Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 15 (12.4.1895)
- Date
- 1895-04-12
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seiv- 276 Dr. Bloch's Orstrrrrichrschr Wochenschrift. Nr. 15 vom Originale, Judith entwürdigt werden. „Auf die Knie warf ich mich nieder vor dem Gräßlichen und stöhnte: „Verschone mich!" Hätte er auf den Angstschrei meiner Seele gehört, nimmer, nimmer tvürd' ich ihn-" Holofernes hatte aber nur ein Hohngeläckter für sie und darum ruft sie später aus: „Hab' ich in meiner Entwürdigung das Recht des Daseins eingeoüßt, mit diesem Schwert will ich's mir erkämpfen!" Trotzdem aber kostet es ste schwere Kämpfe, Hand an Holofernes zu legen. „Es ist mehr als eine Heldentbat; ich möchte den Helden sehen, dem seine größte That nur halb so viel gekostet hat, wie mich die meinige." (5. Act.) Auch in dem rm Revolutionsjahre 1848 erschienenen Stücke „Herodes und Mariamne". zu dem Hebbel die Vorstudien in Flavius Josephus' „Altertbümer" und „Jüdischem Kriege" gemacht hatte, wich er mehrfach von Josephus zu Gunsten der Heldin ab. So schreibt Hebbel in einem Briefe an Bamberg: „Herodes verzeiht nach dem Josephus der Mariamne den ersten Ehebruch und verurtheilt sie zum Tode wegen des zweiten; kann es Abgeschmackteres geben und liegt nicht klar zu Tage, daß der Geschichtsschreiber entweder über den Charakter seines Helden oder über die Begebenheit durchaus ««unterrichtet war?" Auf die anderen Dramen will ich hier nicht näher eingehen. Doch möchte ich noch einen besonders schönen Charakte-rzug Hebbel's hetvorbeben, der aus dem von Bamberg herausgeqebenen Briefwechsel (Berlin, 1890—92> hervorleuchtet. Emil Kuh, einer der besten Freunde Hebbel's, wollte sich wegen einer Neigung zu einer Schauspielerin taufen lasten und schickte, von einem Briefe begleitet, eine Gedichtsammlung an Hebbel ein. In einigen dieser Gedichte hatte Kuh — ein sicheres Vorzeichen eines Renegaten — die Juden angegriffen. Hebbel antwortete ihm in einem Briefe vom 18. December 1856 folgendermaßen: „Zu der Herausgabe Ihrer Gedichte gratulire ich. dagegen verlangen Sie wohl nicht von mir, daß ich Ihre Ansichten über die Juden unterschreibe, da Sie wissen, daß ich mich vor vielen Jahren mit einem christlichen Freunde auf lange entzweite, als erAehnliches ausspracki. und da Ihnen früher obendrein mein Wort: Der Jude ist geradeso schlecht wie der Mensch? recht wohl qesiek. Und -dann denke ich viel zu groß vom Menschen, obgleich ich ibn wahrlich nicht überschätze, um nicht daran lestzubalten. baß er die kleinen Hindernisse, welche die Rosse ihm allenfalls in den Weg legen mag. durch die kleinste, sittliche Anstrengung überwinden kann. Erwaaen Sie diese Gedanken in ihrer ganzen Tiefe und söbnen Sie sich mit Ihrer ganzen Nation wieder aus; es thut nicht gut. sich von dem Boden loszureißen, dem man angehört und ich s.eheSie nicht gerne a u f diesem Wege." Wenn also L. A. Frankl uns von Hebbel berichtet, er habe sich zu ihm geäußert: „Ich hasse jedes Renegatenthum. Nur Einem sei dies zu verzeihen, weil er aus Liebe zu einem schönen Mädchen, um es heiraten zu können, sich Wasser auf's Haupt gießen ließ. Wenn er aber, wie ich eben gelesen habe, in einem Gedichte das Kreuz demüthig anbetet, so ist das eine der ihm eigenen Gefühlsübersprudeluuoen," so ersehen wir. daß er es Kub zwar verzieh, daß er sich aber vor dem S ch r i t t e K u h's viele Mühe gegeben hatte, ihn davon abzubrinqen. Hebbel erkannte aber auch das Gute und Schöne neidlos an. wo auch immer es sich zeigen mochte. Einmal war er mit Frankl aus dem israelitischen Friedhofe in Wien, als Mosen thal's Frau gestorben war. Als er daselbst von Sulz er die hebräischen Gebete recitiren hörte, sagte er: „Ich höre beute zum ersten Male die Laute der Bibel in der Ursprache. Es ist wunderbar, eine Sprache aus Jahrtausenden an das Obr schlagen zu hören. Weil sie an ihrer Sprache festhalten. sind die Juden ewig. Kein Volk der Erde hat ein Dokument aufzuweisen. wie es das Alte Test a ment i st. Die Juden können noch reden, wie Mose sprach, mit denselben Worten und Wendungen. Mir ist. als verstünde ich mehr die vom Prediger in der Ursprache gesprochenen Bibelverse als die, welche er deutsch vorträgt." (Diele Worte könnten sich auch jene Reformer merken, welche nur „deutschen" Gottesdienst wünschen.) Als Frankl auf dem Heimweg zu Hebbel sagte, daß die Juden den Friedhof „Der gute Ort" nennen, erwiderte Hebbel, stehen bleibend, in mächtiger Erregung: „Der gute Ort! Der gute Ort! Ja, das ist er, es gibt keinen besseren. Wer einen Hauch von der Gottesbegeisterung der Psalmen in sich aufnehmen könnte! Was sind die Hymnen Pindar's gegen die Psalmen. Ein Volk, das aus sich einen Dichter, wie König David einer ist, und die Propheten