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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-04-26 · 17 (26.4.1895) · page 7

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
17 (26.4.1895)
Date
1895-04-26
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 17 Dr. Bloch's Wochenftlzrift. Seite 311 Vlüthezeit dieser Künste mit jener der Baukunst immer zusammenfällt. Nur ein Papst aus dem kunstsinnigen Hause der Medici kannte den schöpferischen Geist eines Raphael oder Michel Angelo würdig beschäftigen, und der herrliche Bilderschmuck de» Dogenpalastes hätte in den elenden Häusern des Judenviertels unmöglich untergebracht werden können. Als man uns aber am Ende der Sechziger Jahre eine freie Bewegung gestaltete, -da erbrachten wir in kurzer Zeit den Beweis, daß unser Sinnen und Trachten nicht ausschließlich praktischen Dingen zugewendet ist, und daß wir auch auf dem Gebiete der bildenden und darstellenden Kunst eine rege und nützliche Thätigkeit zu entfalten im Stande sind. In der kürzesten Zeit haben sich die Juden auch auf diesem Gebiete hervorgethan, sie haben sich den Eintritt zur Bühne und zum Concertsaale errungen, und die lange verschlossenen Thüren der Museen und Kunstausstellungen mußten sich für die Werke jüdischer Künstler offnen. Und unter diesen Schöpfungen sind gar viele, denen der feinste Kunstkenner ein unbedingtes Lob spenden muß, unter diesen Künstlern sind einige, die ihre Namen in die Geschichtstafeln der Künste mit ehernen Lettern hineingemeißelt haben, und der Kunsthistoriker kommender Jahrhunderte wird, wenn er die besten Namen nennt, auch solche von Juden nennen müssen. Aber, so lautet ein Vorwurf, der uns häufig genug gemacht wird, und in welchen selbst ein Richard Wagner einstimmt, die Inden sind ein künstlerisch unproductives Volk, dem die Begabung der Selbstständigkeit fehlt, sie sind unfruchtbar und ohne erfinderischen Geist, sie schmiegen sich den Errungenschaften ihrer arischen Umgebung an, verwenden diese für ihre Zwecke, sie sind so etwas, was man als Parasiten der Kunst und Wissenschaft bezeichnen könnte. Daraus wird nun mit einer merkwürdigen, für den nüchternen Geist des Juden allerdings unbegreiflichen Logik gefolgert, daß zwischen Ariern und Semiten eine Kluft gähnt, die man nie und nimmer wird überbrücken können. Wie, soll diese große Anpassungsfähigkeit, dieses ausgesprochene Assimilationstalent der Inden nicht der schlagendste Beweis sein dafür, daß ein großer, wesentlicher Unterschied zwischen diesen beiden Nassen — ich behalte den unwissenschaftlichen Ausdruck nur ungerne bei — nicht besteht? Hat die Kunst eines Liebermann,. Israels, Horovitz oder Ludwig Bruck in der Malerei einen speciellen Zug, den man als einen semitischen bezeichnen könnte? Berrathen die Werke eines Antoholsky Max Klein, Straßer oder Rona, daß sie von der Hand eines Juden gemeißelt wurden? Kann man in den Werken eines Meyerbeer oder Halevy, in der Darstellung eines Sonnenthal, Barnay, in dem Spiele eines Joachim, Grünfeld, Popper oder Hubermann den Juden heransfinden? Sind jene Prachtbauten von Synagogen, die z. B. in Wien aufgeführt wurden, in ihrem Style weniger rein, weil sie von jüdischer Hand entworfen sind? Selbst der geübteste Kunstkenner wird in einem Porträt von Horovitz oder in den herrlichen Schöpfungen eines Israels nicht einen Pinselstrich finden, der den Inden verrathen könnte, weil ein solcher Zug einfach nicht vorhanden ist. Oder haben die Componisten und Dichter jüdischer Abstammung, haben die jüdischen Interpreten oder Mimen ihrer unsterblichen Werke etwas Jüdisches an sich? Als Inden wollten wir diese Frage lieber mit einem Ja beantworten, doch der Kritiker darf sich nur von der objectiven Wahrheit und nicht von subjectiven Gefühlen leiten lassen. Ueberall wo wir Juden als Künstler antreffen — und darin hat Wagner allerdings Recht — schmiegen sie sich ihrer Umgebung, der Nation der sie angehören, an. So ist, um nnr ein charakteristisches Beispiel anzuführen, der trefflichste Kenner und Maler des ungarischen Volkslebens der Jude Bihari. Es gibt aber auch Kunstrichter, die bei jedem Kunstwerke vorerst darüber aufgeklärt sein wollen, ob der Schöpfer desselben mit einem glänzenden Taufschein oder nur mir einem bescheidenen Auszug aus irgend einer israelitischen Gebnrtsmatrik versehen ist. Solche