Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 16 (19.4.1895)
- Date
- 1895-04-19
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3020846-3021061-3021078--04480-3028668- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 16 Dr. Bloches Wochenschrift. Seite 293 Und da man schon Degen trug, gönnte man sich mitunter auch das Vergnügen, sich zu duelliren. Ja, ein gewisser Moses Astruc scheint ein wahrer Eisenfresser gewesen zu sein. Als ihn einmal der Polizeicommissär Buhot wegen verbotenen Waffentragens anhielt, antwortete er ihm hochmüthig und zog den Degen gegen ihn. Buhot zog den seinigen und' ein zweiter Polizeimann kam ihm zu Hilfe. Astruc kämpfte wacker gegen Beide, wich aber endlich der Uebermacht und flüchtete sich in ein Haus, und dann aus Paris. Er wurde steckbrieflich verfolgt, stellte sich dann freiwillig der Behörde und kam mit vier Wochen Arrest davon. Ehrenvoller und patriotischer benahm sich Jacob de Souza, der im Jahre 1742 nach Ausbruch des Krieges mit England als in einem Kaffeehause ein Engländer sich beleidigend über Franzosen und Spanien äußerte, ihm allein von allen Anwesenden mit scharfen Worten entgegentrat, und als der Engländer nicht zu schimpfen aufhörte, ihm mit seinem Stock einen Hieb auf den Kopf versetzte. Nun zogen die übrigen Engländer ihre Degen und griffen den Juden an, der sich aber mit seinem Stocke tüchtig vertheidigte und den ersten Beleidiger zu Boden schlug. Dieses patriotische und muthige Benehmen erscheint umso auerkennenswerther, wenn man die damalige Stellung der Juden und die Behandlung, die ihnen seitens der Regierung zu Theil ward, betrachtet. Wie bereits erwähnt wurde, galten die Inden in Paris, selbst wenn sie französische Unterthanen waren, stets als Fremde, die sich durch regelmäßige Pässe ausweisen mußten. So lange nur hin und wieder einige Juden aus Metz nach der Hauptstadt kamen, sah man durch die Finger, als sich aber ihre Zahl zu vermehren begann, wurden die alten Vorschriften erneuert und verschärft. Eine Verordnung vom Jahre 1719 bestimmte, daß alle paßlos angetroffenen Juden eingesperrt und dann in ihre Heimat abgeschoben werden sollten. Zwei Jahre später wurde ein besonderes Jnspectorat zur Ueberwachung der Juden bei der Polizei errichtet, ähnlich dem bis 1848 in Wien bestandenen Judenamt. Dann folgten im Laufe der Jahre eine Reihe bald strengerer bald milderer Verfügungen der Minister und Polizeidirectoren über die Juden. So wurde die Ausfolgung oder Vidirung der Pässe mit großen Schwierigkeiten verbunden, und wenn dann der Glückliche mit seinem Passe in schönster Ordnung zum Jnspector frtur, geschah es oft, daß diesem der Mann „verdächtig" vorkam. Er nahm ihm den Paß weg und ließ ihn einsperren oder ausweisen. So waren in der That die Juden, die seltenen Fälle ausgenommen, wo es ihnen gelang, sich höhere Protection zu verschaffen, ganz der Willkür der Jnspectoren preisgegeben. Der Polizeidirector hatte zuviel andere Dinge zu thun, um viel Zeit für die Judenangelegenheiten zu erübrigen*) und noch weniger Zeit hatte der Minister für sie. In der Geschichte der Pariser Inden spielen also untergeordnete Polizeibeamte eine sehr große Rolle. Bon ihrer größeren oder geringeren Strenge, von ihrer größeren oder geringeren Ehrlichkeit hing das Wohl und Wehe der Juden ab. Und so mögen denn einige dieser obscuren Leute in der unendlichen Leidensgeschichte der Juden verewigt werden: Von keinem dieser Jnspectoren kann gesagt werden, daß er sich durch Milde oder Menschlichkeit auszeichnete, aber manche von ihnen scheinen die Judenbedrückung mit besonderem Eifer betrieben zu haben. Da ist besonders ein gewisser Legrand zu nennen, der im Jahre 1747 von Berryer, dem seiner würdigen Polizeidirector (Lieutenant general de police), zum Jnden-Jnspector ernannt wurde. „Die Beiden paßten vortrefflich zusammen, um den Juden keine Ruhe und Rast zu lassen", sagt Kahn. Unter den nichtigsten Vorwänden wurden sie aufgegriffen und eingesperrt, alte in Vergessenheit gerathene Verordnungen gegen sie erneuert. Zwei jüdische Armeelieferanten, die