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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-04-12 · 15 (12.4.1895) · page 18

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
15 (12.4.1895)
Date
1895-04-12
Page
– (sequence 18)
Language
German
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Seite 286 Dr. Bloch's Orsterrerchischr Wochenschrift. Nr. 15 und wurden daselbst auf den Jubilar, welcher im Hause Klinger der Sechste ist, der seine 25jährige Dienstjubelfeier begeht, wie auch auf die Firma selbst viele Trinksprüche ausgebracht. Möge es Herrn Klein vergönnt sein, auch das 50jährige Jubiläum im besten Wohlsein zu erleben. Rau-nitz. Die Martha Pollak'sche Heiratsausstattung sstiftung im Betrage von 120 fl. ist an eine würdige israelitische Braut, Verwandte der Stifter, eventuell auch nur in Raudnitz geboren, zu vergeben. Bewerberinnen wollen ihre gehörig belegten Gesuche bis zum 25. April bei dem israelitischen Cultusvorsteher Dr. Adolf Eisler in Raudnitz einbringen, der auch die näheren Auskünfte zu ertheilen bereit ist. Kojeteiu, 19. März. Herr Rabbiner Dr. Salomon Fuchs hat sich mit Fräulein Rosa Ne iss er, Tochter des Fabriksbesitzers Herrn Karl Neisser in Kätscher (Oberschlesien) verlobt. Breslau. An Stelle des verewigten Dr. David R o s i n soll dem Bernehmen nach Rabbiner Dr. M a r g o l i u s aus Florenz (Schwiegersohn des hiesigen Gemeinderabbiners Herrn Dr. Rosenthal) an das jüdisch - theologische Rabbinerseminar berufen sein. Feuilleton. Passah. (Nachdruck verboten.) „Auf leisen Sohlen über Nacht" kam der Frühling in's Land gezogen und weckte die Natur aus ihrem Winterschlaf. Die Erde schlug ihre blauen Veilchenaugen auf und sah, wie ihr die verliebte Sonne all ihr Strahlengold zu Füßen legte. Slillfreudig nahm die Erde die Huldigungen ihres alten, himmlischen Verehrers entgegen und legte sorgsam ihre Kinder an die Mutterbrust, damit sie Leben saugen; und die Bäume trieben Knospen und Blätter und die Blumen fingen zu blühen an und mit dem Menschenherzen spielten Fangball neue Hoffnungen und neue Wünsche. Aus dem jungen, leuchtenden Grün von Busch und Baum ertönte in ungestümen hastigen Vogelfang die bekannte Melodie mit dem ewigen Reftain: Brot und Liebe. Baruch Feingold, der eben aus seiner niedrigen Stube heraustritt, hat kein Verständniß für den Frühlingszauber, der ihn hier, in der frischen Morgenluft, umfängt. Seine Äugen zwinkern in dem verkümmerten Antlitz, er muß die Hand vor die Stirn halten, um die Sonnenstrahlen abzuwehren, die ihn so sehr blenden, und er murmelt in den ergrauenden Bart: „Ja, wir werden schöne Osterfeiertage haben!" Was ist ihm der Dekorationswechsel in der Natur, was die große Liebesscene auf dem Welttheater unter Mitwirkung aller engagirlon „Kräfte"? Er überhört die „tausend Stimmen der Natur", ihn erfüllt ganz der religiöse Gedanke -- heute am Vorabend des Paffahfestes. Drinnen im Hause wird eifrig gescheuert und geräumt, um alle Spuren gesäuerten Brotes zu verwischen. Und das dauerte den ganzen Vormittag. Gegen Mittag erscheint der Hausvater, nimmt einen hölzernen Löffel und einen Flederwisch und schreitet feierlich durch seine Wohnräume, wo er sorgfältig alle Reste gesäuerten Brotes sammelt, diese mit Löffel und Flederwisch zusammenbindet und draußen vor seinem Hause, auf einen kleinen Scheiterhaufen unter gemurmelten Gebeten verbrennt. Bon diesem Augenblicke an ist für ihn und die Seinen Paffah. . . . Des Abends fluthet durch seine Stube Heller Lichterglanz, über den Tisch ist weißes Linnen gebreitet und darauf stehen die Schaubrote. Um den Tisch herum sitzt - Baruch Feingold, im Festgewand und nach ritueller Vorschrift „angelehnt wie ein König," ihm zur Seite seine Frau, die Königin, und seine Kinder, die Prinzen und Prinzeffinnen — Zaunkönig und seine Familie! Er liest in derHagado, in dem kleinen Buch, worin die großen Leiden der Juden in Egypten verzeichnet sind. „Ihr kennt es wohl, jenes Egypten, jenes geheimnisvolle Mizraim, jenes enge Nilthal, das wie ein Sarg aussieht.... Im hohen Schilf greint das Krokodil und das ausgesetzte Kind der Offenbarung.... Felsentempel mit colossalen Pfeilern, woran heilige Thierfratzen lehnen, häßlich bunt bemalt. ... An der Pforte nickt der hieroglyphenmäßige Jsismönch.... In üppigen Billen halten die Mumien ihre Siesta, und die goldene Larve schützt sie vor den Fliegenschwärmen der Verwesung. . . . Wie stumme Gedanken stehen dort die schlanken