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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-05-10 · 19 (10.5.1895) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
19 (10.5.1895)
Date
1895-05-10
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 19 Dr. Blvch's Wochenschrift. aufgeschrieben hätten, es könnte nichts Schöneres und Erhebenderes dabei herauskommen. Man bedenke aber auch die Entstehungsart dieses Programms. Eine Commission aus sechs Herren, bon denen — wie die „Westfälische Reform" treu berichtet — ein jeder einer anderen Anschauung huldigt, berieth in dreitägiger, angestrengter Arbeit über das Wohl und Wehe des Vaterlandes und entschied über sein Los. Das Product dieser Arbeit ist daher nicht blos originell, sondern auch vielseitig, und es dürfte kaum ein Nebel geben, für das in diesem politisch-homöopathischen Gesundheitsbuch kein probates Mittel vorhanden wäre. Die leitenden Gedanken dieses merkwürdigen Programm- Entwurfs sind Freiheit, Vaterland und Volks wo hl. Wie stolz das klingt! Man sieht, Alles, was Herren schaffen, trägt den Stempel des Großen und Erhabenen. Es gibt freilich Leute, die diese hohen Principien dahin interpretiren: Freiheit, auf die Juden in Marktausdrückeu zu schmähen; Vaterland, soweit es etwas einbringt, und Volkswohl, Vorträge gegen Entree. Das ist selbstverständlich eine niederträchtige, böswillige Verleumdung, denn die neue Volkspartei Ahlwardt's bezweckt, wie der interessante Entwurf ausdrücklich betont, „alle Elemente des deutschen Volkes zu sammeln, welche Freiheitlichkeit, Gerechtigkeitssinn, Treue, Vertrauen und Ehrlichkeit, als in der deutschen Stammesanlage begründete Eigenschaften, anerkennen und gewillt sind, dieselben in ihrer eigenen Lebens- und Eharakterführung zur Geltung zu bringen". Das sind wahrlich Dinge, die uns bis heute völlig unbekannt waren. Diese komischen Dichter und Denker, die icus immer von menschlichen Gefühlen und menschlichen Tugenden sangen und redeten, sie Hattert von der wahren Moralphilosophie keine blasse Ahnung, beim nun verkündet uns der große Prophet mit der elementaren Gewalt seiner Rede, daß die höchsten Tugenden, wie Gerechtigkeit, Treue, Ehrlichkeit und Vertrauen nur deutsche Stammeseigenschaften sind. Die ganze Sittenlehre ließe sich also dahin zusammenfassen: Alles Germanische ist gut und edel und alles Gute tlud Edle ist germanisch. Die nach der Veredlung der Menschheit streben, sollen es einfür allemal aufgeben, Menschen, in deren Adern kein germanisches Blut fließt, zu einer sittlichen Hohe bringen Zn wollen. Sie sollen nur dafür sorgen, daß die einzigen legitimen Sohne der Cnltnr und der Moral, die Germanen, und namentlich die auserwählteu arisch-germattischen Antisemiten, die Herrscher in der Welt oder wenigstens in dem nenzuschaffenden Groß-Dentschland werden. Wir werden auch die Geschichte, die es wagt, von ben Eulturwerken und sittlichen Bestrebungen anderer Völkerstämme oder gar der Semiten zu reden, öffentlich verbrennen, denn sie ist entschieden zu Gunsten der Juden gefälscht. Die wahre Culturgeschichte und die reine Sittlichkeit beginnen erst mit Ahlwardt und seinem judenreinen Zukunftsstaat. Das sind Lehren, die sich Jeder merken sollte, denn sie sind phänomenal. Diesem großangelegten Plane der neuen privilegirten Weltanschauung entsprechen auch die fein und sorgfältig ausgearbeiteten einzelnen Forderungen. Die weisen Herren verlangen: „Den Zusammenschluß aller deutschen Stämme unter Wahrung ihrer Eigenart und berechtigten Sonderinteressen. Das Deutsche Reich hat allen deutschen Stämmen auch außerhalb der ReichSgreuze Schuß zu gewähren." Das nennen wir Politik im Großen treiben; die Herren beschränken sich nicht, wie die anderen Parteien, ans die iunere Politik allein, nein, in ihrem großen Sinn umfassen sie auch die äußere Politik, die ganze Diplomatik, llnd wie kühn und wie originell fassen sie die Sache an! Auf solche geniale Ideen ist ein Bismarck im Leben nicht gekommen, und wir vermögen kaum zu ahnen, zu welcher Höhe Ahlwardt das Vaterland bringen würde, wenn e r erst Reichskanzler wäre. Es wird uns fast schwindlig vor den Augen, wenn wir