Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 17 (26.4.1895)
- Date
- 1895-04-26
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 312 Nr. 17 Dr. Bloches Wochenschrift. Probleme und Aufgaben nur zur Verdunkelung der modernen Malerei beilragen; daß nun die jüdischen Künstler sich in die Reihe der Besonnenen gestellt haben, daß sie mit ihrer conservativcn Natur dem übermäßigen Eingreifen dieser Richtung und dadurch der Verkümmerung der modernen Kunst Einhalt gebiewn, gereicht den jüdischen Künstlern zur großen Ehre. Es ist vielleicht kein bloßer Zufall, daß wir auf dem Gebiete der biblischen und der speciell jüdischen Geschichtsmalcrci so wenige, ja fast gar keine Juden antreffen. Die biblische Malerei ist fast ausschließlich für kirchliche Zwecke verwendet worden. Infolge einer anderthalb Jahrtausende alten Thängkeit der christlichen Kunst, die ihre Themata ans den Erzählungen der biblischen Geschichte geholt, hat sich hier eine Tradition heransgebildet, gegen welche keine neue Kunstrichtung wird aufkommcn können. Die bildende Kunst hat die jüdische Bibel für christliche Zwecke vollständig chriftianisirt, und es wäre ein interessanter Versuch, die Geschichte der bildenden Künste, wie sie sich unter dem Einflüsse der Bibel verjüngt und weiter entwickelt hat, darzustellen. Denn jene vielgepriesene Kunst der „idealen" Griechen hat sich in ihren Formen zu Tode geschwelgt, und sie mußte nntcrgehen, weil es ihr an einem Ideal, an Geist gebrach. Die schönste und vollendetste Formgebung und die größte Kunstfertigkeit können eine Kunst nicht vom Verfall retten, wenn diese nicht über das unendliche Gebiet der Idee verfügt. Und da kam die jüdische Bibel, das Geistesproduct des als nüchtern und praktisch verschrienen Volkes, und überfluthete die bildenden Künste mit einem Goldregen von Ideen. Aus dem Bunde, den die griechische Form mit dem semitischen Geiste schloß, entstand die moderne Kunst. Dem Christenthume fiel bei diesem Acte die Rolle des Standesbeamten zu. In jenem berühmten Bilde, das zuerst von Pietro Pcrugino und dann von seinem großen Schüler Raphael gemalt wurde, in dem Sposalizio der Brera zu Mailand, ist der Eheschluß zwischen Joseph und Maria dargestcllt. In einem solchen Bilde könnte ein moderner Künstler den Einfluß veranschaulichen, den das Judenthnm durch seine Bibel auf die Entwicklung und die Vcrjüngerung der bildenden Künste ausgcübt. Heute, da das Judenthum über hervorragende Künstler verfügt, könnte der Versuch gewagt werden, die Bibel für unsere Zwecke zu verwenden. Die biblischen Gestalten müßten da nur aus der Glorie und aus jener engen Uniform, in welche sie die kirchliche Ueberlieferung gesteckt hat, befreit und in eine nicht minder kleidsame, bürgerliche Tracht gesteckt werden. Fritz Uhde, und in einigen seiner Bilder auch Walther Firle, haben diesen Versuch bereits gemacht, und der große Erfolg, den sie erzielt haben, könnte den jüdischen Künstlern nur als Ancifcrung dienen. Die einzige Voraussetzung für ein solches Unternehmen ist, daß der Künstler mit einer wahren Begabung und mit einem reichen Schatze künstlerischen Wissens und Könnens versehen sei. Da der Jude infolge seiner Erziehung von seiner frühesten Kindheit an Zur Bibel in einem trauten Verhältnisse steht, da ihre Erzählungen in seinen Augen nicht in einer streng dogmatischen, überirdischen, sondern in einer natürlichen, menschlichen Form erscheinen, so werden diese Begebenheiten in seinen Händen eine natürliche, menschliche Ausgestaltung finden. Die Erzählungen und Schilderungen der Bibel wirken ans ihn und durch seine Werke auf uns, wie die unmittelbare Anschauung der Natur, und das ist, wie Lionardo da Vinci sagt, das wichtigste Moment der künstlerischen Schöpfung, daß der Künstler die Natur unmittelbar anschaut und das Erschaute uns mit großem Können vorführe. Der jüdische Künstler könnte daher die biblischen Scenen so darftcllen, wie sie in ihrer Natur sind, und nicht so, wie sie durch die Brille einer kirchlichen Weltanschauung erscheinen. Die Frage ist nur, ob das Bedürfniß nach einer sülchen Kunstrichtung in Wirklichkeit vorhanden sei, oder ob Verhältnisse einireien können, wo