Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 16 (19.4.1895)
- Date
- 1895-04-19
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 1(3 Dr. Bloch's Wochenschrift. Die Psychologie, aus Erfahrung und Beobachtung gegründet, nicht auf Speculation, ist eine durchaus moderne, eine verhältnißmäßig noch junge Wissenschaft. Die gewaltigen Fortschritte der Naturwissenschaften haben sie in den letzten Jahren weiter gebracht, als sonst in Jahrzehnten. Die physiologische Psychologie, als deren hervorragendsten Vertreter und Begründer wir Wilhelm W u n d t in Leipzig verehren, hat schon Großes geleistet und wird noch Größeres vollbringen. Der streng wissenschaftlichen Methode Wund t's, wie er sie in seiner physiologischen Psychologie — es ist dies dasselbe Werk, welches Rector Laurenz Mülluer Herrn Joses Gregorig so angelegentlich zum Studium anempfohlen hat — anwendet, folgt auch sein würdiger Schüler Theodor Heller und wie cs scheint, unter vollster Zustimmung des Meisters, der sonst wohl nicht Heller's Arbeit in den XI. Band der von ihm herausgegebenen philosophischen Studien, wo nur die allerhervorragendsten, zeitgenössischen Leistungen eingereiht werden, ausgenommen haben würde. Unter diesem Zeichen wird Theodor Heller siegen. Es kann nun gewiß nicht Aufgabe dieser Zeiten sein, den reichen, mannigfaltigen Inhalt des Buches zu erschöpfen. Selbst in unseren knappen Andeutungen müssen wir uns auf das Wesentlichste beschränken, Gelehrten, wie gebildeten Laien dies interessante, überaus lobenswerthe Buch gleichermaßen an's Herz legend. Das Tasten der Blinden nimmt begreiflicherweise die ausführlichste Behandlung und den größten Raum in Anspruch. Eine Fülle feiner und feinster Beobachtungen drängt sich da zusammen, welche ebenso scharfsinnig als gewandt spekulativ verwerthet werden. Die Schlüffe des Autors sind ausnahmslos von unumstößlicher Folgerichtigkeit. Er benützt die Arbeiten vertrauenswürdiger Vorgänger mit nicht genug zu rühmender Vorsicht, denn Fehler und Trugschlüsse können nur immer wieder Fehler und Trugschlüsse zeugen. Er wird nicht müde zu überprüfen und seine peinliche, vergleichende Controle wäre allen Cassenrevisoren mit Wärme zu empfehlen. Die Unterscheidung zwischen synthetischem und analysirendem Tasten und ihre klare Darlegung zählt zu den werthvollsten Partien der Abhandlung. Die möglichste Ausbildung des Raumsinnes durch Association von Tust- und Gehör-Vorstellung ist das Grundproblem der Blindenerziehung. Tast- und Gehörsinn sollen vereint das Auge ersetzen, so weit sie es vermögen. Die Ansbildungsfähigkeit hat sehr weite Grenzen. Fast unglaublich klingt es dem Laien, wenn Heller in dem Absätze: „Surrogat-Vorstellungen" berichtet, daß Blinde aus der Höhe, ans welcher die Stimme des Redenden zu ihnen tönt, mit ziemlicherSicherheit auf seine körperliche Größe zu schließen im Stande seien. Man bedenke die verhältnißmäßig geringen Distanzen. Der Blinde entnimmt auch sehr viel aus dem einfachen Händedruck. Er schließt auf die Größe, das Alter, die Beschäftigung, den Charakter der Person, so wie wir Sehenden ja alle Physiognomiker sind, ohne es zu wissen oder zu wollen. Irgend einen Eindruck muß ja ein fremdes Gesicht immer auf uns machen und das ist doch Physiognomik. Der Sprachgeist betont ja selbst den großen Werth des bei den Sehenden in den Uranfängen der Entwicklung stecken gebliebenen Tastsinnes, wenn er Eindruck sagt! Merkwürdige Aufschlüsse ertheilt uns ein von dem vielberedeten sogenannten „Fernsinn" der Blinden handelndes Capitel. Der Verfasser, jedweder Spiegelfechterei und Charlatanerie vom Herzen abhold, verwahrt sich schleunig gegen jede Gemeinschaft mit dem modernen Spiritismus und Somnambulismus und spricht correcter von „Annäherungsempfindungen". Mit dem Wort ist er schon bei der Sache, wie er sie meint: „Es ist klar, daß die Annäherungsempfindungen für den Blinden von höchster Bedeutung sind, daß sie sich im Dienste des Schutzes und der Selbsterhaltung