Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-05-03 · 18 (3.5.1895) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
18 (3.5.1895)
Date
1895-05-03
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3020846-3021061-3021080--04515-3028705
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 18 Dr. Bloch's Wochenftlrrift. Seite 326 Die Aufgaben der Abwehr. (Rede gehalten in der General-Versammlung des „Politischen Volks- Vereines" am 18. April 1895 von dem neugewählten Präsidenten Herrn Dr. Herrman« Fialla, Hof- und Gerichts-Advokaten in Wien.) Hoch geehrte Versammlung! Ein Neuling in Ihrer Mitte, dem jede Bewerbung fern lag, empfinde ich in erhöhtem Maße die Ehre, deren Sic mich durch die eben erfolgte einhellige Berufung auf beit Präsidenten sitz Ihres Vereines würdigten. Indem ich diese anszeichnende Function hiemit dankend übernehme, bin ich mir der weittragenden Aufgaben dieses Amtes und spcciell auch derjenigen bewußt, welche ich selbst mir der leitenden Stellung eines politischen lind überdies eines jüdisch-politischen Vereines verbinde. Wohl kennend die traditionellen Zweifel, welche man wortreichen Versicherungen und Versprechungen alter Candidaten oder neuer Fnnclionäre und meist mit Recht cntgegenznbringen pflegt, werde ich darauf verzichten, Ihrem Ohre mit dergleichen Bcthcucrnngcn zu schmeicheln, glaube indes; aussprcchen zu dürfen, daß ich die Annahme dieses Amtes als einen für mich bedeutsamen Schritt ans dem Gebiete des öffentlicheli und politischen Lebens betrachte, dessen ernste Auffassung Sie mit mir beurthcilen können, wenn ich Ihnen Zurufe: „Ich bin zu alt, um noch zu spielen, ZN jung, um ohne Wunsch p sein." Und fürwahr, mit dem tiefinnerlichen und glühenden Wunsche trete ich an meine Aufgabe und an die Leitung dieses ansehnlichen Vereines heran, in dieser meiner neuen Stellung und Thätigkcit den arg bedrohten Interessen der Judcnschaft in Oesterreich einigermaßen dienen und nach besten Kräften mit zur Wiederherstellung jenes öffentlichen Zustandes beitragen zu können, welcher nach Außen die staatsbürgerliche und sociale Gleichheit und nach Innen d i e Hebung u n d F e st i g u n g des j, ü d i s ch e n B ew u ß t s e i n s bedeutet. Daß aber dieses Bemühen und Streben überhaupt nothwcndig geworden, daß cs sich zu seiner Bethätigung der Grundlage und Mittel einer jüdisch-politischen Vereinigung, somit der seltsamen Mischung des politischen mit dem c o nf e s s i o n e l l e n Momente bedienen muß, daß wir somit überhaupt zu'solchem Thun und Zwecke uns hier in einer Vereinsorganisation Zusammenfinden müssen, zeigt uns in betrübender Weise den ganzen Jammer, unter welchem unsere Öffentlichen Zustände und ganz insbesondere jene der österreichischen Staatsbürger j ü d i s ch e n Glaubens zu leiden und zu klagen haben. Wir Juden in Oesterreich, welche nicht um einen Athemzug weniger als alle anderen Bürger dieses großen Reiches an diesem unserem Vaterlandc und an dem österreichischen Staatsgcdanken fcsthaltcn, sollten und durften niemals in die Lage gedrängt werden, unser politisches Denken und Streben von dem unserer andersgläubigen Mitbürger abznsondcrn, zumal politische Standpunkte und Ziele nichts ge m ein h a b c n u n d haben d ü r f e n mit confessionellcn Momenten oder religiöser Anschauung. Indem man es aber ruhig und unthätig gewähren ließ, daß die letzten zwei Dccennicn unablässig uns gegenüber an der Verminderung und Untergrabung jener politischen Gerechtsame arbeiteten, welche auch uns Inden durch die unveräußerlichen Staatsgrundgcsetze verbürgt erscheinen; indem cs so geschehen konnte, daß wir dieser kostbaren Rechte und Errungenschaften trotz ihres unveränderten f o r m a l e n Rechtsbcstandcs in Wirklichkeit immer mehr verlustig wurden; indem man es endlich duldete, daß die Mitglieder unserer GlaubenSgenofsenschaft Zum Gegenstände und Opfer einer ebenso systematisch und intensiv, als frivol und zielbewusst betriebenen Aufreizung und Verhetzung auserkoren wurden, welche gleichmäßig die politische Verdrängung, wie die sociale Erniedrigung der