eine solche Richtung eine culturgeschichtliche Mission zu erfüllen haben wird? Ich glaube ja. Während in den unteren Schichten des Jndenthums die Indolenz gegen die angestammte Religion von Tag zu Tag wächst, können wir in den oberen Kreisen eine Stärkung und Kräftigung des jüdischen Bewußtseins beobachten. Auf die Menge können aber die Schöpfungen der bildenden Kunst, wie uns die Geschichte lehrt, einen gar gewaltigen Eindruck ausüben. Und wenn auch die Zeiten vorbei sind, wo schwärmerische Jünglinge aus hoffnungsloser Liebe zur Venns von Milo sich das Leben nahmen, der große Einfluß, den einzelne Kunstwerke noch heute auf das Gemüth des Volkes ausüben, ist trotzdem nicht zu leugnen. Denn diese Künste sind nicht nur darum bildend, weil sie aus der rohen Masse ein Kunstwerk schaffen, sondern auch darum, weil sie auf die Mitwelt bildend und erziehend einwirken müssen. So könnten die bildenden Künste der Gegenwart eine gar wichtige Stellung im Geistesleben des JndenthnmS einnchmen. Durch die Darstellung jener erhabenen Bilder, die aus der Bibel wie ans einem nie versiegbaren Born fließen, könnten sie die Schwankenden stärken, die Starken noch mehr bekräftigen und so zur Hebung des jüdischen Bewußtseins bedeutend beitragen. Und auch ihnen selbst möchte sich ein neues Gebiet einer regen Kunstthätigkeit eröffnen, und sie könnten so ihre auf dem Gebiete ihrer nationalen Kunst verdienten Lorbeeren durch neue bereichern. Die Kunst muß aber mit den praktischen Bedürfnissen rechnen, sie muß, um leben zu können, nach Brot gehen. Es wäre daher Pflicht und Aufgabe unserer Gemeinden und Vornehmen, den jüdischen Künstlern zur Bethätigung ihrer Fähigkeiten auf diesem Gebiete Gelegenheit zu geben. Es geht zwar durch das ganze Judenthum ein ausgesprochener ikonoklastischer Zug, der den Bilderschmuck ans den Synagogen verbannt, er könnte aber in den Sitzungs- und Berathungssälen der größeren Gemeinden angebracht werden. Da, wo der Faden der jüdischen Geschichte gleichsam weitergesponnen wird, in diesen Sälen hätte die historische Malerei des Judenthums eine edle, erhabene Rolle zu spielen. Es hat Zeiten gegeben, wo Werke der bildenden Kunst den Frieden zwischen zwei feindlichen Nationen hergestellt haben. Wir wissen es, und selbst die jüdische Geschichte liefert uns Beweise dafür, daß griechische Kunst und Cultur auch bei solchen Völkern Eingang gefunden hat, denen der Geist Hellas ein Greuel war. Ein so mächtiger Einfluß der bildenden Künste setzt aber einen feinen und für Bildung empfänglichen Geist und gesittete reine, vom häßlichen Kampf des Lebens unberührte, sociale Verhältnisse voraus. Aber heute, da, wie Goethe sagt, selbst das Unsterbliche vor dem Tode nicht sicher ist, da die höchsten Ideale der Menschheit mit Füßen getreten werden, heute kann an einen versöhnenden Einfluß der bildenden Künste kaum gedacht werden. Wie die Juden im Allgemeinen, so werden auch die Künstler jüdischer Abstammung trotz ihrer nützlichen Thätigkeit auf dem Gebiete ihrer nationalen Künste arg geschmäht und angefeindet. Es müßte verzweifelt schlecht um die Kunst einer Zeit stehen, in der man vorerst nach der Abstammung des Künstlers frügt, oder hat das berühmte Porträt eines Rabbiners im Berliner Museum, von Rembrandt's Meisterhand gemalt, einen geringeren Kunstwerth, weil es einen Juden darstellt? Wenn auf einem Gebiete der geistigen Thätigkeit überhaupt, so ist in der bildenden Kunst die Herbeiziehung des confessionellen Momentes nicht am Platze, denn es gibt nur e i n e Kunst, die ihre Geheimnisse dem Begabten, sei es nun Semit oder Arier, offenbart. Nicht ob Jemand Jude oder Christ, sondern ob er ein Künstler ist oder nicht, darf hier in Betracht kommen. „Möglich", — sagt Leroy-Beaulien in seinem geistreichen Werke „Isr-iol ober los notions" — „daß zwischen Juden und Christen eine Verschiedenheit des Charakters oder unbedeutende, feine Abstufungen des Gemüthlebens bestehen. Ich erblicke aber darin keinen Nachtheil für unsere Civilisation. Wenn der Jude von uns verschieden ist, umso besser; wir haben dadurch mehr Aussicht, daß unsere eintönige, platte Cultur, welche im Begriffei steht, die Welt zu einer platten