entwickelt haben. Sie geben den Blinden in jenen Fällen, in welchen nicht deutliche Gehörs- oder Temperaturempsindungcn das Vorhandensein eines Hindernisses vorher Seite 297 auzeigeu, gl ei chsam ein Signal, das ihn zu rechtzeitigem Ausweichen veranlaßt und vor schweren Beschädigungen hütet." „Als schwache Druckempsindungen in der Stirngegend" werden die Wahrnehmungen des Fernsinns empfunden. Ans den dem Sehenden unnrerklichen Differenzen im Luftdruck, in der Temperatur, der Windwahrnehmung, dem geänderten Reflex des Schrittschalles setzt sich das Alles zusammen. Man muß das bei Heller Nachlesen, feinen Experimenten und Beobachtungen folgen, um das von ihm in dieser eminent schwierigen Partie Geleistete zu würdigen. Wie schon schildert er das erste, freie, führerlose, ängstliche Gehen des blinden Kindes in der Anstalt— mit ergreifender Wahrhaftigkeit und wissenschaftlicher Genauigkeit. Es ist beinahe Poesie, ungewollte, und deshalb um so gewisser — Poesie. Die Technik des Tastens erfährt eine sorgfältigste Untersuchung, welche, auf anatomischen und physiologischen Voraussetzungen fußend, den entscheidenden Schritt in das psychologische Gebiet mit Glück und Geschick thut. Das vorsichtige Ausschreiten, das „Fühlerausstccck.-n" hat Theodor Heller von seinen blinden Zöglingen gelernt. Auch er hat ein feinstes Feingefühl für psychologische Probleme, auch er tritt ihnen mit äußerster Vorsicht näher und stößt sich nicht daran. Ein fundamentaler Unterschied ist freilich da — er weicht ihnen niemals aus. Sollen wir noch schließlich seiner eminenten Belesenheit, seiner Versirtheit in der gesummten psychologischen und engeren, älteren bis neuesten, Fachliteratur unser Complimeut machen? Das dünkt uns doch gar zu kleinlich. W u n d t und M ü n st e r b e r g ausschlagen, das treffen am Ende Andere auch. Aber mit dem eigenen Kopfe denken und scharfsinnig ersonnene Versuche — wir erinnern nur an seine Vexirexperimente, die Wundt lieber Nullexperimente genannt haben möchte, — ebenso treffend umwerthen und ausnützen, das erfordert Einen, der selber wer ist. Mit dem ganzen Apparat der heutigen Wissenschaft ausgerüstet, steht er fest und sicher, ein ernster und ernst zu nehmender Forscher auf seinem Gebiete, da. Er ist durchaus modern in seinem Denken, wie in seiner Methode. Das unter der bewährten Leitung seines von edelster Humanität beseelten Vaters stehende israelitische Blindeninstitut wird eine Fülle neuer triebkräftiger Anregungen gewinnen, die feste Wurzel schlagen und sich weiter ausbreiten werden zum Segen und Heile einer unglücklichen Menschenclasse, der neue Gebiete der Wirksamkeit erschlossen werden. War das von Jonas Königswarter in's Leben gerufene Institut bis jetzt schon eine Musteranstalt, so hat es jetzt alle Aussicht, seinen alten Ruhmeskränzen manche neue hinzuzufügen. Als ein glänzendes, frisches, junges Blatt darin betrachten wir die trefflichen „Studien" des jungen Leipziger Doctors. Die blinde Taubstumme Laura Bridgman, welcher die Psychologen stets große Aufmerksamkeit zugewendet haben, erklärte sich einmal für eines der glücklichsten Geschöpfe unter der Sonne. Möge Theodor Heller unter seinen künftigen Zöglingen Viele finden, die seine eifervollen Bemühungen für sie, an denen er es ja, wie wir ihn nun kennen gelernt, gewiß nie fehlen lassen wird, mit einem ähnlichen Ausspruche belohnen. Wir rufen dem ausgezeichneten, jungen Gelehrten ein herzliches und treu gemeintes „Glück auf!" zu. —n. Vom Jahrmarkt des Lebens. Der corrigirte Bismarck. Das Organ der neuen Gemeinderaths-Majorität in Wien, die „Ostdeutsche Rundschau", unterschlügt aus der Rede Bismarcks an die Deputation aus Steiermark nachstehenden Schlußpasfus gänzlich: „Pflegen Sie die Beziehungen zur angestannnten Dynastie: ich habe es in den letzten dreißig Jahren in Deutschland kennen gelernt, von welch gewaltigem Gewichte die angestammte Dynastie ist. Ich bitte Sie, mit mir einzustimmen in den Ruf auf Kais er Franz Josef.'