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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-05-03 · 18 (3.5.1895) · page 12

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
18 (3.5.1895)
Date
1895-05-03
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Seite 332 Dr. Bloch's Wochenschrift. Nr. 18 Gesetz in allen seinen Bestimmungen geradezu ein Strick um den Halo, wie Sie ans mehreren Thatsachen, die ich Ihnen nächstens minhcilen werde, ersehen werden. UebrigenS enthält das Gesetz auch für »Nicht-Juden viele beschränkende und „bindende" Bestimmungen. — Also, vivnt die neue Acra in Rußland! LZ'O. Die deutsche Umsturzvorlage und das Iudenthum. (Bericht ouö Deutschland.) Ser Srurm der Umrüstung gegen das unglückliche Umftnrzgcsetz wächst lawinenartig an und regt immer mehr die Gemücher des deutschen Volkes auf. Es muß schon dem Deutschen, in dessen Adern ruhiges Blut fließt, etwas sehr 'nahe gehen, wenn er sich zum Protest aufrafft, wenn er erwacht und ans feinem unseligen Bierphilisterthum herauskommt. Es steht in der That nichts Geringeres auf dem Spiel, als die Zukunft der Wissenschaft und der gesunden Bildung, als die Entwicklung der menschlichen Eultur. Jeder Freund der Geistcsfreiheit und des sittlichen Fortschritts verdammt diese neue Geburt der modernen Reaction und Jeder von seinem Standpunkte ist bemüht, die Gefahr dieser traurigen Regierungsvorlage dem Volke klar zu machen und es zum lauten Widerspruche aufznfordern. Dhatsächlich sind in den letzten Jahren durch die schweren socialen Kämpfe die politischen Interessen in vielen Schichten des Volkes ganz in den Hintergrund gerückt, und die Ideale des Geistes, für die man in Deutschland einst so warm eintrat, sind arg vernachlässigt worden ttttd sie haben an Popularität viel eingebüßt. Im bittern Kampfe um's Dasein hat der Bürger verlernt, sich als freies Wesen zu fühlen, die geistigen Güter zu schützen und für sie zu streiten. Es ist daher wohl nothwendig, das Volk aus seinem politischen Jndifferentismus aufzurütteln und ihm an's Herz zu legen, daß wir auf dem besten Wege sind, die Freiheit des Denkens und die ehrliche Bethätigung der inneren Ueberzeugung völlig einzubüßcn und zur seelischen Sclaverei zurückzukehren. Psychologisch interessant ist die Rolle, die unsere antisemitischen Helden in dieser Bewegung spielen. Diese politischen Schauspieler haben nämlich einen gar schweren Standpunkt. Einerseits legirimiren sie sich stets als die treuesten Anhänger der Regierung und ihrer Organe, um einige Strahlen von dieser Sonne zu erhalten, andererseits aber wollen sie dem Volke gegenüber als die einzigen Vertreter der Freiheit und des Rechtes gelten, um das saubere Geschäft des Stimmenfanges in die Höhe zu bringen. Diese Doppelmaske ist auch bei der größten Geschicklichkeit für die Dauer schwer zu erhalten. Mögen auch die Anhänger auf der niedrigsten Stufe stehen und nur ein geringes Quantum von Kritikfähigkeit besitzen, Augen und Ohren haben sie' doch, um schließlich die gewaltige Kluft zwischen Wort nikd Thal zu merken und daraus den io naheliegenden Schluß auf die sittlichen Qualitäten dieser Volksretter zu ziehen. »Run haben diese Meister der politischen Taschenspielerei ein wunderliches Mittel gefunden, um sich ans der unbequemen Situation zu ziehen. verschreien die Vorlage gegen den Umsturz als ein Gesetz zum Schutze der Inden und verwerfen sie lediglich von diesem Gesichtspunkte aus. Wie thöricht und unwürdig diese Komödie auch sein mag, so ist dieses Argument doch für antisemitische Wähler vorläufig genügend. Das Hanptorgan für antisemitische „Wahrheiten schreibt in der That: „Das Judenthum calculirr nämlich so: Kommt auf diese Weise das Umsturzgesetz, dann haben wir sowohl unser erbeutetes Eapiral wie auch unsere Religion und damit unsere Eigenart in jeder Weise geschützt und können ruhig weiter im Trüben fischen." Merkwürdig, was diese geistreichen Herren, die die Thatiachen zu corrigiren verstehen, nicht Alles entdecken! Wir haben trotz allen Suchens bis heute in allen jüdischen und judenfreuudlicheu Organen keine Stimme