Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-04-12 · 15 (12.4.1895) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
15 (12.4.1895)
Date
1895-04-12
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3020846-3021061-3021077--04461-3028648
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Nr. 16 Dr. Vloch's Vesterreichischr WochrnphrM. Sette »7L Wir lesen im Talmud: ein Philosoph fragte den Rabban Gamaliel: es ist ein Satz eurer Lehre: Gott ist ein eifriger Gott, welche Kraft ist denn in den Götzenbildern, daß man sich gegen sie ereifere. Ein Held kann eifersüchtig sein auf einen Helden, ein Weiser auf einen Weisen, ein Reicher auf einen Reichen, aber kann die Allmacht eifersüchtig sein auf ein Nichts? Darauf erwiderte Rabban Gamaliel: Denk' Dir, es wäre ein Sohn so sittenlos, daß er eines seiner Hausthiere mit dem Namen seines Vaters belegte; wenn nun der Vater darüber in Eifer geräth, wendet sich der Zorn gegen das Thier und nicht vielmehr gegen den Sohn? Der göttliche Eifer gegen die Götzen gilt nicht diesen unmittelbar — denn was kann die Sonne dafür, daß sie angebetet wird — sondern dem Menschen, der über das Bild den Bildner vergessen, und dieser Eifer Gottes erzieht das Volk Israel zu einem ähnlichen Eifer. Dieser Einseitigkeit, dieser Energie des Hasses gegen die Götzen verdankt unser Stamm den Erfolg, daß der Gedanke des Judenthums die Lehre von dem einen rein geistigen Gotte, schon seit langer Zeit zur natürlichen Religion, zum Gemeingut der Civilisation gehört. Aber das Judenthum, das absichtlich um eines höheren, um des höchsten Zweckes willen keine Bilder und Bildsäulen duldete, war denn doch der Pflege und der Verehrung des Schönen nicht abgeneigt; rühmt doch die Schrift von vielen Frauen, die in der Geschichte unseres Volkes sich tüchtig erwiesen haben, die Schönheit ihres Angesichtes und ihres Wuchses; selbst Männerschönheit wird in der Schrift gepriesen. Jerusalem war trotz seiner Bildlosigkeit eine herrliche Stadt; das Stiftszelt und sodann der Tempel waren Meisterwerke kunstfertiger Hände; Dichter und Sänger blühten. Es war, um das Psalmenwort zu gebrauchen, „göttliche Anmuth über Israel" ausgebreitet. Denn nicht ein finsterer Aberglaube bannte die Bilder aus unserer Mitte, sondern dieser Eifer, diese Einseitigkeit war wie so oft im Leben des Einzelnen, im Leben der Völker, die Bedingung des Erfolges; heute sehen wir in Gemälden, die ursprünalich r eli g i ö s er B er ehru n g geweiht waren, nur Produkte der Kunst, und nichts verhindert den Juden, zu ihnen aufzuschauen mit Ehrfurcht — gegen den Künstler; vordem waren Gebilde, die nur die Freude am Schönen geschaffen hatte, nicht davor behütet, Gegenstände religiöser Verehrung zu werden. B. R. Zur Erinnerung an Friedrich Hebbel. Von Dr. Adolf Brach, Rabbiner in Brüx. Anfang vorigen Monats wurde am Deutschen Theater in Prag der Hebbel -Cyklus vollendet, der Ende Jänner begonnen wurde. Doch dürfte es immerhin noch eine geraume Zeit währen, bis Hebbel, der zu den bedeutsamsten Draniatikern des Jahrhundertes zählt, die volle und verdiente Anerkennung finden wird. Wir Juden aber sind Friedrich Hebbel zu Danke verpflichtet, weil dieser geniale Dichter — um mit einem Freunde H e b b e ll s, dem späteren österreichischen Justizminister Glaser zu sprechen — „jeder Scene des großen Kmnpfes für die Rechte der Menschheit" Interesse zuwandte, sich auch der Juden annahm imd trotz Beschimpfungen von Judenhassern sich nicht abhalten ließ, Juden zu seinen vertrautesten Freunden zu erwählen". Darum seien chm diese Zeilen der Verehrung gewidmet. Hebbel mit seinem klaren Kopse und edlem Herzen haßte jeden Gewissenszwang und jede Unterdrückung menschlicher Frecheit; deshalb kann es uns nicht Wunder nehmen, daß Börne, der für Frecheit und Menschenwürde eintrat, schon in den Jahren 1835—36, als Hebbel im 24. Lebensjahre stand und an der Universität in München studirte, zu seinen Lieblingsschriftstellern gehörte. In einem Briefe vom 19. December 1836 empfiehlt er seiner Freundin Börne's Schriften und bemerkt in einem darauf folgenden Briefe vom 23. December 1836: „Bessere Lectüre als die Jean Paul'schen und Börne'schen Sachen weiß ich Dir nicht zu empfehlen". Und als Börne am IL.