Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 19 (10.5.1895)
- Date
- 1895-05-10
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3020846-3021061-3021081--04532-3028723- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 342 Nr. 19 Dr. Bloch's Wochenschrift. Ministcrbank aus angckündigt worden; und daß diese Ankündigung unser Parlament vollkommen kalt gelassen hat, daß der Antrag auf Eröffnung einer Debatte über eine solche Antwort abgclchnt wird, bildet ein trauriges Zeugniß für den Verfall des Rcchtsgcfühlcs, den wir nur mit tiefer Betrübniß constatircn können und der sich schließlich an den parlamentarischen Institutionen selbst rächen wird. Zur Lage in Vöhinrn und Mähren. II. Unser letzter Artikel über die Rückwirkung, welche die Gleichgiltigkeit der liberalen Partei gegen die Judenhetze auf die politische Stellung unserer Glaubensgenossen in Böhmen und Mähren üben muß, hat unter den letzteren größeres Aufsehen erregt, als wir selbst erwarteten. Zahlreiche Zuschriften aus jenen beiden Kronländern sprechen die volle Uebereinstimmung unserer Glaubcnsbrüder mit der von uns geübten Kritik und den daran geknüpften Schlußfolgerungen aus. Diese Zuschriften enthalten überdies eine Fülle von Material, welches Zur weiteren Erhärtung der Thatsache dient, daß den Juden in Böhmen und Mähren von Seite der liberalen Partei fast gar kein Schutz gegenüber der deutschnational-antisemitischen Hetze gewährt wird. Da haben wir, um mit einem markanten Beispiele zu beginnen, die Stadt Krumau im südlichen Böhmen. In K r u m a u haben die Deutschen in der Gemeinde nur noch mit Hilfe der Juden die Majorität. Die städtische Verwaltung liegt in den Händen der dcutschliberalen Partei, welche erst vor Kurzem den Finanzministcr Dr. v. Plener zum Ehrenbürger ernannt hat. Diese Verwaltung nun hat einen Concnrs für die Besetzung der Gcmeindcsecretärstclle ausgeschrieben und darin ausdrücklich verlangt, daß die Bewerber „christlicher Confessio n" sein müssen. Dieser Vorgang hat sensationell gewirkt und die Localblätter haben denselben in einer für die Krumaucr Stadtvertretung keineswegs rühmlichen Weise glossirt. Auch aus Proßnitz liegen uns Zuschriften vor, welche die Richtigkeit der Reminisccnz an die seincrzeitige Wahl des Dr. T r i c s ch e t bestätigen und Vorhersagen, daß sich die Verhältnisse neuerdings in gleicher Weise zuspitzen werden. Herr Dr. Driesch et ist glücklicherweise noch nicht gestorben, wie es in unserem letzten Artikel irrthümlich hieß, sondern lebt und wirkt in voller Gesundheit als Bürgermeister der Proßnitzer jüdischen Gemeinde und vermag für jenen interessanten Wahlkampf, in welchem die Proßnitzer Czcchen sich für die Interessen der Juden cinsctztcn, persönlich Zeugniß abznlegen. Höchst charakteristische Details erzählt uns eine Zuschrift ans M ü h r i ich-O ftr a u. Diese Stadt war vor noch nicht langer Zeit durch und durch liberal und die Juden standen mit den Deutschen in erbittertem Kampfe gegen die Czechen, eine Erscheinung, die sich übrigens in fast allen Städten Böhmens und Mährens offenbarte: so waren noch vor kaum fünfzehn Jahren der jüdische Advocat und jetzige Cultusvorstand in Drop p a u, Dr. Sonnenschei n, der jüdische Advocat Dr. Oesterreicher in L ei p a, der jüdische Advocat Tr. S p i tz i n B r ü x, der jüdische Advocat Dr. Fleischer in K a r l s b a d, der jüdische Advocat Dr. K r a n s in G r a s l i tz die Wortführer der dortigen deutschen Vereine, bis sie von den dcutschnationalen Antisemiten aus denselben hinansgcdrängt wurden. Was nun unsere Ostrauer Glaubensgenossen berrifft, so wurden sic direct die Prügelknaben für ihre deutschen Verbündeten. Der in Troppau erscheinende „Opavsk^ tydenmk“ hetzte jahrelang gegen die Ostrauer Juden, weil sic treu zur deutschen Sache standen. Und wie habeir nun die Ostrauer Deutschen diese Treue belohnt? Lassen wir unseren Berichterstatter selbst sprechen: „Ein Spiegel, aus dem man Alles herauslesen kann, sind die Zustände an der dortigen Realschule. Bor langer Zeit schon gab es einige Professoren, welche sich Ausschreitungen gegen die jüdischen Schüler