Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 16 (19.4.1895)
- Date
- 1895-04-19
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 295 Dr. Bloch's Wochenschrift. Nr. 16 Nach dem Rundgaug sagte der Fürst, „er trittke nochmals auf den a i s c r Frau; Josef und die grüne Steiermark und das Oesterrcichcrland". Das Hoch auf Se. Majestät den Kaiser Franz Josef und die Ermahnung zur dynastischen Treue paßt den Bundesgenossen des Prinzen Liechtenstein nicht in den Kram und wird den Lesern einfach vorenthalten. Das ist kurz und einfach — ebenso uupatriotisch als unanständig. Bedenkliches Lob. Oesterreich genießt schon wieder die zweifelhafte Ehre, von den Reactionären in Deutschland als leuchtendes Muster gepriesen zu werden. Neulich lobte man draußen die entgegenkommende Haltung des österreichischen Abgeordnetenhauses in der Behandlung des refvrmirten Strafgesetz-Entwurfes, welcher in manchen Punkten der so schnöde behandelten Umsturzvorlage der deutschen Regierung verzweifelt ähnlich sehe. Am 12. April 1895 führt die „Kreuzzeitung" dem preußischen Justizminister das Beispiel der österreichischen Verwaltung in der Frage der Berücksichtigung jüdischer Bewerber rührend vor die Augen. Das Berliner Junkerblatt schreibt: „ Seit Fakiren zeigten sich die verschiedenen Negierungen in Oesterreich bcstrclit, das Aufkommen der antisemitischen Bewegung zu verhindern, und dennoch haben sie nur unerhebliche Zugeständnisse gegenüber dem jüdischen Andrange gemacht, ja man ist sich im Grunde genommen stets darüber klar gewesen, daß die Zulassung jüdischer Juristen in größerer Zahl das Vertrauen der Bevölkerung zur Rechssprechung wie das Ansehen des Richterslandes überhaupt herabdrücken muß. So sind im Gebiete des österreichischen Ober-Landes geeichtes höhere Richter jüdischer Religion überhaupt nicht vorhanden. Alle Mitglieder desselben wie des höchsten Gerichtshofes, ferner sämmtlichc Staatsanwälte sind Christen. Unter 171 Landcsgerichtsräthcn befindet sich nur Ein Jude, der vor zwei Jahren ernannt wurde. Bon 130 Bezirksrichtern gehören 0, von 266 Adjuncten «Assessoren) nur 8, von 193 Ausculranten (Referendare) nur ein einziger der jüdischen Religion an, so daß in Oesterreich Alles in Allem nur 16 jüdische Richter anzutreffen sind. Eine zeitlang schien man geneigt, den Juden die richterliche Laufbahn ein wenig zu öffnen. Aus der Thatsachc, daß gegenwärtig nur ein einziger jüdischer Auscultant zugelassen worden ist, geht indessen hervor, daß selbst das Coalitions-Ministerium bestrebt ist, das jüdische Element vom Richtcrstaude sernzuhalten. Wo an einem Gerichtshöfe jüdische Richter vorhanden sind, nimmt man jüdische Auscultanten nicht an, iveil bereits Juden genug vorhanden sind, und wo die Gerichte sich bisher noch judenrein erhalten haben, da wollen sie von der Annahme jüdischer Richter erst recht nichts wissen. Selbst in Galizien ist die Zahl jüdischer Richter nnverhältnißmäßig gering; unter 120 Landesgerichtsräthen findet man nur einen, unter 173 Bezirksrichtern nur 3, unter 311 Adjuncten nur 18 Juden. Außerdem haben sich die jüdischen Auscultanfen wie in Oesterreich stark vcrinindert. Seit acht Jahren soll kein jüdischer Auscultant ernannt worden fein. In Galizien sind die jüdischen Richter anscheinend auf den Aussterbe-Etat gesetzt worden. In die übrigen Berwaltungszweigc, abgesehen von der Wiener Polizei-Direction, haben die Juden bisher überhaupt noch keinen Eingang finden köimen. Der Finanzminister soll verboten haben, daß bei der Ueberwachung der Branntweinsteuer-Erhebung in Galizien jüdische Beanite beschäftigt werden! Ja, es wird erzählt, daß Herr v. P len er, dessen Liberalismus über jeden Verdacht erhaben ist, unlängst einem jungen jüdischen Juristen, als er sich um eine Stelle bei der Finanzverwaltung bewarb, sagen ließ, er möge lieber Advocat werden. Die Post- und Telegraphen-Lerwaltung in Galizien nimmt Juden an, aber nach ihrer bisherigen Praxis, obwohl die jüdische Bevölkerung 12 Percent ausmacht, nur bis zu 6 Percent des Beamtenftandes, und sie hat mit Bezug darauf jüdische Bewerber wiederholt zurückgewiesen, sie will von diesem Grundsätze nicht abweichen." Es gibt wohl nichts Bedenklicheres für das Coalitions- Ministerium, als dieses Lob der,,Kreuzzeitnng" und des Herrn v. Hammerstein, der neuestens seinen Beruf zum Anlisemiten- Führer in so unbestreitbarer Weise dargethan hat. Die Juden im preußischen Heere. Für st v. Hardenberg sagte über die