Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 16 (19.4.1895)
- Date
- 1895-04-19
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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mwi will linii>1'||l'li'l~' |[|I 1li¥i TiTi>T " f V^'V H" r fV* Seite 296 jener Megilloth veröffentlicht, deren Abfasfung nach dein großen biblischen Vorbilde in Israel zum Gebrauche geworden ist, wenn einzelne Personen oder Corporationen aus einer großen Gefahr in wunderbarer Weise befreit worden waren. Der Verfasser derselben, R. Jsak Schulhof aus Prag, war mit seinem Schwiegervater, dem berühmten Wilnaer Exulanten, R. Ephraim Cohen, nach Ofen gezogen, wohin letzterer als Rabbiner berufen worden war, und lebte dort als Lehrer und Rabbiner eines jener frommen Vereine, die sich damals in Ofen allwöchentlich einmal eine ganze Nacht hindurch zu Studium und Gebet versammelten. Seine hochinteressante Schilderung des Lebens in Ofen rem jene Zeit, sowie der Kämpfe zwischen den Kaiserlichen und den Türken, welch letztere damals die Stadt besetzt hielten, zeugt von ausgezeichneter Beobachtungsgabe und einem im Kreise der damaligen jüdischen Gelehrten seltenen Sinn für äußere Vorgänge und geschichtliche Verhältnisse. Die Darstellung ist klar, präcis, streng sachlich und frei von jenen Hyperbeln, welche durch die im Neuhebräischen übliche Häufung biblischer Redewendungen sonst leicht entstehen. Trotzdem die Lebensbcdingungen in Ofen damals sehr günstige waren, — alle Nahrungsmittel waren von fabelhafter Billigkeit —, bewahrt doch Schulhof, als geborener Böhme, feine Kaisertreue, und spricht immer in den wärmsten und ehrfurchtsvollsten Ausdrücken von Kaiser Leopold I. Aber der Behaglichkeit seines Lebens in Ofen wurde durch den Aufstand Tököly's und die Folgen, die er mit sich führte, für immer ein Ende gemacht. Mit lebhaften Farben und in lichtvoller, treuer Darstellung erzählt Sch. die einzelnen Phasen des Kampfes zwischen den Kaiserlichen und den Türken und dessen Rückwirkung auf die Lage der Juden, so beispielsweise, wie die Juden am Rosch-haschana Brod backen mußten, um die Reste der vor Wiens Mauern geschlagenen türkischen Truppen, die zum Tode erschöpft nach Ofen gekommen waren, zu laben, wie dann später, als Ofen von den Kaiserlichen belagert wurde, täglich je 20 Mann, die aus der jüdischen Gemeinde durchs Los ausgewählt wurden, auf der Burg den Türken die Kugeln für die Geschütze zutragen mußten, re. rc. Als dann endlich am 2. September 1686 Ofen von den Kaiserlichen erstürmt wurde, da wandte sich, wie immer in solchen Fällen, die barbarische Wuth der Sieger vor Allem gegen die Juden. Die Wenigen, die dem Gemetzel entkamen, wurden in die Gefangenschaft geschleppt, die Synagogen wurden ein Opfer des Feuers, und die alte ehrwürdige Gemeinde bis auf die letzte Spur vertilgt Die Art, nnc Schulhof dem drohenden Tode entkam, grenzt in der That an's Wunderbare, und man begreift es ganz gut, daß er, dem biblischen Vorbilde folgend, für sich und seine Nachkommenschaft den 13. Ellul zur Erinnerung an seine Bedrängniß, als einen Fasttag, und den 14. Ellul, als den Tag seiner Errettung, als eine Art Purim festsetzte. Schulhof war im Gotteshaufe im Gebet versunken, als die Soldaten eindrangen. Obwohl er seine Herkunft aus kaiserlichen Landen hervorhob und seine Kaisertreue betonte, wurde er doch ausgeplündert und von feiner Frau und seinem Sohne, die er nie niehr Wiedersehen sollte, getrennt. Tagelang wurde er herumgeschleppt, von einer Hand in die andere geschoben, jeden Augenblick vom Tode bedroht, bis endlich die Rettung kam. Ein aus Prag stammender Korporal, dem er sich als Landsmann zu erkennen gegeben hatte, und der bis dahin wiederholt den Todesstreich von ihm abgewehrt hatte, wollte ihn gerade verlassen und den Mördern preisgeben, als eine vornehme Dame, die von einem Schifte auf der Donau aus den Vorgängen