österreichischen Staatsbürger jüdischen Glaubens zum Zwecke hat — musste der Trieb der Abwehr und der S e l b st e r h a l t u n g diese selbst zu Vereinigungen drängen, welche diesen exeeptionellen Verhältnissen gegenüber auch den erceptionellen Zweck in sich tragen, die politischen und socialen Rechte der in ihrer staatsbürgerlichen und gesellschaftlichen Stellung verfolgten Judcnschaft zu schützen, vor weiterer Beeinträchtigung zu bewahren und auf den Boden der allen Staatsbürgern gemeinsamen Staatsgrundgcsetze zu rückzn führen. So erscheinen diese unsere jüdisch-politischen Vereine als Gebilde d c r N o t h und N o t h w ehr, entsprungen der von unseren Feinden uns gegenüber unternommellen Verneinung der staatsbürgerlichen Gleichheit und bestimmt, der letzteren wieder zum Siege und zur Geltung zn verhelfen. E i n V e r e i n i g u li g s - tt u b K a m p f e S m i t t e l sollen sie ullS demnach sein, auf welches Feindseligkeit und bürgerlicher Unfriede uns angewiesen hat und welches gerne und dankbar von uns preisgegeben werden soll, wenn die Voraussetzungen seiner Nothwendigkeit, je eher je lieber, entfallen filld. Möge, so können wir nur innigst wünschen, die Zeit nicht ferne sein, in welcher diese, dem Gedanken der staatsbürgerlichen Gleichheit widerstrebenden cvnfessionell-politischen Vereinigungen, die wir derzeit nicht genug heransbilden llnd entwickeln können, i h r e b e k l a g e n s w e r t h e E x i st e n zb e r c ch t i g n n g verlieren! Diese inneren Gründe der Provenienz und des Bestandes unseres Vereines sind denn auch richtnng- und maßgebend für die politische Thätigkcit, die derselbe zu entwickeln berufen und bestimmt ist. Nochmals sei es zur Kennzeichnung unseres paritätischen staatsbürgerlichen Standpunktes ausdrücklich betont: „Wir I u d e li als s o l ch e, wir Inden als Mitglieder einer altehrwürdigen einheitlichen Glaubensgemeinschaft, deren Hoheit, Stolz und Ewigkeit darin besteht, der gesammtcn Menschheit den Eingottesglanben, das Gebot der Nächstenliebe und die alle Schütze der menschlichen Moral erschöpfenden zehn Gebote gegeben zu haben, wir bilden keine selb stständige politische Partei, wir wollen und können keine solche bilden, wahren vielmehr jedem Einzelnen von uns die von seinem Glaubensbekenntnisse durchaus unabhängige volle Freiheit seiner politischen Ueberzengnng nicht minder, als jene seiner religiösen Bethätigung. Demgemäß und da wir zunächst zur Wiedererlangung und zum Schutze unserer bürgerlichen Rechte und Freiheiten vereinigt find, die eben uns als Juden verkümmert oder versagt werden sollen, ist uns mit der bloßen Frage, ob wir liberal oder demokratisch, socialistisch oder arbeiterfreundlich sein wollen, ob wir die jetzigen politischen Parteibildungen acceptiren oder einer politischen Neubildung zustreben, äußerst wenig geholfen. Ganz besonders die die augenblickliche Parteiconstellationen beherrschende Frage, ob liberal oder demokratisch, oder über beide hinweg einer etwa erstehenden Volkspartei zugeneigt, scheint mir von unserem Standpunkte aus kaum zn einer Beantwortung geeignet oder einer solchen sofort bedürftig. Auch sind die Begriffe viel zu wenig concret und gefestigt, als daß man durch eine vorbehaltlose Bejahung oder Verneinung vor Fehlern und Mißverständnissen geschützt wäre. Was gestern noch als alleinige Domäne des sogenannten demokratischen Principes angesehen werden mochte, bildet heute ein Jnventarstück des liberalen Gedankens und Programmes; was heute der wahrhafte Liberalismus als feine Errungenschaft verkündigt, kann morgen von dem Evangelium der Demokratie nicht Zurückgewiesen werden. Gewiß ist, daß beide den Gedanken der Freiheit und des Fortschrittes Hochhalten und ans deren Grundsätzen ihren Bestand ableiten, ihre Nahrung gewinnen. Und wenn somit der Liberalismus von diesen Grundsätzen viel und der Demokrat m e h r verlangt, müssen wir von der Freiheit und vom Fortschritte am meisten verlangen, somit gerne bekennen, in diesen Fragen beide I Pgrteien überbieten zu wollen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.