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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1895-04-12 · 15 (12.4.1895) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
12 (1895)
Issue
15 (12.4.1895)
Date
1895-04-12
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 274 -*t. 15 Dr. Bloch's Orsterrrichtfchr Wochenschrift. couseil, betheiligt sich cm dm Debatten des Reichstages und regelt die Geschicke des Landes. Freilich sind es getaufte Juden, doch sind sie Träger von Namen, die weit über die Grmzen Rußlmrds reichen. Sie würden staunen, wenn ich ° Ihnen sagen würde, welche hervorragende Männer jüdischer Abstammung sind, und zwar nicht in entfernten Geschlechtern, sondern selbst als Juden geboren oder die christlichen Kinder jüdischer Ettern sind. „Shid idjol" (Der Jude kommt!) rief durchaus prophetisch die „Nowoje Wremja" aus, als man den Eisenbahnkönig Josephony zu Grabe trug und ein endloser Volkshaufen dem Erzmillionär das letzte Geleite gab. Der Jude kommt und triumphirt! rief das Blatt damals warnend aus. Ja, das Blatt hatte Recht, der Jude kommt und Rußland wird Ursache haben, sich darüber zu frmen, denn mit den Juden kommt auch gleichzeitig die Aera der Humanität, bricht der Tag an^der uns das Morgeuroth verkündet. Israels Einseitigkeit und vermeintliche Feindschaft gegen die Kunst. Gewöhnlich werden die Einseitigen getadelt und die Vielseitigen erfahren Ehre und Anerkennung. Im geselligen Verkehr erfreut es, mit einem vielseitigen Menschen zusammenzutreffen; wie reizend ist es, wenn im Gespräche mannigfaltig die Gegenstände der Unterhaltung sich ablösen und einer oder mehrere in der Gesellschaft sind, die über jeden dieser Gegenstände leicht, liebenswürdig und verständig reden können, wenn gleichsam auf einen leisen Ton ein volles Echo uns Antwort gibt; solche Menschen glänzen und leuchtsn wie die Diamanten; jeden Augenblick glauben wir, ein anderes Licht wahrzunehmen, empfangen wir einen anderen Eindruck; wir sind entzückt, wir sind hingerissen, wir kommen gar nicht zu uns. so mächtig zeigt sich diese vielseitige Bildung im geselligen Leben. Auch in höheren Sphären erzeugt ein umfaffendes Wiffen eine erstaunliche Wirkung; wer einen bedeutenden Theil des gegenwärtigen Wiffensstandes in sich ausgenommen bat, wer wie ein gutgeordnetes Handbuch in den meisten Fällen, wo unsere Kenntniß eine Lücke hat, uns aushelfen kann, der gewinnt mit Recht unsere Hochachtung, unsere Verehrung; es ist nichts Geringes, den begründeten Ruf zu genießen, auf vielen Gebieten gut Bescheid zu wiffen und einen großen Theil des Vorraths an gelehrtem Stoff, den die Geschlechter aufgehäuft haben, zu beherrschen. Und dennoch ist diese Vielseitigkeit nicht das Höchste, nicht das Größte weder im Praktischen Leben noch vollends in den Kreisen der Wiffenschaft oder Kunst. Als einstmals in alter Zeit ein Gelehrter sehr gerühmt wurde, erhob sich ein Anderer und sagte: wie kann er weise sein, da er ein Vielwisser ist; der Mann ging also von der Ansicht aus, daß viel Wiffen geradezu der Weisheit hinderlich ist. In der That, wenn Jemand alle Kunde, die in irgend einem Bücherschrank sich findet, in seinem Kopfe trägt, so ist ja das gewiß eine respektable Leistung; aber der Mann ist doch im Grunde nicht mehr, als diese Büchersammlung und wir können ihn entbehren, wenn wir diese haben; aber gesetzt, es wiffe einer viel weniger, habe jedoch die Fähigkeit selbstständig zu schaffen, selbstständig zu erfassen und auch nur in einem Punkte die vorhandene von den Vätern aufgesammelte Weisheit zu mehren, so ist er von viel wesentlicherem Werthe, als jener sozusagen wandernde Bücherschrank. Es macht einen peinlichen Eindruck, wenn einer, sobald irgend eine ernstere Frage angeregt wird, sogleich die Meinungen so und so vieler Gelehrter aus alter und neuer Zeit vorbringt und seine eigene Ansicht schuldig bleibt; das erinnert an jene Vögel, die nach menschlicher Art sprechen, aber nicht nach menschlicher Art denken; gerade diese Vielwifferei ist dann ein Hinderniß, daß echte Weisheit sich entwickle, welche eine Frucht nicht so sehr des Gedenkens als des Denkens ist. Nicht viel anders geht es uns häufig mit denen, die durch ihre Vielseitigkeit in der Gesellschaft blitzen und leuchten, wenn sie sich in irgend einem Berufe ernst bewähren sollen; die Helden der Salons sind meist die Stümper der Werkstatt oder des Geschäftsraumes; sie sind überall nur auf der Oberfläche zu Hause und verstehen nichts aus dem Grunde; sie wiffen Vieles, was sie nicht brauchen, aber was sie