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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-04-26 · 17 (26.4.1895) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
17 (26.4.1895)
Date
1895-04-26
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 17 Dr. Bloch's Wochenschrift Seite 307 Volkes selbst hineinzuschaucn mit seinem geistlosen Sport, seinem bunt scheckigen Vereinswesen, seiner zügellosen Sucht, unaufhörlich Feste anzustellen — wahrlich, dann wird er gestehen müssen, daß er von christlichem Emst, sittlicher Tüchtigkeit, Selbstverleugnung und Begeisterung für das Große und Hohe wenig, dagegen von niedriger Gesinnung, Albernheit und sittlicher Verlotterung sehr viel zu sehen bekommt, und er mag sich bei diesen Beobachtungen höchstens mit der Erfahrung trösten, daß es gemeiniglich nur die Oberflächlichkeit, Prahlerei und Narrheit ist, welche sich so dreist ans Licht hervordrängt, während die Tugend sich bescheiden in der Verborgenheit hält. Sind nun etwa diese sittlichen Gebrechen unseres Volkes in dein ihm eigenthümlichen Wesen begründet? Sind sie eine natürliche Aeußerung des sächsischen B o l k s ch a r a k t e r s? Wer das behauptet, der macht den Schöpfer verantwortlich für die Sünden seiner Geschöpfe und schreibt auf Rechnung des Allheiligen die zahllosen Leiden, welche aus unseren Thorheiten entspringen. Niemals kann irgend ein Laster aus dem besonderen Wesen eines Volkes unmittelbar erklärt werden: es mag vielleicht sein, daß die b e s o n d e r e n Eigenschaften seiner Natur gewissen Verirrungen vorzüglich zugeneigt sind, allein die Weisheit und Liebe des Allerhöchsten hat uns mit allen Waffen ausgerüstet, auch unseren gefährlichsten Feinden Widerstand zu leisten. Wenn die gegenwärtige sittliche Signatur des sächsischen Volkes eine gewisse Charakterlosigkeit i st, die sich z u e r st in dem S i ch v e r l i e r e n t u allerlei niedrigen, kleinlichen und n i ch ti g enD ing en offenbart, w el ch e im wei t e r e n Verlaufe eine b e d a u e r l i ch e V e r l o t t e r u n g d e r F a m i l i e n o r d n u n g e n, eine rühmlose Unzuverlässigkeit in den Pflichten gegen Beruf, Kirche und Staat nach sich zieht, und welche am letzten Ende eine völlige Auflösung der sittlichen .vtraft, Umsturzgedanken und Selbstvernichtung zur Folge hat, so müssen wir diese traurigen Thatsachen vielmehr einer u n r i ch t i g e n Erziehung zuschreiben, welche es nicht versteht, die edlen Eigenschaften des Bienscheu zu erwecken und seine schlimmen Neigungen zu bekämpfen." Die „Dresd. Nachr." vom 6. April 1891 schreiben: „Der „Dresdner Verein zur Hebung der S i t l i ch k e i t" machte den Versuch, am Donnerstag Abends auch einmal eine öffentliche Männerversammlung an der Peripherie der Stadt, und zwar in Hammer's Hotel in Striesen abzuhalten. Ter Besuch dieser Versammlung litt aber leider unter der Ungunst der Witterung. Herr Diakonus Metzold verbreitete sich in seinen einleitenden Worten über die Ziele des Vereines und gab zugleich bekannt, daß der Verein baldigst auch in Altstadt eiue Dienstbotenherberge einzurichten hoffe, da die Zufluchtsstätte auf der Markgrafenstraße sich als ganz unzureichend erweise. Hierauf ergriff Herr Pastor Wagner, welcher mehrere Jahre in London und in Berlin aufhältlich gewesen ist, das Wort zu seinem Vortrag: „Ter entsittlichende Einfluß der Großstädte auf die Landbevölkerung." Der Redner