Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 17 (26.4.1895)
- Date
- 1895-04-26
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 308 Dr. Bloch's prächtigen, patriotischen Ausdruck geliehen — leider, leider, ward es uns verwehrt. Es gibt vielleicht einfältige Menschen, welche denken, daß jedes Lied nach der für dasselbe bestimmten Melodie gesungen werden solle, aber diese Art Leute haben weder eine Ahnung von Politik, noch von Musik und sehr schwache Begriffe von Takt. Mit den Lied-Weifen darf man es bei uns übrigens nicht so genau nehmen. Ob wir nun die ,,Wacht am Rhein" brüllen, oder das „Schönerer-Lied" oder den „Sang an Aegir", es klingt doch immer nur wie: „Grad' aus dem Wirthshaus komm' ich heraus". Weil ich just dabei bin, will ich Dir nur rasch bemerken, daß keiner von uns je grad' aus dem Wirthshaus herausgekommeu ist . . . Einen ungemein peinlichen Eindruck machte es auf mich, als bei der Bismarck-Feier ein rassenreiner Männerchor, einen „Mahnruf" vortrug, der anhub: „Durch die Lüste rauscht ein Mahnen, Immer lauter dringt's herein..." Das Mahnen vertrag' ich nämlich nicht. Das ist schon mal so eine meiner kleinen Schwächen. Das kann mich aus der besten Stimmung werfen. Ich verließ auch bei dieser Stelle schleunig den Saal... Auch die „Mahnung" Bismarck's an die grünen Steirer hat mich verstimmt. Nun zu den ostmarkgäuerischen Angelegenheiten. In der Räthsstube zu Wien werden in nicht zu langer Frist wir Antisemiten in der Mehrheit fein. Die Judenliberalen werden bald abgewirthfchaftet haben und das saure Brod der Opposition zu essen genöthigt sein — nur Pessach bekommen sieMazzes. Da hilft kein Grübeln, Lueger wird sich zum Richter aufwerfen und über Matzenauer und Lang bekommt er um den Hals, was ihm gebührt — die goldene Kette. Es muß doch ein herrliches Gefühl fein, am Ziele aller seiner Wünsche zu stehen, wie er. Er hat nun glücklich erreicht, was er erstrebert hat! Lueger ist ein bedeutender Charakter-—Spieler, kein Zweifel. Er hat schon viele effectvolle Rollen dargestellt, liberale, demokratische, christlich-sociale — sogar in einer anarchistischen Bomben-Rvlle ist er einmal als Gast mit Beifall aufgetreten. Seine Vielseitigkeit ist eine ganz erstaunliche, bewundernswürdige. Er ist ein großer Comödiant, der schöne Karl. — Und Alles steht ihm gut. Jetzt trägt er mit Vorliebe ein jesniten-schwarzes Ornat von priesterhaftem Zuschnitt, mit schwefelgelber Verbrämung — da wird sich die güldene Ehrenkette sehr effektvoll abheben! Maßgebende Persönlichkeiten — solche, denen es in Wähler¬ und Wühlerversammlungen aus ein Paar Krügel „Pils" mehr nicht ankommt — haben es ihm nahe gelegt, sich doch ein klein wenig zu bezähmen, dem stürmischen Temperament Einhalt zu gebieten, als Judenfresser eine gewisse Diät zu beobachten, etwas weniger Couliffe zu reißen und mehr nach dem hoch- und langnasigen Souffleur zu spielen. Für eine Einigung mit den Liberalen ist er, so wenig wie diese. Nur darin sind sie bis jetzt vollkommen einig. So eine Coalition hat immer etwas Compromißliches. Wir wünschen allein an der Futterkrippe zu stehen. Dann wird alles Anders werden im Rathhause. Nur Geduld. Die Episode Lueger-Schönerer-Vergani- Wolf war doch hübsch, was? alter Pumpo! Da hat Dir das raffenrcine Herz im Leibe gewackelt dabei vor Vergnügen, wie mir — nicht? Der „von" Vergani sollte auch in's Rathhaus einziehen. Der gehört hinein in die Gesellschaft, der edle Veroneser aus Sollenz, der in seiner freien Zeit ein Deutscher ist. Eine solche phänomenale, administrative Begabung darf man doch unmöglich rasten und rosten lassen. Die Partei kann ihn nicht entbehren. Sie kommt jetzt an's Geruder und da kann er die in Mühldorf gesammelten Erfahrungen im vergrößerten Wirkungskreise verwerthen. Der Adel seiner Gesinnung bedarf keines Wappens und