Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 16 (19.4.1895)
- Date
- 1895-04-19
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 292 Zur Geschichte der Juden in Paris. (Nachdruck verboten.) Die Geschichte der Juden seit der Zerstörung des jüdischen Staates durch die Römer ist eigentlich nur eine Literatur-, Religions- und Gemeindegeschichte. Während aber für die beiden ersten Zweige schon sehr viel geleistet wurde, ist für den dritten Zweig dieser Geschichte verhältnismäßig sehr wenig geschehen, obwohl doch nur innerhalb der Gemeinde die literarischen und religiösen Studien gepflegt wurden und nur auf Grund der Geschichte der einzelnen Gemeinden die der Juden eines ganzen Landes aufgebaut werden kann. Eine solche Geschichte müßte natürlich auf gründlicher Benützung der Archive, der jüdischen Gemeinden sowohl als der nichtjüdischen Stadt- und Landesarchive beruhen; ja es fragt sich noch, ob nicht die bloße Herausgabe solcher Archivalien der eigentlichen Arbeit des Geschichtsschreibers besser vorausgehen sollte. Wie sehr solche Publicationen, und mitunter gerade aus nichtjüdischen Quellen, zur Kenntniß unserer Geschichte in den vergangenen Jahrhunderten beitragen, das brauche ich hier nicht auseinanderzusetzen und unterlasse es daher auch, Beispiele hiefür anzuführen. Dieses Verfahren ist besonders zu enipfehlen, ja es zwingt sich von selbst auf bei jenen Städten, die keine eigentliche Judengemeinde besaßen, wo Juden zwar stets anwesend waren, aber nur als geduldete, oft ungern geduldete Gäste. Eine solche Stadt war Paris im vorigen Jahrhundert, während dessen größten Theiles die Juden dort nur als Fremde weilen dursten, als solche in den Ressort der Polizei gehörten, gewissermaßen beständig unter Polizeiaufsicht standen. So konnte Herr Leon Kahn, Secretär des israelitischen Consistoriums in Paris, blos auf Grund der Polizeiacten eine Geschichte der Juden in Paris von 1721 bis zur großen Revolution in zwei einander ergänzenden Werkchen*) abfassen, die eigentlich nur Auszüge der sie betreffenden Acten mit verbindendem Texte sind. Veranlaßt wurde er zu seiner Arbeit durch einen in der .Revue äu Lleuäe latin“ im Jahre 1891 erschienenen judenfeindlichen Aufsatz eines Herrn Paul d'Estrees, und deshalb enthält auch der erste Theil seiner Arbeit manches Polemische zur Vertheidigung der Juden. Verliert sie auch damit den Charakter einer Actenpublication, so gewinnt sie dafür an Interesse und Wärme. Und dann haben die beiden Werkchen des Herrn Kahn noch einen eigenen Reiz. Sie konnten keine Geschichte der Pariser Juden gemeinde sein, weil es eine solche während der von ihm behandelten Zeit nicht gab, so wurden sie zur Geschichte der Juden in Paris. Es waren ihrer nur wenig und wir lernen sie fast Alle mit Namen, Herkunft, Wohnung und Beschäftigung kennen. Herr Kahn führt uns in ihre ärmlichen Wohnungen, die sich meistens in den engsten und düstersten Gaffen der Stadt befanden. Wir blicken in ihren Haushalt hinein, besuchen sie in den Gefängnissen, in die sie gar oft als „Paßlose", als nicht zahlungsfähige Schuldner und noch öfter unter den nichtigsten Vorwänden eingesperrt wurden. Wir sehen ihrem doppelten Kampf um die Existenz zu: dem einen, den jeder Arme überall kämpfen muß und dem zweiten, um in Paris existiren zu dürfen. Und neben diesen Armen, den fleißigen Arbeitern, die mühsam ihren Lebensunterhalt erwerben, sehen wir auch schon Reiche, die mitunter gar zu gern den Luxus und die leichtsinnige verschwenderische Lebensführung der christlichen, jungen Pariser nachahmen. Die Zahl der Juden in Paris war eine sehr geringe und überdies eine stets schwankende; denn die meisten hatten ja dort keinen ständigen langjährigen Aufenthalt: Sie kamen und gingen wieder fort, nach einem Aufenthalt von einigen Jahren, *) „Les Juifs de Paris sous Louis XV (1721 -1760).“ Paris, A. Durlacher. 1892. — „Les Juifs de Paris au dix-huitieme sieele, d'apres les Arehives de la lieulenance generale de police ä la Bastille.