Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 16 (19.4.1895)
- Date
- 1895-04-19
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 16 Dr. Blvch's Wvchenfchrifl. Seite 295 Zu Kalisch in Russisch-Polen geboren, kam er um die Mitte der Siebzigerjahre als blutarmer Jüngling, welcher die ursprünglich eingeschlagene theologische Laufbahn, als für sein offenes und stracks auf den Kern der Dinge losfahrendes Wesen verfehlt, aufgegeben hatte, nach Paris, um daselbst die Medicin zu studiren und fand hier, wie so viele andere nachmals zu großer Tüchtigkeit und Berühmtheit gelangte Jünglinge aus dem Osten das aufmunterndste Entgegenkommen und materielle Unterstützung. In verhältnißmüßig kurzer Zeit erreichte Schaft er, dank der thatkräftigen Förderung des überaus mnnificenten Präsidenteu der Alliance Jsraätite, des Herrn S. H. Goldschmiedt, das angestrebte Ziel, wurde Doctor der Medicin, Hausarzt des Herrn Goldschmiedt und erlangte binnen Kurzem eine reiche Clientel, wie sie einem Anfänger selten zu Theil wird. Gleichzeitig wurde er Almosenier des Herrn Goldschmiedt und genoß die Satisfaction, in dieser seiner Eigenschaft armen, hilflosen, aus Rußland eingewanderten Studirenden, denen er Vater und Bruder ward, die größtmögliche Förderung zu gewähren. So oft man bei Schaft er eintrat, fand man seine Wohnung in allen Räumen besetzt. Der eine Theil seiner Behausung war von Kranken, welche die Kunst des Arztes in Anspruch nahmen, der andere von russischen Studenten und Studentinnen rc. occupirt, welche aus den Händen des an Geduld und Milde unerschöpflichen Almoseniers ihre monatlichen Stipendien — Beträge zu hundert Francs und darüber — empfingen So wirken private Wvhlthätigkeit und hingebungsvolle Menschenlieöe im Stillen. Sie rauschen nicht, sie schreien nicht — nur an den Früchten erkennt man sie. Unterdessen kam das Jahr 1880 und mit ihm die Verfolgungen und Austreibungen der russischen Juden. Und als der Verzweiflungsschrei in die Hallen der Alliance Jsraölite drang, da sah sich diese um das Heil der Juden aller Länder tief bekümmerte Körperschaft nach einer geeigneten Person um, die man auf den Kriegsschauplatz zur Hilfeleistung entsenden könnte, und das Auge des Präsidenten fiel — wie konnte es anders? — aufSchafier, den wackeren Juden, den russischen Emigranten, der, wie kein Anderer, für diese überaus schwierige Mission geeignet schien. Schafier überlegte nicht lange, verließ sein wohlbestelltes Haus, seine reiche Clientel, um den Dornenpfad nach Rußland anzutreten. Ueber Brody jedoch vermochte er nicht mehr hinauszukommen. Denn dieses war bereits von flüchtigen, russischen Juden, welche ungestüm in die neue Welt befördert zu werden verlangten, stark besetzt. Als vielwöchentlicher Leidensgenosse Schafier ' s und des unvergeßlichen Netter vom Pariser Centralcomitch welcher ihm zu Hilfe geeilt war, schrieb ich damals in einer Schilderung: „Fünf Wochen in Brody" unter Anderem: „In Paris hatte man für den Anfang Geld genug. Doch sollte mit der Auswanderungsbeförderung nicht eher begonnen werden, als bis die für ein solch' großartiges Unternehmen nöthigen Erfahrungen gesammelt sein würden. Es wurde somit beschlossen, vorerst einen tüchtigen, mit den russischen Verhältnissen womöglich vertranten Mann, nach Rußland selbst zn schicken, der an Ort und Stelle die Lage der Juden prüfen, die augenblickliche Noch lindern und die Auswanderung von dort durch der Alliance zu machende Vorschläge fördern sollte. Gleichzeitig wandte sich die Alliance au den Board of Delegates zu New- Pork, diesen um das Judenthum in den Vereinigten Staaten so hochverdienten Verein, um Unterstützung der dort anlaugenden Emigranten, welcher sofort die Bildung von Local-Comites anregte, um für die Unterbringung und Versorgung der Emigranten nach Kräften Vorsorgen zu können. Was nun die nach Rußland zu entsendende Persönlichkeit anbelangte, so fiel hiebei die Wahl auf einen jungen Arzt, Herrn Dr. Schafier, einen Russen von Geburt, der vor Jahren ganz mittellos nach Paris gekommen war, und nichts weiter als einen eisernen Willen dahin gebracht hatte. Bon dem bereits genannten Herrn S. H. Goldschmiedt, der sich sofort seiner annahm, durch eine Reihe von Jahren in hochherzigster Weise unterstützt, gelang es Herrn Dr. Schafier fri'iher, als man es für möglich gehalten hätte, seine medicinischen Studien zu vollenden ititb sich in Paris eine recht anständige Existenz zu gründen. Herr Dr. Schafier, der sich als Arzt einen sehr geachteten Flamen gemacht hat, besitzt alle Qualitäten eines ausgezeichneten