nach Paris gekom¬ *) Doch fand $evautt Zeit, dem unter seinem Vorgänger Rcwot etwas erträglicher gewordenen Druck seine srühere Schwere und Härte wiederzugeben. men waren, um von der Regierung für fünf Jahre früher gemachte Lieferungen Bezahlung zu erhalten, wurden — trotzdem sie die besten Zeugnisse über ihre Treue und Pünktlichkeit hatten und die Polizei von einem von ihnen bestätigen mußte, daß er einen guten Ruf genieße — in's Gefängniß geworfen. Auf ihre Beschwerde beim Minister des Aeußern schrieb dieser an die Polizeidirection: „Ich sehe zwar ein, daß der Anfenthalt der Leute aus diesem Volke mitunter zu vielen Mißbräuchen Anlaß gibt, aber es scheint mir doch hart zu sein, diese Gnade denjenigen zu verweigern, die Lieferungen iür unsere Armee machten und die sich in Paris behufs Abrechnung und Abwicklung ihrer Geschäfte anfhalten müssen." Der Polizeidirector Berryer antwortete dem Ministerausweichend, und um sich gegen ähnliche ministerielle Eingriffe zn sichern, erwirkte er Anfangs 1750 eine noch strengere Verordnung des Königs gegen die Juden. Und sein sauberer Untergebener und Gesinnungsgenosse Legrand wußte alle Verfügungen und Verordnungen gegen die Inden 51t seinem Vortheile auszunützen. Sie wurden ihm förmlich tributpflichtig. Wer gut zahlt, genießt seine Protection, wer nicht zahlen kann oder will, wird unbarmherzig verfolgt. Wer keinen Paß hat, wird arretirt und muß galten; wer einen Paß har, muß. wenn er abreisen will, zahlen oder wird arretirt. Hatte der Minister nicht Recht, als er von Mißbräuchen sprach, „zu denen der Aufenthalt der Juden Anlaß gab", wenn er es auch in anderem Sinne sagte, als wir es verstehen? Und selbst dieser Legrand erklärte 1748 in einem Bericht an den Polizeidirector: „Die Ursache der häufigen Einsperrnng von Inden zufolge königlichen Befehls kann keine andere sein, als daß sie Fremde sind, meistens im Besitze ansehnlicher Be träge, und in Geschäftsverbindung mit den angesehensten Kaufleuten Europas stehen und daß sie einem Volke angehören, gegen das man das größte Mißtrauen haben müsse." Betrachtet man aber, wie dieses Volk von den französischen Beamten behandelt wurde, so findet man, daß vielmehr die Juden Ursache hatten, mißtrauisch zu sein. Bon den vielen von Kahn berichteten Rechtsverletzungen, unter denen die Juden in Paris zu leiden hatten, will ich nur den Fall des siebennndachtzigjährigen Abraham Worms mittheilen. Er war nach Paris gekommen, um seine Forderungen für Lieferungen an die Armee einzutreiben, und da die Regierung nicht zahlen konnte oder wollte, ließ sie ihn einsperren. Erst nach fünf Monaten wurde er auf Bitten der anderen Juden und gegen deren Verpflichtung, die Kosten seiner Heimreise nach Metz zu bestreiten (1752), freigelassen. Ohne sein Geld bekommen zu haben, kehrte er nach Hause zurück. Die Klagen der Juden über die Erpressungen Legrand's führten endlich dazu, daß eine Untersuchung eir.geleitet wurde, und es stellte sich heraus, daß während seiner fünfjährigen Amtirung kein Jude nach Paris gekommen war, von dem nicht er oder seine Gattin Bortheil gezogen hätten. Als er in Untersuchung gezogen wurde, äußerte er sich höchst unwillig darüber, „daß man ihn einem Haufen vaterlandsloser jüdischer Vagabonden gegenüberstelle, die keinen Glauben verdienen". — Er wurde 1752 abgesetzt, aber es scheint nicht, daß er bestraft wurde. Nicht viel besser als Legrand, aber doch etwas ehrlicher war sein Vorgänger Tapin. Sein Nachfolger Dumont führte streng und pünktlich die Verordnungen aus, überschritt sie aber nicht zum Nachtheile der Juden und beging keine Mißbräuche. Da er aber ein ganzes Jahr lang keine Veranlassung fand, eine Uebertretung zu bestrafen, bat er den Polizeidirector „des heilsamen Beispiels wegen" ein paar Inden einsperren zu lassen. Man kann sich denken, daß er den braven Berryer nicht lange darum zu bitten hatte. Aehnlich benahm sich der Jnspector Buhot (1754 ernannt), ein pedantischer Bureaukrat, der sich beständig darüber ärgerte, daß die Juden mit ihrem beständigen Kommen und Gehen ihm so viel Arbeit machten.