wandte sich zunächst gegen den falschen Glauben, daß die Landbewohner so ganz unverdorben seien; ein Beobachter des Volkslebens wie August Bebel es ist, habe nicht ganz Unrecht, wenn er sage: „Viele lieben es, die Verhältniffe auf dem Lande als eine Art Idylle gegenüber den Großstädten und Jndustriebezirken auszuspielen; wer die Verhältnisse kennt, urtheilt anders l" Eine Idylle in sittlicher Hinsicht zeige die ländliche Bevölkerung durchaus nicht, auch da sei viel Unsittlichkeit in Worten, Werken und Liedern, es gehe aber auf dem Dorfe allerdings versteckter und geheimnißvoller zu und der Städter merke das so leicht gar nicht, wenn er einmal über Land komme. Zwischen Dorf und Stadt finde jedoch eine Wechselbeziehung statt. In der Großstadt sehen und merken die Dörfler viel, da dränge sich ihnen die Unsittlichkeit auf in den Localen mit Mädchenbedienung, in anlockenden Reclamen und Versuchungen aller Art. Für Viele werde dann schließlich ein Besuch der Großstadt zu einem willkommenen Anlaß zur Ausschweiftmg. Es sei in socialer Beziehung durchaus nicht richtig, mit allen Mitteln darauf hinzuwirken, die Städte so groß wie möglich zu machen, der Zuzug in die Großstadt solle vielmehr gehemmt werden, denn mit der Größe wachse auch die Hydra . der Unsittlichkeit. Wie bedenklich sei es doch, daß man bei einigen Gesellschaftsklassen es als selbstverständlich annehme, daß sie unsittlich sind? Gäbe es nicht auch keusche Kauslcute, Studenten und Soldaten? Gerade die Vertreter dieser Kreise kommen zum großen Theile vom Lande. Einer aber stecke den Andern an. lieber die Verhältnisse beim Militär theilte der Vortragende Einzelheiten mit, die sich nicht wiedergeben lassen; zum Theile enthielten sie Beschuldigungen pe'nlichsterArt. Unter Anderem sagte der -Vortragende weiter: Es sei ja streng verboten, liederliche Frauenzimmer mit in die Kasernen zu nehmen, komme aber oft genug vor. In Gegenden, wo Manöver sich abspielen, freuen sich die jungen Mädchen, daß das Militär kommt, und die Soldaten ihrerseits freuen sich, daß sie zu den unverdorbenen gesmtden Landmädchen kommen. Mancher junge Bursche, der vom Lande zum Militär in die Stadt kommt, habe dort ein Verhältniß angeknüpft mit der festen Absicht, sein Mädchen später zu heiraten, in der Kaserne werde er aber auf andere Gedanken gebracht. Nach Dr. Höffel erkranken jährlich von 1000 Soldaten 37 an ernsten geheimen Krankheilen und von einer Studentenkrankencasse wird ein noch stärkeres Berhältniß nachgewiesen. Die Studenten aber werden sehr oft Inhaber der höheren Stellen auf dem Lande und setzen dort ihr unmoralisches Leben vielfach fort, wie überhaupt gerade in den gebildeten Kreisen die Unsittlichkeit groß sei. Weiter nehmen die städtischen Damen kräftige Ammen vom Lande für ihre Sprößlinge. Den Ammen schmeichelt es, daß sie gut bezahlt werden, gut gefüttert werden und nichts zu arbeiten brauchen, sie erzählen es bei ihrer Rückkehr und die Freundinnen werden dadurch -begierig gemacht, auch Amme werden zu können. So sei es in Hessen gewiffermaßcn Diodesache, daß jedes Mädchen vom Lande erst einmal Amme werde. Die Großstädterinnen sollen doch lieber, wenn es denn durchaus Ammen sein müssen, kräftige Arbeiterfrauen vom Lande nehmen, das sei vom sittlichen Standpunkt aus das Richtige. Der Redner schloß seine Darlegungen, in denen er vielfach Berliner Verhälmiffe enthüllte, mit der Mahnung zu keuschem