Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 18 (3.5.1895)
- Date
- 1895-05-03
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr. 18 Dr. Bloch's Wochenschrift. ewig junge Völkerstumm. Wir haben unsere Geistesschätze ullen Völkern vererbt und Huben auch mit dunkburem .verteil die Fortschritte der Völker und die Errungenschaften der tUenzeit uns zu eigen gemucht. So leben wir in der Gegeuwurt, mit der Vergangenheit und der Zukunft dtirch Erinnernktg und Hoffnung eng verbunden, ein wuhres Kulturvolk darstellend. Lusset uns duhcr auch heute in ernster Zeit, wo die Mucht der Üteaction kühn ihr Huupt erhebt, uns Seiten der Gerechtigkeit und des Fortschrittes stehen. Lusset uns trotz des Spottes der ungebildeten Menge, trotz der rohen Angriffe gewissenloser Volksftthrer in unserem Streben nach Vollkommenheit nicht wanken und in der Hoffnung ans den Sieg der Gerechtigkeit nicht verzagen. Nicht in der Beschränkung der Freiheit des Geistes und des Gewissens, sondern in der wahren Aufklärung tlnd in der gesunden Volksbildung sehen wir unser Heil und das Heil der ganzen Menschheit. 8. Zur Tage irr Frankreich. Paris, im April 189-5. Die Jndenfrage steht jetzt in Frankreich förmlich auf der Tagesordnung, und alle Welt beschäftigt sich mit ihr nicht ohne eine gewisse Leidenschaftlichkeit. Doch haben die Antisemiten keineswegs einen Grund, zufrieden zu sein. Ihre Hetzbewegnng ist bereits in's Stadium der Abnahme eingetreten und neigt sich ihrem Ende mit jedem Tuge mehr zu; denn die VolkSuufreiznngen, wie bei Gelegenheit des Zündhölzchenarbeiterstreiks und der Brodoergiftungen im Altersashle 31t Nunterre, wo alle Schuld auf die Juden gewälzt wurde, die Volksaufreizungen verfehlten ihre Wirkung. So ist in dieser Hinsicht die unbestechliche Rechtschaffenheit und makellose Ehrlichkeit David Ruynul's, des ehemaligen Ministers der öffentlichen Arbeiten, durch die Vertragscommission nach langen Untersuchungen über die von ihm seinerzeit mit manchen Eisenbahngesellschaften abgeschlossenen Conventionen einfür allemal festgestelll worden. Die Vertragscommission erklärte, nub das trotz aller möglichen Machenschaftell von Seiten der geschäftsmäßigen Ehrabschneider, daß Rahnal mit Nichten in Anklageznstand versetzt werden kann. O, wie groß war da nicht der Aerger, die Wnth der „Libre Parole", des^ „Jntransigeant", der „Patrie" dieser Hetzblätter gemeinster Sorte, über diesen Rechtsprnch der Dreiundreißig!" Freilich trösten sich die Herren Verleumder damit, daß die Interpellationen von Denis und d'Hugues über das „schädliche Uebergewicht" und das „Eindringen" der Juden in Leitung und Verwaltung in den ersten Sitzungen der Kammern nach ihrem Wiederznsammentritte zur Sprache kommen werden. Es ist indessen vorauszusehen, daß sie auch diesmal nur eine Schlappe davontzragen werden. Denn die dem Jndenthume freundliche Gesinnung der meisten Franzosen kommt nachgerade immer stärker zum Durchbruche. Tag für Tag häufen sich dafür die thatsächlichen Beweise in den Zeitungen, die hier vielleicht mehr als sonstwo die öffentliche Meinung zum Ausdruck bringen. Ja, es mehren sich die Stimmen, die im Tone tiefster Entrüstung die Hetzereien verdammen; es wächst die Zahl der Leute, die anfangen, sich „mit allen ihren Kräften gegen die abscheuliche Bewegung anfznlehnen". Man beginnt in der That schon einfach einen Ekel gegen das scheußliche Treiben des Judenhasses zu empfinden. Unter den vielen Auslassungen seien nur die Aeußernngen des Herrn Barbchieux in seinem „Die jüdische Frage" benannten Artikel, der im republikanisch-katholisch - orthodoxen Blatte „La Paix" erschienen ist, wiedergegeben. Der kurze Aufsatz über diesen Gegenstand ermangelt trotz der anspruchslosen Schreibart und scheinbar mäßigen Ruhe doch nicht der Kernigkeit und Wuchtigkeit, und es ist interessant, auf welche Weise der bekannte Journalist dem Antisemitismus ein unfehlbar nahes Ende voraussagt. „Schon hat das schöne Buch „Der Anti- Seite 333 semitismus" von