jüdisch-deuischcs Leben Jesu. Gc'chichle Jem von 'Jü'uau’tfi, geboren im Jahre 37tjO seil Erschaffung der Welk." Bon Tr. Erich Bischofs. Leivüft. Berlag von Wiihelm Friedrich.

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