Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 18 (3.5.1895)
- Date
- 1895-05-03
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Seite 334 Dr. Bloch's Wochenschrift. Nr. 18 Nrw-Vorker Briese. 17. April 1895. Die Temple Emanu-El-Gcmcinde feierte ihr fünfzigjähriges Jubiläum, das am Freitag Abend durch eine kurze Vorfeier eröffnet wurde und am folgenden Sonntag den 14. zum Abschluß kam. Dr. Gottheit, der Senior-Rabbi, hielt eine tiefempfundene Predigt, in welcher er der Gemeinde zu ihrem fünfzigjährigen Bestehen Glück wünschte und die Hoffnung auf fernere Prosperität und segensvolles Wirken zum Besten der Menschen Ausdruck verlieh. Herr Frank van der Stucken, in dessen Händen die Leitung des musikalischen Theils der Feier lag, hatte ein reiches und gediegenes Programm zusammengestellt. Beim Sabbath - Morgengottesdienst hielt der Junior-Rabi, Dr. Silvermann, die einleitende Rede, in welcher er einen Ueberblick gab über das segensreiche Wirken der Gemeinde in den letzten fünfzig Jahren. Mit der Jubiläumsfeier, so bemerkte er, breche eine neue Aera in dem religiösen Sinnen und Fühlen der Israeliten hiesiger Stadt an und eine Wiedererweckung ihrer gläubigen Gesinnung werde dadurch hcrvorgerufcn. Dr. M. H. Harris, Rabbi der Temple Israel-Gemeinde hielt eine weitere Rede, worauf die Feier mit einem Gebete schloß. Samstag Abend bot das Innere des Gotteshauses einen feenhaften Anblick; heller Lichtschimmer ließ den prächtigen Tempel in wundervollem Glanz erscheinen, und wo ein freier Raum gelassen war, füllten Blumen und Kränze denselben aus. Guirlanden zogen sich von Pfeiler zu Pfeiler und Säule zu Säule, Palmen und Immergrün schmückten die Plattform. Die weite Halle war mit hunderten festlich gekleideten Männern und Frauen bis auf den letzten Platz gefüllt, die in weihevoller Stimmung den brausenden Orgcltönen, den künstlerischen Leistungen des Chors und den beredten Worten der Rabbiner und der Gemeindevorsteher lauschten. Der Chor war fünfzig Stimmen stark und ein großes Orchester vereinigte seine Töne mit den Klängen der machtvollen Orgel. Im hohen Grade interessant war Frank van der Stucken's „Schir Zion", eine Composition, die er extra für dieses Jubiläum verfaßt hatte. Das Themenmaterial hat er dem Melodicnschatz der traditionellen jüdischen Gesänge entnommen. Mit dem charakteristischen Ruf des Schofar's beginnt er, dann benützt er die Chamkah-Melodie als Hauptthema und contrapunktlich dagegen läßt er das Rosch-Haschanah- Motiv erklingen. Das Ganze lauft in einen gewaltigen Klimax auf. Dr. K. Köhler eröffnete die Feier mit Gebet, worauf der älteste Ex-Präsident der Gemeinde, A. Michelbacher, in sinnigen, bewegten und zu Herzen gehenden Worten den Tag feierte, der ihn diese glänzende Feier sehen ließ. Außer ihm war nur noch einer der Begründer der Gemeinde anwesend. Herr Lewis Map, der seit 1865 Präsident ist, gabeinen kurzen Ueberblick über die Geschichte der Gemeinde, deren großartiges Wachsthum er mit dem Bedeuten hervorhob, daß es nur in einem Lande mit religiöser Freiheit möglich gewesen wäre. Frau M. Moses übergab hierauf mit einer kurzen Ansprache der Synagoge eine vom Frauenverein geschenkte kostbare Uhr, welche im Innern des Tempels, nahe dem Thoraschrein, ihren Platz finden soll. In großen Zügen gab die Rednerin den Anwesenden einen Ueberblick über die Thütigkeit des Frauenvereins. Diese Thütigkeit besteht hauptsächlich in der Versorgung Kranker und Bedürftiger unter Mithilfe der .United Hebrew Charities", der Verbesserung der Lage arbeitender Mädchen, dem kostenlosen Unterricht armer Kinder, der Verpflegung armer Kinder, deren Mütter tagsüber arbeiten müssen und der unentgeltlicher: Stellenvermittlung. Zu diesem Vereine gehören fast sämmtliche weiblichen