gehört, die sich spmpaihisch für das Umsturzgesetz geäußert hätte. Das Jndenthum hat auch gar keine Ursache, sich für ein Gesetz zu begeistern, das so recht die Halbheit und die Impotenz unserer Zeit charaktcrisirt. Wenn auch der Fortschritt im Laufe der Geschichte den Juden nicht immer gerecht geworden ist und ihnen manche bittere Enttäuschung gebracht hat, vom Rückschritt haben wir sicherlich nichts zu erwarten, und das neue Socialistengcsetz in verschämter Form bedeutet eilten Rückschritt in Siebenmeileustiefeln. ES ist leider wahr, rtnsere Feinde, denen Nichts heilig ist, haben die Geistesfreiheit zu einer Freiheit des Schmähens ansgebildet, haben das thenerste Cultnrgut dazu mißbraucht, jedes Gefühl der Gerechtigkeit zu verletzen und die jüdische Gesammtheit durch schamlose Verleumdungen schwer zit kräitken. Wollte man aber darum die Geistesfreiheit verdammen, so müßte matt auch das Licht der Sonne hassen, weil es auch dem Verbrecher leuchtet. Wir Inden bedürfen für tinsere Geistesgüter und unsere Religion keiner Strafparagraphen. Unsere Lehret! brauchen das Licht der Kritik nicht zn scheuen, und auch der vielgeschmähte Talmud, das Schreckenskind aller Ignoranten, kann die wissenschaftliche Kritik mindestens eben so gut wie die Schriften der christlichen Kirchenväter, wie die Erzeugnisse der Philosophen und Denker des Alterthums uud des Mittelalters vertragen. Das Eine, was wir verlangen tonnen und wollen, das ist, daß tnan sich bei der Kritik der jüdischen Lehren und Sitten der persönlichen Angriffe, der fanatischen Gehässigkeit und vor Allem der Entstellung der Wahrheit enthalte. Das ist eine Forderutlg, die für ehrliche Menschen, für solche, die nach Wahrheit streben, selbstverständlich ist. Von den Antisemiten freilich kann man das nicht erwarten, weil sie dann aufhören zu existiren, weil bei einer solchen Fordcrnngsart ihre ganze Weisheit, die sie dem Volke so thener verkaufen, in die Brüche gehen würde. Unser Verhältnis; zum Staate ist so klar, daß nur ein antisemitisches Gehirn es zu verdunkeln vermag. Wir sind treue Bürger und thnn gerne unsere Pflicht, wir haben daher den vollsten Anspruch auf alle Bürgerrechte, auf die Gnade der Regierung verzichteit wir. Wir verlangen von der Gesetzgebung und den ausübenden Organen keine Privilegien und keinen besonderen Schutz, wir wären schon sehr zufrieden, wenn das Princip des gleichen Rechtes für Alle in allen seinen Consequenzen, in der Verwaltung und in dem Gerichtssaal stets zur Geltung käme. Wir Juden haben stets ehrlich an jedem geistigen und sittlichen Fortschritt, an jedem Werke der Humanität und der Veredlung des Menschengeschlechtes mitgcarbeitet und wir wollen es auch ferner trotz aller Anfeindung und Verkennung thnn. Freudigen Herzens wollen wir zu jeder gesunden Reform auf geistigem und socialem Gebiet unsere Hand bieten, denn unsere Bibel ist die erste und wahrlich nicht die schlechteste Quelle der socialen Lehren, der allgemeinen menschlichen Gerechtigkeit. Aber wir wissen wohl, daß künstlicher Zwang die Roth nicht mildert und den socialen Strom nicht aufhült, sondern die Erbitterung im Volke noch steigert und den wahren Fortschritt hemmt. Wir Juden waren stets in der Minorität gewesen und wir haben im Laufe unserer leidvollen und doch so stolzen Geschichte immer nur das Recht und nicht die Macht auf unserer Seite gehabt. Die geistige Waffe, die Aufklärung und die Bethätigung des menschlichen Herzens, das waren die Kampfesmittel Israels in den schwersten Zeiten, auf der Fahne des Judenthums glänzen die Worte des Propheten: „Glicht durch Kraft und nicht durch Macht, sondern durch Geist!" Und wir siegten trotz aller Wunden, die der Feind uns geschlagen hat; wir stehen gesund, geistig und sittlich unversehrt da, während die großen Völker deS AlterthnmS vom Sturm der Zeiten hinweggefcgt wurden. Ruinen nur verkünden die ehemalige Größe der Griechen und Römer, unsere Burgen und Paläste sind von grausamer Hand völlig zerstört, wir aber stehen da als ewiges Denkmal der Geschichte, als der älteste

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