Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 18 (3.5.1895)
- Date
- 1895-05-03
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3020846-3021061-3021080--04516-3028706- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 18 Dr. Blvch's Wochrnschrrfl. Seite 827 Wem: ich daher, ganz unabhängig van der momentanen und gewiß wandelbaren Constellation der Staatsregiernng, ein politisches G l a u b e n s b e k e n n t n i ß der Inden in Oesterreich in Anbetracht und Würdigung ihrer derzeitigen Lage anssprechen soll, so hat es die Behebung der heutigen Widernatürlichkeiten, der unmoralischen und ungesetzlichen Rechts- Verkürzung zur Voraussetzung und zum Zwecke und hätte daher zu lauten: „Wir österreichische Staus bürgerjüdischen Glaubens werden uns in patriotischer Dienstbarkeit und Mitwirkung derjenigen Partei an s ch l i c ß e n, w e ch e f ü r d i e p o l i t i s che und i n d i - v i d u e l l e F r e i h e i t, s o w i e fü r d e n c u l t u r e l l e n u n d w i r t h s ch a f t l i ch c n F o r t s ch r i t t dcrStaatsb ü r g e r a m m eisten zu leiste n und zu o pf e rn im Stande ist". Denn eine derartige Partei wird vor Allem frei sein von confessionellem Bornrtheile, frei von egoistischerRechlsverkürznng, frei von furchtsamen Rücksichten nach unten wie nach oben; frei von dem Marasmus, in welchem bereits erzielte freiheitliche und fortschrittliche Erfolge ignorirt, verleugnet und stcrilifirt werden, frei von der Trägheit, die, einer Weiterentwicklung abhold, das öffentliche Leben in seinen wichtigsten Regungen vergiften und verunreinigen läßt und den unwürdigsten demagogischen Elementen thatenlos preisgibt, frei endlich von der Kurzsichtigkeit, welche nicht erkennt und nicht erkennen will, daß die Umsturzthätigkeit dieser Elemente, zunächst gegen eine bestimmte Classe von Staatsbürgern und Glaubensangehörigen gerichtet, unvermeidlich und unaufhaltsam auf andere Gesellschaftskreise revoltirend übergreifen und das Wohl des Staats ganzen gefährden muß. In dem Dienste und in der gerechten thunlichsten Weiterbildung dieser Prineipien der Freiheit und des Fortschrittes, somit in dem Anschlüsse an jene Partei, welche denselben huldigt, mag dieselbe wie immer heißen und wo immer bestehen oder werden, erfüllen wir nicht nur die Pflicht gegen uns selbst und für die Beseitigung der uns heute bedrückenden Härten, Ungerechtigkeiten und Nebel — sondern wir dienen auch dem G e s a m mt w o h l e unseres Vaterlandes, welches unter der überwuchernden Ausdehnung und Vertiefung jenes, die Volksseele und den Staatsverband zersetzenden Unheils, das man noch immer Antisemitismus nennt, welches aber längst einen anderen, noch weit gefahrvolleren Inhalt gewonnen hat, den ernstesten, jeden treuen Sohn seines Landes beunruhigenden Gefahren ausgesetzt ist. Die Aufregung, ja geradezu Bestürzung, welche urplötzlich sich weiter und bisher einigermaßen indifferenter Bevölkerungsclassen bemächtigt hat, als die Ergebnisse der letzten Wiener Gemeinderathswahlen auch fernstehenden Kreisen die verblüffende Gefahr demonstrirten, daß der Antisemitismus oder richtig' verdeutscht das System des demagogischen Umsturzes sich des Regimentes in der Reichshaupt- und Residenzstadt bemächtige, um von diesem gewaltigen und erhabenen Capitole ans desto wirksamer und nachdrucksvoller sich in die Provinzen und Länder unseres Reiches zu verbreiten, beweist nur zu eindringlich, welche schweren Sünden der Unthätigkeit und Unterlassung bisher begangen wurden. Dieses tief einschneidende Ereigniß mahnt aber auch zugleich uns Juden, wie wenig wir selbst noch zur Bekämpfung und Abwehr der uns unmittelbar bedrohenden Gefahren und Nebel beigetragen haben und wie wenig bisher die vereinzelten Rufe nach Selbstverteidigung und engem Zusammenschlnsse zu wirken vermochten. Wenn Sie daher, meine Herren, angesichts dieses bedeutsamen politischen Ereignisses und seiner Folgen beschlossen haben, Ihre zu Gunsten eines anderen, in unserer Stadt bestehenden jüdisch-politischen Vereines seit längerer Zeit fistirte Vercinsthätigkeit wieder aufzunehmen, so erblicke ich darin ein erfreuliches Zeichen der