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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-05-03 · 18 (3.5.1895) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
18 (3.5.1895)
Date
1895-05-03
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 322 Dr. Bloches Wotlzenschrifr. Nr. 18 Eventualität, die wohl auch Herr Morsey nicht wünsche. Der liberale Abgeordnete Siegmund identificirt hier den Begriff des Juden mit dem Begriff des Wucherers, obwohl er selbst sehr wohl weiß, daß es unverfälschte Arier waren, welche lange Zeit in Nordwestböhmen die schamlosesten Gütcrschlächtercicn betrieben. Die Aeußerung des Herrn Siegmund läßt tief blicken, sie zeigt, wie sehr die liberale Partei sich bereits den Anschauungen und der Ansdrucksweise der Christlich-Socialen anbequemt hat und wie wenig unsere Glaubensgenossen unter solchen Umständen auf einen wirksamen Schutz ihrer Rechte von dieser Seite zu hoffen haben. Die liberale Partei mag sich vorsehcn! Sie ist zum Schutze ihres Besitzstandes in die Coalition gegangen, aber dieser Besitzstand kann in grundstürzendem Maße erschüttert werden, wenn die Juden in Böhmen und Mähren erkennen, daß sie gegen die steigende Fluth der antisemitischen Bewegung seitens der Liberalen keinen Schutz zu erwarten haben, und Niemand wird schließlich unseren Glaubensgenossen einen Vorwurf daraus machen können, wenn sie sich die Frage vorlegen, ob sie — da doch einmal die Coalitionen an der Tagesordnung sind — durch eine Coalition mit den Tschechen ihre staatsbürgerlichen Rechte und ihre wirthschaftliche Existenz nicht besser wahren, als wenn sie der liberalen Partei noch fernerhin Aschenbrödeldienste leisten. Etwas Aehnliches hat sich ja schon vor Jahren in Proßnitz abgespielt. Dort ist der seither verstorbene jüdische Advocat Dr. Trieschet als Candidat der vereinigten Tschechen und Juden in den Landtag entsendet worden. Proßnitz ist mittlerweile den Deutschen ganz verloren gegangen. Aber in einer Reihe von Städten, die sehr kostbare Bestandiheilc des Besitzstandes dieser Partei bilden, wird bei den nächsten Wahlen die Entscheidung von den jüdischen Stimmen abhängcn. Selbst wenn sie, ohne sich auf Seite der Tschechen zu schlagen, nur die Haltung der israelitischen Wähler der Leopoldstadt nachahmcn und sich der Wahl enthalten, wird die liberale Partei aus Mähren dccimirt in den Rcichsrath zurückkehren. Die Führer der liberalen Partei mögen diese Eventualität erwägen und darnach ihre ferneren Entschließungen entrichten! Sachverständige in „Ritualmorden". Das Princip der Arbeitstheilung kommt auch bei den Antisemiten zur Geltung. Herr Schneider ist z. B. der anerkannte Fachmann in „Ritualmord"-Angelegenheiten. Er sitzt zwar merkwürdigerweise noch immer im Parlamente und muß so einen Theil seiner kostbaren, „Ritualmorden" gewidmeten Zeit nichtigen, kleinlichen Dingen opfern, aber deshalb ist es bei Freund und Feind anerkannt: Lumpereien und Nichtswürdigkeiten, die irgendwie mit dem „Niiualmord" in Zusammenhang gebracht werden können, gehören in das Ressort Schneid e r' s, der auf diesem Gebiete die höchste Autorität ist. Dieses Individuum ist ja auch ein eowwis vvzmxeur ht Ritualmorden, er reist in dieser Waare und man erinnert sich noch an die Mitlheilung, die das ihm befreundete Vergani-Blatt kürzlich veröffentlichte und die, man weiß nicht ob in mehr schurkischer als vertrottelter Weise, ganz ungenirt besagte: „Herr Schneid^r ist in einer Schächtangelegenheit verreist." Schade, daß diese Offenherzigkeit nicht Schule macht-. Die Polizei hätte es gut, wenn alle gemeingefährlichen Individuen ein Organ hätten, in welchem sie ihre Reise- und sonstigen Pläne veröffentlichen würden. Herr Vergani, welcher derzeit sehr viel mit seiner etwas dunklen Mühldorfer Vergangenheit zu thun hat, anerkennt in so hohem Maße Schneid er's Größe auf diesem Gebiete, daß er ihn als eine Art Auskunfts-Bureau für derlei Sachen