jüdischen Soldaten in einem Schreiben vom 4. Jänner 1815 : „Auch hat die Geschichte unseres letzten Krieges wider Frankreich bereits erwiesen, daß die Juden des Staates, der sie in seinen Schoß ausgenommen, durch treue Anhänglichkeit sich hervorthun. Die jungen Männer jüdischen Glaubens sind die Waffengefährten ihrer christlichen Mitbürger gewesen, und wir haben unter ihnen Beispiele des wahren Heldenmuths und der rühmlichsten Verachtung der Kriegsgefahren aufzuweisen, sowie die übrigen jüdischen Einwohner, namentlich auch die Frauen, in Aufopferung jeder Art den Christen sich a n s ch l o s s e n." Und dem vereinigten Landtag vom Jahre 1847 legte die preußische Regierung eine auf Grund der Ermittelungen des Kriegsministeriums abgefaßte amtliche Denkschrift vor, in der sich ein ausführliches Urtheil über das Verhalten der Juden im Heere fand. Die Denkschrift kommt zu folgendem Resultat: „Faßt man den Inhalt dieser Ermittelungen zusammen, so darf man als erfahrungsmäßiges Resultat annehmen, daß die Juden des preußischen Heeres von den Soldaten der christlichen Bevölkerung im Allgemeinen nicht erkennbar unterschieden sind, da ß s i e i m Kriege gleich den übrigen Preußen sich bewährt, im Frieden den übrigen Truppen nicht nachgestanden haben, insbesondere die jüdischen Religionsverhältnisse nirgends als ein Hinderniß beim Kriegsdienste hervorgetreten sind." Die Juden in China. Sir Moses Montefiore, der überall im Sinne der Humanität zu wirken bestrebt gewesen, hatte sein Interesse auch den in China lebenden Juden zugewandt und in Gemeinschaft mit einem Mitgliede des Londoner Hauses Rothschild eine Expedition ausgerüstet, die sich mit der Auffindung jüdischer Gemeindeli in China, deren Gebräuche und der Feststellung etwaiger Hilfsbedürftigkeit beschäftigen sollten. Das Ergebniß der eingehenden Forschungsreise war ungefähr Folgendes: Es leben gegen 80.000 Juden in China, und zwar zumeist in der nächst dem Iangtse-Kiang liegenden Provinz Hunan, deren Gesammt-Einwohnerzahl auf ca 60 Millionen geschätzt wird. Die Juden find äußerlich von den Chinesen nicht zu unterscheiden; ihre Lebensweise ist im Großen und Ganzen die der in der genannten Provinz stark vertretenen Muhammedaner, welche sich mit dem Namen Mossessim belegen, eine Bezeichnung, die augenfälligen (?) Anklang an Moses enthält. Ferner wurde festgestellt, daß sie uralte, auf Leder geschriebene, hebräische Gebete besitzen. Da Chinakeinerlei Glaubenszwang kennt und dort Jeder nach feiner Fa^on selig werden kann, so leben die chinesischen Juden unbehelligt von oben und unten und sind keiner Verfolgung ihres Glaubens wegen ausgesetzt. Mit vielen Millionen anderer Chinesen theilen sie aber das Los der drückendsten Armuth, das, wenn ich recht berichtigt bin, noch bis auf den heutigen Tag von England aus durch Unterstützungen in etwas gemildert wird. Wer sich genauer über die Verhältnisse zu orientiren wünscht, dürfte weitere Aufschlüsse in London bei Herrn Josef Sebag -Montefiore, dem englischen Parlaments mitgliede Samuel Montagu, bei Sir Albert S a s s o o n und wahrscheinlich auch bei Lord Rothschild erhalten können. Auch der in Shanghai lebende gelehrte Missionär Dr. Fab er, ein Deutscher, und vielleicht auch der frühere deutsche Gesandte in Peking, der jetzt in Wiesbaden lebende Herr M. v. Brandt, dürften Auskunft zu ertheilen im Stande sein. Die erste Anstedlung der Juden in Amsterdam. Professor I. G. de H o o p - S ch e f e e r erzählt in einem Vortrage über die erste Ansiedlung von Juden in Amsterdam: „Einige Wochen bevor das erste Schiff mit englischen Verbannten in unserem Hafen ankom, lies hier am 27. April (1593) ein anderes Fahrzeug ein, es kam von London. Die Passagiere, die es mitbringt, sind noch um Vieles mehr zu beklagen als irgend ein Märtyrer. Zweihundert Jahre lang haben sie nothgedrungen heuchelnd ihre Kinder mit Lügen großziehen müssen, preisgegeben dem Fuchsauge des Verräthers und den Tigerklauen der Inquisition. Es sind Marannen, Christen dem Namen nach, aber Juden ihrer Abkunft und innersten Ueberzeugung nach, einstnials reich und angesehen unter den Sarazenen in Spanien, aber seitdem der Halbmond verblaßte und unterging vor dem Lichte des Kreuzes, fort und fort gepeitscht durch einen antisemitischen Sturm. Tausende und Abertausende fanden den Tod ans dem Scheiterhaufen. Die Schwächeren flüchteten nach Portugal, aber auch da war ihnen nur eine fünfjährige Erholung gegönnt und dann