Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 17 (26.4.1895)
- Date
- 1895-04-26
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 17 Dr. Blockes Wochenschrift. Seite 309 sich kein Geld verschaffen. »O'est a moi a qui vous laccorderez en accordant grace ä cet hoinme“ schreibt sie dem Polizeidirector. Wenn die edle Dame auch nicht ganz uneigennützig war, so müssen wir doch anerkennen, daß sie die löbliche Absicht hatte zu zahlen. Sonst pflegte man gern die Ausweisung der Jllden zu benützen, um ohne Bezahlung sich der lästigen Gläubiger zu entledigen. Dagegen verfolgt (1725) die Gräfin Melun unerbittlich ihren Schuldner, den bankerotten Moses Kahen aus Metz. Außer dieser Dame sind noch der Marschall de la Billarderie, Oberstlieutenant Dumaine und andere Aristokraten Gläubiger dieses „Juden". Höchst interessant ist die Geschichte des Astur Myer, der sich mit wunderbarer Gewandtheit und Keckheit trotz aller Ausweisungsbefehle und Verfolgungen allen Behörden zum Trotz fünfzehn Jahre in Paris zu behaupten wußte und sich zuletzt „Hoffactor Seiner Durchlaucht des Kurfürsten von Köln" titulirte. Er war auch, wie es scheint, mit einem Aufträge des Kurfürsten und Erzbischofs nach Paris gekommen und hatte in dem Herzog von Belleisle, dem Prinzen Conti und dem Baron Breteuil Protectoren gefunden. In sehr uneigennütziger Weise nahm sich der Gouverneur von Paris, der Herzog von Gesvres, stets eifrig der Juden an, die er von seinem Aufenthalte in Metz und Frankfurt a. M. her kannte. „Wer in Metz und Frankfurt gelebt hat", schrieb er 1753 dem Polizeidirector, „kennt die Juden gut. Ich kann nicht umhin, Ihnen die Herren Spier und Mainz bestens zu empfehlen und werde Ihnen für jeden Gefallen, den Sie ihnen erweisen werden, sehr dankbar sein." Auch der von Voltaire so gehaßte Generaladvocat Joly de Fleury und der königliche Procurator Ponent de la Grave vertheidigten eifrig manche Juden gegen die Uebergriffe der Polizei. Des von uns bereits erwähnten tapferen Moses Astruc, ihres „armen Moses", nahm sich Madame Lecour de Malon eifrig an und ihr hatte er es zu danken, daß er so glimpflich davon kam. Wie eine Löwin vertheidigte (1754) die Herzogin von Orleans den Juden Goudcheau gegen den Polizeidirector Berryer. Bei manchen vornehmen, frommen Damen mag bei solcher Protection auch die Sucht, Convertiten zu machen, mitgewirkt haben. Man gab sich damals große Mühe, recht viele Juden zum Christenthum zu bekehren und wendete die verschiedenartigsten Mittel an. Einmal waren es sehr vornehme Pathen, die den Convertiten beehrten — so hatte Karl Philipp Kahen den Herzog von Orleans, Ludwig Levy gar den König selbst zum Taufpathen — ein anderes Mal wurden zwei zum Tode verurtheilte Verbrecher zur Belohnung für den Uebertritt begnadigt. So wurden im Ganzen in den 54 Jahren, von 1718 bis 1772, 40 Inden getauft. Freilich waren es meistens keine Ehrenmänner, die das Christenthum damit gewann, denn die Mehrzahl der Inden in Paris war recht fromm. Ein gewisser Bachorach, der drei Jahre in der Bastille gefangen gehalten wurde und zu arm war, um sich von Außen koschere Kost kommen zu lassen, aß während dieser ganzen Zeit kein Fleisch, so daß seine Gesundheit ganz zerrüttet wurde. Vor Ostern richtete er flehentliche Gesuche an die Gefängnißverwaltlmg ihm „die große Gnade zu erweisen" vier Pfund ungesäuertes Brod von Metz kommen zu lassen. Dagegen fehlte es den freien Juden nicht an Gelegenheit „koscher" zu speisen und die Zahl der jüdischen Speisehäuser war im Berhältniß zur Zahl der Juden in Paris eine recht bedeutende. Die Polizei führte einen beständigen Krieg gegen diese Locale, da sie wohl nicht ohne Grund den Verdacht hegte, daß sie auch als Betlocale benützt wurden. Ueberraschte sie einmal die beim Gottesdienst versammelten Juden, wie es im Jahre 1.725 geschah, so wurden diese