Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-05-03 · 18 (3.5.1895) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
18 (3.5.1895)
Date
1895-05-03
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3020846-3021061-3021080--04513-3028703
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 32 4 Dr. Bloch's Wvcheufchrist. Nr. 18 Wasser zum Kochen und Waschen aus den Lehmtümpeln nehmen müssen. Wer ist nun diese Wienerberger Ziegelfabriks-Aktiengescllschaft, welche aus solche Weise allen Gesetzen der Menschlichkeit, aber auch des Staates in's Gesicht schlägt? Haben ja selbst der Minister des Innern und der Statthalter die haarsträubenden Wohnungsverhältnisse auf dem Wienerberge zugeben müssen. Wer ist diese Gesellschaft, die mächtiger zu sein scheint als die Staatsbehörden? Vergebens suchen wir in den antisemitischen Blättern diesmal nach der beliebten Phrase, daß sich hier wieder einmal die Macht des „jüdischen Kapitals" erprobe, daß „jüdische Frechheit" ihre Orgien feiere u. s. w. Nein, die Scheußlichkeiten, welche bei dieser Gesellschaft amtlich constatirt wurden und an die thierische Grausamkeit erinnern, mit welcher die Sclavenhändlcr ihre „schwarze Maare" wie Pökelheringe in dem Hohlraum ihres Schiffes zusammenpfcrchtcn, diese Scheußlichkeiten, sagen wir, sind ausschließlich auf christlich-arische Rechnung zu setzen. Wie das ganze Gewerbe der Ziegelfabrication überhaupt seit jeher ein rein arisches ist, so hat sich auch die Wienerberger Ziegelfabriks- Actiengesellschaft bis heute durchaus judenrein zu erhalten gewußt. Die Mehrzahl der Actien befindet sich noch in Händen des Gründers dieses Unternehmens, des Herrn v. Dräsche, unter dessen Leitung die Wohnungsverhältnisse der Arbeiter noch viel erbärmlicher waren. Herr v. Dräsche ist in verhältnißmäßig kurzer Zeit vielfacher Millionär geworden und das Bewußtsein, daß ein gut Stück dieses ungeheuren Vermögens daher rührt, daß er seine christlich-arischen Arbeiter ausgeschunden hat, genirt ihn heute nicht im Mindesten, sich als eingefleischter Judenfeind aufzuspielen. Herr v. Dräsche ist Antisemit und cs würde uns Wunder nehmen, wenn es anders wäre. Weder in der Direction, noch unter den Beamten, noch unter den Actionären dieser Gesellschaft gibt es einen einzigen Juden. Es ist rein arische Nächstenliebe, die sich in der Behandlung der armen Ziegelarbciter manifcstirt, cs ist rein arisches Capital, welches da das christliche Volk ausbeutet, und es ist eine rein arische Frechheit, welche die Gesellschaft alle Anzeigen der Gcwerbc- Jnspectoren und allen gesetzlichen Bestimmungen noch bis in die letzten Tage hinein spotten ließ. Kein jüdisches Unternehmen würde seine Arbeiter derart behandeln, denn selbst dem Vieh gegenüber hat der Jude mehr Herz, als hier gegenüber Menschen gezeigt wurde. Keinem jüdischen Unternehmen wäre es auch gelungen, sich den Anordnungen der Behörden jahrelang so erfolgreich zu widersetzen, wie dies der Wienerberger Gesellschaft gelungen ist. Auch darin steckt ein Stück „praktischen Christenthums" mit seiner so laut ausposaunten Moral. Die Actien der Gesellschaft, auf welche fl. 120'— eingczahlt sind, stehen heute über fl. 350'—. Man ermesse daraus, welche ungeheueren Gewinne da erzielt werden! Uird dem gegenüber stelle man nun die Löhne der Arbeiter, die gerade ausreichen, um sie als Arbeitsthiere im Dienste der Gesellschaft zu erhalten! Als vor einiger Zeit die Wiener Tramway-Gesellschaft die Pfcrdc-Rationen herabsetzte, schrie die ganze antisemitische Meute Zeter und Mordio! über diese Barbarei des „Juden" Reitzes, der gar kein Jude ist! Aber die arischen Christen vom Wienerberge, die dürfen Tausende armer Menschen schinden und ausbeuten, darüber schweigt die antisemitische Hetzpresse! Was wäre geschehen, wenn die Wienerberger Actiengesellschaft nicht in antisemitischen, sondern in jüdischen Händen wäre? Wären auch dann die grauenvollen Schilderungen der Gewerbe-Jnspectoren seitens der Behörden unbeachtet