Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 19 (10.5.1895)
- Date
- 1895-05-10
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Nr. 19 Seite 344 Dr. Bloch's Wochenschrift. feinde man vcrstatte das bezeichnende Wart — nicht minder. { Auch Panlns Atelier, sein Intimus, lvar - (leider!) — I Jude. Und dach Dcckert's liebste Gespielen! Vielleicht waren sic ein paar versprengte — „Israeliten". Ja, ja, so wird cs schon gewesen sein . . . Gr ist durchaus nicht engherzig. Die Protestanten crsrenen sich ganz des gleichen Wohlwollens wie die Juden. 'Auch sic erregten die hochgehenden Schlammwcllen der D e ck c r L'schen Kanzelberedsamkeit. Es ist übrigens nicht unmöglich, daß ihm jetzt das schmutzige Handwerk gelegt werden wird. Unsere Maßgebenden und Hochmögendcn werden es doch nicht dulden, daß die Protestanten — man denke doch, eine gesetzlich anerkannte ReligionsgcscUschaft! — im öffentlichen Gotteshausc gelästert und mit gesprochenem Unrath beworfen werden. Das kanll doch unmöglich erlaubt werden. Nunmehr wird etwas geschehen muffen — zum Rechrsschutzc der Protestanten! . . . Das Decke rr'fchc Geschäft geht gottlob recht gut. Gerade am ersten Sonntage der neu verschärften Sonntagsruhe zeigte sich die Ohnmacht dieser Gesetzesbestimmungen gegenüber dem Pfarrer von Weinhaus, denn der Hausflur feines PfarrhofeS war zur Buchhandlung adaptirt! Gleich an der Pforte stand ein großer, mit seinen antisemitischen Druckschriften angchäufter Bcrkaufstisch, und den ganzen Tag über wurden das „Inden-Vaterunser", der „Sendbote", ein Ritnalmord-Buch n. dgl. feilgeboten, massenhaft vcrtheiltc Zettel empfahlen den Kirchenbesuchern alle diese herrlichen Werke Dr. Dcckert's. Die patentirten Kcuschheitsgürtel ü 1a heiliger Josef gingen gewiß auch reißend ab, ebenso das Buch des P r anaitis. Ja, das ist ein Mords buch! Es heißt: „Das Christenthum im Talmud der. Juden", enthüllt von I. B. Pranait is, übersetzt und erweitert von Dr. Joseph Deckert" und ist im Vorjahre herausgckommen. Wer ist dieser Pranaitis eigentlich? Wir find in der Lage, die Antwort auf die Frage nach diesem edlen Geistes- und Gesinnungsgenossen Dcckert's zu crtheilcn. Pater Jnstinian Pranaiti S ist derselbe Priester, der den Kaufmann Buff in Wassili-Ostrow auf cigeuthümliche Weise um 1000 Rubel geprellt hat. Ein Unbekannter, der sich Lukaschcwitsch nennt, bringt in die Bilderhandlung „Aranzo", deren Chef Buff ist, ein auf Metall gemaltes Bildchen, dessen Rahmen zu vergolden ist. Durch Unachtsamkeit füllt beim Herausuchmen die Metallplatte in's Feuer, das Gemälde wird versengt. Lukaschewitsch kommt es abzuholen, ficht den Schaden und erkärt, das Bild gehöre nicht ihm, sondern dem Pater Pranaitis, welcher alsbald herbeieilt, ein gewaltiges Geschrei erhebt: Ein Murillo, ein echter Murillo! 3000 Rubel werth! sei unwiederbringlich zerstört und er gehört eigentlich dem Bruder des verstorbenen katholischen Metropoliten Alexander Gintowt, dem Amon Gintowt. Pranaitis erbot sich, 1000 Rubel Schadenersatz von Buff anzunehmcn. 500 Rubel erhielt er sofort — öOO in Form eines Wechsels. Später erfuhr aber Buff, daß er schändlich geprellt worden sei, daß Murillo niemals derartige Sujets, niemals auf Blech und auch nicht in diesem Format gemalt habe. Die Professoren der Petersburger Akademie bestätigten diese Ansicht. . . . Das ist der Mann, dessen Buch De cke r t angeblich übersetzt, jedenfalls aber herausgegcben hat. Gleiche Seelen finden sich. Das Werk desselben Pranaitis, Editio De ckert, verdient als eine monumentale Leistung moderner Fälschung bezeichnet zu werden. Alle Gauncrkniffe und Zuchthausgriffe, alle Handwerks-Praktiken und Fingerfertigkeiten der Niedertracht find darin enthalten von der einfachen Verdrehung oder Unterschiebung bis zum prachtvollen Lügengewebe dessen Kette scheinheilige Bosheit und dessen Einschlag herzhafte. Nichtswürdigkeit heißt. So schillert cs dann zwiefärbig in der Sonne, wie man es eben hält. Und