Kunstkritiker werden in diesem Umstande einen neueren Beweis für die gänzliche Verjndnng Ungarns erblicken und ihn für ihre Bedürfnisse verwenden. Die wahre Kunst wird sich aber um die Meinung einer solchen Kritik wenig bekümmern. Die Gründlichkeit derselben wird aber in ein eigenthümliches Licht gestellt durch den Umstand, daß sie das eine oder das andere Werk eines jüdischen Künstlers, dessen „Geburtsfehler" ihr glücklicherweise verborgen geblieben ist, rühmend hervorhebt. Ein anderer Vorwurf, der den jüdischen Künstlern gemacht wird, ist der, daß sie keine Selbststärkdigkeit in der Erfindung und Ausführung verrathen, und daß sie weder eine nationale, noch eine neue Richtung der Kunst inauguriren können. Als ob sich eine neue Richrung der Kunst so ohne Weiteres erfinden ließe, als oh jedes Volk die Pflicht hätte, etwas bleues, noch nie Dagewesenes in der Kunst hervorznbringen! Die Kunst ist ein Product des schaffenden menschlichen Geistes, und muß als solches die natürlichen Phasen der Entstehung, der Entwicklung und des Verfalles mitmachen. Diese einzelnen Phasen können aber nicht durch ein Machtwort hervorgerufen oder abgeschlossen werden, sie müssen durch Zeit und Verhältnisse bedingt, ja geboten sein. Die einzelnen Kunstrichtungen schreiten langsam, fast unbemerkt ihrer Reife entgegen, und nur das oberflächliche Auge, das für das feine Gewebe jener verborgenen Ursachen geschlossen ist, glaubt in einer neuen Kunstrichtung ein Product eines einzigen Tages erblicken zu müssen. Fast drei Jahrhunderte vor dem Eingnecenw sind die Spuren der Renaissance zu entdecken, und vor jener ersten Abteikirche zu St. Denis, wo das Spitzbogensystem zum ersten Male zur Geltung kommt, waren die Spitzbogen in Syrien, ja selbst im alten Griechenlande bekannt. Mit demselben Rechte macht mall z. B. der Architektur der Gegenwart den Vorwurf, daß sie nnproductiv sei, weil sie noch keinen neuen Banstyl erfunden hat. Aber ein Banstyl wird sich nie und nimmer erfinden lassen, er wird sich dorr, wo das Bedürfniß danach vorhanden sein wird, allmälig entwickeln. Die evolntionistische Theorie, die den Menschen immer als ein Product seiner Verhältnisse, seiner Umgebung und Zeit, mit einem Worte als ein Ergebniß seines „Milieu" betrachtet, diese Auffassung har auf dem Gebiete der bildenden Kunst eine ausschließliche Berechtigung. Man hat es erst in den jüngsten Tagen wieder bewiesen, und merkwürdigerweise waren es Inden, die es bewiesen haben, daß die vorhandenen Banstyle, daß die Gothik und Romantik für alle, ja selbst für synagogale Bauten hinreichen, und daß für den schöpferischen Geist eines gottbegnadeten Künstlers auf dem Gebiete der bereits vorhandenen Baustyle ein genügender Wirkungskreis vorhanden ist. Es ist eine merkwürdige Erscheinung, daß die Juden, die im Großen und Ganzen den fortschrittlichen Ideen ergeben sind, auf dem Gebiete der bildenden Kunst einen streng conservatioen Charakter bewahren. Sie nehmen einen überaus regen Ancheil an allen Gebieten moderner Kunstlhütigkeit, halten sich aber von den schadhaften Auswüchsen derselben fern. Die zahllosen Kunstrichtungen der Gegenwart, die wir besonders unter den sogenannten Secessionisten so üppig wuchern sehen, finden bei den jüdischen Künstlern sehr wenig Anklang. Und hier möchte ich das Wort von dem praktisch-nüchternen Sinne der Inden, keineswegs aber als Tadel, sondern als ein unbedingtes, unbeschränktes Lob gelten lassen. Diese Kunstrichtungen, die fast io zahlreich sind, wie die Künstler, die sich zu ihnen bekennen, sie bedeuten, wenn wir sie überaus milde und nachsichtig beurtheilen wollen, nur das unsichere Hinundhertasten der modernen Kunst, sie zeigten uns das Gühren und Kochen eines reifenden Weines. Und man kann es den jüdischeil Künstlern nicht verargen, wenn sie an diesem zweifelhaften Getränke nicht mitbrauen wollen, und wenn sie im Interesse der Kunst selbst diesen Versuchen kalt gegenüberftehen und jene Ruhe bewahren, welche zu einer gesunden Entwicklung der Kunst unbedingt nöthig ist. Denn das Eine steht fest, daß diese moderne Richtung die klare, deutliche Sprache der Natur in den Schleier eines nebelhaften Mystieismus hüllen mochte, und daß der große Lichtschwindel, den die moderne Malerei mit der 'Natur treibt, daß diele endlosen.

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