unfern Blick auf den Ahlwardt'schen Slump richten. Freilich werden uns vorläufig die Wege und Mittel nicht angegeben, die zu diesem himmlischen Ziele führen, aber der Geist schafft sich Seite 343 selbst die Form, und unser Ahlwardt, der Liebling der Germania, war noch nie um ein Mittel verlegen, wenn es galt, seine edlen Ziele zu erreichen. Ein großer Theil des Entwurfs wird der Lebensaufgabe des großen Reetors, der Lösung der „brennenden" Jndenfrage gewidmet. Die Ausscheidung alles Jüdischen aus dem Staats-, Volks- und Geistesleben wird als eine cwnäitio sine gnn mm für den Jdealstaat hingestellt. Rur schade, daß die Herren uns nicht definiren, was eigentlich i ü d i i ch ist. Es ist dies durchaus nicht selbstverständlich für Einen, der mit einem judenriecherischen Srgan nicht gesegnet ist. Ja, es scheint sogar, daß die alten Antisemiten selbst davon keine klare Vorstellung haben und oft von ihrem arischen Justiiret ein Hanprfaewr im Ahlwardt'schen Sustem der Anthropologie im Stich gelassen werden. Denil die früheren Freunde des großen Propheten charakterifiren oft seine Handlungen o, diele Schmach - a l s jüdisch, tiitd er selbst nannte vor einigen Tagen die Bielefelder Antisemiten, die ihm das Handwerk schmälerten und öffentlich vor dem Besuch seiner Versammlungen warnten, die neuste Jndenschutztruppe. Wer ist also jüdisch und wer judenrein? Ter lakonische Sab im Programm: „Als Kennzeichen des Jndenthnms ist die Rasse zn betrachten", klingt fast ironisch. Deuit von den sprachlichen und logischen Unmöglichkeiten des Satzes ganz abgesehen, möchten wir ganz ergebenst fragen, woran man denn eigentlich die Rane erkenne. Es gibt in ganz Deutschland kaum eitlem Alaun nichtantisemitischer Gesinnung, von dem nicht Ahlwardt schon einmal behauptet hat, er sei Jnden-Abkvmmling. Die Rassenrhorie ist eben etwas dunkel. Run wäre es allerdings im Sinne der neuen antisemitischen Moral allen denjenigen, die nicht Aliiglieder der neuen Aliniamrpartei werden und sich nicht durch ein Abonnement auf das „Bolksrecht" als Germalten legitimiren können, das Bürgerrecht zu entziehen und arrs dein Lande zu jagen, praktisch dllrchführbar ist die Sache aber kaum. Wie soll man also die Reinheit der Rasse prüfend Soll das Blnt eines jeden Bürgers im Reichsgesundheitsamt chemisch und pathologisch urrtersucht werden? Wie viele Generationen müssen vergehen, wie viele germanische Ahnen nrnß man Nachweisen, um als Richtjude zu geltend Wie kurz muß die Rase, wie blond das Haar und wie durstig die Kehle sein, um von den Herren Antisemiten als würdiger Bruder anerkannt zu werdend Das wären wahrlich ernste Fragen, die ein jedes antisemitische Gemüth schwer bedrücken uitb die eine gründliche Berathnng auf einem antisemitisch-anthropologischen Eongreß erheischen. Wenn man Herrn Ahlwardt als zu radical verschrien hat, so ist das nicht ganz richtig. Er läßt, wenn es die Umstände kategorisch gebieten, mit sich handeln, und da die lehnlichst erwartete Austreibung der Juden bei der heutigen Regierung nich so leicht zu erreichen ist, io begnügt er sich in seiner bekannten Bescheidenheit vorläufig mit folgendem Wunschzettel: „1. Ausschließung der Jndeir und Jttdelimischlinge aus allen öffentlichen Aemtern und aus dem Rechtsamvalts-, Aerzte- und Lehrersrande, soweit sie hierbei mit Deutschen in Berührung kommen, sowie ans der deutschen Presse; 2. Ausschließung der Juden aus der Armee; 3. Verbot der Judeneinwandernng; 4. Verbot vom Halten iveiblichen Personals arischen Stammes; Unterricht der Inden in besonderen Schulen; 6. Verbot der Führung deutscher Ramen und Firmen; 7. Einrichtung einer Jndenstatistik; 3. Ausschließung der Juden von öffentlichen Lieferungen und Verpachtungen: 9. Verbot des Schächtens." Man sieht also, die antisemitischen Fdealisten können auch praktische Politik treiben. Sehr human sind freilich diele gewünschten Maßregeln nicht, aber das dnmme Wort ist längst veraltet und gehört in's antisemitische Lexikon nicht hinein. Die Juden sollen also aus öffentlichen Aenuern ausgeschlossen werden. Run, das ist kein frommer Wunsch, das geschieht schon

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