Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 15 (12.4.1895)
- Date
- 1895-04-12
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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Nr. 15 Dr. Bloch's Oestrrrrichifchr Wochenschrift. Seue 387 Mein Freund Wodakoski. Novelle von Leopold v. Sachor-Masoch. (Fortsetzung.) Nachdruck verboten. „Nein, nein," murmelte Wodakoski, indem er die schöne, junge Frau mit seinen dunkeln, glühenden Augen verschlang. „Mich hat eine brennende Sehnsucht hergesührt, die Sehnsucht nach dem Buch der Bücher, nach dem Lied der Lieder, nach dem hohen Lied der Liebe!" Gella schritt langsam zu dem nächsten Büchergestell und legte das Alte Testament hebräisch mit deutscher Uebertragung an der Seite vor ihn hin. „Sie verstehen mich nicht." „Ich darf und will Sie nicht verstehen." „Und warum nicht?" fuhr Wodakoski fort, seine Stimme zitterte von verhaltener Leidenschaft. „Ich begreife vollständig, daß Sie nicht den thörichten Streich begangen haben, mit mir nach Amerika zu entfliehen und dort meine Frau zu werden, ich begreife noch vielmehr, daß Sie als Mädchen meiner stürmischen Anbetung Ihre kluge Strenge entgegengesetzt haben, aber heute sind Sie Frau, was hätten Sie jetzt noch zu fürchten? Was hindert Sie jetzt, mir zu gehören?" „Wie leichtfertig Sie sind", gab sie zur Antwort. „Es thut mir weh, Sie in dieser Weise sprechen zu hören; muß ich Ihnen sagen, daß ich jetzt noch ernstere Pflichten habe als früher? Vordem waren es nur Pflichten gegen mich selbst, jetzt ist es die heilige Pflicht der Gattin ihrem Manne gegenüber". „Sie werden mir doch nicht sagen, Gella, daß Sie diesen Stubenhocker, diesen Bücherwurm, dem eine Zeile seines Talmuds lieber ist, als alle Blumen der Erde und alle Huris des Paradieses, daß Sie diesen Menschen lieben!" „Ich bin ihm zugethan und ich achte ihn", sprach Gella mit einer Festigkeit, welche Wodakoski jede Hoffnung abschnitt, „und wenn es auch nicht der Fall wäre, so würde ich ihn doch niemals nur mit einem Blicke oder Worte kränken! —" Wodakoski lachte spöttisch. „Jede Frau, welche Geist und Geschmack hat, wendet ihre besonderen Schönheitsmittel an", rief er, „die Eine weint, die Andere lacht, die Dritte drapirt sich mit dunklem Pelzwerk, die Vierte singt oder declauurt. Ihre pikante, mächtig reizende Toilette besteht in ihrer Tugend". „Es liegt Mir fern, mit Grundsätzen zu kokettiren, mir ist es ernst damit. Zur Zeit, wo Ihre Ahnen noch Wilde waren und Heiden, besaßen die Unsern schon jene zehn Gebote, auf denen die heutige Ordnung der menschlichen Gesellschaft aufgebaut ist, damals schon im gelobten Lande ehrten wir unsere Eltern, unsern Gatten und erst recht dann in jenen finsteren Zeiten, wo wir, in düstere Stadtviertel eingesperrt, von den übrigen Völkern der Erde abgeschloflen waren, allein mit unserem Gott und unserem Sittengesetz. Im Talmud heißt es in Bezug auf die Frau: „Sie ist nicht vom Haupte des Mannes geschaffen, auf daß sie nicht stolz sei; nicht vom Auge und Ohr, damit sie nicht neugierig sei, nicht von seinem Munde, damit sie nicht geschwätzig, nicht von seinem Herzen, damit sie nicht leidenschaftlich und eifersüchtig sei; auch nicht von der Hand, damit sie nicht Alles betaste, nicht von dem Fuße, damit sie nicht unnütz aus dem Hause gehe, sondern von demjenigen Theile, der verborgen ist, damit sie sittsam und verschämt sei". „Schön gesagt", erwiderte Wodakoski, immer lächelnd. „Aber kann mich das hindern, Sie zu lieben, Sie anzubeten?" Er schlang den Arm um die zitternde, junge Frau und wollte sie küssen. Sie aber machte sich energisch los und rief mit einem strengen Blick ihrer schönen, dunklen Augen: „Scherzen Sie nicht, Sie thun mir weh'! — Ueberhaupt, ich weiß nicht, weshalb Sie kommen, wenn Sie sich nicht betragen können, wie es einem anständigen Manne ziemt, und wie ich es als ehrbare Frau verlangen darf. Gehen Sie, ich will Sie nicht mehr sehen!" „Seien Sie mir nicht böse!" bat Wodakoski und versuchte, ihre Hand zu ergreifen, sie aber zog dieselbe zurück und sprach: „Ich kann nicht lügen, was Sie heute gethan haben, werde ich Ihnen nicht so leicht verzeihen, und wenn Sie nicht gehen, dann gehe ich!" Mit raschen Schritten