endlich gewonnenen Erkenntniß, daß kein Mitglied und kein Factor unserer Gemeinschaft das Recht habe, zu feiern in einer Zeit, welche die äußerste Entfaltung aller gemeinsamen und individuellen Kräfte erheischt und welche an die politische Thätigkeit und Wachsamkeit jedes Einzelnen weitaus erhöhte Ansprüche stellt. Und wären wir nur ein neuer Wachposten, der die Zinne der bedrohten Staatsburg bezieht, um ausblickeud die Gefahr zu erkennen, zu verkünden und zu einheitlicher Arbeit aufzurufen, wir würden schon dadurch allein unserer Sache einen guten Dienst leisten und den ersten Schritt zur Pflichterfüllung gethan haben. Wir wollen und hoffen aber mehr! Wir wollen kraft unserer politischen Wachsamkeit und Mitwirkung, innerhalb der Grenzen der Gesetze und unserer Statuten, nicht bloß dazu beitrageu, daß bei allen politischen Wahlen trotz aller bisherigen Widerwärtigkeiten und Mißerfolge unseren persönlichen Gegnern und Feindell der Weg und Zuiritt in die verschiedenen Vertretungskörper verschlossen werde; nicht bloß allen Organen der Gesetzgebung und Verwaltung zum klaren Bewußtsein bringen, daß wir keinerlei besonderen Schutz, keinerlei Vorrechte oder Ausnahmsgesetze, vielmehr lediglich die Wahrung und Verwirklichung unserer verfassungsmäßigen Rechte verlangen; nicht bloß mit aller Kraft die Erkenntnis; vermitteln, daß die Unterdrückung und Vernichtung der antisemitischen Bestrebungen, eine von der derzeitigen Zusammensetzung der C o a l i t i o n s r e g i e r u n g ganz unabhängige und für jedes wie immer geartete Ministerium absolute Staatsnothwendigkeit ist, mittelst deren nicht dem Juden eine Begünstigung gewährt, vielmehr nur der obersten Pflicht einer weisen Staatsverwaltung entsprochen würde — wir wollen auch für uns selbst und aus eigener Kraft und mit unseren eigenen gesetzlichen Mitteln endlich eine systematische und umfassende Abwehrthätigkeit organisiren und entsalten. Aus dem Regierungsprogramme, welches vor etwa eineinhalb Jahren in verheißungsvoller Weise den Völkern Oesterreichs verkündigt wurde, acceptiren wir das bedeutsame Wort der „Offenheit und Wahrheit" für unsere bescheidene Thätigkeit. „Offen und wahr" müssen wir vor Allem unter uns und gegen einander sein; „offen und wahr" uns als. die gleichmäßig bedrohten Mitglieder einer einzigen großen Glaubeusfamilie betrachteten und Allem zuvor den Muth und den Willen besitzen, „offen und wahr" u n s e r Bekenntniß z u bekennen. Rrrr dadurch, unter der Voraussetzung dieser allerersten und heiligsten Pflichterfüllung, uns nicht selbst zu verbergen und zu verleugnen, würde jener Zusammenschluß der österreichischen Staatsbürger jüdischen Glaubens möglich werden, welcher neben dem natürlichen und festen Bande, das sie Alle umschlingt, jeden Einzelnen befähigen würde, an der gemeinsamen Thätigkeit der Selbstwehr und des Selbstschutzes kräftigen und ihm selbst die höchste Genugthuung gewährenden Antheil zu nehmen. Weder dürfen oder sollen die Großen und Mächtigen unserer Gemeinschaft abseits stehen und nur durch stille Förderung ihrem unstreitig in höchster Lebendigkeit vorhandenen Gefühle der Zusammengehörigkeit und Leistungspflicht gerecht werden, vielmehr soll bei jedem Anlässe öffentlicher Kundgebung und Bethätigung ihr Name und Einfluß mit deni vollen Schwergewichte eingesetzt werden und als leuchtendes Beispiel aufmunternd und aneifernd wirken, — noch dürfen wir jene breiten Massen unserer Glaubensgenossen ignoriren,denen neben der öffentlichen Drangsal der Verhältnisse auch noch das Gefühl der Armuth und Schwäche jegliches Selbstbewußtfein zerstört und jegliche Thatkraft lähmt, trotzdem in diesen breiten Schichten die gesündesten Elemente fruchtbarer förderlicher Thatkraft und regsamer nützlicher Arbeit und Schaffenslust vorhanden sind. Ich erblicke diese Abwehrthätigkeit keineswegs in der Aufgabe, jeder einzelnen Rohheit und Nnfläthigkeir der antisemitischen Angriffe kämpfend zu begegnen: zu dieser ebenso erniedrigenden als aufreibenden Arbeit würde selbst unsere gesummte vereinigte Kraft schon Angesichts des numerisch maßlosen Uebergewichtes unserer Bedränger nicht hinreichen, ganz