brauchen, wissen sie nicht recht; es geht ihnen meist, wie jenem Kriegsmann, der sich mit Philosophie beschäftigte: die Philosophen haben ihn für einen tüchtigen Soldaten und die Soldaten für einen ausgezeichneten Philosophen gehalten. Wenn kundige und weise Männer auf eine harmonische Bildung Gewicht legen, so darf dies nicht in dem Sinne ausgelegt werden, als sollten wir von allem Wissenswerthen möglichst gleichmäßig viel in uns aufnehmen, sondern daß wir gleichmäßig Körper und Geist, daß wir gleichmäßig Phantasie, Gedächtniß und Urteilskraft in uns ausbilden sollen. So sehen wir, Bielseitigkeit ist mehr blendend und bestechend, als wahrhaft fördernd. Am Eingang einer Villa am Wiener Kahlenberg finden wir den Spruch: „Klein, aber mein." Das ist ein gutes Wort; ein kleines Gebiet, aber auf diesem völlig zu Hause sein, dies von Innen und von Außen kennen, dies ganz besitzen und beherrschen, das ist mehr werth, als wie em Falter an allen Blumen zu nippen. Oft erfahren wir, daß Völker denselben Gesetzen unterworfen sind wie einzelne Menschen; der Einzelne, das haben wir erkannt, kommt meist nur vorwärts, wenn er seine ganze Kraft möglichst nach einer Seite concentrirt; es ist vielleicht nicht zufällig, daß künstlerisch hochbegabte Menschen wie Goethe, wie Lessing für Musik nahezu gar keine Neigung gehabt haben; sie haben ihren Geist nicht zersplittern wollen, sondern dre ganze Macht desselben nach bestimmten Richtungen hingewendet. Dies Gesetz gilt auch für die Völker. Und hiemit erklärt sich ein Mangel, den die Völker der Erde an Israel tadeln; dieser Mangel ist von seiner Kraft und Größe nicht zu trennen. Die bildende Kunst hat bei den alten Juden keine Pflege gefunden, insoweit d ieD arstellung der menschlichen Gestalt in Betracht kam. In einer Dichtung aus neuester Zeit, einer Leistung, welche aus der Feder einer uns Juden wohlmeinenden slavischen Poetin gefloffen ist, lesen wir folgendes Gespräch zwischen einem künstlerisch begabten, jüdischen Mädchen und einem altrömifchen Maler. Der Römer sprach die Zuversicht aus, auch sie werde einst Meisterwerke der Malerei zu schaffen im Stande sein. „Niemals, erwiderte sie, der Glaube meiner Väter verbietet mir menschliche Gestalten vermittelst eines Pinsels oder Meißels nachzuahmen. „Wie, fragte verwundert der Römer, habt Ihr keine Statuen in Eueren Häusern?" „Nein!" „Auch keine Bilder?" „Nein", und dies verbietet Euch die Religion? Welche Barbarei, welch' unsinniger finsterer Aberglaube". So schroff war der Gegensatz, der damals zwischen jüdischer und römischer Weltanschauung bestanden hat; heute haben die Gegensätze nicht mehr diese Schärfe. Heute schmücken Israeliten ihre Häuser mit Bildern und Bildsäulen und nur selten findet sich Einer, der in sklavischer Befolgung einer allen Vorschrift eine Statue in seinem Hause erst dann zuläßt, wenn er ihr die Nase abgeschlagen hat. Aber in der alten Zeit bestand das Gesetz: Du sollst Dir kein Bildniß machen, in seiner ganzen Strenge. Die Alten sagen: „So sehr verfolgt Gott den bösen Trieb zum Götzendienste, daß die Thora es vermeidet, auch nur den Schein eines Anhaltes zur Erlaubniß des Bösen zu geben". Dem Römer mußte dies als Barbarei, als unsinniger finsterer Aberglaube erscheinen. Es war in Wirklichkeit nur die grandiose Einseitigkeit, welche dem jüdischen Gedanken Sieg und Kraft gegeben hat. Israel sollte der Herold des Geistes werden, es sollte den Gott verkünden, der zwar in allen Erscheinungen offenbar wird, aber selbst nie in die Erscheinung tritt; hätte es auch nur dem ästhetischen Cultus des Bildlichen nachgegeben, wer zweifelt, daß damals daraus ein religiöser Cultus des Bildlichen geworden wäre^ Sollte der Bilderdienst vermieden werden, so mußte jede Gestaltung des Bildlichen mit strengem Verbot geahndet werden. Die Gotteshäuser Israels und seine Häuser mußten leer sein von diesem Schmuck der Gestalten, damit der darin Platz fände, der als der reine Geist verehrt wurde. Der Einseitige erscheint oft wie ein Barbar und besonders kommt dies dem so vor, der gerade nach einer anderen Richtung einseitig ist; wer sich leidenschaftlich der Musik widmet, wird kaum verstehen, daß Jemand Sinn für Rhythmus, für Harmonie und Klangschönheit haben kann, ohne sich für Musik besonders zu interessiren; so hielten die Römer den Juden für einen Barbaren, und da sie einen Tempel ohne Bild sich nicht denken konnten, so witterten sie in unseren Synagogen allerhand Thiergestalten, die wir im Verstecke hielten.

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