Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 18 (3.5.1895)
- Date
- 1895-05-03
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. 18. Or. Blocks Jahrgang XU. Centralorgan für die grsammtrn Interessen des Iudenthnms. 8= « H Tä. K. Postsparcaffen-Rmt Clearingverkehr Nr. 810.976. Redaclion und Adininiflralimi: 1 Wien II., Untere Augnelenstr. Ir». lelepkon Nr. 6535. »=—=——= Wien, 3. Mcii 1895. Erscheint jeden Freitag. Wan abvnnirt bei allen Poflanstallen des In- und Auslandes. S - -- « Nezugsprris für Vestrrreirt;: Halbjährig 4 fl. 8 Kr. Einzelexemplare 25 kr. jj Für s Ausland: | Halbjährig 5 fl. — io Kr.;j Ganzjährig 10 „ — 20 „ ij Anzeigen: Die tnial gespaltene Peritzeile 12 kr. » « Inhalt: Leitartikel: Zur Lage in Mähren und Böhmen. — Sachverständige in „Ritualmorden". — Das Doppelgesicht des „Janus". — Arische Arbeiterfreundlichkeit. — General-Versammlung der „Israelitischen Allianz zu Wien". — Die Aufgaben der Abwehr. — B o m I ahrmarkt des Lebens: Eingesendet. — Eine Zeugenaussage des Herrn Gregorig. — Ein arischer Bankier. — Affaire Freiherr von Hammerstein. Zuni Kampf um das Staatsgrundgesetz. — Chiistenhaß in China. — Aus Rußland. — Die deutsche Umsturzvorlage und das Judenthum. — Zur Lage in Frankreich. — New-Iorker Briefe. C o r r e s p o n d e n z e u: Wien, Budapest, Kozlow. Hannover. — Vermischtes: Wien, Jglau, Neudeck, Proßnitz, Reichenberg, Mähr.-Aussee, Mödling. — Bezedek, Jägenidorf, Mähr.-Weißkirchen, Mistelbach, Faroslau, Lemberg. — Feuilleton: Mein Freund Wodakoski. — Briefkasten. — Literatur. — Inserate. Oie Redaetion und Administration dev Oesterr. Wochenschrift befindet sieh Wien, IL, Untere Angartenstrasse la nVLezzanin- Znr Lage in Mähren und Böhmen. Der Antisemitismus zeigt verschiedene Spielarten; in Wien ist er christlich-social, in den Provinzen ist er vorwiegend delltsch-national. Der nationale Antisemitismus ist eine noch viel häßlichere Erscheinung, als der christlich-sociale; denn überall in den gemischtsprachigen Ländern haben die Juden dem Deutschthnm die wichtigsten und uneigennützigsten Dienste geleistet. Wenn in Prag heute noch ein starker Bruchtheil von Deutschen vorhanden ist, die sich zur deutsch-liberalen Partei bekennen, wenn in Budweis das deutsche Elemeut den Tschechen noch immer die Waage hält, und wenn die mährischen Städte mit wenigen Ausnahmen bisher noch immer delltsch und liberal wühlen, so ist dies den Opfern zu danken, welche die Juden der liberalen Partei gebracht haben. Und man glaube ja nicht, daß die Uebung dieser politischen Tugend unseren Glaubensgenossen in den gemischtsprachigen Ländern leicht füllt. Sie haben dafür den Haß der tschechischen Bevölkerung auf sich geladen und müssen geschäftliche Nachtheile erleiden, die oft die wirthschaftliche Existenz Einzelner gefährden. Aber trotz alledem und alledem standen die Juden unerschütterlich zur liberalen Partei, weil sie an ihren Liberalismus glaubten und sich durch sie am Besten geschützt erachteten. Nicht die Hervorhebung des deutschen Standpunktes, sondern jene des Liberalismus hat sie in deren Reihen festgehalten, und weil tausend- und abertausendfach gesagt wurde, daß in Oesterreich der Liberalismus identisch sei mit dem Deutschthum, haben sie auch dieses gegen die gerechten Ansprüche der Slaven vertheidigen geholfen. Wenn irgend ein Volk in Oesterreich, so hätten die Deutschen alle Ursache, den Juden dankbar zu sein. Und doch sind es fast ausschließlich die Deutschen, welche dem Antisemitismus Eingang in ihre Köpfe und Herzen gewähren und hier aus vermeintlich socialen, dort aus angeblich nationalen Gründen - die Bedrückung und Entrechtung der Juden predigen. Wie der christlich-socialen Hetze in Wien, so sieht nun die liberale Partei auch der natiouat-atttisemitischen Hetze in Böhmen und Mähren mit verschränkten Armen zu. Die absolute Gleichgiltigkeit, welche die liberale Partei heute, wo ihre Führer im Rathe der Krone sitzen, gegenüber den Fortschritten des Antisemitismus in Wien, gegenüber den mannigfachen Verletzungen der auch den Juden gewährleisteten staatsbürgerlichen Rechte beobachtet, die Beflissenheit, mit welcher der „liberale" Handelsminister den Wünschen der Ehristlich- Socialen entgegenkommt, und manche andere offenkutidige Thatsachen, die beweisen, daß die liberale Partei aus „staatsmännischen Rücksichten" auf ihren Liberalismus ganz und gar vergessen hat, haben unsere Glaubensgenossen in Böhmen und Mähren höchst bedenklich gemacht. In unserer letzten Nummer haben wir einen Stimmungsbericht aus Böhmen rcproducirt, in welchem mitgetheilt wird, daß in Folge der deutsch-nationalantisemitischen Bewegung die Juden Böhmens über die Ersprießlichkeit ihres bisherigen Verhaltens nachzudenken und gemeinsam zu berathen beginnen. Solche Berichte kommen aus Budweis, Trautenau, Königinhof. Aber auch in den mährischen Städten fangen die Juden an, mit sich zu Rathe zu gehen, ob es sich Angesichts ihrer Preisgebuug seitens der liberalen Partei noch fernerhin lohnt, den Haß der tschechischeil Bevölkerung auf sich zu laden. Es kommen Ereignisse zur Reife, die nach Lage der Dirige unvermeidlich sind. Mau könnte diesen Stimmungsbericht für übertrieben halten, wenn nicht einzelne Symptome, die wir hier unmittelbar wahrnehmen, seine Wahrhaftigkeit bestätigen würden. Zu diesen Symptomen rechnen wir die Bemerkung, welche dem deutsch-liberalert Abgeordneten für Aussig-Teplitz, Herrn Siegmund, in der Steuerdebatte gegenüber dem antisemitischen Abgeordneten Morsey entschlüpft ist. Herr Siegmund sprach über die Bedeutung der Sparkassen für die billige Ereditgewährung au die Landbevölkerung, und er sagte, wenn die Sparcassen nicht wären, müßte die Landbevölkerung „zum Juden laufen", eine