Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 17 (26.4.1895)
- Date
- 1895-04-26
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 17 Dr. Blvch's Wochenschrift. Rituelle Blutabzapfungen. Die „Floridsdorfer Zeitung" vom 20. April 1895 bringt nachstehenden Bericht: „Aus Groß-Enzersdorf wird uns über einen ganz merkwürdigen Vorfall berichtet, welcher die Bevölkerung unseres Nachbarortes Kagran in große Aufregung versetzt und über welche die Anzeige sowohl beim Bezirksgerichte Groß-Enzersdorf, als auch beim Vezirksschulrathe behufs Einleitung der Disciplinar-Uutersuchung erstattet wurde. In Kagran versieht der hochwürdige Cooperator P. Wilhelm Suchet, ein noch junger Priester, auch die Functionen eines Religionslehrers an der dortigen Volksschule. P. Wilhelm Suchet hat weder in seinem geistlichen, noch in seinem Lehrarnte bisher einen Anlaß zur Klage gegeben. Umso befremdlicher muß der Vorfall berühren, welcher nun zu einer gerichtlichen Untersuchung gegen ihn geführt hat. Kurz vor den Osterfeiertagen wandten sich drei zehnjährige Schulmädchen, darunter auch die Franziska K n o tz i n g e r, das Kind eines blinden Werkelmannes in Kagran, an den hochwürdigen Cooperator mit der Bitte, sie zur österlichen Communion zuzulassen. P. S u ch e t verweigerte den Kindern die Zulassung. Auf ihr wiederholtes Bitten jedoch gab er seine Zustimmung unter der Bedingung,, „daß sich die Mädchen von ihm eine schwere Buße auferlegen lassen". Wie P. Suchet zu dieser Bedingung kam, ob die drei Schulmädchen sich etwas hatten zu Schulden kommen lassen oder ob der hochwürdige Cooperator dieselben in religiösem Uebereifer einer Askese unterwerfen wollte, wird erst die Untersuchung klarstellen. Die Franziska Knotzinger nun erklärte sich bereit, die verlangte Buße auf sich zu nehmen, und P. Suchet lud das Kind zu sich in den Pfarrhof. Die beiden anderen Mädchen schlossen sich an, und nach Aussage der K n o tz i ng er , sowie ihrer beiden Colleginnen faßte P. Suchet in seiner Wohnung die Hand der Knotzinger und brachte ihr mit einem scharfen Papiermesser an der inneren Handfläche, am Daumen und den Fingern mehrere Schnittwunden bei, so daß das Kind heftig blutete. Die Kinder liefen erschrocken davon und der Vater der Knotzinger begab sich sofort zu dem Gemeindearzte Dr. Mantl, von welchem er ein ärztliches Parere ausstellen ließ. Damit erstattete er bei dem Gendarmerieposten in Kagran die Anzeige, welcher von dem seltsamen Vorfälle dem Bezirksgerichte Groß-Enzersdorf Meldung machte. Dieses ordnete sofort eine strenge Untersuchung an und ebenso beschäftigt sich, wie bereits erwähnt, der Bezirksschulrath mit der Angelegenheit." Der bibelfeste Bismarck. Auf dem Commerse. der in Bromberg zu Ehren des Fürsten Bismarck abgehalten wurde, theilte der Regierungs-Präsident v. Tiedemann einen bisher noch nicht veröffentlichten Brief B i s m a r ck's mit, den dieser am 24. December 1864 an Kaiser Wilhelm I. geschrieben hat. Mit dem Briefe hat es folgende Bewandtniß: Der König schenkte Bismarck zum Weihnachtsabend einen Spazierstock. Bismarck setzte sich unmittelbar nach Empfang des Geschenkes nieder, um dem König in einem Schreiben seinen Dank auszusprechen. Als er den Brief noch einmal durchlas, sah er, daß ein Wort boppelt geschrieben war. Er entschloß sich, den Brief noch einmal abzuschreiben. Dies geschah, und der ursprüngliche Brief wurde beiseite gelegt. In diesem Briefe, der Herrn v. Tiedemann im Jahre 1878 beim Sichten von Manuscripten auf seine Bitte vom Fürsten überlassen wurde, heißt es: „Möge Gott mir so viel Kraft geben, als ich guten Willen habenden Stab, dessen Symbol Eure Majestät mir als ein lebenslängliches theures Andenken heute schenken, nach Allerhöchstihrem Willen zum Heile unseres Vaterlandes zu führen. Ich habe das gläubige Vertrauen zu Gott, daß Euer Majestät Stab im deutschen Lande blühen werde, wie der Seite 315 Stecken Aron's laut dem vierten Buche Mosis im siebzehnten Capitel, und daß er zur Noth sich auch in die Schlange verwandeln werde, welche die übrigen Stäbe verschlingt, wie es