Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 16 (19.4.1895)
- Date
- 1895-04-19
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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r Seite 294 Dr. Bloch's Wochenschrift Nr. 16 Er empfahl „um ihrer höchst tadelnswerthen Unabhängigkeit" zu steuern, einige von ihnen einzusperren, „das würde die Andern abschrecken und sie bewegen, Paris zu verlassen". Aber die Zeiten begannen sich doch zu ändern und 1769 klagte Buhot schon über die Nachsicht, mit der man „das Volk Gottes", wie er sich ironisch ausdrückte, behandle. Er scheint auch der letzte Juden-Jnspector in Paris gewesen zu sein. (Lchluß folgt.) Mixed Pickles oder Amerikanisch-Antisemitisches. Ein Wort zur rechten Zeit. Wenn man vom freiheitlichen Amerika nach Wien zu Gaste koinmt, so empfindet man den hier herrschenden intoleranten Geist einer großen Partei derart unbegreiflich und dcpriinirend, daß man sich unwillkürlich fragt: „Ist es Wirklichkeit oder Traum?" Wir kommen uns vor, wie in einer verwunschenen Gegend im Zaubermärchen, die von der Sonne der Aufklärung nie beleuchtet wird, wo Alles im Finstern tappt, wo die Wege uirpassirbar sind, wo Einer an den Andern stößt, wo es kein Glück, keine Ruhe, keine Zufriedenheit gibt und aus dessen Bereich jeder Einsichtsvolle zu fliehen sucht, Nach einem vierjährigen Aufenthalt in Amerika hier angekommen, haben mich angesichts der hiesigen Verhältnisse solche traurige Gedanken erfaßt, und obwohl ich nie der Journalistik gehuldigt habe, so fühle ich mich unstinctiv bewogen, von meinen Erlebnissen und Beobachtungen Einiges mitzutheilen, welches trotz der schlichten Darstellung das Interesse Ihrer Leser erregen dürfte. Schon auf der Ueberfahrt nach Amerika auf dem Schiffe zeigt sich ein ganz anderer Geist als hierzu Lande. Der Sohn eines Erzantisemiten verkehrt am liebsten mit den vielgehaßten Juden und hält deren musterhaftes Familienleben, ihre Moral und Tugend sehr hoch. Ein Edler von, der seine Heimat verlassen mußte, preist das Land der Freiheit und Gleichheit und bereitet sich auf feinen zukünftigen Kellnerberuf vor. Ein Pfarrer, der eine fette Pftünde in der neuen Welt erhielt, läßt seinem Liberalisnms freien Lauf, schätzt die Juden als Gründer des Christenthums und findet es unbegreiflich, wie ein Priester von der Kanzel herab Menfchenhaß predigen kann. Ein Amerikaner, der über den Stand des Antisemitismus irr seinem Lande befragt wird, sagt ganz kurz: „Das ist zu dumm! zu so was hat man bei uns keine Zeit!" So, das liegt schon in der Luft auf dem Wege nach Amerika! Hat nicht der berühmte Judenfresser, Hofprediger Stöcker, während seiner Tourneen in Amerika über alles Andere eher gesprochen und gepredigt, als von Antisemitismus? Hie und da zeigt sich zwar ein Stückchen hinüberexportirter Antisemitismus — aber vor dem Polizeiknüppel und dem amerikanischen Gesetz kann er nicht einmal ein kleines Pröbchen entfalten. Da hatte beispielsweise ein Landsmann der hiesigen Antisemiten (ein Böhme) die geniale Idee, in New-L)ork, Ost, 73. Straße, in seinem Fleischerladen ein Plakat anzubringen, welches a luSchönere r besagte: „Laufet nichts bei Juden!" — Dieser Probe - Antisemit wurde prolnpt in Anklagestand versetzt und in öffentlicher Verhandlung von dem Richter belehrt, daß in Amerika alle Bürger gleich sind und er sich einer solchen Gesetzesverletzung nie mehr schuldig machen dürfe, ohne die darauf gesetzte schwere Strafe an sich erfahren zu müssen: überdies hatte der muthige Apostel nicht nur seine jüdischen, sondern auch besten christlichen Kunden verloren. Daß die Juden Amerikas auf allen Gebieten der Kunst, der