zusah, sich erbot, ihn für 30 ft. zu kaufen. Einer der Soldaten sagte ihr bei dieser Gelegenheit: „Ich muß aber gestehen und kann es nicht verhehlen, daß das ein Mann Gottes fein muß, da er ans allen Fährlichkeiten, die ihn wiederholt bedroht hatten, gerettet wurde; ja nur wenige Augenblicke, ehe Du kamst, war mein Schwert gezückt, und ohne Deine Dazwischenkunft schwämme jetzt sein Leichnam im Wasser." Die Dame behandelte Sch. Nr. 16 gütig und bald darauf wurde er durch Vermittlung eines Juden aus Stampfen von Samuel Oppenheim, der eben als Kriegsfactor nach Wien gekommen war, ausgelöst. Schulhof kehrte nach Prag zurück, und schloß dort als Rabbinrts-Assessor hochbetagt sein Leben. Dies in Kürze der Inhalt der Megilla, der eine sehr dankenswerthe Einleitung vorausgeht. Prof. Kaufmann beschränkt sich in derselben nicht blos auf den vorliegenden Stoff, sondern greift weiter aus und bringt wieder, gestützt durch feine große Belesenheit im rabbinischen Schriftthum, nach den verschiedensten Seiten hin reichliche Belehrung. Billig. Die Blinden - Psychologie Theodor Heller's. Eine Broschüre, betitelt: „Studien zur Blinden-Psychologie"*) von Theodor Heller, dem Sohne des hochverdienten Directors Simon Heller vom israelitischen Blindeninstitute auf der „Hohen Warte", liegt uns vor. Sie hat dem Verfasser den philosophischen Doctorhut der Universität Leipzig eingetragen und überragt die landesüblichen Dissertationsschriften um ein ganz Bedeutendes. Das Bändchen in seiner schlichten, rechtschaffenen Anspruchslosigkeit ist inhaltsreicher, als mancher aufgeblähte Band und hält sich gleich abseit von zwecklos stapelnder Gelehrsamkeit, wie von pedantischer Wichtigthuerei mit Unwesentlichem oder Flunkern mit längst Bekannten!. Wir dürfen uns seiner in mehr als einer Hinsicht freuen. Der Vortrag ist schlicht, klar, logisch sich entfaltend und mit Bedacht fortschreitend. Die Wissenschaft erfährt so manche werthvolle, weil auf sorgfältig überprüften, eigenen Beobachtungen beruhende Bereicherungen. Da es ein Erstlingsopus ist, das der Verfasser uns geschenkt hat, dürfen wir von ihm mit Berechtigung noch viele gute, vielleicht große Leistungen auf seinem Gebiete erwarten. Und schließlich freuen wir uns, diese junge Vollkraft so ganz zu den unseren zählen zu dürfen und sonnen uns ein wenig mit in dem freundlichen Schimmer des Glückes, mit dem des Sohnes Achtung erzwingende Arbeit das treue Vaterherz erfüllt haben mag. Daß andächtig schwärmen viel leichter sei, als gut handeln, lehrt schon Lessing's weiser Nathan seine Recha. Mit unfruchtbarem Mitleid ist unseren armen, des Lichtes beraubten Brüdern wenig geholfen. Sentimentale, verhaltene Rührung und gefühlvoll an den Wimpern zuckende Thränchen ändern nicht das Mindeste an ihrem schweren Geschicke. Erziehung, Förderung, Eingehen auf ihre Individualitäten, die sich unter anderen Bedingungen und somit anders entwickeln als bei Vollsinnigen, ihnen noth. Man gibt ihrer Denkthätigkeit eine Richtung, welche sie ihr Unglück nicht bejammern, sondern ertragen lehrt, man zieht sie zur Selbstständigkeit im Handeln und Entschließen heran, indem man sie urtheilen lehrt — zu Handwerkern und Künstlern bildet man sie — man macht sie glücklich, indem man sie ftei macht! Man kann sogar einzelne, gewisse Fähigkeiten in ihnen entwickeln, die den Sehenden in dieser Vollkommenheit und Feinheit versagt sind und vielleicht nicht blos Mangels Uebung versagt sind. Edle und große Ziele hat sich die Blindenerziehung gestellt und zum Theile auch schon glücklich und rühmlich erreicht. Ihren würdigen Bestrebungen erst das recht gefestigte, wissenschaftliche Fundament zu geben, auf dem mit Sicherheit weiter ausgebaut werden könne, diese Aufgabe stellt sich jener Theil der Psychologie, welcher sich mit den Blinden beschäftigt. Dr. Bloch's Wochenschrift. *) Leipzig, Wilhelm Cngelma»», 1895.