Obelisken und die plumpen Pyramiden. .. . Im Hintergründe grüßen die Mondberge Aethiopiens, welche die Quellen des Nils verhüllen. . . . Ueberall Tod, Stein und Geheimnitz. . . ." Die üppige Phantasie des Orientalen treibt hier seltsame Blüthen: Der Teller mit dem Salzwaffer soll das Meer und die wenigen bitteren Kräuter sollen alle Bitternisse, die die Juden verkostet haben, veranschaulichen! ' Als Baruch Feingold die Stelle verliest: „Gegenwärtigen Jahres feiern wir das Passahfest als Knechte, aber zum kommenden Jahre als Söhne der Freiheit," da fällt ein zärtlichtrauriger Blick auf seine Kinder, ein Seufzer entringt sich seiner Brust und ein feuchter Thränenschleier verdüstert sein Auge. Werden seine Kinder je ans dolle Sonnenlicht der Freiheit treten? Ziehen die Juden nicht auch heute noch durch ein rothes, salziges Meer von Blut und Thränen und können -das Ufer nicht erreichen? Und am Ufer stehen glücklichere Völker, die ihrem qualvollen Ringen mit den Wellen und dem Leben höhnend zuschauen. Jawohl, der Starke . maßt sich das Recht an — ungerecht zu sein! Und Messias? 7 Baruch Feingold denkt jetzt an die wehmülhige Talmudsage vom Messias, der an dem Tage geboren wurde, wo Jerusalem durch p ' Titus Bespasian zerstört wurde, und seitdem wohnt er im?- schönsten Palaste des Himmels, umgeben von Glanz und Freude, & auch eine Krone auf dem Haupte tragend, ganz wie ein König . . . aber seine Hände sind gefesselt mit goldenen Ketten. Und ‘ die Ketten sind nothwendig, ohne diese Fessel würde der Messias, wenn er manchmal die Geduld verliert, plötzlich herabeilen und fit zu frühe, zur Unrechten Stunde, das Erlösungswerk unternehmen. K Es ist ein schöner, sehr schlanker, aber doch kräftiger Mann;H blühend wie die Jugend. Das Leben, das er führt, ist sehr ein-D förmig. Den größten Theil des Morgens verbringt er mit den P üblichen Gebeten, oder lacht und scherzt mit seinen Dienern, I welche verkleidete Engel sind und hübsch singen und die FlöteU blasen. Dann läßt er sein langes Haupthaar kämmen und man D salbt ihn mit Norden und bekleidet ihn mit seinem fürstlichen^ Purpurgewande. Den ganzen Nachmittag studirt er die Kabbala. Gegen Abend läßt er seinen alten Kanzler kommen, der ein verkleideter Engel ist, ebenso wie die vier starken Staatsräthe, die ihn begleiten, verkleidete Engel sind. Aus einem, großen Buche muß alsdann der Kanzler seinem Herrn vorlesen, was jedeü Tag passirte ... da kommen allerlei Geschichten vor, worüber der Messias vergnügt lächelt, oder auch mißmuthig den Kopf schüttelt . . . Wenn er aber hört, wie man unten sein Volk mißhandelt, dann geräth er in den furchtbarsten Zorn und heult, daß die Himmel erzittern . . . Die vier starken Staatsräthe müffen dann den Ergrimmten zurückhalten, daß er nicht herabeile auf die Erde, und sie würden ihn wahrlich nicht bewältigen, wären seine Hände nicht gefesselt mit den goldenen Ketten . . . Man beschwichtigt ihn mit sanften Reden, daß jetzt die Zeit noch nicht gekommen sei, die rechte Rettungsstunde, und er sinkt am Ende aufs Lager und verhüllt sein Antlitz und weint... Nachdem der älteste Sohn an den Vater die vorgeschriebenen vier Fragen, um die Bedeutung des Passahfestes, Mit kindlicher Befangenheit gestellt, wird ein Glas bis zum Rande mit Wein gefüllt und die Thüre geöffnet, oamit der Prophet Elias, der jetzt zu Gaste gebeten war, eintrete und am Ehrenpocal nippe. Aeugstlich rücken die Kinder zusammen, ein fromm schauriges Gefühl durchzuckt sie und sie wagen kaum zur Thüre hinzusehen, durch welche der heilige nächtliche Gast unsichtbar eintreten soll. Die Thüre wird wieder geschlossen und die Kinder athmen freier aus. In näselnd singendem Tone klingt es jetzt von den Lippen Baruch Feingold's: „Jeglicher, den es hungert, er komme und genieße!" Noch sind diese Worte nicht verklungen, da öffnet sich die Thüre und in ihrem Rahmen steht ein Zigeunerweib ihren schier nackten Jungen an der Hand haltend. „Gnädiger Herr, ein Stückchen Brod für mein hungerndes Kind!" fleht die schwarze Mutter. Man reicht ihr einige Osterbrode und der kleine Mckri knupert gierig an den vielgewalkten, visldurchstochenen, ungesäuerten Brodscheiben. Seltsames Bild, noch seltsameres Schicksal! Der Nachkomme Pharao's, das Königskind, bettelt bei seinem einstigen Sclaven, und das Volk, aus dessen Schooß ein Gott hervorgegangen, bettelt um Menschenrechte. Craiova. Adolf Wechsler.

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