Menschen, verbindet mit einem scharfen Verstände eine unendlich weiche Seele, mit einer nicht zu erschütternden Geduld eine seltene Energie. Dazu kommt noch, daß seine kräftige Constitution allen Strapazen zu trotzen vermag. Alles in Allem: er ist ein Mann, wie er kaum geeigneter für eine solche Mission gedacht werden kann." „Allein die Dinge kamen anders, als sie geplant wurden. Die mit furchtbarem Ungestüm hereinstürmenden russischen Flüchtlinge drängten zur raschen Thal und ließen den ursprünglich gefaßten Plan nicht zur Reife gelangen .... Die unglücklichen russischen Juden, ivelche ausgeplündert und mißhandelt wurden, oder solche, welche es zu werden fürchteten, ergriffen schleunig die Flucht: wohin flüchten, war ihnen gleichgiltig. Sie wollten nur fort ans Rußland. Was war nun natür licher, als daß sie, die keine Heimat mehr hatten, jedem Hoffnungsstrahl, und wäre es auch nur ein Irrlicht, das ihnen über die Grenze nach Brody leuchtete, freudig folgten? So kam es denn, daß, bevor noch der Pariser Delegirte seine Reise nach Rußlaud angetreten hatte, eine ganz erkleckliche Zahl von russischen Emigranten in Brody angesammelt war." „Nun wurde der Alliance Jsraelite Universelle von Brody ans die telegraphische Anzeige gemacht, daß sich daselbst circa 200 russische Flüchtlinge befänden, welche nach Amerika befördert zu werden hofften. Ailf diese Nachricht hin erhielt Dr. Schafier die Weisung, seine Reiserorite nach Rußland über Brody zu nehmen, dort etwa zwei Tage zu verweilen, um unter den 200 Flüchtlingen die für Amerika geeigneten auszusuchen und sie zu expediren. ''Als aber Dr. Schafier in Brvdv anlangte, fand er daselbst statt 200 Köpfen 580 flüchtige Familien vor! Er konnte aus Brody nicht mehr hinaus, war im buchstäblichen Sinne „verfallen wie in Brody". „Was nun Schafier seit seiner Ankunft in Brody zu leideir hatte, vermag nur Derjenige zu beurtheileu, der eine Zeit lang sein Leidensgenosse gewesen. In fieberhafter Hast arbeitete er viele Wochen hindurch vom frühen Morgen bis in die tiefe Nacht hinein. Allein je mehr er leistete, desto mehr häufte sich das Arbeitsmaterial, je mehr Flüchtlinge er expedirte, desto größer wurde der Andrang. Jeder Tag, ja fast jede Stunde brachte neue Schwärme russischer Flüchtlinge über die Grenze, so daß ihm nachgerade ernstlich bang und unheimlich in Brody zu werden aufiug, und er in der Folge an einem Herauskommen aus dieser Stadt ganz verzweifelte. In seiner Rathlosigkeit wandte er sich nach Paris, schilderte seine und der unglücklichen Flüchtlinge verzweifelte Lage und bat um schleunige Entsendung eines Mitgliedes des Central-Eomites nach Brody, da er die Verantwortung für die Folgen dieser leicht mehr eiuzudämlnenden Auswanderuugsmanie unmöglich übernehmen könne." „Die Außenwelt hatte keine Ahnung von den in Brody sich ab spielendeu täglichen Kümpfen. Ter einzige, der eine genaue Darstellung derselben geben konnte, der Pariser Delegirte, war Tag und Nacht von den hart bedrängten und drängenden Flüchtlingen derart bestürmt daß ihm buchstäblich jede Zeit und Muße dafür fehlte. . . ." Nach mehrmouatlicher,,Jnternirung" in Brody durfte Schafier endlich nach Paris zurückkehren: aber auch jetzt erst auf weitem Umwege über den Orient. Er führte nämlich eine große Schaar von Kindern russischer, nach Amerika beförderter Eltern in die Allianceschule nach Jaffa in Palästina, wo sie zu tüchtigen theoretisch, und praktisch geschulten Handwerkern und Ackerbauern herangebildet werden sollten. Nach Paris znrückgekehrt, nahm Schafier seine ärztliche Thätigkeit wieder auf und mußte sozusagen wieder von Vorne anfangen. Wieder begleitete ihn des Himmels Segen. Er lvurde ein angesehener vielgesnchter Arzt und genoß durch etwa 10 Jahre das schönste Familienglück, welches nur das Schicksal mit rauher Hand so urplötzlich zerstörte. Wenn die Leidensgeschichte der Juden unserer Zeit geschrieben werden wird, wird auch der Name Schafier's nicht übergangen werden dürfen. So fahre wohl, theurer, hingebungsvoller Freund, der Du ein wackerer Kämpfer, ein edelstrebender und bescheidener Mensch gewesen! Möge der Himmel Trost und Linderung Deiner braven, frühverwitweten Gattin, Deinen im zartesten Alter verwaisten Kindern, und Segen Deinem Andenken gewähren! F—1—r. Die Erstürmung Ofens und ihre Vorgeschichte. Nach dem Berichte Jsak S ch u l h o f's („Megillath Ofen") (1650—1752). Herausgegeben von Arof. Z>r. D. Kaufmann. Unter diesem Titel hat Herr Prof. Kaufmann in Budapest zur Feier des 80. Geburtstages des Lectors I. H. Weiß aus einer ihm gehörenden Handschrift eine