Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 17 (26.4.1895)
- Date
- 1895-04-26
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. 17. Dr. BlOCh’S Jahrgang XII. Centralorgan für die gesammten Interessen des Zudenthums. Wien, 26. April' 1895. ->—cö®Er’“_0- Erscheint jeden Freitag. --- Wan abvnnirk bei allen Postcmstallen des In- und Auslandes. Inhalt: Leitartikel: Die Humanität im alten Testament — Germanische Sittlichkeit im antisemitischen Königreich Sachsen. — Teutobold's Frühjahrsmanöver. — Zur Geschichte der Juden in Paris. — Die Stellung der Juden zur modernen Kunst. — Dösterreichisch israelitische Union.— Vom Jahrmarkt des Lebens: Die Juden in Böhmen. — Der interpretirte Bismarck. — Katholiken und Juden im Jahre 1803. — Ein rumänischer Jude in der Fremde. — Rituelle Blutabzapfungen. — Der bibelfeste Bismarck. — Der antisemitische Dr. Sigl über die antisemitischen Sachsen. — Eorresponden;en: Wien, Neutra, Baden, Hora/diowitz, Jaroslau, Stuttgart, Breslau, Jauer, Paris, New L)ork. — Vermischtes: Wien, Groß-Enzersdorf, Gr.-Kanizsa, Wall.-Meseritsch, Prag, Lemberg, Przemysl, Malaczka, Tarnow, Fiume, Belgrad, Bürzburg, Nizza. — Feuilleton: Mein Freund Wodakoski. — Briefkasten. — Inserate. iS K. ft. Postsparrasstn-Amk Clearingverkehr Nr. 810.976. Drdarlion und Administration: Wien Franz Iosrfs-Nuni Nr. 3. Telephon Nr. 6535. S =ö Bezugspreis für Vesterreirkz: Halbjährig 4 fl. — 3 Kr. Einzelexemplare 25 kr. Für'» Ausland: Halbjährig 5 fl. — 10 Kr. Ganzjährig 10 „ 20 „ Anzeigen: Tie lmal gespaltene Pctitzeile 12 kr. Die Humanität im alten Testament. Man hat die Juden, nicht erst seit heute und gestern, sondern seit Jahrhunderten beschimpft und verunglimpft, man hat Alles angetastet, was ihnen theuer oder heilig ist, man. hat ihre. Geschichte, ihre Tradition, ihren Glauben, ihre Literatur herabgewürdigs. Aber Eines konnte bisher auch die teuflischste Bosheit nicht bestreiten: daß sie, wie kein anderes Volk der Erde, durch ihre Religionsgesetze zur Uebung wahrhafter Menschenliebe verpflichtet sind und daß sie diesen Gesetzen treu geblieben sind inmitten der schwersten Bedrängnisse,, gegenüber einer Welt des Hasses und trotz der furchtbarsten Anfeindungen. Noch immer verkünden hundert- und tausendfach die Thatsachen, daß Israel Gott nicht besser zu heiligen weiß, als durch Erbarmen und Mitleid, durch Wohlthun und Werke der Nächstenliebe. Ein christlicher Priester, der Professor der altteftamentärischen Theologie an der Universität in Königsberg, Carl Heinrich Cornill, hat den Muth, dieser Wahrheit die Ehre zu geben, zu einer Zeit, in welcher für seinesgleichen die Herabsetzung des Judenthums als eine verdienstvolle That gilt. Professor Cornill hat tiefen Einblick gethan in die Lehre des Judenthums, und mit dem vorurtheilsfreien Blicke des Fremden weiß er ihre erhabenen Grundsätze herauszufinden. Er hat dies jüngst in einem Vortrage gethan, welchen er im Königsberger Verein für jüdische Literatur und Geschichte hielt und welcher nun gedruckt vorliegt. Ausdrücklich bemerkt Cornill, daß er das Thema: „Das alteTestament und dieHumanität" deshalb gewählt hat, um gegenüber Unverstand und bösem Willen der Wahrheit zum Durchbruche zu verhelfen, und seinen jüdischen Zuhörern geg^über sprach er von den ungeahnten Herrlichkeiten der heiligen Schriften Israels, die auch ihm heilig seien. „Die Humanität", sagt er, „gilt als Prüfstein und Gradmesser der Religionen; was