Industrie, des Handels, Gewerbes, des Ackerbaues rc. und in der Politik hervorragend thätig sind und durch Fleiß, Ausdauer und Consequenz, sowie Sparsamkeft und Nüchternheit zum Wohlstand gelangen, das gereicht dem Lande nur zum Nutzen und neben den populärsten Patrioten des Landes nennt man auch Juden, welche die Hochachtung aller politischen Parteien genießen. Ich habe es durchaus nicht darauf abgesehen, mich zum Lobredner der Juden aufzuwerfen, aber ich muß dieser und noch, weiterer Thatsachen erwähnen, um so recht klar zu zeigen, daß die Juden nicht die schlechtesten Früchte sind, an denen die Antisemiten nagen, und daß alle Ränke der letzteren so wie bisher auch ferner an dem ewigen Bestände des Judenthums scheitern werden. Das liegt in der Tradition des Judenthums, das beweist seine vieltausendjährige Geschichte. Der intimste Freund des Präsidenten C l e v e l a n d ist bekanntlich ein Jude. Zwei Juden sind die populärsten Männer in New-Iork: Nathan Strauß und Coroner L e v y lies (Liwei). Ein Jude ist bekannt als Champion aller Philanthropen der ganzen Welt: das ist Baron Hirsch. Doch will ich nun fortfahren, von den amerikanischen Verhältnissen zu sprechen. Warum ist Nathan Strauß populär? Er zeichnet sich durch humanitäres Wirken im kosmopolitischen Staate aus, ohne von irgend einem Jntereffe geleitet zu sein. Denn wäre dies der Fall, so könnte Nathan Strauß heute M a y o r (Bürgermeister) der Stadt New-Iork sein, er war dazu nominirt, trat aber ft-eiwillig zurück. Nathan Strauß ist ein einfacher Geschäftsmann, allerdings von der Millionenfirma Mach & C o. Er errichtete auf eigene Kosten eine große Fabrik zur Sterilisirung von Milch, um dieselbe an arme Mütter zum Kostenpreis abzugeben. Dadurch wurde die Sterblichkeit der neugebornen Kinder bis zu einein Jahre bedeutend verringert. Er errichtete aus verschiedenen Plätzen eigene Vcrkaufsstände, wo für 1 Et. ein großes Glas sterilisirte Milch abgegeben wird, wodurch in den heißen Sommermonaten Tausenden der Äermstcn Erfrischung und Nahrung geboten wird. Ebenso hält Nathan Strauß für die Armen stets viele Verkaufsstellen offen, wo Brot und Kohle zum Kostenpreis an Unbemittelte abgegeben wird, so übt der Mann Wohlthätigkeit in: Großen. Als im vorigen Winter die Noth unter den Arbeiten sehr groß war, da gab Nathan Strauß allmonatlich 10.000 Dollars an die Armencasse der Stadt New-Uork ab, um sie vertheilen zu lassen. Nun wollen wir einmal einen Vergleich machen zwischen zwei verschiedenen Millionären. Als vor zwei Jahren der hundertfache Millionär I. G o n l d starb, da hatte er für Wohlthätigkeitszwecke fast gar nichts testirt. Das „New-Aorker Morgen-Journal", sowie alle anderen Blätter stimmten darin überein, daß man den verstorbenen G o u l d mit Recht für die Art und Weise, wie er seine Millionen erworben hat, den größten Räuber, Gauner und Betrüger der Welt nennen darf. Natürlich sind seine Kinder daran unschuldig und hat sich bereits eine Tochter desselben einen Prinzen zum Gemahl erkoren. — Da starb im vergangenen Jahre der kaum eine einzige Million reiche Banquier Jessie S e l i g m a n und testirte fast 50.000 Dollars für verschiedene Wohlthätigkeitsanstalten ohne Unterschied der Confession. Und Banquier Selig man hatte sein Geld schwer erworben; er begann vor 40 Jahren seine Carriere als Hansirer und hat sich nur allmälig zu seiner Stellung emporgeschwungen. Nun komme ich zu dem eigentlichen Held meiner Erzählung, das ist der in ganz Amerika bekannte Coroner L e v y. Coroner heißt Todtenbeschauer, und der Mann ist unter diesem Titel bekannt, weil er dieses Amt viele Jahre inne hatte. Seit der Administration des gegenwärtigen