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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-04-26 · 17 (26.4.1895) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
17 (26.4.1895)
Date
1895-04-26
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 306 Dr. Bwch's Wochenschrift. Nr. 17 Gastfreundschaft, von welcher die Thora spricht, war die härteste Sclaverei, und trotzdem verbietet sie, den Egypter zu hassen, ja mehr noch, sie gebietet Dankbarkeit gegenüber dem Volke, in dessen Mitte einst Israel gequält wurde. Das Gebot der Nächstenliebe ist jüdischen Ursprungs; aber das Gebot der Feindesliebe hat die christliche Religion als ihr alleiniges Verdienst in Anspruch genommen. An dieser Stelle der Thora zeigt jedoch Cornill, wie auch die Feindesliebe vom jüdischen Gesetzgeber seinem Volke eingeschärft worden ist. Auch in den Psalmen, den Sprüchen, den Propheten geht der christliche Priester mit pietätvollem Sinne allen Zügen der Menschenliebe nach. Als das „Hohelied der Humanität" aber preist er das 31. Capitel des Buches Hiob; er schließt seine Bettachtungen mit folgenden begeisterten Worten: „Wenn es die letzte und höchste Aufgabe der Religion ist, uns Zu besseren Menschen zu machen und in unseren Herzen die Liebe gegen Gott und Menschen zu entzünden, und wenn der Gradmesser des Wertstes einer Religion darin liegt, inwieweit es ihr gelingt, diese höchste Aufgabe zu lösen, so braucht die Religion Israels diese Prüfung wahrlich nicht zu scheuen. Zu einer Zeit, wo noch die tiefste Nacht der Lieblosigkeit und Inhumanität die ganze übrige Menschheit bedeckte, da schon athmet die Religion Israels einen Geist wahrer Humanität, der auch den Fremden, wenn er nur sehen null, mit Ehrfurcht und Bewunderung erfüllen muß. So lange mir nicht Jemand bei irgend einem anderen Volke des Alterthums ähnliche Aussprüche und in ähnlicher Zahl nachgewiesen hat, wie wir sie soeben ans der heiligen Literatur Israels kennen lernten: so lange werde ich mir die Behauptung nicht abstreiten lassen, das; Israel der Welt die wahre Humanität gegeben hat, wie es der Welt auch d en wahren Gott gegebenhat. Jeder unbefangene Fremde nius; einstimmen in das Wort, welches auch ein Nichtisraelit, Bileam, der Sohn Beors, der Mann mit dem enthüllten Auge, über Israel ausgesprochen hat: Vom Felsengipfel feh' ich ihn, Von Beigeshöh' erblich ich ihn: Das ist ein Volk für sich allein, Und nicht wie andere zu achten." Das Zeugniß des katholischen Priesters wird noch heute bestätigt durch die Art, wie unsere hart bedrängten Glaubensgenossen allüberall Böses mit Gutem vergelten. Der Reiche spendet mit vollen Händen, aber nicht nur den Armen seines eigenen Volkes — die meisten Stiftungen der Juden ttagen interconfessionellen Charatter. Aber auch der ärmste Jude baut mit an dem Tempel der Humanität, indem er seine Kinder zu gesitteten Menschen erzieht und sie durch Lehre und Beispiel, durch die Macht eines innigen Familienlebens und durch jene der Wissenschaft auf eine höhere Stufe der Entwicklung emporzuheben sucht. Und vielleicht ist es gerade der Grundsatz der allumfassenden Menschenliebe, welcher zu allermeist das Wunder der Erhaltung Israels unter den feindseligen Völkern des Erdballes bewirkt hat. Germanische Sittlichkeit im anttsemitischen Königreich Sachsen. Es ist eine eigenthümliche Erscheinung, daß gerade in Sachsen, dem Lande, das eine sehr kleine Zahl von Inden besitzt (etwas über 9000), die Wiege des Antisemitismus geständen hat. Trotzdem der sächsische Rassenantisemitismus den Cultus des reinen