und züchtigem Leben, welches ein Volk stark macht, und der Bitte nrn recht lebhaften Anschluß an den Verein." Teutobold's Frnhjahrsmanöver. Schreibebrief des deutsch-nationale» Studenten. XXVII. Wien, im Ostermond 1895. Liebwerther Kumpan Pumpo! Unser teutsch-volklicher Bismarck-Weihe-Ehrungs-Fest- Trubel ist noch nicht ordentlich verrauscht, und schon bin ich daran, Dir nach alter, schlechter Gewöhnung etliche Randzeichnungen dazu zu entwerfen. Schön war's, sag' ich, es konnte gar nicht schönerer sein. Es gab Momente, wo wir, mit dem seligen Schiller zu reden, uns dem Erdgeist merklich näher fühlten als gewöhnlich — nämlich wenn wir einander unter den Tischen Smollis zutranken. In diesen herrlichen Augenblicken der Bersenkllng in des germanischvolklichen Hehrgedankens Größe, wo wir seiner Ur-Bedeutung völlig auf den Grund zu kommen strebten, da fühlten wir uns so recht als arisches Jung-Volk, da vermochten wir in unserer grenzenlosen Begeisterung Wien von Berlin, Bismarck von Schönerer nicht mehr genau zu unterscheiden. Hierauf folgten wieder erhebende Auftritte, welche deutlich zeigten, wie sehr e i n Deutscher auf den andern angewiesen ist, und wie sich Einer auf den Andern stützen muß. Unterschiedliche „verdrahte" Grüße wurden an Alldeiltschlands zweitgrößten Sohn abgelassen. -Magst sie in den „Unverschämten deutschen Worten" Nachlesen — wie die miserablige Judenschaft unser prächtiges Leibblatt schmäht. Schade, daß die Antworten nicht auch gleich mit abgedruckt wurden, welche der Alteisenkanzler doch ohne Zweifel an Schönerer gelangen ließ. Sehr befremdlich. Steckt am Ende gar ein bösartiger Judenstreich dahinter? Hat die Alliance Jsraolite sämmtlichen Telegraphistinnen je ein Paar koschere Würstel mit Kren versprochen, wenn sie die Antwort unterschlagen? Vielleicht war der „Größte und Gewaltigste des deutschen Volkes", wie Schönerer's Depesche ihn nannte, so gerührt, so tief ergriffen von dem „erneuerten Gelöbniß unverbrüchlicher Bismarck-Treue", daß er ganz darauf vergaß, zu — antworten. Ja, so wird es sein, nicht anders. Ueber 10.000 Telegramme soll er empfangen haben, aber so eines, wie unseres, blos ein Mal. Das ist einzig in seiner schlichten, anspruchslosen Art gewesen. Die vor-, zu- und aufdringlichen Semitlein mögen bei uns Demschvölklern Stunde in bescheidener Denkart nehmen, welche zugleich meilenfern ist von kriecherischer, speichelleckerischer Selbstentwürdigung. Wir wahren stets unsere germanische Mannesehre und machen, nachdem man uns die Treppe hinabgeworfen, durch das Fenster unsere erneuerte Aufwartung — zuvor aber werfen wir unsere Visitenkarten durch den Schornstein in die Stube.. Darin sind wir sozusagen: Specialitüt. Was wir nicht hören und nicht sehen wollen, existirt einfach nicht für uns, das wird aus der Welt hinaus ignorirt, denn in der Ignoranz sind wir groß. Von wackeren Gesinnungsgenossen magst Du es bereits vernommen haben, daß uns die Absingung des Liedes „Deutschland, Deutschland über Alles" nach der Melodie der sogenannten österreichischen Volkshymne schlankweg untersagt wurde. Wir hätten dadurch unsere bösmeinenden Gegner endgiltig widerlegen können, welche uns fortwährend landesverrätherischer Umtriebe und Gesinnungen bezichtigen. Unseren Gefühlen für die „Ostmark", das zu unserem Privatgebrauch von uns selbst erfundene Vaterland, hätten wir

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