hervorgehen sah, darf sich mit stolzem Bewußtsein rühmen, ein auserwäbltes zu sein." Noch andere schöne Züge aus dem Leben Hebbel's könnten wir hervorheben, doch dürfte das Gesagte bereits genügen, daß Friedrich Hebbel unsere Hochachtung und Bewunderung verdient. Wiener Runstberichk. Die 23. Jahres-Ausstellung ist im Wiener Künst.'erhause vor Kurzem eröffnet worden. Den Mittelpunkt der Sensation bilden die sechs Bildnisse von Leopold Horovitz. Darüber ist gar kein Zweifel. Sie sind zu überragend — um sie herum krystallisirt sich erst alles Andere. Wohl wußte man länast, welch' seltene, eigenartige, auf sich beruhende und in sich gefestigte Kraft man an diesem Meister besaß — aber dies gewaltige Können hatte ihm wohl Niemand zugetraut. Vielleicht er üch selber nicht einmal. Das Portrait Franz P u l ß k y's, welches er vor Jahren hier zeigte, war schon was Großes und Gutes. Breit angelegt in der Mache, wie in der Auffaffunq. stellte es den ganzen Menschen hin, wie man ein Buch aufschlägt. Wer lesen mochte, konnte darin lesen. Tiefe Töne, warme Schalten, kl ästige Lichter - alles mit großer Selbstverständlichkeit hingestrichen. Man hatte ordentlich das Gefühl, all' das auch su können. So kunstlos schien es. Und das ist ja der höchste Triumph, das mühesose Hervorbringen des Allerschwierigsten. Nur der Stnwpkr ächzt und seufztSeht um Himmelswillen, wie schwer das ist, was ich mache, bitte, schenkt mir dafür den Bettelpfennig Euerer Bewunderung! Der wahre Meister verwechselt nie die kleinen Mittel mit den größeren Zwecken. Für ihn hat das störrische Object-seine Tücke verloren. Er versteht es, es seinem souveränen Willen unterzuordnen. Diesmal hat H o r o v i tz sich selber übertroffen — im eigentlichsten Wortsinne. — Er ist über sich hinausgewachsen, er ist sich selber — um mit Nietzsche zu reden — auf die Schultern gestiegen. Seinen Pulszky hat er übertrumpft und übertroffen. Das will was heißen. Den verstorbenen Erzherzog Wilhelm hat er sprechend ähnlich, wie sich's versteht — und mit intimem Eingehen in alles seelische Detail gemalt nach Photographien, Gemälden und anderen unzulänglichen Behelfen. Ohne das lebende Vorbild solch' feines Bildniß hinzumalen, ist wohl nur einem Horovitz möglich. Ein ungelöster Rückstand bleibt sonst bei derlei Wagnissen immer> Es gibt keine völlige Befriedigung. „Etwas fehlt — ich weiß nicht was," klagen dann die Laien Der Künstler weiß es: die Natur . . . Bon der linken Hand sind drei Finger theilweise zu sehen. Sie halten den Militärmantel zusammen und sind dem Antlitz gleichwerthig. Charakteristisch im höchsten Grade. Die Oürer'sche Hand vom Selbstporträt in der Münchener- Pinakothek ist oft steif gescholten worden Hier kehrt sie wieder, die Härte in Schmiegsamkeit aufgelöst, der altdeutsche Fingerstarrkrampf ist Leben und Bewegung worden. Geistreich bis in die Fingerspitzen — wenn von einem, so gilt dies Wort von Leopold Horovitz, nicht von Lenbach's jüngsten, verzeichneten Unmöglichkeiten in brauner Sauce. Das Porträt der beliebten Hofopernsängerin Marie Renard ist ein Kernschuß in's — Weiße. Der Künstler hat ihr die Rolle der weißen Dame zugetheilt, die sie bisher noch gar nicht gesungen. Sie entzückt das Publicum wie gewöhnlich. Weißes. Kleid, — weißer Hintergrund, — legerste Stellung, — Strohhut lose am Arm niederhängend, — der Kopf im Profilwendung, — brünetter Teint, — blauschwarzes Haar — Kniestück! Zum Singen getroffen; ja das ist fie, unsere dämonische Carmen, poetische Mignon, flatterhafte Manon, gefühlvolle Lotte — unser urdrolliger Hänsel! Meister Horovitz ist wieder intuitiv auf die innerlichste Wesenheit der darzustellenden Person gestoßen. Seine Renard lächelt fein mit halbgeöffnetem Munde, als wollte sie sagen: „Ich bin ja gar nicht die vornehme Dame, die ich hier vorstrlle, sondern ein lustiges Mädel und äußerst gutartig. . Unser Horovitz versteht es aber auch, eine wirkliche Dame zu malen in ihrer stilvollen Vornehmheit. Das Bild der Frau Dr. L ö w, ist unserer Meinung nach, daS gelungenste und das Allerschönste, das Meisterwerk der Meisterwerke. Die malerischen Qualitäten dieses. Stückes find höchst bedeutend. Die Nobleffe des Colorits, die Eleganz des Vortrags reichen weit über den besten Angeli hinaus. Alles ist weich und wärm — kein glafiger Ton, keine Harte des Umrisses verletzt unser Auge. Da« Dyck galt bisher für den ersten Meister, der vornehme Damen am besten zu malen verstanden hat, Wir machen uns gewiß keiner Uebertreibung schuldig, wenn wir Horovitz, ihn über L e n b a ch und Angeli stellend, ihm kühn an die Seite reihen. Er ist und bleibt der Van Dyck unserer Tage. Ein nervöser Ban Dyck — zugegeben. Aber wir sind ja alle un-! ruhiger, raschlebiger als die Alten waren. Und. wenn ich eine schöne