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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-04-26 · 17 (26.4.1895) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
17 (26.4.1895)
Date
1895-04-26
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 310 Dr. Bloch's Wochenschrift. zeichnet sein wird, durch confessionellc Unduldsamkeit und religiösen oder Rassenhaß entstellt werde. Wir möchten nicht haben, daß sich das Dichterwort bewahrheite: „Millionen sorgen dafür, daß die Gattung bestehe, aber durch Wenige nur pflanzet die Menschheit sich fort." Und wie in jenen schönen Frühlingstagen der confcssioncllen Gleichberechtigung, so arbeitet das Judenthum auch heute, da eisige Herbstwinde den Baum des Liberalismus arg zerzaust und entblättert haben, mit ungeschwächter Kraft, mit getrübter, aber nicht mit entschwundener Lust ungestört fort. Mit der ganzen Elasticität einer lange niedergehaltenen und zur Unthäiigkcii verurtheiltcn Kraft bctheiligt cs sich an der Geistesarbeit der Gegenwart. Selbst heute, da wir unter Waffen stehen und einen heftigen, aber auch häßlichen Kampf führen müssen, gönnen wir uns Zeit und Muße, um uns mit Fragen über Kunst und Wissenschaft zu befassen. .Inter arma silent musae”, zu Kriegszcitcn schweigen die Musen, sagt ein altes Sprichwort, und wir beweisen cs, daß mau selbst im heftigsten Kampfe den Musen ein Ohr gönnen kann. Es gibt keinen deutlicheren Beweis gegen die Richtigkeit, keine handgreiflichere Widerlegung dieses Sprichwortes, als der Umstand, daß dieser Verein, der eben jetzt einen edlen Kampf der Selbstwchr führt und zur Wahrung unserer politischen und staatsbürgerlichen Rechte eine aufopfernde Thärigkcit entfaltet, noch Lust und Muße findet, einen Vortrag über bildende Kunst anzuhören. Es heißt das unseren Glaubensgenossen etwas viel zumuthen, allein das Judenthum ist so glücklich veranlagt, daß cs selbst die heterogensten Elemente zu vereinigen im Stande ist. Und ich zweifle keinen Augenblick daran, daß es uns gelingen wird, auch hier einen Ausgleich, eine Art geistiger Coalition zu Stande zu bringen. Denn indem wir die Stellung des Judenthums zur bildenden und darstellenden Kunst der Gegenwart des Näheren beleuchten wollen, handelt es sich nur um einen Act der berechtigten Sclbstwehr. Die Widerlegung jenes ungerechten und gänzlich unberechtigten Vorwurfes, daß wir Inden ans dem Gebiete der Kunst unproductiv oder weniger veranlagt sind als unsere arischen Mitbürger, gehört auch mit zu jenem weitverzweigten Gebiete der Abwehr. Es läßt sich aber der enge Zusammenhang zwischen den allgemeinen socialen Fragen und der Stellung der Juden zur Kunst und Wissenschaft der Gegenwart umso weniger leugnen, als heutzutage alle Fragen des öffentlichen Lebens mit einander enge verknüpft sind. Wie die Farben des Spectrums in sanfter Abstufung in einander fließen, so bilden die verschiedensten Gebiete menschlichen Könnens und Wissens ein großes Spectrum, dessen einzelne Streifen nicht strenge von einander geschieden sind. Ich verweile noch einen Augenblick bei diesem Bilde. Durch das Spectrum können wir das Vorhandensein eines Elementes am deutlichsten Nachweisen. Ich erfülle daher eine angenehme Pflicht, wenn ich dem löblichen Präsidium meinen herzlichsten Dank ausspreche dafür, daß es mir Gelegenheit gegeben hat, ein kleines, aber nicht nnintcreffantes Experiment der Spectralanalyse hier vorzunehmen. Meine Damen und Herren! Warum hat sich lange bei uns Juden keine Kunst entwickeln könnet!? Diese Frage hören wir oft genug aufwerfen. Und wir erhalten auf diese Frage zwei von einander zwar verschiedene, aber nichtsdestoweniger unrichtige und grundfalsche Antworten. Das zweite Gebot der zehn Worte, das uns die Verfertigung eines Bildwerkes untersagt, soll die eine Ursache eines Mangels am Kunstsinn und künstlerischer Thätigkeit des alten Israel sein. Nun handelt es sich aber in jenem Verbote nicht um Schöpfungen der Sculptnr im Allgemeinen, sondern nur um Idole und Götterbilder zum Zwecke eines Götzendienstes. Mit dem Augenblicke nun, wo die monotheistische Idee in Israel genügend erstarkte, war auch keine Besorgniß am Platze, daß die Bildhauerei einen Rückschlag in die überwundene Periode des Götzendienstes und des Aberglaubens herbeisühren könnte. Das zweite Gebot hätte auf die Entwicklung einer jüdischen Kunst weder fördernd noch hindernd