Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 18 (3.5.1895)
- Date
- 1895-05-03
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 18 Dr. Bloch's Wochrnschrifl. Seite 323 Das Doppelgrsicht des „Janus". Die wechselseitige Capitalien- und Renten-Versichernngs- Gesellschaft „Janus" in Wien weiß, warum sie den Namen des römischen Gottes trägt, der mit zwei Gesichtern abgebildet wurde. Auch die genannte Gesellschaft trägt zwei Gesichter, ein arisch-christlich-antisemitisches und ein polnisch-jüdisches. Wir haben schon zu wiederholten Malen auf die merkwürdigen Geschäftspraktiken des „Janus" hingewiesen. Im Jahre 1893 ließ die Verwaltung dieser Gesellschaft Reelame-Broschüren drucken, mit welchen sie sich an den glaubenseifrigen Sinn der christlichen Bevölkerung der Alpenländer wendete. Es waren dies fromme Tractätlein mit vielen Bibelcitaten, an deren Schlüsse eine geschäftliche Anpreisung des „Janus" stand. „Der Papst und die Lebensversicherung", „Geistliche Stimmen über die Lebensversicherung", so lauteten die auferbanlichen Titel dieser Agitationsschriften. Der „Janns" trieb Speculation mit dem religiösen Gefühle der christlichen Bevölkerung, und das wurde ihm eines Tages von dem Organe des Erzbischofs von Salzburg, der „Salzburger Kirchenzeitung", sehr übel vermerkt. Das genannte Blatt griff die Gesellschaft und ihren Director Klang-Egger überaus heftig an, und in der Angst, daß fürderhin die Pfarrer und Capläne in Oberösterreich, Salzburg und dem glaubensstarken Tirol nicht mehr die Geschäfte des „Janus" besorgen würden, verstand sich derselbe zu einer demüthigen Capitulation vor der „Salzburger Kirchenzeitnng". Herr Director Klang-Egger gab die Erklärung ab, daß: 1. seit einem Jahre sich fetit Jude mehr im Anfsichtsrathe des „Janns" befinde und daß 2. bei Bestellung der General-Agentschaft in Wien in dem betreffenden Inserate die Bemerkung angebracht war, daß die Bewerber christlicher Religion sein müßten. Nach dieser öffentlichen Bekundung seiner antisemitischen Gesinnung und Structnr durfte der „Janus" in der schwungvollen Exploitirung des Christenglaubens ungehindert fortfahren, ja die „Salzburger Kirchenzeitnng" ließ sich sogar herbei, Inserate anfzunehmen, in welchen mit fetten Lettern angekündigt war, daß an der Spitze des Aufsichtsrathes der hochwürdige Herr Dr. Gottfried Marsch all, päpstlicher Protonotarius, k. u. k. Hofeaplan, Domherr und DomscholastieuS zu St. Stephan, infulirter Probstpfarrer an der Heilandskirche in Wien 2i\ 2C., stehe, dagegen die Thatsache, daß als Obercnrator der Gesellschaft der liberale Freiherr v. Chlum ecky fungire, gänzlich verschwiegen wurde. In den Alpenländern zeigt also der „Janns" noch immer sein arisch-christlich-antisemitisches Gesicht. In Galizien aber steckt er sich Schläfenlocken und eine krumme Nase ans und vertheilt Broschüren in hebräischen Lettern und in jüdischdeutschem Jargon. Welch' niedrige, erbärmliche Machwerke diese Agitationsschriften sind, mag folgende Stelle ans einer derselben zeigen: „Das Geld ist das Leben von dem Mensch, überhaupt von dem Jud. Kein einziger Mensch in der Welt kann bestehen ohne Geld, oni clioscliew Karnes. Wer kein Geld hat, ist wie ein Todter. Aber der Christ bedarf doch nicht des Geldes so nöthig wie der Jnd. Er ist ein Beamter, ein Professor, ein Officier. Wird er krank, bezieht er weiter den Gehalt, wird er alt, gibt man ihm eine Pension, stirbt er, hat die Frau eine jährliche Pension. Dagegen aber der Jud, was lebt von der Luft, sein Geschäft ist entweder der Handel oder das Handwerk, bei ihm ist das Geld das wahre Leben. Ondom bohul al mumoinoi, dem Jud ist das Geld das Theuerste in der Welt und hat er es nicht, ist für ihn die Welt verloren." Und nachdem er so sieben Druckseiten hindurch fortgegangen ist, heißt es am Schlüsse: „Kurz gesagt, der „Janus" ist für den Jud die ciltzige und beste Versicherungs-Gesellschaft." Bravo, Herr Klang-Egger! Das nennen wir in der That ein Meisterstück! In