erlaubten; jedoch der wahrhaft liberale Gemeinderath strafte diese Lehrer (viäe Wawruch). Dann kamen einige Jahre der Ruhe, bis Professor Mio rin i Edler v. Sebentenberg von Bielitz strafweise nach Ostrau versetzt wurde und allen seinen Schülern Antisemitismus und deutschnationales Bewußtsein imprägnirte. Außerdem gab es einen Supplenten Geißler aus Neichenberg, der jetzt schon Professor ist und unter seinen Schülern, zwischen jüdischen und nichtjüdischen, wohl unterscheidet; dann zwei junge Lehrer T e g e r l und Z o u s a l, welch Letzterer als Verwandter eines Schülers diesen und seine arischen Genossen zu sich einlud und sie gehörig bearbeitete. Was war die Folge? In dem Schuljahre 1590/91 entstand in der siebenten Classe schon vor der Matura und umso ausgeprägter nach der Maturitätsprüfung ein Bruch zwischen semitischen und arisck en Studenten, nur einige wenige Arier hielten noch zu den Juden. Es kam so weit, daß beim Festcommerse der Abiturienten ein Hoch auf Schönerer ausgebracht wurde, und es fand sich Niemand, der das gerügt hätte, selbst nicht der anwesende evaug. Pastor Labsig. Aber die jüdischen Stipendien und jüdische Wvhlthaten.durften diese charaktervollen Arier behalten. Der Same aber, den diese Lehrer in die Schüler und in die Bürgerschaft hineingetragen haben, hat sich zur Frucht entfaltet. Einige Mittelschüler sind indessen Hochschüler geworden und haben, von den dcutschliberalen Bürgern unterstützt, eine deutschnational-antisemitische Ferialverbindnng „Arminia" begründet, weil eine gewesene deutsch-akademische Ferialverbindung „Austria" sich infolge der Apathie der Liberalen Ostraus nicht behaupten konnte. In den Osterferien halten die antisemitischen Studenten mehrere Zusammcnlünste, theils in dem nahen deutschen Städtchen Hultschin, wo sie ungestört unpatrictische Lieder singen durften, und theils in Ostrau selbst, besonders einen Gründungs-Commers. Der Herr Dicebürgermeister Dr. Fiedler hat es mit seinen'sonst liberalen Principien für vereinbar gesunden, diesen Verein bei seinem Gründungs-Commerse zu beglückwünschen, ebenso der Gemeinderath Dr. med. Hubert Kehl. Aus diesem Commerse wurde darüber Klage geführt, daß es möglich war, die zweite Stadtarztenstelle einem Juden zu geben. Die christlichen Beamten der jüdischen Gewerke waren ziemlich stark vertreten, ebenso der Lehrkörper der von der Stadt subventionirtcn Landes-Realschule und der anderen städtischen Schulen. Die arischen Bürger waren so schlau, die Kneipe erst in den späten Abendstunden (10 Uhr) zu besuchen, damit man sie nicht so leicht ertappen könne." Der Herr Verfasser dieser Zeilen führt tttls eine ganze Reihe dieser ehrenwerthen liberalen Bürger mit Namen an, die an dem antisemitischen Commerse theilnahmen. Wir verschweigen die Namen, um nicht den Vorwurf der Denunciation auf uns zu laden und führen nur noch als charakteristisches Moment an, daß der Saal, in welchem die Fcstkneipe abgehalten wurde, einem Juden gehört. Die deutschliberale Partei Hort und sieht all' diese Dinge und schweigt dazu, obgleich ihr Lcbensintereffe gebieterisch tangirt wird. Die Juden in Böhmen und Mähren können ja füglich ihres Schutzes cntrathen, sie werden sich schon selber zu schützen wissen und die Erinnerung an die tausendjährigen Leiden des jüdischen Volkes wird ihnen die Kraft dazu verleihen. Aber was in Frage steht, ist der Besitzstand der liberalen Partei, jener kostbare Besitzstand, zu dessen Erhaltung sie in die Coalition eingetreten ist und der heute in und mit der Coalition weit mehr gefährdet ist als während der vierzehn Jahre, in denen die liberale Partei das „bittere Brot" der Opposition gegessen hat. Herr v. P lener ' kennt die Verhältnisse in Böhmen und Herr v. C h l n m e c k y jene in Mähren besser, als wir sie kennen. Fühlen sie denn nicht das Herannahcn der Gefahr, und wenn sie cs fühlen, wie lange wollen sie noch zögern, ihr vorznbengen? Wien ist verloren, das hat die Wahl ans der Landstraße neuerdings zur—Evidenz bewiesen — was bleibt an der liberalen Partei noch übrig, wenn auch die bedrohten Städte in Böhmen und Mähren verloren gehen?