geblieben, hätte mau auch dann hart an den Thoren Wiens einen solchen Seuchenherd geduldet? Der Strikc der Ziegelarbeiter ist beigclegt, die Lohnfrage ist vorläufig geschlichtet, und nun wollen wir abwarten, welche Energie die Behörden auch zur Beseitigung der Arbeiterhöhlen auf dem Wienerbergc aufwenden wird. Da ist für den Eifer der christlich-socalen Gcsellschaftsreformer und für die Bethätigung ihrer christlichen Nächstenliebe ein weites Feld offen! General-Versammlung der „Israelitischen Allianz zu Wien" am 28. April 1895, im Sitzungssaale der Israelitischen Cultusgemeinde. Der Präsident, Herr David Ritter von Gutmann, begrüßt die anwesenden Vereinsmitglieder, constatirt die statutarisch erforderliche Anzahl von Theilnehmern und erklärt die Versammlung für beschlußfähig. Reichsraths-Abgeordneter Herr Dr. Josef Bloch stellt den Antrag, von der Verlesung des Jahresberichtes, der schon gedruckt vorliege und sich seit längerer Zeit in den Hällden der Mitglieder befinde, Abstand zu nehmen. Der Antrag wird einstimmig von der Versammlung genehmigt. Aus dem Berichte entnehmen wir, daß die Förderung der Erziehung durch Hebung des Schulunterrichts in armell Gemeinden als eine der wichtigsten Aufgaben behandelt wurde. 24 Gemeinden werden angeführt, die zu diesem Zwecke unterstützt wurden. Ferner wurden Unterstützungen zu Th eil der Königswarter-Stiftung in Meran, dem Vereine zur Unterstützung mittelloser israelitischer Studirender in Wien, dem russisch-akademischen Vereine in Wien, dem akademischen Vereine „Humanitas" in Graz, dem Vereine zur Beförderung der Handwerke unter den inländischen Israeliten in Wien, dem juridischen Unterstützllngsverein mt der Universität in Wiell, dem Centralverein zur Pflege jüdischer Angelegenheiten tu Prag für dessen Handwerker-Abtheililng, der Lesehalle in Zaleszczyki, dem Thoras-Emeß-Verein zu Mattersdorf, dem Thercsicn-Kreuzerverein in Wien, dem Vereine zur Unterstützung der Universitätshörer in Lemberg u. s. w. Weiter wurden Frauen' und Kinder aus Rußland unterstützt, die sich zu ihren Angehörigen nach Frankreich, England und Amerika begaben, wo sie sich bereits eine Existenz begründet hatten. Speciell für die Unterstützung russischer Juden wurden fl. 17.719 verwendet, für Schulzwecke wurden fl. 3993, für literarische Zwecke fl. 2233, für sonstige Hilfszwecke fl. 357 ausgegeben. Die Mitglieder hatten fl. 13.158 beigesteuert, an Spenden sind fl. 1925 cingeflossen. Herr Dr. Gustav Ritter v. S ch l e s i n g e r ergreift das Wort: Ich möchte mir gestatten, an den eben verlesenen Rechenschaftsbericht einige Bemerkungen anzuknüpfen. Ich finde, daß unser Verein seiner Hauptaufgabe — viel« § 2 der Statuten — die Volkserziehung bei den Israeliten durch Errichtung oder Unterstützung von Schulen zu fördern, nicht in jenem Maße entsprochen hat, welches die vorhandenen Mittel gestatteten; es wurden nämlich für Schulzwecke speciell nur fl. 3993 verausgabt, für Literatur-Subventionen und Stipendien fl. 2233, im Ganzen also Schulzwecken nur fl. 6227 gewidmet und fl. 7598 auf neue Rechnung vorgetragen. Meine Herren! Ich glaube nicht, daß es Zweck des Vereines sei, zu thesanriren. Ich erinnere mich der herrlichen Worte unseres verehrten Rabbiners, des Herrn Dr. Schmied l, der in einer so zu Herzen gehenden Predigt am 1. Tage des Pessach über das Thema sprach: „Du sollst den Armen nichts vorenthalten" und es geradezu als eine Vorenthaltung des den Armen Gebührenden bezeichnete, wenn Vereine, gebildet zum Zwecke, der Armuth beizustehen, in ihren Rechenschaftsberichten prahlerisch darauf Hinweisen, wie viel sie Heuer in's Verdienen gebracht — ja leider auf Kosten der Armuth, der das Geld zugedacht war. Auch wir Hütten, glaube ich, besser gethan, armen jüdischeil Gemeinden es zu ermöglichen, für die Heranwachsende Jugend Lehrer zu halten, anstatt einen großett Saldo vorzutragen und von dem an und für sich Welligen, welches ein-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.