Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 18 (3.5.1895)
- Date
- 1895-05-03
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 323 Dr. Bloch's Wochrnschrifi. Nr. 18 abgesehen davon, daß jene verwerflichen Mittel der Lüge, Verleumdung und fanatischen Aufreizung, über welche heute schon jeder Stümper der antisemitischen Gilde verfügt, unserer innersten Natur ebenso widerstreben, als fremd und widerwärtig find. Gleichwohl wird es in crasscn Einzclfällen an dieser bekämpfenden repressiven Thätigkeit nicht fehlen dürfen, behufs deren systematischer Entwicklung ich überdies vor wenigen Monaten in unserem hiesigen Nachbarvereine, dessen Thätigkeit wir auch fernerhin mit dem Gefühle brüderlicher Zusammengehörigkeit begleiten wollen, unter Mitwirkung einiger Gesinnungsgenossen ein specielles Rcchtsschutz-Comit6 in's Leben gerufen habe. Mir schwebt vielmehr insbesondere auch eine gegen den Bestand des Antisemitismus, insoweit er speciell Bedrängung und Verfolgung der Juden bedeutet, gerichtete vorbeugende, ich möchte sagen, prohibitive Thätigkeit vor, welche bezweckt, jene Kreise zu belehren und zu gewinnen, die, noch frei von der seuchenartigen Jnfcction, ihr Stillstand zu gebieten und ihre Weiterverbreitung zu verhindern, die Macht und die Geneigtheit haben. Uns wird obliegen, die andersgläubigen, noch wohlgesinnten Mitbürger und Freunde zu werkthätiger Bundesgenoffenschaft zu sammeln und zu diesem Behufe die Wahrheit über das Judenthum und über uns zu verbreiten, wodurch zugleich diese ganze feindselige Bewegung als eine ruchlose Versündigung an dem Christenthume selbst, dieser Religion der Liebe, gekennzeichnet werden wird. Wir wollen uns bestreben, dadurch die Geister aufzuklären, die Gemüther zu beruhigen, die Gutgesinnten zu vereinigen, die Gesetze der jüdischen Moral, welche grundlegend sind für die Moral aller civilisirten Stationen, unermüdlich zu proclamiren und auf diesem Wege vielleicht nach und nach auch den verblendeten Massen die Augen zu öffnen und deren Rückkehr zur sittlichen Auffassung und Bethätigung menschlicher und bürgerlicher Pflicht anzubahnen. Eine Abwehrthätigkeil in dem von mir angedeuteten Sinne kann gewiß Anspruch darauf machen, als eine Action von wahrhaft patriotischer, ethischer und cultureller Bedeutung gewürdigt zu werden, sie erheischt aber auch, soll sie überhaupt möglich und wirksam werden, den engen Zusammenschluß aller berufenen Elemente, welche identisch sind mit der Gesammtheit der österreichischen Staatsbürger unseres Glaubens. Möge unser Verein sich die erhabene Aufgabe stellen, der Mittelpunkt für diesen Zusammenschluß zu werden und zu diesem Behufe sich des denkbar zahlreichsten Beitrittes unserer Glaubensgenossen erfreuen! Schier ohne Grenzen erscheint die Mannigfaltigkeit der Mittel und Einzelactionen, die zur Erfüllung dieser großen Aufgabe, zur Erreichung dieser erhabenen Ziele beitragen sollen. Es kann nicht angemessen sein, anläßlich meiner heutigen Erörterungen, die den Charakter allgemeiner Grundzüge und Gesichtspunkte nicht überschreiten sollen, schon jetzt und an dieser Stelle in das Detail der Organisation dieser Thätigkeit des Weiteren einzugehen; es genüge, wenn ich zunächst nur auf die publicistische und literarische Propaganda, auf das Gebiet des Vereins- und Versammlungswesens, auf das Petitionsrecht, auf eine systematische Propaganda der Belehrung und Bekehrung in ganz bestimmten Gesellschafts- und Berufskreisen, auf die thunlichste Schaffung eines publicistischen, unseren Bestrebungen gewidmeten Organes, auf die Bildung von socialen und geselligen Centren, auf die Schaffung zahlreicher gleichgearteter Vereine, auf Bestrebungen zur Hebung des durchschnittlichen geistigen und Bildungsniveaus unserer Glaubensgenossen, auf Verbreitung der Kenntniß jüdischer Geschichte und Literatur und des Antheiles der Juden an der Welt- und Culturgeschichte, als einzelne der vielen Mittel Hinweise, welche hoffen lassen, daß durch ihre zielbewußte Ausnützung alsbald eine reactinäre Bewegung gegen den Antisemitismus geschaffen werden könnte, welche schon den ersten Schritt zu einer