keines Stammbaumes, er verbrieft ihm' das Recht, das „von" seinem Namen vorzusetzen. Uebrigens ist es ja möglich, daß die in Verona, Sollenz, Wien — aber Wochenschrift. Nr. 17 namentlich in Mühldorf — mit großer Umsicht gepflogenen archivalischen Nachforschungen die urkundlichen Nachweise über die Familie Derer „von" Vergani zu Tage fördern. Uebrigens ist der Edle von Vergani, bereits seitens seiner Freunde und Genossen mit so vielen Prädicaten belegt worden, daß er das des Adels füglich entbehren könnte. Der Nachrichtendienst des Volksblattes ist leider in dieser Hinsicht immer ein wenig lückenhaft gewesen, und Du thust wohl, Pumpo, wenn Du Dich darüber aus den anderen antisemitischen Organen, welche bei jedem besseren Käsestecher aufliegen, informirst. „In dem, was er weise verschweigt, zeigt sich der Meister des Stils." Und Vergani — Verzeihung „von" Vergani ist in dieser Hinsicht ein großer Meister. Mila, die allerholdseligste der arischen Sitzjungfrauen, lächelt wieder einmal mit ihrem berufsmäßigen Lächeln zu mir herüber. Sie bewundert mich, daß ich Geduld habe, einen so langen Brief, wie diesen da, zu schreiben. Deutschestes Mädchen, schenke mir lieber einigen Cognac an Stelle Deiner Bewunderung. Ich bedarf seiner, o Wunschmaid! (Warum ich sie so nenne? Weil sie eine Maid ist, die sehr viel zu wünschen übrig läßt. Doch das bleibe unter uns.) Ach träufle Cognac in mein rassenreines Gemüth, wonnesames Mädchen! Nicht? Ewig unerbittlich?! Zwei Tage habe ich nichts Warmes zu mir genommen, nicht einmal ein Glas Bier. Bis zum 90. Geburtstag Bismarck's kann ich das doch unmöglich aushalten. In die verjudete rnensa academica setze ich keinen Fuß. — Das hat mir dieser boshafte Zahlenmensch Johannes eingebrockt. Verschmachten will er mich lassen, kläglich verschmachten. Leih' mir fünf Gulden, Du Rechenknecht, oder doch wenigstens zehn Gulden! Dann will ich Dir Deine Rechnung zahlen. Er grinst höhnisch. Ja, wenn Du mir kein Geld leihst, kann ich Dir nicht zahlen, das ist doch so klar, wie Dühring's gesammelte Schriften. Na, da muß ich die Sache schon auf eine andere Art in's Reine bringen. M i l a und Johannes! Wir wollen, wenn's Euch recht ist, jetzt endgiltig einen Termin feststellkn. An dem Tage, an welchem „von" Vergani seine Ehren- und die anderen Schulden berichtigt, will auch ich Euch bei Heller und Pfennig befriedigen. Seid Ihr nun zufrieden mit mir? Aber jetzt, wo wir die alte Sache wieder glücklich in Ordnung gebracht haben, gebt mir einmal ordentlich Cognac her — hört Jhr's! — denn nun sind wir ja wieder glatt. — Kinder, wie bin ich froh, daß ich mir die alte Rechnung glücklich vom Halse geschafft habe — denn jetzt pumpt Ihr mir wenigstens wieder bis auf Weiteres! Servus Pumpo! U. D. G. Also sprach — Teutobold. Zur Geschichte der Juden in Paris. * (Schluß.) (Nachdruck verboten.) Daß unter solchen Verhältnissen doch noch Juden nach Paris kamen und es dort auszuhalten vermöchten, das war nur den wenigen Protectoren zu verdanken, die sich ihrer oft mehr aus Interesse als aus Menschlichkeit annahmen. Gar vornehme Herren und Damen verschmähten es nicht, mit den verachteten Juden Compagnie-Geschäfte zu machen oder ihnen' Gelder gegen gute Zinsen zu leihen. Glieder des mit den Bourbons verwandten Hauses Clermont waren im Jahre 1772 bei einem Armee-Lieferungsgeschäft von Israel und Saul Vidal betheiligt; der Graf von Cambise war mit Samuel Levy in Compagnie; unter den Gläubigern von Jacob Worms figuriren (1779) der Graf Hudecourt, ein Laune de Sombreval, Bürger von Paris, und der Souffleur der italienischen, komischen Oper. Als 1753 Joseph Astruc ausgewiesen wird, verwendet sich die Marquise de Monteval de Saint-Vaudelin sehr eifrig für ihn. Sie ist seine Schuldnerin und müßte sofort zahlen, wenn er abreist, und vor Ablauf von zwei Wochen kann sie