“ Ebeirda 1894. Nr. 16 Monaten oder Wochen. Im Jahre 1755 waren ihrer 110 anwesend, 1756 101, 1757 nur 91, 1758 106, 1759 wieder nur 92. In diesen Zahlen sind schon die wenigen Frauen und Kinder enthalten, die meisten Juden kamen aber ohne Familie nach Paris. Es finden sich zwar darunter Namen jüdischer Familien, die noch jetzt in Paris Vorkommen, wie Goudcheaux, Dreyfuß, Valabregue u. s. w., aber es ist nicht ersichtlich, ob diese seit Mitte des vorigen Jahrhunderts ununterbrochen dort gewohnt haben. Der Herkunft nach theilten sich die Juden angeblich in drei Gemeinden oder Synagogen — die deutsche, portugiesische und avignonensische — an deren Spitze seit 1755 je ein Vorsteher oder Syndic stand. In der That waren es aber nur zwei von einander ziemlich scharf geschiedene Gemeinden: die sogenannten Portugiesen oder Sephardim, die größtentheils aus Südfrankreich kamen, und die Deutschen, größtentheils aus Elsaß und Lothringeu, zu denen außer den Reichsdeutschen und wenigen aus Ungarn und Polen auch einige Holländer gerechnet wurden. Die Portugiesen, ungefähr ein Viertel der Gesammtzahl, wohnten in den Bezirken von Saint-Andre und Saint-Germain, die Deutschen in denjenigen von Saint-Martin und Saint-Denis. Nur ein einziger deutscher Jude, Lehmann Levy aus Dresden, wohnte in der Nähe der Portugiesen. Wie die beiden Gemeinden räumlich getrennt waren, so war auch ihre Beschäftigung und Lebensart eine verschiedene. Unter den „Deutschen" finden wir neben Trödlern und Hausirern auch Großhändler, Fabrikanten und Bankiers, sowie ziemlich viele Handwerker, vorzüglich Graveure und Goldschmiede. Meyer aus Wien war Hofgoldschmied der Königin und gehörte auf Reisen zu ihrem Gefolge; einige Juden aus Metz rivalisirten mit den Portugiesen im Seidenhandel, ein Jude aus Turin war Miniaturmaler und zwei aus Amsterdam waren „travailleurs en crayons“. Ob sie Zeichner oder Verfertiger von Bleistiften waren, weiß ich nicht. Ein Meyer Wolf aus Polen war Taschenspieler, Samuel Hirsch hatte ein Geheimmittel zur Rattenvertilgung und zwei Juden aus Lothringen ließen sich 1757 — der siebenjährige Krieg war eben ausgebrochen — zum Regiment Piemont anwerben. Armeelieferanten, manche schon seit Anfang des Jahrhunderts, waren Juden aus Metz, Hamburg, Worms und auch einige „Portugiesen". Diese Portugiesen, obwohl gering an Zahl, spielten wegen ihrer größeren Wohlhabenheit eine bedeutendere Rolle. Sie hatten auch in ihrer Heimat in Südftankreich weniger Bedrückungen zu erleiden als ihre Glaubensbrüder in Deutschland und waren daher nicht so demüthig, ängstlich und gedrückten Geistes wie diese. Mit Leichtigkeit und Ungenirtheit bewegten sie sich zwischen den Christen, kleideten sich nach der neuesten Mode und hielten sich für ganz andere Leute als die ,,Deutschen", auf die sie mit Verachtung herabsahen. Sie betrieben hauptsächlich den Handel en gros in Seiden- und Colonialwaaren; einige von ihnen beschäftigten sich mit der Fabrication und dem Verkaufe von Chocolade. Doch gehörte zu ihnen auch Jacob Rodrigues Pereire, der Begründer des Taubstummenunterrichtes, und Israel Bernard (von) Valabregue, der Dolmetscher an der königlichen Bibliothek war und zugleich den Seidenhandel betrieb*). Leider gab es unter ihnen auch viele junge Leute, welche die petits-maitres (was man mit „Gigerl" übersetzen könnte) spielten, sich einem leichtfertigen Lebenswandel ergaben, sich stets nach der neuesten Mode kleideten und sogar Degen trugen. Es waren ihrer im Jahre 1752 beinahe zwanzig, Alle, bis auf zwei Deutsche, junge „Portugiesen". Zwei von ihnen aus Avignon traten zum Christenthum über und nahmen andere Namen an. Einer nannte sich sogar Marquis d'Alboche. *) Königlicher Dolmetscher für die orientalischen Sprachen war schon im siebzehnten Jahrhundert ^onis de Compiegne, der jüngere der zwei durch Bossnet, dem berühmten Kanzelredncr und Gelehrten, zum Christenthum bekehrten Brüder Weil. Er hat auch den ersten Katalog der orientalischen Handschriften der Pariser Nationalbibliothek verfaßt. (F. Brunetiere: „La philosophie de Bossuet.“) Dr. Bloch's Wochenschrift.