Salzburg und Tirol mit der Soutane, in Galizien im Kaftan. In Salzburg und Tirol erklärt man, kein Jude sitze in der Verwaltung des „Janus", in Galizien schreit man: „Der „Janns" ist für den Jud die einzige Versicherungs-Gesellschaft!" Das Doppelgesicht des „Janus" ist eine höchst interessante Erscheinung und hoffentlich nimmt man in den Alpenländern von dem polnisch-jüdischen und in Galizien von dem arisch-antisemitischen Antlitz Kenntniß. Eilte Frage aber drängt sich uns bei alledem auf die Lippen. Man ist in Oesterreich sehr so leicht und rasch bei der Hand, um aus einer harmlosen Aeußerung eine Gotteslästerung oder wenigstens eine Herabwürdigung der Lehren und Einrichtungen der katholischen Kirche zu constrniren. Ist der Mißbrauch, welchen der „Janus" mit den religiösen Empfindungen von Christen und Juden, den er mit den Lehren und Einrichtungen dieser Glaubensgemeinschaften treibt, nicht auch eine Herabwürdigung einer anerkannten Kirche, und eine höchst freche und frivole noch dazu? Ilnd wie kommt es, daß man solche Tinge ruhig hütet, daß man in dieser Verquickung von Religion und Geschäft keine Beeinträchtigung und Verhöhnung der ersteren erblickt? U. A. w. g. Arische Arbeitrrsrrrmdlichkrit. lieber die Arbeiterwohnungen der Wienerberger Ziegelwerte sind grauenhafte Details in die Oeffentlichkeit gekommen. In kaum zwei Meter hohen, schlecht ventilirten, mit zerbrochenen Ziegeln gepflasterten Räumen wohnen vier Familien — je eine Familie in einer Zimmerecke -- und noch ein oder zwei ledige Bettgcher. Siebzehn, oft zwanzig Personen in einem niedrigen, mit Ziegelstaub erfüllten, dumpfen Wohnraum! Erwachsene Brüder und Schwestern schlafen zusammen tu einem Bette! Wenn Krankheiten in diese Hoble einbrechen, dccimiren sie die Kinderschaar und oft auch die Großen. Wenn ein neuer Weltbürger anrückt, verlassen die Andern den Raum oder es wird aus Brettern und Tüchern ein Verschlag gemacht. Die Luft in diese Zimmern ist zum Ersticken, aus den schlechten Oescn schlügt das Feuer heraus und vermehrt den Dunstund Qualm im Zimmer. Im Frühjahr triefen die Wände oou Feuchtigkeit. Das Ungeziefer in diesen Behausungen soll jeden Begriff übersteigen. Im Moder und Schimmel gehen selbst die Juchtenstiefel der Männer zu Grunde. Die Gewerbe- Jnspectoren haben ans diese haarsträubenden Uebelstände wiederholt hingewiesen, sie haben von den Schäden für die Sittlichkeit gesprochen, die daraus erlvachseu, daß uuverheiratete Arbeiter mit Ehepaaren und jungen Mädchen beisammen wohnen, sie haben auf die sanitären Gefahren aufmerksam gemacht, die vom Wienerberge aus ganz Wien bedrohen - vergeblich! In den Arbeiterhöhlen - denn mit menschlichen Wohnungen sind dieselben nicht zu vergleichen — blieb Alles beim Alten! Die Gesellschaft schien nicht nur die Menschlichkeit, sondern auch die Gesetze ungestraft verhöhnen zu dürfen, denn ihre Arbeiterhäuser waren im Widerspruche mit der Bauordnung, die für jeden bewohnbaren Raum mindestens 3 Meter Höhe fordert, erbaut, die Belegung der Zimmer mit siebzehn bis zwanzig Personen konnte nur durch Außerachtlassung der Meldnngsvorschristen gegenüber der Polizei geschehen. Aber man wird glauben, daß in dieser scheinbaren llumenschlicbkeit der Wienerberger Ziegelfabriks-Actiengesellschaft doch Mitleid mir dem Lose des armen Arbeiters steckt, daß die Gesellschaft diesen Arbeitern eine, weitu auch nicht bequeme, so doch billige llnterkunft bieten wolltet Auch das kann zu ihrer Entschuldigung nicht angeführt werden, im Gegentheil, mit der Bermiethung dieser Behausungen wurde eine geradezu schamlose Ausbeutung geübt. Jede erwachsene Person zahlt von dem Lohne, den sie sich verdient, wöchentlich zwanzig Kreuzer Zins. In einem Zimmer sind aber oft zehn bis zwölf erwachsene Personen untergebracht, das macht jährlich nahezu 125 fl. für ein einziges Zimmer. Das ist ein ungeheurer Zins für einen s o l ch e n Wohnraum, wie wir ihn geschildert, auf dem abgelegenen Wicncrberge, wo die Bewohner das