Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 16 (19.4.1895)
- Date
- 1895-04-19
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Dr. Bloch's Wochenschrift Seite 299 Nr, 16 wiederum keine andere Wahl gelassen, als sich lausen zu lassen oder unter Heukershaud zu sterben. Selbst die Verbannung, selbst die Flucht war ihnen verboten. In der That, wohin sollten sie sliehen, um dem Auge des mächtigen Philipp II. entgehen zu können, unter dessen Seepter die ganze Halbinsel sich beugen mußte? Seitdem seine Armada rettungslos zu Grunde gegangen, gab es nur ein einziges Land, auf welches sie ihre Hoffnung setzen konnten: Holland, und in diesem Lande war eine Stadt, die ihnen Freiheit versprach: Amsterdam. Glauben Sie nicht, daß ich übertreibe! England hielt jeglichen Zutritt fiir sie so streng verschlossen, daß selbst siebzig Jahre später nicht mehr als zwölf Juden in London zu finden waren. Frankreich war so sehr von Vorurtheileu geknechtet, daß noch nach Verlaus eines Jahrhunderts König Ludwig XIV. nichts Besseres wissen wollte, als daß es für jeden christlichen Staat eine Schande sei, die Juden innerhalb seines Gebietes zu dulden. Und Deutschland?! Da wurde schon das Morden geplant, welches demnächst die Ghetti von Frankfurt, Worms und Speyer mit Entsetzen erfüllen sollte; da wurzelte der Glaubenshaß so tief, daß noch im achtzehnten Jahrhundert jeder Jude durch königlichen Erlaß gezwungen war, das Schandmal des Bankrottiers auf dem Kopfe zu tragen. Niederland allein war den Juden ein schützender Zufluchtsort; doch nicht das ganze Niederland. In Hoorn wollte man sie in's Gefängniß werfen, in Alkmar ihnen eine Stätte versagen, wo ihre Todten ruhen könnten; Utrecht wollte sie im Stadtgebiete nicht dulden, und Akiddleburg hat sie, trotz der beredten Verwendung des marokkanischen Gesandten Samuel Paleche, schmählich zurückgewiesen. Amsterdam allein bot den Unglücklichen die Hand der Gastfreiheit, und diese nahmen sie an. Heimlich aus Lissabon entronnen, aber bald von einein englischen Kriegsschiffe aufgegriffen, wurden sie in London sestgenommen und waren schon zum Tode verurtheilt, als es ihnen mit genauer Noth gelang, die strenge Königin zu bewegen, daß sie ihnen die Ueberfahrt gestattete nach dem gelobten Lande, nach 'Niederland. Aber ein wüthender Sturm faßte das Fahrzeug und schleuderte es an die ostsriesische Küste. Von da aus erreichten sie endlich nach langer, langer Fahrt unseren Hafen: Jacob Tirado, Miguel Lopez, Manuel Lopez und seine bildschöne Braut, Maria Nunez. Hunderte, Tausende folgten ihnen, denn Amsterdam hält Wort: frei und unbehelligt legen sie das erheuchelte Schein-Christenthum wieder ab und finden das, was sie zwei Jahrhunderte haben entbehren müssen. Davon zeugen andere Tausende ihrer Glaubensgenossen, welche zwanzig und fünfzig Jahre später, dem Blutbad in Deutschland und Polen entronnen, sich bei ihnen niederließen; davon legen die zahlreichen Synagogen, welche eine nach der anderen erbaut wurden, beredtes Zeugniß ab. Allerdings mochte für den müden Jrrfahrer ans dem Osten in dem Lichte seiner weitgehenden Hoffnungen auch unsere Stadt nur ein Ort der Verbannung bleiben, aber er lernte sie doch unter dein erwärmenden Strahle der Freiheit und des Friedens als ein zweites Vaterland lieb gewinnen . . . Das protestantische Amsterdam hat seine Menschlichkeit niemals frömmer und fruchtbringender bethütigt als bei diesem Willkommenheißen des Hauses Jacobs." Lutgi Luzzatti und der Bischof von Cremona. Zwischen Luigi Luzzatti und dem Bischöfe von Cremona fand letzthin ein reger Briefwechsel über die in Italien durch den Einfluß der Geistlichkeit in's Leben gerufenen laudivirthschaftlichen Vereinigungen und Vorschußcassen statt. Neben diesen Cassen, deren es bisher ungefähr 170 gibt, bestehen seit zwei Jahren die von den Abgeordneten Luzzatti und W o l l e n b o r g errichteten italienischen Ackerbaucassen, 240 an der Zahl. Die Institute beider Arten haben es sich zur Aufgabe gemacht, den Bauernstand aus Wuchererhänden zu befreien. Der Briefwechsel zwischen Luzzatti und dem Bischof von Cremona hatte nun den Zweck, eine Art finanziellen Cartells festzustellen, durch welches beide Cassenkategorien von der ebenfalls durch Luzzatti gegründeten italienischen Volksbank in gleicher Weise unterstützt werden sollten. Luzzatti kam den Wünschen des Bischofs auf das Bereitwilligste entgegen, und aus seinen Rath hat die Volksbank den Vorschußcassen dieselben Begünstigungen gewährt wie den Ackerbaucassen. Correspon-enzen. Wien. Dienstag, den 16. April, am letzten Pessachtage, 12 Uhr Mittags, fand im Palais des Herrn David Ritter von Gutmann die Briss milah seines jüngsten Enkelchens Robert, des Sohnes des Herrn Dr. Ludwig Ritter von Gut mann in streng traditionell-jüdischer Weise statt. Nach der durch Herrn Dr. Herzseld rasch und trefflich vorgenommenen Operation, wobei