^Februar 1837 starb, schrieb Hebbel einige Tage später an dieselbe Freundin: „Aus den Zeitungen wirft Du wissen, daßBörne gestorben ist. SeinTodhatmichschmerzlich bewegt. Man beurtheile ihn, wie man wolle; einen hohen, reichen und, aller Herbe ungeachtet, innig erquicklichen Geist darf man chm nicht absprechen, und noch weniger Mannhaftigkeit, Muth und edle Aufopfer un g skr aft. Er hat nie wie Heine das Schwert gezogm, blos um zu zeigen, daß es blank und scharf sei; er hcck das gezogene nie eingesteckt, weil es in die Hände seines eigenen Henkers hätte fallen können. Er hat für die Freiheit — aus Frecheit selbst Verzicht geleistet; er war liebenswerther in seinen Fehlern als andere in chren Tugenden. Nun gcht chm Frankreich ein Grab; — ein Grab hätte ihmDeutschlcmd auch gerne gegeben; er ruhe!" Diese begeisternden Worte für den Verfasser des „ewigen Juden", in welchem Börne den Judenhaß einen „der pontinischen Sümpfe nennt, welche das schöne Frühlingsland unserer Freiheit verpesten", diese begeisternden Worte für einen Schriftsteller, der in seiner Abhandlung „Für die Juden" 1819 mit Unerschrockenheit für Recht und Frecheit der Juden eingetreten war, machen es uns erklärlich, daß nicht eine augenblickliche Stimmung, sondern ein innerer Herzensdrang und das Interesse für Frecheit und Menschenwürde Hebbel veranlaßte, das wunderschöne Gedicht „Der Jude an den Christen" zu schreiben, das hier einen Platz finden möge, da weder Emil Kuh, der Freund und _ ausführlichste Biograph H ebbells, noch Ed. Kulke in seinen „Erinnerungen an Fr. Hebbel" dieses Gedichtes Erwähnung thut, noch auch L. A. Frankl dasselbe i« seinen „Libanon", wo es ganz am Platze gewesen wäre, ausgenommen hat, noch auch in seiner Schrift: „Zur Biographie Fr. Hebbels" 1884 desselben gedenkt. Dieses Gedicht, das 1839 erschien, lautet: Der Jude an den Christen. Ich sank zu Deinen Füßen, bleich und blutend, Ich zeigte stumm auf die Vergangenheit; Ich rief, im Sterben selbst mich noch ermuthend: Sei Du mein Heiland, jüngste, stolze Zeit! Du standest still vor mir, mich ernst betrachtend, Dein Blick, umwölkt zwar, schien doch mitleidvoll, So daß mein Herz, bisher verzweifelnd schmachtend, Zum erstenmal von sanfter Hoffnung schwoll. Doch ach! Du zähltest schweigend nur die Wunden, Die langsam mich, bis auf den Kern, zerstört. Du fandest schaudernd alle unverbunden Und wandtest Dich, im Innersten empört. Nun prägt mich, allen Zeiten zu beweisen, Daß mich kein Mensch mehr Bruder nennen kann. Dein Griffel, Zug um Zug, in Stein und Eisen; Dann wiederholst Du streng den allen Bann. O, zerr' es nur aus dunklem Tabernakel Hervor, mein Bild, zerrissen und entstellt; O, stell' es nur mit jedem seiner Makel Im Glanz der Sonne auf vor aller Welt! Was war in Euerer Märt'rer Leib zu lesen. Wenn man zerfetzt hervor sie stieß an's Licht? Doch nur. wie hart die Folterbank gewesen — Für Sünden hielt man ihre Wunden nicht! Im selben Jahre (1839), in welchem dieses Gedicht erschien, arbeitete Hebbel au seiner „Judith", die er in kurzer Zeit vollendete. Den Stoff hatte er bekanntlich aus dem apokryphischen Buche „Judith" genommen. Ohne auf das Stück näher eingehen zu wollen, sei nur hervorgehoben, daß Hebbel in dieser Tragödie in mehrfacher Hinsicht von der biblischen, eigentlich apokryphischen Judith abwich, jedoch nur, um die Heldin in einem roch helleren und reineren Lichte erscheinen zu lassen und ihre Thal, die ein Act der Nothwendigkeit war, erklärlicher zu machen. „Das Elend meines Volkes," so sprichtJudith, „peitschte mich hieher, die dräuende Hungersnoth, der Gedanke an jene Mutter, die sich ihren Puls aufriß, um ihr verschmachtendes Kind zu tränken." Gleichwohl aber läßt Hebbel, abweichend

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.