hinstellt, und man wäre gar nicht überrascht, wenn nächstens im „Deutschen Volksblatt" zu lesen wäre: „Auskünfte und Informationen über „Schachiangelegenheiten" erthcilt — auf Kosten der Juden — Herr Schneider." Vorläufig war in der Nummer des „Deutschen Volksblattes" vom 28. April d. I. thatsächlich Folgendes zu lesen: „A. N. 10. Wir haben von dem Vorfälle bisher keine Kenntniß erhalten und Ihren Brief sofort dem Abgeordneten Schneider übergeben. Wenn Sie Ihre Anonymität lüsten wollen, so ist Abgeordneter Schneider bereit, die Sache zu ermitteln und zu verfolgen. Es sind ihm aus jüngster Zeit drei Fälle gemeldet worden, in welchen l ebend e K ind er in K i sten v erpackt, mit einem Knebel imlunbc, a ufgefundeu worden sein sollen. Eines aus Prag, eines aus Klattau und Tyrol." Wir haben diese niederträchtige Antwort, etwas niedriger gehängt, denn die ganze rafsinirte Schlauheit V e r g a n i' s, der mit dieser Antwort kein anderes Ziel verfolgt, als das ebenso schurkische als blöde Blntmärchen seinen Lesern in Erinnerung zu bringen, soll uns nicht hindern, die versteckte Nichtswürdigkeit offen zu brandmarken. Nein, Herr Vergani, Sie täuschen Niemanden und Jeder weiß, was Sie damit andeuten wollen, daß Schneider angeblich Kenntniß davon erhalten, lebende Kinder seien geknebelt, in Kisten verpackt aufgefunden worden. Wer immer auf die Spur irgend eines Verbrechens kommt, wird wissen, daß er sich mit der Anzeige an die competente Behörde zu wenden hat. Altzeigen von geknebelten Kindern, die man an ein Individuum von der Vergangenheit Schneider's richtet, erwecken von allem Anfänge den begründeten Verdacht, daß wohl ein Verbrechen geplant wurde — aber ein Verbrechet:, welches von Judenfeinden ausgehcckt wurde und mit Hilfe der Vergani's und Schneid e r's gegen die Juden ausgeführt werden soll. Man weiß es aus den Zeugnissen von Päpsten, daß die Schneider vergangener Zeiten nicht vor dem scheußlichen Verbrechen zurückschreckten, ihre eigenen Kinder zu ermorden, um sodaitn die Schuld den Juden in die Schuhe schieben zu können. Wir haben ja erst vor wenigen Wochen erfahren, daß eilte offenbar von dem Geiste Vergani's und Schneider's erfüllte Dienstmagd auf den sinnreichen Einfall kain, einen jüdischeil Geschäftsmann auf die Probe zu stellen, ob er nicht das Anerbieten acceptiren werde, ihr Kind zum Schlachten anzukaltfen! Die Freunde des Vergani'scheu Schandblattes lesen schmunzelnd vor Behagen von den in Kisten verpackten Kindern, deren Spur Schneider verfolgen will. Sie wissen, was Vergani, der wohl nur aus Furcht vor dem Staatsanwalt nicht deutlicher die „Ritualmord"-Beschuldigung in die Welt hinausschreit, zwischetl den Zeilen ganz unzweidentig und verständlich heraussagt. Der antisemitischen Bande ist es darum zu thun, mit allen ihr zu Gebote stehenden Mitteln dafür Sorge zu tragen, daß die schamlose Blntlüge immer wachgehalten werde. Darum und nur darum theilt Vergani in den „Antworten der Schriftleitung" mit, daß Schneider Kenntniß von in Kisten gepackten, geknebelten Kindern erhalten habe. Die feige Niedertracht, die sich vor dem Staatsanwalt zu salviren sucht, ist charakteristisch für die journalistische Kampfweise der Antisemiten. Im Parlament, wo ein Schneider, diese Bestie in Menschengestalt, laut unter dem Schutze der Immunität dem Wunsche Ausdruck gibt, „das jüdische Gesindel müsse vom Erdboden vertilgt werden" wird die schurkische Blutbeschuldigung von Zeit zu Zeit ganz offen uttd ungenirt aufgeworfen. . . Ja, die Antisemiten verstehen sich auf das Princip der Arbeitstheilung. Vergani weiß, was er in seinem Blatte andcutcn darf, Schneider wieder weiß, was er im Parlament offen heraussagen darf, Hoffentlich kommt auch die Zeit, wo wieder andere, hiezu competcnte Factoren wissen werden, wie man Volksverführer und Volksverderber von dem Calibcr Vergani und Schneider unschädlich macht.

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