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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-05-10 · 19 (10.5.1895) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
19 (10.5.1895)
Date
1895-05-10
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 19 Dr. Bloch's Wochenschrift. Seite 343 Auch rin Vassrnthrvrrtikrr. Der Pfarrer Deckert verspürt wieder einmal den unabweislichen Drang, etlichen Staub um sich herum aufzuwirbelu. Das Fest des heil. Josef bietet ihm hiezu erwünschte Gelegenheit. Sieben „Stuck" Conferenzpredigten kündigt er an, und hat auch etliche davon bereits glücklich vom Stapel gelassen. Wovon spricht ein Pfarrer Deck er t? Dom Talmud und von den Juden — von den Inden und voni Talmud. Man kennt den Text und die Melodie. Sogar die Mindergebildeten — die besonders. Dieser Priester der Liebe predigt sein Evangelium des Hasses, wie er es sich selbst zurechtgestutzt hat. Er hetzt, er stachelt und er schürt, daß es eine Lust ist. Er ist so recht der Mann dazu, die Bestie im Menschen aus ihrem Halbschlummer auszurütteln, sie wach und bei guter Laune zu erhalten. Das versteht er, wie Keiner. Nunmehr ist er Rassenantisemit vom reinsten Weihwasser, allerdings Rassenantisemit mit Hindernissen. Die liegen in der Sache selbst. Mit jesuitischen Spitzfindigkeiten sucht er um sie herumzukommen. Sehen wir näher zu. Josef — Maria — Johannes — die Evangelisten — die Apostel— die meisten Heiligen — Alles unverfälschte Rassenjuden, und Christus selbst, der Sohn Davids! Das ist leider nicht wegzulengnen. Schwerer Fall! Deckert's Geist ist jedoch nicht blos in Klapp-Dillen in der Uhr — beguem in der Westentasche zu tragen — und nicht allein im Patent-Kuppelfach erfinderisch. Was thut da unser edler Freund? — Er macht einen feinen Strich. Der trennt Haarschars Juden von Israeliten — nichtswürdige Juden von edelgesinnten Israeliten. Unterscheiden wir also möglichst genau. Der jüngste Rassennntisemit wünscht blos die Herren Inden ein bischen todtzuschlagen, den Israeliten fügt er kein Leid zn. Sehr liebenswürdig in der That. Aber — jetzt kommt die Pointe! — Israeliten „gibt es heute leider gar keine" mehr. Die Spielart ist gänzlich ausgestorben. Schade! Juden sind dafür genug und sogar zu viel da. Ans die wird munter losgeschlagen. Nur zu! Außerdem unterscheidet Deckert noch Unterabtheilungen: wahre und falsche Juden, wahre und falsche Israeliten! Wer von seinen Zuhörern bei diesem Blödsinn den Derstand nicht verliert, der hat wahrlich keinen zu verlieren. In Hellen Schnuren laufen sie ihm noch zu. Die Kirche ist immer zum Erdrücken voll, wenn er derartigen Unsinn losläßt. Und immer dasselbe; denn als erfahrener Theatermann setzt er nie ein Stück vom Repertoire ab, so lange es noch zieht. Es zieht noch! . . . „Ist es nicht sehr merkwürdig" — meinte der Herr Hetzprediger mit heuchlerischem Augenansschlag — „daß wir auch hier bei unserem Hochaltäre Bilder finden, welche Israeliten darstcllen?" Gleich darauf folgte die nähere Ausführung des Rassenstandpunktes, welche in dem schönen, wenn auch nicht mehr ganz neuen Satze gipfelte, der den sittlichen und oratorischen Höhepunkt des geistlichen Dortrages bildete: „In der Rasse liegt die Schweinerei!" Die Rassentheorie und das unerbittliche Gesetz der Vererbung lassen nach Deckert auch Ausnahmen zu, z.B. Illv nono(!), Erzbischof Kühn, Dominikaner P. Weiß. Die haben den Juden, der sich gewöhnlich nicht „erkaufen" läßt, doch glücklich „ertauft". Das muß schwer sein, denn es gelingt selten — blos ab und zu. Diese nagelneue Rassentheorie Patent Deckert — Musterschutz in den meisten Staaten, vor Nachahmung wird gewarnt — wird, als vom lieben Gott selber eingesetzt, in Verschleiß gebracht. Nach Deckert, dem Erfindungsreichen, wäre sogar die katholische Kirche sebft rassenantisemitisch gesinnt! Davon ist zwar gerade das Gegentheil wahr — die Bekehrnngsversuche mit Güte und Gewalt Jahrhunderte hindurch! die Missionen und die ganze Propaganda! — aber über derlei Kleinigkeiten fetzt sich ein wahrhaft großer Geist mit eleganter rednerischer Wendung flüchtig hinweg. Gänzlich