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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-05-03 · 18 (3.5.1895) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
18 (3.5.1895)
Date
1895-05-03
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 18 Dr. Blvch's Wochenschrift. fließt, noch zu ersparen. Verehrte Herren! Wir leben in einer Zelt der größten Bedrängniß. Mehrere Personen, die sich größtentheils vom Indenthmn innerlich längst losgelöst, vollziehen auch altmälig die äußere Trennung, sie taufen sich. Es gilt also jetzt, den Kern des Volkes, die breiten mittleren Schichten desselben zu erhalten; das können wir nur dann erreichen, wenn wir der Jugend den geistigen Schatz unserer Religion, unsere Thora in ihrer Gesammtheit zugänglich machen, die Jugend zum Bewußtsein bringen, daß sie alle Ursache hat, stolz zu seirr einer Religionsgenossenschaft anzugehören, die gerade in Sachen der Moral, aller edleren Gesinnungen unerreicht dasteht und Lehrer aller übrigen Völker der Erde gewordell. Diese geistigen Schütze können nur durch tüchtige Lehrer der Jugend erschlossen werden und darum glaube ich, daß hier nicht gespart werden darf, ja, daß hier nicht genug geschehen kann. Weiters möchte ich mir in Ergänzung des eben Gesagten erlauben, dem geehrten Vorstande zur Erwägung anheim zu geben, ob es sich nicht empfehlen würde, unserem Vereine den Namen „Israelitischer Schulverein" beizulegen und denselben auf breitere Basis zu stellen als bisher, weitere Schichten durch Herabmindernng des Mindestbeitrages zur gemeinsamen Arbeit heranzuziehen. Der Name „israelitische Allianz" hat uns viele Angriffe zugezogen. Ueberall witterten unsere leider so scrupellosen Gegner die Hand der „Allianz", in Allem und Jedem. Wir entziehen derlei Angriffen jede Basis, wenn wir diesen so vielfach angefeindeten Titel ausgeben und uns „ Israelitischer Schulverein" nennen. Allüren müssen sich Fremde, wir aber sind ja ein Volk von Brüdern. Unsere 'Allianz ist durch tausendjährige gemeinsame Leiden gekittet. Ich erlaube mir, an den Vorgang gleich unseres großen Lehrers Moses zu erinnern. Als er die Stistshütte baute, verlangte er von Jedem einen halben Schekel. Niemand durste mehr geben, Niemand weniger. Trachten wir die großen Massen für unseren Verein heranzuziehen. Ist es nicht geradezu beschämend, daß Alles, was wir an Beiträgen Zusammenbekommen, nur den Betrag von fl. 18.15)8 erreicht? Das große Wien mit seinen 120.000 Juden hat nur 1019 Mitglieder, das nahe Brünn gar nur 29 und die Großgemeinde Prag 79 Mitglieder. Hier muß Wandel geschaffen werden durch eine energische, zielbewußte Agitation. Unsere Glaubensgenossen zahlen leider weit lieber dem deutschen Schulverein und lassen sich dann von diesem mit einigen Brosamen abfertigen, als daß sie einem Verein beitreten, dessen Aufgabe es ist, die reine heilige Lehre des Judenthums in die Herzen der Jugend zu verpflanzen. Hier wird eS gewiß besser werden, wenn unsere kleinen Landgemeinden erst einmal die Ueberzeugung gewonnen, daß sie iiid)t vergebens an die Thüre unseres Vereines anklopfen. Hier ist eine energische Agitation einzuleiten. Herr Wilhelm Pappenheim stimmt im Wesentlichen den Ausführungen des Herrn Dr. v. Schlesinger bei und meint, der Vorstand dürfe den Contact mit der Bevölkerung nicht verlieren, doch wäre seiner Ansicht nach die Gründung eines „Jüdischen Schulvereines" einer der größten Fehler, die man nur begehen könnte. Uebrigens hatte unser Lehrer Moses den halben Schekel nur von Jenen angenommen, die ihn gegeben. (Widerspruch: „Jeder hat zahlen müssen!") Der Verein müßte von Zeit zu Zeit gesellige Veranstaltungen und Zusammenkünfte treffen, um dem Publicum Gelegenheit zu geben, die Richtung der Vereinsthätigkeit näher kennen zu lernen. Er befürworte übrigens eine Action zur Anwerbung von Mitgliedern in Ungarn, von wo doch alljährlich nicht geringe Summen der Alliance Israelite universelle nach Paris zufließen. Es sei ganz gut möglich, auch für die ungarische Judenschaft