Arier- und Germanenthums wieder geweckt hat, ist das Land selber sittlich das tiefstehendste in ganz Deutschland, der beste Beweis, daß der Verfall der Sittlichkeit direct im Zusammenhang steht mit dem Judenhaß, wie ihn die Anüsemiten propagiren. Eine Broschüre des Diakonus in Waldenburg, Guido Wächter, betttelt:„Die sociale Gefahr in Sachsen" (Glauchau 1887, bei Arno Peschke) gibt ein geradezu ttostloses Bild von den Zuständen in Sachsen. Wächter schreibt (S. 2 ff.) „Die 'Ltatiftik der Volks>lttlichkeit liefert uns in der That den Beweis, daß unser Volk gerade an seinen heiligsten Besitzthümern die schmerzlichste Einbuße erlitten hat. Mit Recht führt das Evangelische LaudeSconsistorium in seinen amtlichen Kundmachungen über die sittlichen Zustände deS Landes die ungeheure Zahl der Selb st m o r d e vor Allem aufbie Zerstörung des inneren, religiösen Haltes zurück. Der Selbstmord bildet einen dunklen Punkt im Leben des sächsischen Voltes. Die Statistik derselben hat uns unter allen Völkern der Erde einen Vorrang eingeräumt, wie er trauriger nicht gedacht werden kann. Es macht den Eindruck der Erschlaffung aller sittlichen Kräfte, der Greisenhaftigkeit, der Verzweiflung an sich selber, wenn in einem Volke gerade dieses Laster epidemisch geworden ist. Und welcherlei äußere Umstände man auch augesührt haben nag, um jenen unheimlichen Wahn der Selbst Vernichtung zu erkläre«, sie sind doch nicht im Stande, den dunklen Schatten, der dadurch auf unser Angesicht fällt, auch nur um einen Gedanken Heller zu machen. Birgt nicht Rheinland und Westfalen eine ebenso lebhafte Industrie wie das Königreich Sachsen? Nähren diese Länder nicht eine ebenso dichtgedrängte Bevölkerung, wie unsere heimatlichen Fluren? Und gerade in jenen westlichen Provinzen des deutschen Landes steht die Selbstmordziffer auf einer sehr niedrigen Stufe; ein deutlicher Beweis, daß es zwischen hochgesteigcrter Industrie und zahlreicher Bevölkerung einerseits und dem Selbstmord andererseits keinen nachweisbaren Zusammenhang gibt. Ebensowenig läßt sich mit den angeführten äußerere Umständen die große Zahl der unehelichen Kinder erklären, welche denr Königreiche Sachsen ebenfalls einen wenig rühmlichen Vorrang vor den meisten anderen deutschen Ländern einräumt. Welch ein trauriges Zeichen von dem Verfall der sittlichen Zucht und Ehrbarkeit, von der Lockerung der Familienbande und der Zerstörung der häuslichen Ordnung, und zugleich welch beschämendes Zeugniß für die Charakterlosigkeit und U ur i t t e r l i ch k e i t der männlichen Jugend, wenn von hundert geborenen Kindern nicht weniger denn zwölf oder dreizehn der Wohlthat eines geordneten, ehrenhaften Familienlebens entbehren müssen. Hat es eine Zeit lang geschienen, als ob in diesem Punkte der Volkssittlichkeit eine Besserung eintteten sollte, so ist diese Hoffnung durch die Erfahrungen der jüngsten Zeit wieder zu nichte geworden. Und wenn etwa Jemand zur Entschuldigung des gerügten Lasters abermals geltend machen wollte, daß dasselbe durch die Lockerung der Familienbande und den allzufreien Verkehr der Geschlechter, wie er mit der fortschreitenden Fabrikindustrie verbunden sei, nothwendig hätte herbeigeführt werden müssen, so genügt es schon, darauf aufmerksam zu «rachen, daß es gerade die landwirths ch a f t l i ch e n Districte sind, in welchen die meisten unehelichen Kinder geboren werden, während die vorrückende Industrie den geschilderten Uebelstand im Gegentheile mehr und mehr zu verdrängen scheint. Ein sehr lehrreiches Licht fällt auch durch die Ziffer der gerichtlich