entfernte sie sich, trat in das Hinterstübchen, in dem sich die murmelnde Stimme ihres Gatten vernehmen ließ und schloß die Thüre. „Komm', gehen wir", sagte Wodakoski. „Wohin?" „Ich weiß es nicht, vielleicht zu Josepha". Das Zauberwort war ausgesprochen. Ohne ein Wort zu wechseln, legten wir den weiten Weg bis zum Vischehrad zurück. Schon lag der Garten der schönen Teufelin vor uns. Ueber die alte, graue, bemooste Mauer hinweg schienen uns weiße Frauenhände zu grüßen und ein süßer, berauschender Dust, jenem des morgenländischen Giftbaumes vergleichbar, wehte uns schmeichelnd entgegen. Es waren die blühenden Sträucher in Josephas Garten. Sie selbst fanden wir in einem lauschigen, von Sonnengold durchzitterten, schattenreichen Winkel in einer Hängematte ruhend, die zwischen zwei schlanken Birken ausgespannt war. Als sie meinen Freund erblickte, regte sie sich nicht einmal, nur ihr helles, spöttisches Lachen klang uns entgegen. „Da bist Du ja wieder," rief sie, „ich wußte ja. daß Du kommen würdest, deshalb habe ich mir keine Mühe gegeben, Dich einzufangen". Und wieder dieses frohe, glückliche und zugleich diabolische Lachen. „Also vollständig geheilt?" fuhr sie lustig fort, und verliebter und närrischer als je." „Ja," erwiderte Wodakoski, „ich habe auch in der Ferne Deine Kette getragen, wie es in jenem hübschen Gedicht Goethe's heißt, und nun hast Du mich wieder, Josepha, und kannst mit mir machen, was Dir beliebt." „Das will ich auch," sagte sie mit einem raschen Blick, in dem etwas Böses zu lauern schien. „Bilde Dir nur nicht ein, daß ich jetzt, wo ich meine Macht kenne, nur noch die geringste Rücksicht auf Dich nehmen werde." „Ich rechne auch gar nicht darauf." entgegncte Wodakoski, „ich will nur Deine Liebe, nichts weiter." „Meine Liebe? Sag' lieber meine Gnade! Die soll Dir zu Theil werden unter Umständen — wenn Du Dich in Allem gehorsam zeigst und mir in keiner Weise lästig wirst. Versprichst Du das?" „Alles, was Du willst." Josepha sprang mit einer kecken, anmuthigen Bewegung zur Erde, steckte ihren blonden Zopf, der losgegangen war. wieder fest und rief dann: „Nun wollen wir aber lustig sein und unsere Versöhnung festlich begehen. Wenige Augenblicke Geduld, meine Herren, ich bin gleich wieder da." Während sie mit den leichten Sätzen eines graciösen Raubthieres davonsprang, wendete ich mich besorgt zu meinem Freunde. „Wie konntest Du Dich so ganz in ihre Hände geben?" „Gib es doch endlich auf, mir zu predigen," antwortete mir Wodakoski. „An mir ist Deine Philosophie verloren, ich muß ein Weib haben, das ich anbete, sonst hat das Leben keinen Werth für mich, und da die Engel sich von mir abgewendet haben, habe ich mich dem Teufel verfchrieben. Du mußt aber wenigstens zugeben, daß es ein schöner Teufel ist." Eben erschien Josepha am Fenster und rief uns. „Weshalb soll ich mich für Euch plagen," rief sie, als wir näher kamen, „wozu wäret Ihr denn etwa auf der Welt, als um mich zu bedienen." Als wir die Treppe erstiegen hatten, stand sie bereits vor uns und belud uns mit mehreren Flaschen guten, böhmischen Rothweins. zwei Bouteillen Champagners und den nöthigen Gläsern. Kaum hatten wir dies Alles auf dem schlichten Tische der von wildem Wein umrankten Laube aufgestellt, als auch schon Josepha zwischen den Johannesbeerhecken herankam. In einer Art weißen, rothgeränderten, griechischen Gewandes, ein Pantherfell um die Schultern, den reizenden Kopf mit einem Kranz aus Weinlaub geschmückt. Es war dies offenbar ein neues Costüm, in dem der Maler sie gemalt hatte. In der Hand hielt sie ein Tambourin mit klingenden Schellen. Sie setzte sich zu uns und das Bacchanal begann. Unter heiteren Reden und Scherzen, Gesang und Lachen wurde Flasche auf Flasche geleert, bis wir alle Drei in der tollsten Laune waren. Josepha sprang auf und begann auf dem kleinen Platze vor der Laube zu tanzen, während Wodakoski ihr mit seinen trunkenen Blicken folgte. Sie war auch in der That entzückend mit ihren weichen, anmuthigen Bewegungen, der bald herausfordernden, bald schalkhaften Haltung ihres Kopses.Und sie blieb auch dann schön, als der Rhythmus immer rascher, der Tanz immer wilder wurde, das Pantherfell um sie flog, die goldblonden