Präsidenten C l e v e l a n d ist Coroner L e v h zum Register Levy avaneirt, das heißt er ist der erste Vorstand des Grundbuchsamtes der Stadt New - 9)orf. Was ich von meiner Bekanntschaft mit diesem Manne mitzutheilen habe, betrifft zufällig die Antisemiten und es ist auch ganz zufällig, daß ich gerade vor 14 Tagen hieher kam und aus Anlaß der hier herrschenden antisemitischen Bewegung den Entschluß faßte, meine Mittheilungeu zum Besten zu geben. Ich kam Anfangs Juni 1891 in New-Aork an und wurde zufällig durch einen College» dem Coroner L e v y als Stenograph empfohlen. Es wird noch allen im Gedächtniß sein, daß vor ungefähr sechs Jahren alle Blätter die Nachricht colportirten, daß Esther S o l m o s s h , die berühmte Abgeschlachtete von Tisza-Eszlar in New-Iork leibt und lebt, dort spaziren gehe und sich so wohl befinde, wie es nur bei einer gänzlich abgeschlachteten Person möglich ist. — Nun, diese Berichte entsprechen vollkommen der Wahrheit. Coroner L e v y hatte diese Thatsache entdeckt und der Welt bekannt gegeben. Er hatte nur Eines vergessen, die Rivalität der New-Aorker Blätter unter einander. So hatte er bei Constätirung der Thatsache durch circa zehn Zeugen nur den einen Berichterstatter der „New-8)orker Staatszeitung" eingeladen und diese allein konnte nur die Aufsehen erregende Nachricht bringen, deshalb hintertriebeu dann die anderen Berichterstatter die Sache und brachten widersprechende Nachrichten. Als Coroner L e v y vor seiner Ernennung zum Registerführer des Grundbuches als Candidat für eine Neuwahl auftrat, da führte der „New-Zorker Herald" unter anderen Verdiensten dieses Mannes auch folgenden Passus an: „A u ch an den: Nieder reißen s ch ä d l i ch e r V o r n r t h e i l e arbeitete er, wo er auf dieselben st i e ß , n a ch Kräften, und er war es, d e r E st h e r S o l m o s s y ' s V e r b l e i b ermittelte und dadurch dem S ch a u e r m ä r ch e n von T i s z a E s z l a r den letzten f a d e n s ch e i n i g e n V o r w a n d raubt e." Als Beleg hiezu dient mir der Originalausschnitt des Blattes mit dem Bilde des Coroners. — Zu jener Zeit, kurz nach meiner Ankunft, war Coroner Levy damit beschäftigt, ein Schlußverhör mit den Zeugen vorzunehmen und die österreichische oder ungarische Judenschaft aufzuforderu, auf Grund der vorhandenen Wahrheitsbeweise gegen die antisemitischen Urheber dieses Proceffes gerichtlich vorzugehen. Das Protokoll umfaßte zwölf volle Bogen. — Als ich das Stenogramm übertragen hatte und an Coroner Levy ablieferte, da schrieb ich noch einen Brief an Dr. K u r a n d a in Wien, ob er interveniren wolle, daß sich die hiesige Jndenschast des ausgearbeiteten Materials zum ewigen Gedächtniß bemächtige. Dr. K u r a n d a in Wien wird wohl noch im Besitze jenes Briefes sein oder sich mindestens daran erinnern. Das Verhör der Zeugen geschah in der Wohnung des Schneiders Josef Brown (lies Braun) New-Iork, Ost, Ecke 58. Straße und 3. Avenue, wo die Esther S o l m o s s y eine kurze Zeit in Astermiethe war. Herr Braun weilt seit einigen Monaten in Budapest und kann authentische Berichte über diese Angelegenheit geben. Er besitzt auch die in New-Uork angefertigte Photographie der Esther Solmossy. Gegenwärtig soll sich dieselbe in Chicago aushalten. Mögen diese Zeilen dazu beitragen, der Verbreitung eines bekannten blöden Märchens für immer einen Daimn zu setzen! _ L—y.. Dr. Heinrich Schaffer. Am 8. d. M. starb in Paris als Opfer seines Berufes Herr Dr. Heinrich Schafier im 49. Lebensjahre eines plötzlichen Todes. Mit ihm ist aus dem Leben geschieden ein braver, guter Mensch, ein wackerer und humaner Arzt, ein vielverdienter Jude.