sie nach dieser Richtung hin geleistet und Neues gebracht haben, darin soll ihr wahrer Werth und ihr bleibendes Verdienst bestehen." Den göttlichen Ursprung der jüdischen Lehre leitet Cornill von dem Worte ab, welches uns gleich auf der ersten Seite der Thora entgegenleuchtet : „Und Gott schuf den Menschen nach seinem Ebenbilde." Darin allein schon findet er die wahre Humanität begründet. „So weit wir den Bereich des natürlichen Menschen prüfen und verfolgen", führt er aus, „finden wir immer und überall das Gegentheil: da' schafft vielmehr der Mensch Gott nach seinem Ebenbilde, nach Menschenart. Der kriegerische und brutale Assur, die wollüstige und blutdürstige Jstar sind Typen assyrischen Wesens: in Zeus haben wir das Idealbild des hellenischen Mannes, in Apollo icnd Ares das des hellenischen Jünglings nach der Seite der geistigen und leiblichen Kraft: in dem alklateinijchen Tiespiter erkennen wir sofort den sonveränschaltenden römischen pater t'amilia8, in Mavors den welterobernden, römischen Soldaten: Wodan und Donar sind echt germanische Recken, Fricka die deutsche Hausfrau Diese Erscheinung ist so allgemein und so in der Natur des Menschen begründet, daß einer der tiefsinnigsten altgriechischen Denker das Wort anssprechen konnte: Wenn Stiere und Löwen Religion haben, so stellen sie sich Gott als Stier oder Löwen vor. Nur Israel nimmt den Ausgangspunkt von Gott, um dao Wesen des Menschen zu bestimmen, und hat so für die wahre Humanität den unverrückbaren Grund gelegt. Wie sollte der Mensch seinen Mitmenschen gering schätzen oder verachten, den Gott selbst seines Ebenbildes gewürdigt hat'?" In der Völkertafel, welche Cap. 10 enthält und wo die ganze Menschheit als Nachkommen der drei Söhne Noah's dargestellt wird, erblickt er mehr ein dürres und trockenes Verzeichniß der 70 Völkernamen. Der Geist, den diese israelitische Völkertafel athme, sei nicht der des selbstsüchtigen Interesses, sondern er ist der die ganze Welt umfassende Liebesblick, der in der Menschheit Eine große Familie von Gotteskindern sieht, die eben als Kinder des Einen himmlischen Vaters untereinander Brüder sind, also der Geist echtester und höchster Humanität» wie sie als wahre Himmelstochter auf religiösem Grunde erwachsen ist — die praktische Bethätigung und nothwendige Folgerung der Lehre, daß Gott den Menschen nach seinem Ebenbilde geschaffen hat. Und nun gelangt Cornill zur Prüfung jener herrlichen, außerhalb der jüdischen Lehre in solch' strahlender Reinheit und Selbstlosigkeit nirgends vorkommenden Vorschriften zum Schutze der Schwachen und Schutzlosen, der Witwen, Waisen, Armen und Fremdlinge, welche die Thora an mehreren Stellen enthält und welche iminer wieder auf das Schicksal zurückweisen, welches Israel selbst in Egypten erlitten hat. Er verweist auf das Verbot der Nachlese, auf das Gesetz über die Armenzehnten, auf die Ueberlaffung des Feldertrages an die Armen in jedem siebenten Jahre, auf die humanen Bestimmungen, welche die Zurückhaltung des Lohnes oder des Pfandes eines Armen über Nacht verbieten, auf das Verbot des Ziirennehmens, auf die Bestimmungen über das Jubeljahr, die Behandlung der Thiere, das Kriegswesen, die Prügelstrafe und die Todesstrafe. Als den herrlichsten Ausfluß jüdischer Humanität aber erkennt er die Stelle der Thora, in welcher den Juden eingeprägt wird, daß sie den Egypter nicht verabscheuen dürfen, ' weil das Volk Israel Gast gewesen in seinem Lande. Jene