anhängig gemachten Klagen auf Ehescheidung auf das Familienleben eines Volkes. Leider fehlen uns hier die zum Vergleich mit anderen Ländern nothtvendigen Zahlen; wir lesen nur, daß z. B. in Kassel auf 29.340 Einwohner im Jahre 1882 eine Ehescheidung gekommen ist,' in Bamberg auf 25.550 Einwohner, in Köln auf 20.935 Einwohner, während in Dresden schon auf 3077 eine solche entfällt. Die sächsische Hauptstadt wird in dieser Beziehung nur von derjenigen Preußens übertroffen. Es ist bekanntlich nichts heikler, als auf Grund von statistischen Unterlagen Urtheilc über den sittlichen Zustand eines Volkes zu fällen. So könnte z. B. Jemand behaupten, daß wir gerade hier in Sachsen im Gegensätze zu anderen Ländern uns in einem höchst erfreulichen, sittlichen Aufschwünge befinden. Er könnte darauf Hinweisen, daß im Königreiche Sachsen die Verurtheilungen seit 1882 beständig abgenommen haben. Allein diese Verminderung betrifft hauptsächlich die Verbrechen gegen das E i g e n t h u m, welche wir mit Recht als eine natürliche Folge des wachsenden Volkswohlstandes ansehen können. Wenn dagegen der Fortschritt der deutschen Criminalistik sich gerade auf diejenigen Verbrechen bezieht, welche am meisten den Charakter der Roheit, der G e m e i nh e i t, der B e st i a l i t ä t an sich tragen, so müssen wir bekennen, daß das Königreich Sachsen leider an diesen Verbrechen seinen vollen Antheil hat. In den Fällen des Widerstandes gegen die Staatsgewalt,' der Beleidigung, der Körperverletzung, der Sachbeschädigung, in den Vergehen wider die persönliche Freiheit ist keine Verminderung eingetreten und in der Zahl der S ittli ch k eits v erb r e ch en steht Sachsen noch immer über dem Durchschnitte des Deutschen Reiches. Und wollte Jemand noch weiter einer: Einblick in die sittlichen Zustände unseres Volkes gewinnen, so brauchte er nur sein Ohr der Kirche zu leihen, wie sie unaufhörlich klagen muß über den Verfall des Familienlebens, über die Unbotmäßigkeit der Jugend, über die im Gefolge einer maßlosen Vergnügungssucht einbrechende Roheit, Gemeinheit und Oberflächlichkeit, über die völlig ungenügende Ausgestaltung des kirchlichen Lebens in allen denjenigen Orten, welche ihr Wachsthum der jüngsten Zeit verdanken; brauchte nur die Klager: der Dienstherrschaften anzuhören, welche sich von Tag zu Tag eine größere Anmaßung der Dienstboten gefallen lassen müssen, brauchte nur sein Ohr den Unternehmern zu öffnen, wie sie ohrie Aufhören über die wachsenden Ansprüche und die Unzuverlässigkeit ihrer Arbeiter klagen, und umgekehrt der Arbeiter, wie sie die heftigsten Vorwürfe gegen ihre habsüchtigen, th r ann i sch eit und u n g e r e ch t e n Herren schleudern, brauchte nur einen Blick hinemzuwerfen in die Spalten unserer Tageblätter, welche von den Ankündigungen zahlloser Schankstätten und Tanzlocate wimrrieln, welche in ihren Lokalnachrichten von nichts zu erzählen wissen, als von den niedrigen Unterhaltungen der wie Pilze aus den: Boden aufschießenden Vereine und den faden oder unsittlichen Zerstreuungen der sogenannten Volksfeste, und ihren Jnseratentheil zun: Abladeplatz von allerlei schlechten Scherzen herabwürdigen, brauchte nur diese täglich wiederholten, öffentlichen Ehrenerklärungen, aufgehobenen Verlobungen, widerlichen Streitereien zu verfolgen, und dann diese abscheulichen Roheiten, . diese aufgelösten Versammlungen, verbotenen Vereine, unterdrückten Druckschriften, angestellten Haussuchungen! Brauchte endlich nur einmal in dieses tolle Treiben des

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