wirken können. Aber auch die zweite Erklärung, die für diese -Erscheinung gegeben wird, ist nicht zutreffend. Da heißt es Nr. 17 nämlich, daß der nüchterne, praktische Sinn des jüdischen Volkes eine rege Kunstthätigkeit nicht hat aufkommen lassen. Allein das Israel des Alterthums war weder nüchtern noch praktisch. Denn die Idee des reinen Monotheismus, wie sie durch Israel zum Ausdrucke gelangt ist, zeugt fürwahr von einem idealen, begeisterungsfähigen Sinn dieses Volkes. Die ganze Weltanschauung der classischen Völker war viel praktischer, als der rein theoretische, man möchte sagen abstract-metaphysische Geist, der Israel beherrscht. Es gibt aber handgreifliche Beweise für die Unrichtigkeit dieser Behauptung. Nicht nur in der von neuplatonischer Philosophie getränkten alexandrinischen Jndenschaft, nicht nur während der Herrschaft der letzten Hasmonüer und des idumäischen Königshauses hat sich eine rege, künstlerische Thätigkeit in Israel entfaltet, sondern schon viel früher, in jenen Zeiten, von welchen uns die biblischen Bücher berichten. In dem salomonischen ersten, wie auch in dem nach der Rückkehr aus der babylonischen Gefangenschaft erbauten zweiten Tempel finden wir Belege für die Macht und Blüthe der bildenden Künste im alten Israel. Animalische Figuren, selbstständige, an die Bestiarien des Mittelalters erinnernde Thiergestalten waren'da bald als Träger einzelner Tempelgeräthe, bald als Wand- und Deckenverzierungen in Flachrelief angebracht. Mächtige Säulen mit lvtoskelchförmigen Capitälen, mit Bildwerken verzierte Gesimse und die berühmten Stiere als Träger des ehernen Meeres erinnern lebhaft an die Tempel, welche man in Boulak und Karnak im alten Egypten gefunden. Auch auf dem classischen Boden Palästinas sind uns einzelne Denkmäler altjüdischer Kunst erhalten, und in den Katakomben des vor- und altchristlichen Roms hat man mit Bildwerken verzierte jüdische Gräber gefunden. Und wenn auch diese Denkmäler, wie auch die mächtigen Schöpfungen, Bauten und Anlagen des großen Hcrodes durchwegs einen fremden, bald ägyptisch-vorderasiatischen, bald griechisch-römischen Charakter verrathen, so können sie doch als beredte Zeugnisse einer regen Kunstthätigkeit bei den Inden gelten. Diese Denkmäler haben auch den berühmten Kunsthistoriker Brau n bewogen, den Juden in der Kunstgeschichte des Alterthums einen Ehrenplatz anzuweisen. Das christliche Mittelalter stand im Anfänge der bildenden Kunst feindlich gegenüber, und die Partei der Bilderstürmer verfolgte ihre Gegner mit grimmiger Wnth. Mehr aber noch verharrte die Kirche während des ganzen Mittelalters in ihrer feindlichen Stellung gegen das Judenthum. Die sociale und politische Ausnahmsstellung, in der sich die Juden während dieser Jahrhunderte befanden, konnten die Entwicklung einer Kunst nicht fördern. Von der Völkerwanderung bis zur Neuzeit, von der Bekehrung des heidnischen Noms zum Christenthum bis zur Proclamirung der Menschenrechte durch die französische National- Versammluug am 3. September 1791, der lange Zeitraum von anderthalb Jahrtausenden war für die Juden der ganzen Welt, ob sie sich nun unter christlicher oder mohammedanischer Herrschaft befanden, eine lange, qualvolle Nacht der Verfolgungen und Unterdrückungen. Und noch weiter hinab in die unmittelbare Gegenwart, wo ihre Gleichberechtigung in allen Staaten Europas — mit Ausnahme von Rußland und Rumänien — ausgesprochen, wenn auch lange nicht durchgeführt ist, waren die Lebensbedingungen der Juden die denkbar ungünstigsten; sie mußten, in den engen, unfreundlichen Gassen der Jndenviertel zusammengepfercht, ein gar kümmerliches Dasein fristen. — Die Kunst ist aber eine heikle, empfindliche Pflanze, die mit zarter Sorgfalt gehegt und gepflegt werden will, sie erfordert zu ihrer Blüthe und zuihrem Gedeihen die allergünstigsten Lebensbedingungen, ruhige sociale und ungetrübte politische Verhältnisse. Schon vermöge ihrer Natur beansprucht die Architektur große freie Räume, und daß die Juden über solche nicht verfügen sollen, dafür haben schon die Gesetze jener Zeiten gesorgt. Die beiden anderen Theile der bildenden Künste, die Malerei und Bildhauerei, sind aber mit der Baukunst so enge und innig verbunden, daß die Entwicklung der einen die Blüthe . der anderen bedingt. So lehrt uns die Kunstgeschichte, daß die

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