ansgewiesen, die Cultus- Utensilien und heiligen Schriften theils zerstört, theils confiscirt. Erst 1170 wurde den portugiesischen, 17.78 den deutschen Juden die Eröffnung' eines Bethaüscs gestattet. So begannen endlich auch für die Juden in Paris bessere Tage, und bald sollte ihnen die große Revolution die völlige Gleichstellung, aber auch manche neue Bedrängniß bringen. Herr Kahn verspricht uns eine besondere Schrift über die Pariser Juden während der Revolution, die wohl auch viel des Interessanten bieten wird. Wir aber wollen, bevor wir von seinen mit so warmherziger Liebe für das Jndenthum geschriebenen zwei Werkchen Abschied nehmen, noch Einiges von ihm nicht Berührtes hervorheben. Es betrifft die Lage der französischen Protestanten im vorigen Jahrhundert, die in manchen Beziehungen noch ärger war als die der Inden: Protestantische Pfarrer, welche den Gottesdienst verrichteten, unterlagen der Todesstrafe, die Theilnehmer am Gottesdienste der lebenslänglichen Galeerenstrafe. Achnliche Strafen und Vermögensconfiscation trafen die, welche den Pfarrern Obdach gewährten oder sie nicht denuncirten. Mit noch größerem Eifer als die Convertirnng der Juden wurde die der Protestanten betrieben. Kinder wurden den Eltern weggenommen, um sie im Katholicismus zu erziehen und mitunter den Bekehrten nur gestattet, in Gegenwart „verläßlicher Katholiken" sich mit ihren Eltern zu unterreden. Wie die Juden, standen die Neubekehrten unter polizeilicher Aufsicht. Aber während man die Juden fortjagte und auswies, war die Hauptabsicht der Polizei daraus gerichtet, die Auswanderung der katholisch gewordenen Protestanten zu verhindern, damit sie nicht im Auslande zu ihrer früheren Religion zurückkehren sollten. Wo die Intoleranz und Berfolgungssucht einmal in die Gesetzgebung und Verwaltung eingedrnngen ist, da werden keine Unterschiede gemacht. Gegenüber der einen „wahren" Staatsreligion erscheinen die Bekenner aller anderen Confessionen als Ketzer, die keine Gleichberechtigung verdienen. Das mögen die protestantischen Antisemiten in katholischen Staaten bedenken. Und da wir an die judenfeindlichen Strömungen der Gegenwart denken, finden wir im Vergleich mit der Vergangenheit einen großen Trost. Trotz aller Verleumdungen und Anfeindungen stehen die Juden jetzt besser da und werden mehr respectirt als vor hundert, ja selbst als vor fünfzig Jahren. Das läßt uns hoffen, daß die gegenwärtige Trübung eine vorübergehende sein wird und in Zukunft wieder bessere Tage kommen werden. M. L. Die Stellung der Juden?itt modernen Rrmst. Bon Dr. Leopold Goldschmied aus Mißlitz. Bortrag, gehalten in der „Oesterr.-israel. Union" am 20. April 1895. Die stürmischen Wogen des politischen Lebens, die noch vor Kurzem alle Gemüther heftig erregt, haben sich gelegt, doch die Ruhe ist nicht wiedergekommen. Voll ernster Besorgnis blicken wir in die Zukunft, die sich von dem schwarz umwölkten Horizonte so trüb und finster, wie ein grau in Grau gemaltes Bild abhebt. Glicht um unsere eigene Zukunft sind wir besorgt, denn andere Stürme, mächtigere Feinde konnten das Jndenthum vom Schauplatze der Geschichte nicht hinwegdrängen. Wir hatten schon ganz andere Majoritäten gegen uns als jene, welche in einer leicht absehbaren Zeit von dem Wiener Rathhanse Besitz ergreifen wird, und wir haben sie überdauert! Aber ein beschämendes und herzbeklemmendes Gefühl bemächtigt sich unser bei dem Gedanken, daß dieses Jahrhundert, das unter dem glänzenden Zeichen der weithin strahlenden Menschenrechte begonnen, in der finsteren Nacht der Ausnahmsgesetze und der politischen und socialen Sonderstellung enden soll. Wir möchten es gerne verhüten, daß diese Epoche, die durch den ungewöhnlichen Aufschwung der Wissenschaften in den Jahrbüchern der Geschichte zum ewigen Ruhme des Menschengeschlechtes als eine Epoche der Renaiffance ver-^ 4