doch geht ein gewisser frisch-fröhlicher Zug durch das ganze Buch, so eine Art naiv-alberner Freude an der eigenen Grundschlechiigkcit. . . DaS find die berufenen Richter, die über die Ethik des Judenthums zu Gerichte fitzen und den Stab brechen. * * Es war vor nahezu vier Dcccnnien, als ebenfalls im Monate Mai in der Kirche zu Nolrc-Dame in Paris eilt Diener der katholischen Kirche vor frommen Zuhörern von den Inden und von dem jüdischen Volke sprach. Jener katholische Priester genoß einen Weltruf als Kanzclredner und der rief seiner andächtigen Gemeinde zu: „Vergesscu Sie nicht, daß das jüdische Volk wahrhaft das Volk Gottes ist und wird es immer 'sein. . . . Volk Gottes, Du hast der Welt die bis dahin unbekannten Gedanken der Brüderlichkeit, der Gleichheit und der Barmherzigkeit geoffenbart! Und weil Du deine Religion und Dein Vaterland in Gott gesetzt hast, hat man dich verfolgt, zerstreut, bekämpft. Vergeblich: — Dein Glaube, Deine Kraft sind unzerstört, unzerstörbar geblieben, wie der einzige Gott, der immer Dein König gewesen ist." „Seht Ihr nicht, wie Israel allen Hassern trotzt? Daß die Gcwaltthätigkeit des Tyrannen, die feingesponnenen Ringe feindseliger Machthaber gegen dasselbe nicht aufkommen? Daß kein Anzeichen sein Ende oder seine Auflösung andentct? Versucht es einmal: Grabet ihm ein weites, tiefes Grab, vermauert cs, so fest ihr wollet, stellt auch Wachen an dasselbe, lächelnd wird sich Israel erheben uitb Euch beweisen, daß alle äußeren Gewalten nichts ansrichten, gegen den Geist." Dieser Prediger war eben kein — Rassentheoretiker! Das „Neueste" von Ahlwardt. Während wir gewöhnliche Sterblichen, die wir uns von irdischen Gelüsten nicht frei machen können, an den herrlichen Ostertagen in die freie Natur hinanspilgerten, um da Zerstreuung und Anregung zu suchen, während wir den politischen Staub von unseren Füßen schüttelten, um unsere Seele für die Frühlingsreize empfänglich zu machen, währenddessen wachten die größten Helden Deutschlands über das Wohl des Vaterlandes in väterlicher Treue. Ahlwardt, Böckel und Anhang hatten sich nach Leipzig, der Hochburg des Judenhasses, begeben, um in den freien Stunden, die ihr edler und verantwortungsvoller Berns ihnen gelassen hat, endlich die heikle, sociale Frage ebenso kühn, wie gründlich zu lösen. Zilm ernsten Thun war da die kleine auserlesene Schaar der reinen, radiealen Antisemiten versammelt. Mit finsterer Miene schauten die weisen Männer drein, von den Denkerstirnen rann der Schweiß, man sann und grübelte, wie man das deutsche Volk und seine Zukunft retten soll. Und das Bemühen der großen Geister war von Erfolg gekrönt, der antisemitische Schntzgeist segnete das Wirken dieser selbstlosen Männer, er erleuchtete ihr Gehirn und sie erzeugten ein Werk, groß und einzig, ein Werk, von dem noch die späteren Generationen mit Stolz und Bewunderung sprechen werden. Nun jauchze und frohlocke, thenres Vaterland, denn siehe, dein Erlöser naht, das lange gesuchte Mittel zur Rettung des Volkes, zur Beseitigung alles Elends ist gefunden, und es offenbart sich uns ein neuer Himmel voll Glück und Seligkeit, und verscheucht sind alle Wolken, getrocknet alle Thränen und geheilt jeder Schmerz. Trübsal und Roth sind für ewig verbannt, geschwunden ist die Sorge vom menschlichen Herzen, und die Sonne des wahren Glückes leuchtet ben arischen Erdenkindern in ihrem majestätischen Glanze, und das Alles hat in seiner unendlichen Menschenliebe — Ahlwardt gethan. Ja, das herrliche, seligmachende Programm der politischen Dnettisteu Ahlwardt-Böckel ist endlich da und es übertrifft alle unsere Erwartungen, obwohl wir sie bei solchen bewährten Meistern naturgemäß hochschraubten; wenn wohlbestallte Sextaner sich in den Ferien zur Gründung eines neuen Staates voll von Chocolade und Marzipan und ohne Karzer und Prügel znsammengethan und die weisen Grundsätze ihrer Staatswifsenschaft fein säuberlich ohne Tintenktexe und richtig orthographisch