Bernard Lazare «unser Glaubensgenosse) dem uon Drnmond seit mehr als zehn Jahren errichteten Gebäude den ersten Stoß versetz«, welches Gebäude nunmehr auch nicht zögern wird, ganz znsammenznstürzen, da die Basen, auf welchen es anfgebant wurde, allzusehr zerbrechlich sind." Herr Barbezienr spricht mit den Gründen für den nahen Zusammenbruch die Ueberzengnng ans, daß „die übermäßige Heftigkeit, mit welcher seit einiger' Zeit die Bewegung gegen die Inden betrieben wird, ein unerwartetes Ergebniß haben wird. In der Welt, in der man denkt," sagt er „wie im großen Publicum bemerkt man endlich, daß Drnmond und die Mehrzahl der Antisemiten in ihrem Angriffe viel zu weit gegangen sind, daß sie die Grenzen dessen, was erlaubt sein kann, überschritten haben und daß diese Anfreizungen zum Hasse, dieses Verlangen, eine ganze Gruppe von Mitbürgern von der Rechtsgleichheit ansznschließen, nicht mehr in die Zeit passen, da der republikanische Wahlsprnch glorreich an der Front unserer Bauten prangt, da aller Aberglaube vor dem klaren Strahl der Philosophie und der Wissenschaft verschwunden ist." Rur ehe noch dieses Licht uns anfgegangen, find die vielen ungerechten Unterdrücknngnn und Verfolgungen der Inden möglich gewesen; sie Häven gleichwohl nichts genützt. „Die Juden bleiben dennoch unerschütterlich in ihrem Glauben?)-" Ihre furchtbaren Leiden sind ein ewiger Protest gegen die civilisirren Völker. Die Behauptungen, daß die Inden keinen Antheil hätten an den Errnngenschaften aller Zeiten, sind nicht >vahr. 'Auch hemmen sie weder den Fortschritt, noch thnn sie der Bildung Eintrag. „Beugnet (französischer Gelehrter und Staatsmann unter Louis XVIII.) bemüht sich, zu beweisen, daß die Juden nützliche Mitarbeiter der Eivilisation gewesen sind, daß dank ihrer Anstrengungen der Handel sich entwickelt, die Literatur ihren Aufschwung genommen hat. Männer, wie ein Maimonides, Jbn-Ezra, ein Isaak Hensid, ein Moses Mendelssohn, ein Benjamin von Tndela gehören der Menschheit, nicht einem Volke, viel weniger noch einer verfl. . . . Seete an, die, überall vertrieben, auf dem Erdball umherirrt ..." Doch waren bis jetzt immer die Jndenausweisungen eil; schrecklicher Fluch für ihre Urheber. Spanien ist das beredtste Zengniß für diese Thatsache. „Hat indessen die Haltung der Juden in ihren selbsterwählten Vaterländern dieses Uebermaß von Strenge verdient? Wer würde wagen, dieses zu bejahen? Wer würde sich erdreisten zu sagen, daß das Interesse des Glaubens, der Schutz der Völker allein es waren, die den Fürsten und Königen ihr Betragen gegenüber den Inden eingegeben?" Was damals galt, gilt auch heute. Die antisemitische Bewegung, betrieben von Drnmond und Eonsorten hat durchaus andere Motive, als sie von diesen Herren leiermäßig angegeben werden. Alle Welt weiß das bereits. Was die Inden betrifft, so bilden sie keinen Staat im Staate, nehmen sie keinerlei Ausnahmestellung ein, kann keine Rede sein von einem Uebergewichte ihrerseits auf irgend einem Gebiete. Auch find sie es stets, die den allen Haß gerne ausmerzen, die alte Scheidewand aus der Welt schaffen wollen. Was thul dagegen Herr Drnmond? Er sucht die traurigen Zustände, die kaum verschwunden sind, wieder herbeizuführen. Dieses schmähliche Unternehmen wird ihm indessen allen Bemühnngen zum Trotze nicht gelingen. „Das Uebermaß von Haß, das Uebermaß von Ungerechtigkeit, das Uebermaß von Wnth, von welchen der Leiter der „Libre Parole“ den Juden gegenüber Zengniß ablegt, werden die Barmherzigkeit, die Gerechtigkeit des Geschichtsschreibers, des Denkers wachrufen. Die Zeit der unnützen Verfolgungen ist vergangen tlnd die Religionsfrage hat anfgehön, etwas Zeitgemäßes zu sein." Bravo und Dank, Herr Barbezienr! Wir brauchen jetzt viele solcher rechtlich denkender Leute, wie Sie sind. M a n m u ß s p r e ch e n, n m g e h ö r t z u w e r d e n l ist ein Erfahrnngssatz, der auch in jüdischen Kreisen etwas mehr Beherzigung finden sollte .... Die Umstände verlangen es. Oscar Horowitz.