Herr Oberrabiner Dr. Güd emanu die Einsegnung vornahm und die Großeltern als Pathen fnugirten, versammelte ein opulentes Festmahl die geladenen Gäste, wobei Herr Dr. Güdemanu in segenspendender Weise auf das Gedeihen und die Weiterentwicklung des jungen Sprößliugs toastirte, woraus der Großpapa, Herr David Ritter uou Gut m a u n, unter Rührung, doch in humorvollen Worten, Namens seines Enkelchens den Anwesenden für die Glückwünsche dankte. Herr Gemeinderath Dr. Alfred Stern widmete in sinniger Weise seinen Trinkspruch dem Großelternpaar, woraus die Großmama, Frau Sofie von G u t m a n n, das Wort ergriff, um dem Vorredner für seinen herzlichen Spruch ebenso herzlich zu danken. An der Tafelrunde nahmen noch Theil: Frau Baronin Meyer aus Coburg und ihre Schwester Frl. Helene von Gntmann, Herr Rabbiner Dr. Sch mied l, Herr Lector Fried mann, Herr Steingraber, Herr Proenrist Wiedmann, die Herren Dr. Weinberger, Dr. Herzfeld und Obercantor Singer, welcher am Schluffe des herrlichen Mahles das Tischgebet vvrtrug. Nach aufgehobener Tafel verfügte sich die Gesellschaft zu der jugendlichen.Mutter, welche, ihr jüngstes Kind am Herzen bergend, glückstrahlend die Glückwünsche entgegennahm. Das erhebende Fest erbrachte den Beweis, daß die Kinder, den Traditionen ihrer Eltern folgend, ihre angestammte Religion Hochhalten und daß das Judenthum nicht verwaist, sondern gerade, in diesen hochgeachteten Häusern eine treue Pflanzstätte findet. Wien.(Sederabend der jüdisch-a kademischen Verdi Übungen.) Am zweiten Sederabende vereinigten sich in Hatschek's Restauration alle jüdisch-akademischen Verbindungen Wiens, sowie „.uadiinah", „Uuitas", „Gamala" und die jüdisch akademische Lesehalle zu einer gemeinsamen Passahfeier. So Mancher der Anwesenden wird diesen Abend zeitlebens in Erinnerung behalten Das war ein regelrechter Seder, genau so wie er in der Haggada steht. — Herr Lector :üi. F rieb m a u n erwies den Verbindungen die Ehre, den Seder zu geben und die Haggada zu iuter pretiren, aber welche Interpretation! Wir konnten nicht genug der geistreichen und sinnigen Erklärungen lauschen, derart, daß Manche, die sich vorher nur schwer für die Verlesung des ersten r heiles der Haggada erklärten, jedes Wort von Anfang bis zu Ende mitsagten und in die Lieder einstimmten. Gleich in den ersten Worten der Haggada, in „lio ’a^hrna an ja" und ..bene cliorin“ predigte Herr Lector Fried mann, liege die ganze Bedeutung des Festes, das Brod des Elends und die Hoffnung aut Frei heit, sie sind die Pole der Achse, um die sich die Feier dreht. Hierauf fragte stuck, tech. R osenba u in, als der Jüngste der Gesellschaft, das „Ma nischtane-, worauf die Haggada mit den Worten aut wortete, daß das Judenthnm in keiner Lage verzweifeln möge, denn Knechte waren die Inden in Aegypten und erlangten trotzdem die Freiheit. Das Ei, welches zum Seder gehört, sagte Herr Lector Fried mann, ist das Symbol des Judenthums; ein Leben schlummert in demselben, es braucht aber nur erwärmt zu werden, das Leben erwacht, erhält Schwingen und steigt empor. In fröhlicher Stimmung folgte ein opulentes Mahl. Am Schluffe desselben sagte der Vorsitzende canck. mack. Josef Bier er im Namen aller Vereine Herrn Lector F r i e d m a n n in herzlichen Worten Dank und gab die Versicherung, daß die jüdisch-akademische Jugend den Traditionen ihres Volkes treu bleiben wird. — Hierauf ergriff ckrck. weck. Martin Engländer i „Uuitas") das Wort und sagte, daß auf der Evolutionscurve des jüdischen Volkes der Auszug ans Aegypten der bedeutendste Wendepunkt sei. der der Vergangenheit angehöre, er begrüße den heutigen Abend, an welchem die akademische Jugend die traditionelle Fahne ihrer Väter anfrollr und treu zu ihr hält, als einen neuen Wendepunkt der Gegenwart, von dem aus eine bessere Zukunft unausbleiblich ist Die akademische Jugend, trotzdem sie vielfachen Beschäftigungen obliegen muß, studirt mit voller Hingebung jüdische Geschichte, Literatur und selbst die hebräische Sprache, zu deren Erlernung in allen Verbindungen Eurse errichtet sind; sie wünscht deshalb, daß die Cultusgemeiuden auf den Religionsunterricht in den Mittelschulen in diesem Sinne einwirken mögen, um den akademischen Verbindungen vorzuarbeiten, denn die erste und härteste Arbeit der akademischen Verbindungen ist, die Jugend der Alma mater aus dem grenzenlosen Jndifferentismus aufzurütteln, sie für das Judenthum wieder zu gewinnen. Deshalb sei voll jetzt an die Parole: Vereinigung der jüdisch-akademischen Verbindungen mit den Gemeinden und dem Volke nach Innen nnd gemeinsame Abwehr nach Außen. Nachdem noch stuck, pbil. B er ko v itz im Namen der „Gamala" dankte, gab ckrck. raed. Karl Vollak dem Gedanken Ausdruck, Saß, trotz dem die jüdischen Studenten vom Hanse ans in verschiedenen Geistesrichtnngen erzogen sind, sie sich doch fttr echt jüdisches Leben gefunden hätten.