eine Art geistiger Centralleitung für Culturzwecke des Judenthums hier in Wien zu schaffen. Herr Dr. M. Friedländer wendet sich gegen diese Ausführungen mit Hinweis darauf, daß die Israelitische Allianz in Galizien ein außerordentliches Culturwerk durch Errichtung von Schulen in's Leben gerufen. In keiner anderen Provinz des Reiches sei eine derartige Action erforderlich. Der Seite 326 Verein thne, zumal in gegenwärtiger Zeit, sehr gut daran, seine Thätigkeit aus den zweiten Punkt seiner Statuten zu conceutriren, nämlich dort, wo Israeliten als solche noch zu leiden habeil, ihnen eine wirksame Stütze zu bieten. Reichsraths-Abgeordneter Herr Dr. Bloch meint, die Anregungen des Herrn Dr. R. v. Schlesinger kämen um einige Jahre zu spät. Die Eonstituirung der neuen Gemeinden habe der Allianz ihre Schulwirksamkeit erleichtert. Die Umwandlung der Israelitischen Allianz in einen Schulverein wäre weder practisch noch durchführbar. Wahr sei es hingegen, daß sich viele Judeic ihres Judenthums zu schämen beginnen, doch das wären nicht die kleinen Inden, sondern die sogenannten „Großen", die sich aus ihr Judenthum erst dann besinnen, wenn sie von den Judenfressern daran erinnert werden. Freilich gäbe es äußerst rühmliche Ausnahmen. Was z. B. der verehrte Vereinspräsident Herr David Ritter v. Gutmann durch Wort und That an der Spitze zahlreicher Vereine sür's Judenthnm geleistet und ständig wirke, verdiene rückhaltlosen Dank und Anerkennung. Auf ihn blicken wir mit Stolz und Bewunderung, Tausenden ist er Vorbild und Ermunterung zur Treue gegen das Judenthum. (Redner wird durch stürmische Bravorufe im Weitersprechen unterbrochen. Die Versammlung bereitet dem Präsideilten eine stürmische Ovation. Herr R. v. Gunnann dankt gerührt für die spontane Kundgebung llnd versichert, daß er nur seinem Herzensdrange folge, wenn er für das Judenthum eintrete. In diesem Sinne habe er auch seinen Sohn erzogen. (Langandauernder Beifall und Bravorufe.) Mit Bezug aus die Anregungen des Herrn Dr. v. Schlesinger bemerkt er, der Verein müsse Alles vermeiden, was den Anschein haben könnte, als wollte man confessionelle Schulen gründen. Die Ersparnisse des Vereines wären aber nichts Anderes, als eine gebotene Refundirnng des von den Gründern des Vereines geschaffenen Fonds, den man anläßlich der russischen Hilssaction habe angreisen müssen. Die Anregung wegen der Herabminderung des Mitgliedsbeitrages werde der Vorstand noch eingehend discutiren. Herr Gemeinderath Dr. Alfred Stern entwirft eine historische Skizze der Vereinsthätigkeit zu Gunsten heimatlos gewordener Juden seit den Judenverfolgungen in Rumänien, wo der Verein eine Action entwickelt hat, die seitdem leider gar nicht zum Stillstände gelangt sei. Die Hilssactionen hätten wiederholt alle Kräfte des Vereines in Anspruch genommen und man lasse es auch bei keiner Gelegenheit an Anstrengungen fehlen, um die Zahl der Mitglieder zu vermehren. Der Verein wirke unter Umstünden durch seine Beziehungen nachhaltiger, als es durch Geld möglich wäre. Auf Antrag des Herrn Dr. Bloch wird dem Vorstände das Absolutorium für den Rechenschaftsbericht einstimmig ertheilt und die Wiederwahl der zum 'Austritte bestimmten Vorstandsmitglieder, der Herren D. R. v. Gutmann, Dr. M. G ü d e nt a tt tt, Dr. H. G r ü n b a u in, Josef R. v. Pfeiffer und D. Zifserer per aeclamationem vollzogen. Bei der Ergünzungswahl in den Vorstand wird Herr Bernhard Pol lack, Gesellschafter der Firma Hermann Pollack & Söhne, mit überwiegender Stimmenmehrheit gewählt. Zum Schluffe gibt der Präsident Herr R. v. G u t m a n n seinem und Aller Schmerz 'Ausdruck, den der Verein durch das am 19. Juli 1894 erfolgte 'Ableben des Vorstandsmitgliedes, des Herrn Ignaz Weiß, und des am 16. October 1894 in Reichenau a. K. verewigten correspondirenden Mitgliedes des Vereines, des Herrn N. Salomon Lengs selber, erlitten. Die General-Versammlung ehrte das Andenken der Verewigten durch Erheben von den Sitzen.

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