Mitglieder des Temple Cmanu-Cl. Dr. Joseph Krauskopf, Rabbi der Gemeinde Knessoth Israel von Philadelphia, hielt die Festrede. Nach Vortrag einiger Chöre sprach Joseph Silv ermann über die Freiheit im Judenthum, wobei er die Geburt der amerikanischen Freiheit mit der den gläubigen Israeliten vor fünfzig Jahren gewordenen in Parallele stellte und beide verherrlichte. Mit dem „Alenn" durch Cantor Sparger, einer kurzen Ansprache des Dr. G o t t h e i l und der Segenertheilung durch Dr. D e Sola M e u d e s fand die erhebende Feier für den Sabbath ihren Abschluß. Die Abschlußfeier am Sonntag wurde den Kindern der Religionsschnle, dem blühenden Nachwnchse, der Zukunft der Gemeinde überlassen. Cinen geradezu ergreifenden Eindruck machte es, als zu der für die Feier festgesetzten Stunde — 10 Uhr Vormittags — 200 Knaben und Mädchen, jedes mit einem Sträußchen glühendrother Nelken in der Hand, in den Tempel einmarschirten. Von je einem Fahnenträger und einem Sprecher geleitet, schritten die Kinder an der Bimah vorbei und befestigten auf einem vor derselben errichteten, mit blendend weißen Lilien geschmückten Gestell ihre Nelken, während der jeweilige Sprecher einen Bibelvers sprach. Als alle Kinder an der Bimah vorübergeschritten waren, Zeigten sich den in dem Tempel versammelten Andächtigei: auf dem erwähnten Gestell die Worte: „Emanu-El — 1845—1895" in rother Nelkenschrift auf weißem Liliengrunde. Nun nahm Dr. Gott heil das Wort zum Eröffnungsgebete und richtete dann einige Worte an die Kinder, in welchen er sie ermahnte, das Beispiel ihrer Eltern treu zu befolgen und den Namen der Gemeinde „Emanu-El", d. i. „Gott mit uns", zu ihrem Wahlspruche für das ganze Leben zu wählen. Cantor Sparger verlas dann die üblichen Gebete, auf welche die Knaben die Responsorien gaben. Ein Chor von fünfzig Stimmen nebst einem vollen Orchester unter Leitung des Herrn Van der Stucken sorgten für den musikalischen Theil der Feier. Dr. Silv ermann betrat dann die Kanzel, um über Israels Geschichte und ihre Bedeutung für die Entwicklung der Civilisation und ihre Wichtigkeit für die Erziehung der Heranwachsenden Jugend zu sprechen. Eine interessante Geschichte des Tempels Emanu-El wurde sodann vom Professor Richard E. H. Gott heil vom Columbia College geliefert, worauf Dr. Henry M. Leipziger über die Stellung der „Religiösen Schule in der modernen Synagoge" sprach und Nathan Stern einige Bemerkungen über den „zwingenden Einfluß der religiösen Schule" machte. Nachdem hierauf der Sabbathschule Namens der „Louis Down. Pown Sabbath SeliooL“ eine Fahne überreicht worden war, wurde die Feier mit einigen an die Kinder gerichteten Bemerkungen des Präsidenten Lewis May und des Vorsitzers des Schul-Comite's, Albert I. Hochstadter, zum Abschluß gebracht. Keine Classe von jüdischen Einwanderern war und ist in diesem Lande so erfolgreich wie die Süddeutschen. Ihrem Gemeinsinn hat New-Iork den blühenden Zustand seiner Wohlthütigkeits-Anstalten am meisten zu verdanken. Im September 1843 trat eine Gesellschaft junger deutscher Israeliten zusammen und gründete nach dem Muster der Berliner Reformgesellschaft einen Culturverein. Nach und nach organisirte sie sich zu einer Religionsgesellschaft, legte am 6. April 1845 den Grund zur Temple Emann-El-Gemeinde, und modificirte das alte Gebetbuch, um es mit den Anschauungen der Neuzeit in Einklang zu bringen. An der Ecke der Clinton und Grand Street, (wo gegenwärtig die russischen Einwanderer wohnen) wurde in einem Privathause ein Ziminer gemiethet, in welchem Gottesdienst abgehalten wurde, Dr. Leo Merzbach er wurde als Prediger, Herr G. M. Cohan als Cantor angestcllt. Durch die vorgenommenen Neuerungen ungezogen, schloffen sich bald eine Anzahl von Mitgliedern anderer Gemeinden an, so daß