unerwähnt aber läßt er, daß sein eigener Herr Papa drei würdige Söhne erzeugt hat, von denen zwei wiederholt abgeftraft wurden — der dritte allerdings bloß einmal. Aber das hat ihm durchaus nichZ geschadet, denn er ist nach eigener Versicherung trotzdem noch ganz unbescholten. Einer der Brüder saß wegen Diebstahls, der andere hat die kleine Eigenheit, sich zur Reise in die Heimat immer eines primitiven Vehikels zu bedienen, welches jeden Comforts der Neuzeit entbehrt, des sogenannten „Schubwagens." Sogar die Patentkuppelung fehlt noch daran. Der Angehörige dieser Familie tritt als fanatischer Vorkämpfer der Rassentheorie, der Lehre von der Vererbung auf. Das regt zum Nachdenken an. — Der Mann, von dem Alle, die mit ihm geschäftlich verkehrten, einstimmig behaupten, er hatte sie stets tiichtig über's Ohr gehauen, oder es zumindest versucht, wünscht ferner, daß das unredlich erworbene Vermögen der Juden „zuriickgegeben" werde. Wem? Ihm? Das unredlich Erworbene der Arier wird nicht erwähnt, verbleibt somit, wo es ist. Die Luftvillencoustrncteure, Patentknppler, Blutmürchendichter und Keuschheitsgürtel-Derschleißer haben somit nicht das Mindeste für ihr Eigeuthum zu besorgen. Obwohl der Erzvater Jakob niemals Geschäfte ü ln Weinhaus Limited gemacht, wird er dennoch als Betrüger schlechtweg hingestellt. Sein Ringen mit dem Engel erfährt die unflüthigste Deutung. So gibt es Menschen, deren unsaubere Gedankengänge stets auf das Niedrige, Infame und Erbärmliche gerichtet bleiben und die mit wollüstigem Behagen gerade immer dort den Schlamm aufwühlen, wo er am tiefsten ist. Und wo keiner ist, dort tragen sie ihn hin. Eine solche sprudelnde Fülle von Ignoranz auf allen Gebieten des menschlichen Denkens, wie sie dieser Deckert entwickelt, ist wohl noch niemals auf einer Kanzel geleistet worden. Dieser Mensch, der nachtweisbar keine hebräische Zeile lesen und übersetzen kann, urheilt über Bibel und Talmud mit einer Unverfrorenheit ab, mit der Sicherheit, wie sie nur die vollständige Unwissenheit verleiht. Deckert erzählt: „Ter berühmte Domprediger V e i t h, der bekanntlich jüdischer Abstammung gewesen sei, habe einmal das Buch I c s a i a s seines Vaters durchblüttert und dabei gefunden, daß das 53. Capitel, welches die Weissagung enthält, v e rklebt war. Als er seinen Vater — selbstverständlich einen ebenfalls „nicht wahren" Israeliten — darob interpellirte, habe der junge V e i t h von seinem Papa statt jeder anderen Antwort eine — Ohrfeige erhalten." JesaiaS ist nicht verklebt: für die Juden, Herr Deckert, wenigstens nicht. Für Sie allerdings. Für Sie aber sind nicht blos altes und neues Testament, sondern auch der ganze gesunde Menschenverstand, Logik und Vernunft, dicht und hermetisch verklebt. Siebenjährige Judenkinder lernen Jesaias auswendig! Merken Sie sich das gefälligst. Zu den unsterblichsten Verdiensten des Judeuthums gehört es, daß es den Urtext der heiligen Schriften rein und unversehrt zu erhalten gewußt har. Wir haben eine eigene Wissenschaft, eine Art biblischer Statistik, welche die Worte und Buchstaben zählt und registrirt. Und da sollten ganze Capitel gleich so ohneweiters geheimgehalten sein! Da erfrecht man sich, so ohneweiters von einer durch die Juden verfälschten Bibel in den Tag hinein zu schwatzen! Andere Confessioncn haben die Bibel verfälscht und verballhornt und wie sie sie eben brauchten sich zurechtgclegt. Glicht wir waren es, die die heiligen Schriften dem Laien vorenthielten, und ihm verboten, darin zu lesen, sondern ganz andere Leute! Mit vor Wehmuth förmlich zitternder Stimme, die mit der früher von demselben Redner leider nur zu oft angewandten Tonart so angenehm eontraftirte, rief Dr. Deckert für die Verblendung des armen, irregeführten und durch seine Rabbiner bethörten, jüdischen Volkes das innigste Mitleid der Christenheit an. — Wer vermöchte da ernst zu bleiben! Sonderbar, daß dieser Rassentheoretiker selber am liebsten mit „ertauften" und „unertauften" Semiten zu thun hat. Sein Rechtsfreund ist Judenstämmling und seine Geschäfts-

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