im siebenten Capitel des zweiten Buches erzählt." — Fürst Bismarck ist in dem „Geschichtenbuche der Juden", welches unsere Deutsch-Nationalen so sehr perhorresciren, außerordentlich gut bewandert. Der anlisemilische Dr. Sigl über die antisemitischen Sachsen. In dem Sigl'schen „Vaterland" vom 14. April lesen wir: „Sachsen. Mit Bezug auf die Notiz: Autodafö und Neichenbach (wobei mit dem Namen von antibismarck scheu Reichstags Abgeordneten bezeichnet Scheiter im Bismarckholzstoß verbrannt wurden) schreibt man uns: Bon dem Fanatismus und der Unduldsamkeit der Sachsen kann man sich keinen Begriff machen. Trotzdem diese Mucker fast ganz unter sich sind und cs fast gar keine Katholiken oder Juden dort gibt, würde man gerne die beiden, Juden und Katholiken, vom Erdboden vertilgen. In einem Punkte läßt man aber Katholiken und Juden — wie bei der Firma Kathreiner — eine Existenzberechtigung zu, nänrlich als solventen Käufern. Da sind ihnen Juden und Katholiken recht. Wenn die Juden, deren Großhändler die Hauptabnehmer der sächsischen Producte sind, mehr Lsprit äs 6orps hätten, würden sie die ganze sächsische Heuchler- und Betbruder-Gesellschaft längst hinausgeschmissen haben. Die HH. Christian, Trau- und Fürchtegotts rc. könnten dann den eigenen Leichnam in ihre preiswürdigen Gewebe hüllen. Das wäre die einzig richtige Behandlung für diese Leineweber- Gesellschaft." Correspondeiyen. Wien. (General-Versammlung des politischen Volks- Vereines.) In Folge der durch den Ausfall der letzten Wiener Gemeinderathswahlen geschaffenen politischen Situation hat der Politische Volksverein (früher Israelitischer Wählerverein) sich veranlaßt gesehen, seine seit längerer Zeit sistirte Thätigkeit wieder aufzunehmen. Bei der gestern abgehaltenen General-Lersammlung wurde Hof- und Gerichtsadvocat Dr. Hermann F i a l l a zum Vereinspräsidenteil gewählt. Der neugewählte Präsident, auf das Lebhafteste acclamirt, besprach in seiner mit intensivstem Beifalle aufgenommenen Programmrede die politische Lage, welche jedem Juden eine erhöhte politische Wachsamkeit und Thätigkeit zur Pflicht mache. Insbesondere habe das Verhalten eines Theiles der jüdischen Wähler in der Leopoldstadt bei den letzten Gemeinderathswahlen die Nothwendigkeit einer regeren, aufklärendeil Vereinsthäligkeit dringend dargethan, damit Fehler und Uebereilungen vermieden werden, deren Wiederholung dauernden Schaden stiften könllte. Redner deffnirte weiter unter einhelliger Zustimmung der zahlreichen Zuhörer, daß die scheinbar confessionellen Bereinigungen politischer Natur, eine an sich auffällige und dem staatsbürgerlichen Standpunkte wohl widerstrebende Erscheinung, allein als Gebilde der Noth und Nothwehr in dem aufgedrungenen Kampfe nicht zu umgehen sind. 3,'ebner schließt mit dem Wunsche, daß die Zeit nicht allzu ferne sein möge, in welcher diese derzeit unentbehrlichen Vereinigungen ihre beklagenswerthe Existenzberechtigung verlieren. Als Vorstandsmitglieder wurden gewählt die Herren: Dr. Robert B e n e s ch, I., Babenbergerstraße 5. Salovton B r o d, I., Wipplingerstraße 26. Leopold Fried, II., Kaiser Josefstraße 15. Dr. James Klang, I., Wipplingerstraße 1. Julius Kopstein 1., Neuthorgasse 13. Director A. Marek, I., Adlergasse 4. Dr. Alfred Skrein, I., Zelinkagasse 12. Consul Jos. Thalberg, 1., Minoritenplatz 4. Bei der hierauf erfolgten Constituirung wurden die Herren Dr. A. Skrein und Director Marek zu Viee-Präsidenten, sowie Herr Leopold Fried, zum Cassier gewählt. Gleichzeitig wurde beschlossen,die Programmrede des Präsidenten Herr Tr. Fiatlain Druck zu legen und zu verbreiten. Wien. (Der Taufschein.) Vor einem Monat wurde im Polenclub durch den Abg. Dr. Bloch und im Abgeordnetenhause vom Abg. Dr. Kronawetter interpellirt, warum entgegen der Bestimmung des Staatsgrundgesetzes bei staatlichen Concursausschreibungen von den Bewerbern der Taufschein verlangt werde. Minister Dr. v. P l e n e r erklärte in der Beantwortung der Interpellation, daß künftig in allen staatlichen Concursausschreibungen blos der „Nachweis des Geburtsjahres" verlangt