aussichtsvollen Besserung der Verhältnisse bedeuten würde. Doch auch die eulturellen und wirthschaftlichen fragen dürfen aus unserer Fürsorge und Bcdachtnahme keineswegs ausgeschlossen werden. Kein Zweifel, daß Allem zuvor wir uns gegenseitig moralischen und praktischen Beistand zu leisten haben durch die Förderung des Solidaritätsgefühles, vermöge dessen Alle die Stützen des Einzelnen und jeder Einzelne ein treues Mitglied der Gesammtheit sein soll. Hiezu ist aber meines Erachtens die E n t w i ck l u n g und Kräftigung unseres jüdischen Bewnßts e i n s unerläßlich. Und was wir in dieser Richtung, von der häuslichen Erziehung und Organisirung des Unterrichtes angefangen, bis hinauf zu allen Kundgebungen im praktischen und öffentlichen Leben zu schaffen im Stande sind, es wird seine Wirkung nicht blos in ethischer Beziehung auf den Einzelnen, sondern auch auf unsere Gesammtkraft in Durchführung des uns anfgenöthigten Kampfes bewähren. Die treuen Anhänger unserer großen Aufgaben werden desto muthvoller und hoffnungsfreudiger sich denselben widmen, während die Zweifelnden und Zaghaften gewonnen und herangezogen werden, um kraft des wiedcrerftandenen Zusammengehörigkeitsgefühles auch im politischen Kampfe eine charakterfeste und einheitliche Schaar von Streitern für ihr gutes Recht und für ihre staatsbürgerliche Gleichberechtigung und Freiheit zu rcpräsentiren. So, meine geehrten Herren, erschließt sich vor unserem geistigen Auge ein weitgedehntes Arbeitsfeld, das mit redlichem Eifer zu bebauen des „Schweißes der Edelsten" werth ist und auf welchem auch die vielfachsten und besten Kräfte sich zu bethätigen fast unerschöpfliche Gelegenheit haben. So mögen denn auch diese Kräfte und Talente, deren glücklicherweise nicht spärliche Existenz uns von unseren Feinden so sehr mißgönnt und zum Vorwurfe gemacht wird, eintreten in den Dienst der Gesammtheit und der gemeinsamen Zwecke und dadurch zugleich auch unserem Vereine jene moralischen und materiellen Mittel und Förderungen zuführen, ohne welche derselbe an die Erfüllung seiner großen Mission zu schreiten nicht vermöchte. Ich bin durchglüht von der Ueberzeugung, daß wir in diesem Sinne vereinigt sein werden zu wahrhaft patriotischem und humanitärem Schaffen, welchem der Lohn innerer Befriedigung, die Segenswünsche unserer Genossen, aber auch die Sympathieen aller Andersgläubigen, wohldenkenden Mitbürger nie und nimmer versagt werden könnten. In diesem Geiste, meine Herren, beabsichtige ich, das mir Ihrerseits anvertraute Amt aufzufassen und mit Ihrer und der vererhrten Herren Vorstandsmitglieder verständnißvoller Unterstützung auszuüben; eine Thätigkeit solcher Art und Absicht erachte ich für nützlich, verheißungsvoll und würdig, und zur gemeinsamen brüderlichen und thatkräftigen Arbeit auf diesen Gebieten fordere ich daher Sie und unsere Glaubensgenossen auf, mit dem Rufe: „Eintracht macht stark!" Vom Jahrmarkt des Lebens. Gingefenöet. Geehrter Herr Re d a c t e u r! Vor Kurzem starb die Gattin des Directors der hiesigen israelitischen Kinderbewahranstalt, welche die Functionen einer Leiterin des Kindergartens in mustergiltiger Weise ausgeübt hatte. Es mußte mm für die Verstorbene sofort Ersatz geschaffen werden und man fand diesen Ersatz in einer — christlichen Kindergärtnerin! Man merke wohl: Eine ausschließlich jüdisch-confessionelle Anstalt, ausschließlich von jüdischen Geldern erhalten, übergeht nun zahllose jüdische Bewerberinnen, um eine Christin anznstellen. Würde im gleichen Falle, wenn es sich um die Besetzung einer Stelle in einer christlichen Anstalt handelte, auch nur daran zu denken sein, daß eine Jüdin angestellt würde? Und welchen Schwierigkeiten begegnet die Anstellung jüdischer Lehrerinnen selbst an interconfessionellen Anstalten, wo sie ja angeblich mit gleichem Rechte competiren wie christliche Bewerberinnen! So sieht unsere Selbstvertheidigung, so sieht unsere eigene Fürsorge für jene unserer Glaubensgenossen aus, deren Existenz durch die antisemitische Strömung gefährdet ist. Fürwahr, uns Juden ist nicht zu helfen, wenn solche Dinge sich auch heute ereignen können!